kulturelle Bildung

14.7.2017

Kann man sinnvoll über Werte streiten?

Susanne Boshammer ist Professorin an der Universität Osnabrück für das Fach Philosophie. Im Rahmen ihres Vortrags arbeitete sie die Gemeinsamkeiten und Differenzen von Geschmacks- und Werturteilen heraus. Im Anschluss an ihren Vortrag machten Isabelle Guntermann und Sascha Mühlenberg das Gehörte für den Unterricht bzw. die Praxis fruchtbar.

Susanne BoshammerSusanne Boshammer (© Ast/Juergens)

An die vorherigen Diskussionen anschließend eröffnete Boshammer ihren Vortrag mit zwei Vorbemerkungen zum Gesagten. Erstens sei die Schule ein Ort, der zwar die Meinungsbildung fördern, jedoch auch Werte vermitteln solle. So sei es dem/r Lehrenden auch erlaubt, Stellung zu beziehen. Außerdem sei man in gewisser Weise aus der Übung über die Werte zu streiten. Es sei zu beobachten, dass man eher auf Distanz gehe und sich zu denjenigen, die die eigene Auffassung teilen, geselle. Die Auffassung, dass man nicht vernünftig über Werte streiten kann, hänge von einem falschen Verständnis von Werten und Streiten ab.

Werte eine Frage des Geschmacks?

Im Interview sagte Boshammer, dass in ihrer Wahrnehmung der öffentlichen Debatte Werteurteile als eine Art Geschmacksurteil abgetan werden, Werte also in Abhängigkeit zu Kultur, Zeit usw. betrachtet würden. 'De gustibus non est disputandum' – über Geschmack lässt sich nicht Streiten – und dies gelte eben auch für Werte.

Worin liegt die Ähnlichkeit von Wert und Geschmack? Beide scheinen das Gegenteil eines Tatsachenurteils zu sein. Der Öffentlichkeit gelten 'alternative Fakten' als Ärgernis, während 'alternative Werte' geläufig sind. Außerdem könne man ein Ranking von Werten erstellen, ganz im Gegenteil zu Fakten – entweder es gibt etwas oder nicht. Die Differenz von Werten und Fakten rücke Werte näher an den Geschmack. Boshammer argumentierte dafür, dass die Differenzen jedoch überwiegen. Ein wirklicher Streit über Geschmäcker ("außerhalb der Pubertät") scheint unwahrscheinlich zu sein. Ein Streit um Werte sei hingegen sehr gut denkbar. Es lasse sich in Bezug auf Geschmack kein "Missionierungseifer" identifizieren. Bei Werten sei dies jedoch anders gelagert, schließlich hänge, wie mich jemand behandelt, in gewisser Weise von den Werten ab die er/sie vertritt. Werte seien außerdem identitätskonstitutiv. Es gebe Wertegemeinschaften, jedoch keine Geschmacksgemeinschaften – Werte schafften Nähe. Außerdem gebe es für Werte Gründe bzw. Argumente, während es für Geschmack eher Erklärungen gebe (es kann für die Präferenz von Vanilleeis kein Argument gegeben werden). Besagte Gründe öffnen den Raum für Streit.

Kann man sinnvoll streiten?

Zu glauben, es gäbe keinen sinnvollen Streit über Werte, hänge mit der Vorstellung zusammen, dass der Streit kläre, wer 'Recht hat'. Da es jedoch keine Einigkeit im Streit um die Werte gibt, könne man nicht erkennen, was richtig oder falsch sei. Boshammer führte jedoch an, dass der Streit auch noch weitere Eigenschaften habe. Der Streit als Austausch von Argumenten diene auch der Überprüfung von (eigenen) Überzeugungen. Außerdem zeige er, dass Interesse am 'Anderen' bestehe und es nicht egal sei, was dieser denke.

Im Wertekonflikt sei nicht der Konflikt das Problem, sondern die aus ihm entstehende Spannung, die das Gemeinwesen beschädige. Das hier skizzierte Verständnis von Streit sorge dafür "uns wieder 'näher' zu bringen" und sei somit Teil der Lösung. Schließlich stelle das sinnvolle Streiten die eigenen Dispositionen zur Diskussion und nehme den Anderen ernst. Abschließend forderte Boshammer, dass zwei Dinge implementiert werden sollten: erstens sollten Wertefragen nicht als Geschmacksurteile abgetan, sondern mit Gründen um sie gestritten werden. So sei die Toleranz eben kein Produkt der kulturellen Umstände sondern ein hoher Wert. Zweitens bräuchten wir eine Streitkultur, die Gründe berücksichtigt und Respekt für den Anderen hat.

Sascha Mühlenberg, Isabelle Guntermann und Jürgen WiebickeSascha Mühlenberg, Isabelle Guntermann und Jürgen Wiebicke (© Ast/Juergens)

Spiegelung

Im Anschluss transferierten Guntermann und Mühlenberg in Zusammenarbeit mit dem Plenum die Theorie wieder auf die Praxis. Die Analyse, dass man die Nähe zum Ähnlichen suche, sei richtig, wobei im Lehreralltag oftmals Konfrontationen verschiedener Werte aufträten. Beispielsweise habe ein afghanisches Mädchen in einer Unterrichtseinheit berichtet, dass sie sich mit einer Burka freier gefühlt habe als unter dem "Zwang der Präsentation", wie er in den westlichen Gesellschaften praktiziert werde. Es sei wichtig, das Angebot der Schülerin zu diskutieren an- und ernstzunehmen. Es müsse ein Verstehen geben, welchem auf Basis des Austauschs von Argumente ein Streit folgen könnte.

Für einen produktiven Streit, dürfe es keine Diskreditierung einzelner Diskursteilnehmer/innen in Form von Moralisierung geben. Problematisch sei auch der Druck, der durch den Faktor "soziale Erwünschtheit" auf die Antworten vieler Schüler/innen geübt werde. Boshammer meinte, dass es im Streit keine Outings bezüglich der Haltung der Schüler/innen geben solle. Oft liege der Debatte die Vorstellung zu Grunde, man wisse, was 'unsere Werte' seien. Es ist jedoch fraglich, ob jemand diese ad hoc benennen könnte. Der Streit könne auch dazu dienen, die eigene Position zu prüfen und zu schauen, ob diese konsistent ist – es gehe nicht darum nachzuweisen, dass jemand Unrecht habe.

von Simon Clemens


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