kulturelle Bildung

14.7.2017

Die Grenzen der Toleranz

Michael Quante, Professor für Philosophie und Mitherausgeber des Marx-Handbuchs, sprach im Rahmen der Tagung zu einem nur bedingt marxistischen Thema. Er fragte nach den Grenzen der Toleranz und stellte in Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse sein Konzept des Fallibilismus vor.

Michael QuanteMichael Quante (© Ast/Juergens)
Dem im Programm annoncierten "Streitgespäch" mit Andreas Urs Sommer erteilte Michael Quante direkt zu Beginn seines Vortrags eine Absage. Es sei offensichtlich, dass Werte keine Dinge seien, und wendete sich so dem Thema seines Vortrags zu. Aus seiner Biografie heraus argumentierend erläuterte er, in welchen Kontexten er selber mit Grenzen von Toleranz in Kontakt gekommen sei. Insbesondere seine Arbeit in der biomedizinischen Ethik, wo er Fundamentalisten jeder Couleur begegne, und die Arbeit am Aufbau eines Campus der Religionen hob er hervor.

Was ist Toleranz?

Weiterhin gab Quante eine Minimaldefinition von Toleranz. Toleranz sei die Duldung von etwas, das man normativ für falsch halte. Daraus erschließe sich, dass jemand, der nichts für normativ falsch hält, auch nichts tolerieren kann – eine Überlegung, die mit einem reinen Relativismus unverträglich sei.

Unter Duldung könnten divergierende Konzepte verstanden werden. Erstens könne gemeint sein, dass der Aufwand für die Bekämpfung zu hoch bzw. die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht gewährleistet sei. Zweitens könne der Duldung ein Fallibilismus oder ein Pluralismus zugrunde liegen. Ersteres meint die Position, dass es keine absolute Gewissheit gibt, während letzteres bedeutet, dass man der Meinung ist, dass es auch für andere Positionen Gründe gibt. Dies bedeutet allerdings auch, dass andere Positionen ausgehalten werden müssen und keine Indifferenz vorliegt. Dieses zweite Konzept von Duldung hat eine ethische Komponente bzw. ist ethisch relevant. Als Drittes benannte Quante die "anti-missionarische Haltung des Drüberstehers" – gemeint sei eine Position die wider besseres Wissen keine Belehrung vornehmen will. Problematisch sei, dass diese Haltung den anderen nicht ernst nehme sowie eine Unaufrichtigkeitsunterstellung, eine Art Verdachtshermeneutik, inkludiere. Viertens könne es auch manchmal besser sein etwas zu dulden, wenn die Folgelasten zu hoch sein könnten.

Wo sind die Grenzen?

Wo sind die Grenzen dieser Toleranz und gibt es überhaupt welche? Ja, es gebe Grenzen, wobei insbesondere pluralistisch oder fallibilistisch denkende Menschen die Gefahr der Intoleranz berücksichtigen müssten. Im Rahmen der eigenen Integrität des Selbst sei man jedoch nicht gezwungen alles hinzunehmen – man könnte wohl von individuellen ethischen Grenzen sprechen.

Autonomie, Pluralität und Fallibilität bildeten die Basis eines friedlichen Miteinanders in einer Demokratie. Um eine weitere demokratietheoretische Annäherung zu geben, zog Quante den Text "Repressive Toleranz" von Herbert Marcuse hinzu, der großen Einfluss auf die Studentenbewegungen der 1960er Jahre hatte. Marcuse konstatiert, dass eine verordnete Toleranz, die eine Art parteiliches Ziel geworden sei, nur noch Kritik im Rahmen der gegebenen Grenzen zulasse und fundamentale Kritik am System somit nivelliere. Der Blick auf die Wahrheit sei verstellt und das utopische Denken werde vertrieben. Quante fragte, wie radikal Kritik denn überhaupt geübt werden solle. Es zeige sich hier noch einmal, dass wir andere Positionen aushalten müssen und nicht ausschließen dürfen (wie etwa im derzeitigen medialen Diskurs, wenn bestimmten Vertretern keine Bühne gegeben wird). Die Überlegung von Marcuse, dass Toleranz auf Kosten der Wahrheit gehe, hält Quante insbesondere im Hinblick auf den Fallibilismus für falsch. Menschen müssten zu Demokraten erzogen und trotzdem in ihrem Selbst respektiert bzw. ausgehalten werden.

Die Position eines "anti-missionarischen Drüberstehers" führe dazu, dass sich die Menschen an den "Missionarischen" orientieren. Gegenüber der bpb sagte Quante, dass er die These eines Fallibilismus für weniger gefährlich halte als die These des Universalismus. Etwas müsse nicht universal begründet sein um zu gelten; eher sollte man alles annehmen, bis es nicht mit guten Gründen kritisiert wurde. Man benötige ja auch keinen Außenweltbeweis um zu glauben, dass ein Auto auf einen zukommt. Das Misstrauen solle eher in den Begründungszwang gelegt werden, mit der Konsequenz, dass es auch sein könne, dass es sich hierbei um eine Chimäre handle und dies eine falsche Position sei.

von Simon Clemens


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