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Professor Jan Marcus am 11.07.2018

G8 hat klare Nachteile

Der G8-Mythos, nach dem Abitur/-innen schneller ins Berufsleben einsteigen, gilt als widerlegt. Das ist jedoch nicht die einzige Schattenseite der Reform.

Tafel mit KreideschriftWelche Nachteile hat das Turboabitur für die Schüler/-innen? Lizenz: cc by-sa/2.0/de

Bei der sogenannten G8-Reform wurde die Schulzeit bis zum Abitur an Gymnasien um ein Jahr auf zwölf Jahre verkürzt. Gleichzeitig wurde in den verbleibenden Schuljahren am Gymnasium die wöchentliche Unterrichtszeit erhöht, um den Wegfall des dreizehnten Schuljahres zu kompensieren. Die G8-Reform wurde vor allem aus ökonomischen Erwägungen eingeführt und nicht aus pädagogischen Gründen. Zum einen sollte G8 die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Abiturient/-innen in Deutschland erhöhen, da sie im internationalen Vergleich relativ alt sind, wenn sie die Schule abschließen: So werden in vielen anderen Ländern (wie Österreich, Großbritannien, Japan und USA) die entsprechenden Schulabschlüsse bereits mit 18 Jahren erworben, während in Deutschland das Alter beim Abitur bei etwa 19-20 Jahre liegt. Zum anderen sollte G8 einen früheren Arbeitsmarkteintritt ermöglichen und somit sowohl die Sozialversicherungssysteme entlasten als auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Realitätscheck

Das Argument der internationalen Wettbewerbsfähigkeit überzeugt nicht, da Abiturient/-innen in Deutschland eine hervorragende Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt haben – mit oder ohne G8. Hinzu kommt, dass deutsche Studienabsolvent/-innen auch ohne G8 nicht mehr übermäßig alt sind. Andere Politikmaßnahmen wie die Aussetzung der Wehrpflicht und die Einführung von Bachelorstudiengängen haben bereits zu deutlich jüngeren Studienabsolvent/-innen geführt.

In Bezug auf das Argument eines früheren Arbeitsmarkteintritts zeigen unsere empirischen Studien, dass bei einigen Schüler/-innen von dem vermeintlich "eingesparten" Jahr nicht mehr viel übrigbleibt. Zum einen hat sich durch G8 die Anzahl der Klassenwiederholungen um etwa drei Prozentpunkte erhöht. Zum anderen verlieren G8-Abiturient/-innen zwischen Abitur und Studienbeginn häufiger etwas Zeit, da viele sich erst etwas später an einer Hochschule einschreiben und teilweise auch im Studium etwas langsamer unterwegs sind.
Der G8-Mythos, nach dem Abitur/-innen schneller ins Berufsleben einsteigen, gilt als widerlegt. Das ist jedoch nicht die einzige Schattenseite der Reform.

G8: Kürzungen am falschen Ende

Der erwünschte Altersvorsprung schmilzt somit dahin und von den Vorteilen von G8 bleibt nicht mehr viel übrig – beziehungsweise zeigen sich sogar eher einige nachteilige Wirkungen. So haben sich durch G8 einige Abiturient/-innen gegen ein Studium entschieden und auch der Notendurchschnitt beim Abitur hat sich leicht verschlechtert. Aufgrund der zusätzlichen Wochenstunden haben die betroffenen Schüler/-innen weniger Freizeit und fühlen sich gestresster. Zudem sind Eltern, Lehrer/-innen und Schüler/-innen größtenteils unzufrieden mit G8. Insgesamt deuten unsere empirischen Befunde darauf hin, dass G8 ausgeprägte Nachteile hat, aber nur geringe Vorteile.

Das wirft die Frage auf, ob nicht andere Politikmaßnahmen die Sozialversicherungssysteme deutlich besser entlasten könnten, wie z.B. eine gezieltere Migrationspolitik und eine stärkere Einschränkung von unnötigen Frühverrentungen. Es ist nicht klar, warum unbedingt die Bildungspolitik Versäumnisse in anderen Politikfeldern beheben muss.


Gegenposition

Zeit und Geld, das für die Rückkehr zu G9 genutzt wird, können effektiver genutzt werden, sagt Kristin Haug.Pro G8 Lizenz: cc by/2.0/de (Not Original by John Jones )
Wir dürfen G8 nicht aufgeben
Anstatt die Reform zu reformieren, sollten die Bundesländer den überhastet eingeführten G8-Lehrplan verbessern und in das Konzept der Ganztagsschule integrieren, sagt die Autorin Kristin Haug.
Zum Textbeitrag

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