Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.

28.12.2005 | Von:
Horst Pötzsch

Das Ende des Zweiten Weltkriegs

Die Kriegsgefangenen

Ein amerikanischer Soldat bewacht deutsche Kriegsgefangene im Rheinwiesenlager bei RemagenEin amerikanischer Soldat bewacht deutsche Kriegsgefangene im Rheinwiesenlager bei Remagen (© Heimatmuseum Sinzig)
Das Foto zeigt im Vordergrund einen am Boden hockenden Soldaten, am Helm als amerikanischer Soldat identifizierbar. Unterhalb von ihm ist ein dicht gedrängtes Gewimmel von Menschen zu erkennen. Es sind deutsche Kriegsgefangene. Der Soldat bewacht sie. Sonderlich wachsam sieht er allerdings nicht aus, sein Gesichtsausdruck ist eher gelangweilt. Die Gefangenen stellen wohl keine Gefahr dar. Das ist, so soll das Bild den Amerikanern in der Heimat sagen, von der stolzen Wehrmacht übrig geblieben, die fast ganz Europa erobert hatte: ein Haufen armseliger Gestalten. Wir, verkörpert durch den GI mit der Maschinenpistole, haben sie bezwungen.

Zu sehen ist ein winziger Ausschnitt des berüchtigten "Rheinwiesenlagers" bei Remagen/Sinzig. Hier waren allein 250.000 Gefangene interniert. Den Alliierten hatten sich in der Schlussphase des Krieges Millionen deutscher Soldaten ergeben. Für sie errichteten die Amerikaner auf der westlichen Rheinseite Lager; vom Niederrhein bis Bad Kreuznach gab es 17 davon. Die Gefangenen wurden einfach auf Wiesen und Äckern ausgesetzt, die mit Stacheldraht umzäunt waren. Es gab keinerlei Unterkünfte, zum Schutz gegen Wind und Wetter gruben sich die Männer in Erdhöhlen ein. Die Verpflegung war überaus dürftig. Die hygienischen Verhältnisse spotteten jeder Beschreibung. Tausende starben.

Die Amerikaner waren mit der riesigen Zahl von Gefangenen völlig überfordert. Zum Zeitpunkt der Kapitulation befanden sich 3,8 Millionen deutsche Soldaten in amerikanischer Gefangenschaft. Die Nachrichten von den Gräueln in den Konzentrationslagern trugen nicht dazu bei, die Amerikaner gegenüber den Deutschen milde zu stimmen.

Zur Ehre der Engländer sei gesagt, dass sie ganz anders vorgingen. Sie ließen die 3,7 Millionen Gefangenen einfach stehen, wo sie waren, entwaffneten sie und schickten die weit überwiegende Mehrheit nach Hause.

Die Vertreibung

Hier sitzen Menschen auf gepackten Koffern. Es sind fast ausschließlich Frauen. Nur wenige Männer und ein paar Kinder sind zu sehen. Ihre Gesichter sind ernst, bedrückt. Offenbar ist die Reise, die sie antreten, keine Vergnügungsfahrt. Es sind Prager Deutsche, die am 20. Juli 1945 auf die Deportation warten. Man hat ihnen Hakenkreuze auf die Stirn gemalt, ebenso auf die Kleidung und auf die Gepäckstücke. Wenn ihnen auf ihrer Reise weiter nichts zustößt, haben sie sehr viel Glück gehabt.

Die Deutschen jenseits von Oder und Neiße, in der Tschechoslowakei und in anderen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas, wurden Opfer der kollektiven Bestrafung, die die Siegermächte wegen der von Deutschen unter dem Naziregime begangenen unvorstellbaren Verbrechen über Deutschland verhängt hatten. Nun wurden die Deutschen im Osten pauschal haftbar gemacht für Demütigungen und Gräuel, die die Nazis den Völkern Osteuropas zugefügt hatten, und wurden Objekt ihrer Rache.

Im Januar 1945 setzte die Massenflucht vor der anrückenden Roten Armee ein. Im Sommer befanden sich 6 Millionen auf der Flucht, die Hälfte der 12 Millionen zählenden Bevölkerung der deutschen Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße. Nach der Kapitulation begannen die ersten Vertreibungen, zumeist unter unmenschlichen Umständen.

Die Potsdamer Konferenz verfügte die "ordnungsgemäße Überführung der deutschen Bevölkerung" aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn. 1947 befanden sich über 10 Millionen Deutsche aus diesen Gebieten im Vier-Zonen-Deutschland. Es war die größte Völkerwanderung der Geschichte. Sie betraf schließlich 14 bis 15 Millionen Menschen, von denen zwei Millionen im Verlauf oder als Folge von Flucht und Vertreibung ihr Leben verloren.


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