Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Horst Pötzsch

Das Ende des Zweiten Weltkriegs

Begegnung bei Torgau

Amerikanische und sowjetische Soldaten trafen am 25. April 1945, zwei Wochen vor Kriegsende, in der Nähe von Torgau an der Elbe zusammen. Die Amerikaner hatten am 7. März bei Remagen den Rhein überschritten; der anfangs noch heftige deutsche Widerstand brach weitgehend zusammen. Ganze Truppenteile kapitulierten. Ende April waren Amerikaner und Briten bis zur Linie Hamburg-Magdeburg-Nürnberg vorgedrungen, weit in die spätere sowjetische Besatzungszone hinein. Die Sowjets hatten Anfang Februar die Oder überschritten. Ihnen setzte die Wehrmacht äußerst hartnäckigen Widerstand entgegen. Sie kamen daher nur langsam voran und erreichten in den letzten Apriltagen die Elbe.

Der Betrachter erkennt sofort, dass das Bild von dem amerikanisch-sowjetischen Zusammentreffen nicht spontan entstanden sein kann, kein Schnappschuss ist. Es trifft nicht zu, dass dies die erste Begegnung von Amerikanern und Sowjets ist. Tatsächlich stieß eine amerikanische Patrouille unter Führung des Leutnants Albert L Kotzebue schon einen Tag vor dem Termin des Fotos bei dem Dorf Leckwitz unweit des Städtchens Strehla, 30 Kilometer südlich von Torgau, auf sowjetische Soldaten. Das berühmte Foto von der "ersten Begegnung" ist erst einen Tag später, am 26. April 1945, entstanden. Der Fotograf hat die Personen sorgfältig arrangiert, ja inszeniert. Sie stehen auf den Überresten der gesprengten Elbbrücke. Die Amerikaner wirken lässiger, dem mittleren baumelt eine Zigarette zwischen den Lippen. Die Sowjets wirken statischer. Das Bild ging um die Welt, es erschien am 27. April auf der Titelseite der New York Times, und es wurde als Symbol für den Sieg über den gemeinsamen Feind wahrgenommen. Die Amerikaner hatten mehr als 1.000 Kilometer von den Brückenköpfen ihrer Landung in der Normandie zurückgelegt, die Sowjets mehr als 2.000 Kilometer von Stalingrad. Nun war das, was vom Machtbereich des Feindes übrig geblieben war, in zwei Teile zerschnitten. Der Sieg war zum Greifen nahe.

Die Rote Fahne

Soldaten hissen die sowjetische Flagge auf dem Reichstag in BerlinSoldaten hissen die sowjetische Flagge auf dem Reichstag in Berlin (© Wikipedia Commons )
Dies ist eines der meistgedruckten Fotos des 20. Jahrhunderts: Sowjetische Soldaten hissen am 2. Mai 1945 die Rote Fahne mit Hammer und Sichel auf dem Reichstag, Symbol des Sieges von Stalins Sowjetunion über Hitlerdeutschland. Dabei war das Parlamentsgebäude seit dem Brand von 1933 nur noch eine ausgebrannte Ruine. Das Machtzentrum des Dritten Reiches war die Reichskanzlei, in deren Bunker Hitler inzwischen Selbstmord begangen hatte. Vielleicht waren es gerade die Erinnerungen an den Reichstagsbrand und den spektakulären Prozess, der ihm folgte, die dem Gebäude in den Augen der Sowjetführung eine herausragende Bedeutung verliehen.

Der Fotograf ist der Kriegsberichterstatter Jewgeni Chaldej. Er hatte eine Fahne und kletterte mit drei zufällig anwesenden Soldaten auf das Dach des Reichstags, der schon am 30. April erstürmt worden war. Dort arrangierte er die Gruppe und verknipste einen ganzen Film mit 36 Aufnahmen. Es gibt mehrere veröffentlichte Versionen des Vorgangs. Auf der einen ist zu erkennen, dass der mittlere der drei Soldaten (hier im Vordergrund) an beiden Handgelenken eine Uhr trägt, die beliebteste Beute der Rotarmisten. Chaldej kratzte aus dem "offiziellen" Foto eine Uhr heraus.

Nachdem das Foto veröffentlicht worden war, wurde Chaldej zu Stalin beordert. Der hatte eine Liste mehrerer Gruppen von Soldaten vor sich, die sich zur fraglichen Zeit auf dem Dach des Reichstags befunden hatten. Er entschied, dass statt der tatsächlich Beteiligten drei andere Soldaten als Helden der Flaggenhissung in die Geschichte eingehen sollten: ein Georgier, nach Stalins Lesart der, der die Fahne in der Hand hält, und zwei Russen. Stalin war Georgier.

Totale Niederlage

Vor dem brennenden Reichstag sitzt ein deutscher Soldat. Er wirkt müde, resigniert. Sein Gesicht ist gezeichnet von enormen Strapazen. Wahrscheinlich hat er schon mehrere Jahre an der Front hinter sich, zuletzt das Inferno der Schlacht um Berlin.

Der Betrachter kann nur spekulieren, wie das Foto zustande gekommen ist. Im April/Mai 1945 konnte man sich nicht einfach vor den Reichstag setzen und einen Schnappschuss von sich machen lassen. Der Kampf um den Reichstag muss vorüber gewesen sein, sonst wäre der Mann binnen Sekunden zur Zielscheibe geworden. So bleibt der Schluss, dass höchstwahrscheinlich ein sowjetischer Kriegsberichter einen Gefangenen aufgefordert hat, für ein Foto zu posieren.

Der Soldat hat allen Grund, düster in die Zukunft zu schauen. Der totale Krieg hatte mit einer totalen Niederlage geendet. Das Reich war vom Feind besetzt, seine Städte lagen in Trümmern. Die Deutschen waren der Gnade oder Ungnade der Sieger ausgeliefert. Alle deutschen Soldaten gerieten in Gefangenschaft, insgesamt elf Millionen. Die ersten wurden schon bald entlassen, die letzten zehn Jahre später, eine Million nie. Sie überlebten die Gefangenschaft nicht.

Auf die Heimkehrer wartete ein ungewisses Schicksal. Millionen fanden ihre Behausung in Trümmern. Viele mussten ihre Angehörigen suchen, die in alle Winde verstreut oder in den Wirren der letzten Kriegstage womöglich umgekommen waren. Millionen konnten nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren, weil Deutsche dort nicht mehr geduldet wurden.

Die ehemaligen deutschen Soldaten waren nicht die Einzigen, deren Zukunft vielfach ungewiss war. Sie teilten dieses Schicksal mit den deutschen Heimatvertriebenen, aber auch mit 700.000 befreiten KZ-Häftlingen und 8 bis 10 Millionen so genannten Displaced Persons (verschleppte Personen), das waren vor allem ausländische Zwangsarbeiter. 20 bis 25 Millionen Menschen waren im Mai 1945 in Deutschland außerhalb ihrer Heimatorte unterwegs.

Die Kapitulation

Generaloberst Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, unterzeichnet in Reims die Kapitulationsurkunde (Bild: Franklin D. Roosevelt Library)Generaloberst Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes, unterzeichnet in Reims die Kapitulationsurkunde (Bild: Franklin D. Roosevelt Library)
Der 8. Mai 1945 gilt gemeinhin als Tag des Kriegsendes in Europa. Das ist nicht ganz korrekt. Tatsächlich erfolgte die Kapitulation der Wehrmacht (nicht des Deutschen Reiches; ein Staat kann nicht kapitulieren) am 7. Mai. Generaloberst Jodl beurkundete in den frühen Morgenstunden dieses Tages in Reims die "bedingungslose Kapitulation aller Streitkräfte zu Lande, zu Wasser und in der Luft ... gegenüber dem Oberbefehlshaber der alliierten Expeditionsstreitkräfte und gleichzeitig gegenüber dem Oberkommando der Sowjettruppen". Alle Kampfhandlungen sollten am 8. Mai 24.00 Uhr eingestellt werden.

Stalin, der die Bedeutung von Symbolen hoch einschätzte, hatte das Gefühl, dass seine Alliierten ihm und seiner siegreichen Roten Armee die Schau gestohlen hatten. Er bestand darauf, dass die Kapitulation im Sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst noch einmal stattfinde. Der alliierte Oberbefehlshaber Eisenhower war bereit, an dieser Wiederholung teilzunehmen, wurde jedoch von Churchill und seinem eigenen Stab, der befand, das sowjetische Verlangen sei "ein Akt der Propaganda", davon abgehalten.

Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht (Bild: Bundesarchiv, Bild183-R77797)Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht (Bild: Bundesarchiv, Bild183-R77797)
So unterschrieb Generalfeldmarschall Keitel am 9. Mai um 0.16 Uhr noch einmal eine Kapitulationsurkunde. Die Sowjets datierten das Dokument auf den 8. Mai 23.45 Uhr zurück, weil ihre Kapitulation sonst nach der vereinbarten Einstellung der Kampfhandlungen am 9. Mai 0.00 Uhr unterzeichnet worden wäre. Dieser Kapitulation kam keinerlei rechtliche Wirkung zu. Rechtskraft hatte allein die Kapitulation in Reims.

Es fällt auf, dass zumindest in den deutschen Darstellungen und Bildbänden dennoch bevorzugt das Bild von Keitels Unterzeichnung gezeigt wird und nicht das von Reims. Eisenhower hatte in Reims ein gewaltiges Medienspektakel inszeniert. Ein Heer von Journalisten, Fotografen und Kameramännern sei anwesend gewesen, wird berichtet, die Atmosphäre habe der eines Filmateliers geglichen. Nichts davon wird im allgemeinen durch die Bilder von der Unterzeichnung vermittelt. Jodl trägt eine Uniform ohne Orden – außer einem hier nicht sichtbaren Eisernen Kreuz. Er wirkt unspektakulär.

Ganz anders Keitel in Karlshorst. Er trug eine Paradeuniform mit allen Orden, hatte seinen Marschallstab in der Hand und ein Monokel im Auge und entsprach, auch in seiner Haltung auf den Fotos, vollauf dem Klischee des preußischen Militärs. Das mag der Grund für die Bevorzugung des Fotos aus Karlshorst sein.


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