Koffer

18.8.2015 | Von:
Gabriella Zanier

Altern in der Migrationsgesellschaft: Neue Ansätze in der Pflege – kultursensible (Alten-)Pflege und Interkulturelle Öffnung

Betreuungs-Praktikanten helfen einer Patientin in einer kulturspezifischen Tagespflege in Berlin beim Puzzeln.Betreuungs-Praktikanten helfen einer Patientin in einer kulturspezifischen Tagespflege in Berlin beim Puzzeln. (© picture-alliance/dpa)
Stand der Umsetzung der Ansätze der kultursensiblen Pflege und der Interkulturellen Öffnung in der Praxis

Trotz ethischer und gesetzlicher Verankerung und vorhandener Kenntnisse über die demografische Entwicklung ist die Umsetzung des kultursensiblen Ansatzes und die Implementierung der Interkulturellen Öffnung in den Einrichtungen noch eine punktuelle Erscheinung. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Sie sind in den Barrieren und Widerständen bei den verschiedenen Akteuren und Entscheidern zu suchen, sowohl in den Einrichtungen selbst, als auch in Kommunen, Ländern, Bundesregierung und Pflegekassen. Zudem ist ganz allgemein anzumerken, dass der Grad der Umsetzung der kultursensiblen Pflege und Interkulturellen Öffnung in den Pflegeeinrichtungen nur schwer messbar ist, denn:
  1. Kultursensible Pflege und Interkulturelle Öffnung sind noch keine wissenschaftlich erprobten und geschützten Standards, sodass jede Einrichtung behaupten kann, kultursensibel zu arbeiten.

  2. Es liegen keine belastbaren Daten zum Stand der Umsetzung der kultursensiblen Pflege und Interkulturellen Öffnung in deutschen Pflegeeinrichtungen vor, sondern nur einzelne Projektberichte oder lokale Untersuchungen (einzelner Kommunen: z.B. Frankfurt/Main[14], München oder Bundesländer: z.B. Baden-Württemberg, NRW).

  3. Die Ergebnisse der vorhandenen Untersuchungen basieren auf Angaben aus unüberprüfter Selbsteinschätzung der Einrichtungen.
Folglich können über die Anwendung dieser Arbeitsansätze in der deutschen Altenpflegelandschaft nur Schätzungen auf der Basis von punktuellen Erfahrungswerten gemacht werden.

Das Forum kultursensible Altenhilfe beobachtet besonders in den letzten fünf Jahren ein zunehmendes Interesse an der Thematik, das sich auch in einer zunehmende Anzahl von neuen Projekten und Angeboten mit kultursensibler Ausrichtung widerspiegelt. Die Nachfrage nach Beratung, Konzepten und Fortbildungsmöglichkeiten steigt bedeutend. Gesucht wird vielfach der Austausch mit Beispieleinrichtungen. Auch in der Öffentlichkeit und in der Fachwelt wächst das Interesse: Pressartikel, Tagungen, Fachdiskussionen, Fortbildungsangebote, Informationsmaterial in verschiedenen Muttersprachen und wissenschaftliche Abhandlungen greifen das Thema auf. Begrüßenswert ist dabei auch die Auseinandersetzung mit einzelnen zentralen Themen wie Migration und Demenz sowie Sterbebegleitung bei Migranten.

Immer mehr Pflegeeinrichtungen, besonders stationäre, versuchen, in ersten Schritten, die Bausteine der Interkulturellen Öffnung umzusetzen. So wird etwa bei der Personalauswahl der Migrationshintergrund als ein Einstellungskriterium berücksichtigt. Pflegeeinrichtungen sehen in diesem Ansatz die Möglichkeit, dem Personalmangel im Pflegesektor entgegenzuwirken. Sie organisieren zudem zunehmend Fortbildungen zu den Themen kultursensible Pflege und Interkulturelle Öffnung.

In der stationären Pflege ermöglichen manche Einrichtungen z.B. die Ausübung religiöser Rituale durch die Anpassung von Pflegeabläufen und Versorgung (Speiseangebote werden an die Bedürfnisse der Bewohner anderer Herkunft angepasst) und durch die Einrichtung von Gebetsräumen. Einige große Anbieter von Pflegedienstleistungen (z.B. AWO Nürnberg oder Caritas Stuttgart) haben Kultursensibilität und Interkulturelle Öffnung als Querschnittsthema in ihren Einrichtungen eingeführt und einen Organisationsentwicklungsprozess eingeleitet. Sie erproben ihn seit mehreren Jahren mit positiven Ergebnissen. Andere setzen auf kultursensible Pflege und Interkulturelle Öffnung im Rahmen gezielter Maßnahmen vom Land oder der Kommune, beispielhaft sei hier auf die Rahmenkonzeption 2014-2020 zur Interkulturellen Öffnung der stationären Langzeitpflege in München hingewiesen[15]. Noch gibt es jedoch nur wenige Praxisbeispiele[16].

Im ambulanten Bereich entstehen mehrsprachige Pflegedienste, besonders in Ballungsgebieten[17]. Der Umsetzungsstand ist hier im Vergleich zur stationären Pflege aufgrund der größeren Unübersichtlichkeit und Fluktuation des Marktsegments jedoch noch schwieriger einzuschätzen. An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass die Einstellung von mehrsprachigem Fachpersonal allein nicht ausreicht, um Kultursensibilität sicher zu stellen. Denn Merkmale wie Mehrsprachigkeit oder Migrationshintergrund implizieren nicht automatisch die interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter sowie die multikulturelle Besetzung des Personals allein nicht automatisch die interkulturelle Kompetenz des Teams und die Interkulturelle Öffnung der Einrichtung bedeutet. Dies gilt auch für andere Maßnahmen wie z.B. die Übersetzung des Informationsmaterials in verschiedene Sprachen oder der sporadische Kontakt zu Migrantenvereinen bei kulturellen Anlässen.

Es ist verständlich, dass Pflegeeinrichtungen – je nach ihren spezifischen Ausgangsbedingungen – den komplexen Veränderungsprozess der Interkulturellen Öffnung schrittweise angehen. Der häufigere, pragmatische Weg der Umsetzung sowohl in stationären als auch in ambulanten Pflegeeinrichtungen ist die Einführung von Einzelmaßnahmen und die Fokussierung auf wenige ethnonationale Gruppen, zu denen die Einrichtungen – aufgrund ideeller oder konfessioneller Affinitäten oder der vorhandenen Ressourcen (Mitarbeiter der Muttersprache der Klienten) – einen leichteren Zugang haben und einen geringen Aufwand für die Anpassung der Angebote aufbringen müssen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass es bei den Einzelmaßnahmen bleibt und dass der eigentliche interkulturelle Veränderungsprozess nicht zustande kommt.

Verbände der Altenhilfe haben sich mit der Unterzeichnung des Memorandums (2004-2005) der Selbstverpflichtung für eine kultursensible Ausrichtung ihrer Einrichtungen verschrieben. Bis heute haben jedoch die wenigsten Einrichtungen die kultursensible Pflege als Standard eingeführt und die Interkulturelle Öffnung als gesamtheitlichen Organisationsprozess eingeführt. Dies liegt häufig an Zeitmangel, unzureichenden Ressourcen sowie falschen Annahmen oder Widerständen bei den Pflegeeinrichtungen selbst. Zum anderen ist der zögerliche Verbreitungs- und Umsetzungsstand durch die gesetzlichen Rahmenbedingungen bedingt.

Diese umfassen z.B.:
  • zu enge Zeitkorridore und fehlende finanziellen Grundlagen, um den erhöhten Zeitaufwand für die Umsetzung von kultursensibler Pflege und Interkultureller Öffnung abzudecken,
  • niedrige Personalschlüssel,
  • fehlende Finanzierung der Fortbildung des Personals in interkultureller Kompetenz oder von Sprachkursen wie Deutsch für die Pflege (Die Fortbildung ist oft eine freiwillige Leistung der Einrichtungen. Die meisten Pflegeeinrichtungen verfügen aber nicht über ein ausreichendes Fortbildungs-Budget für eine durchgängige Qualifizierung des Personals.),
  • Kultursensibilität und Interkulturelle Öffnung sind nicht als Qualitätskriterien der Pflege anerkannt, folglich auch der zeitliche und finanzielle Aufwand nicht abgedeckt,
  • fehlende Finanzierung für eine Beratung und Begleitung bei der Umsetzung vor Ort,
  • keine Sensibilisierung und Qualifikation von Leitungs- und Führungskräften in interkultureller Kompetenz (diese Schlüsselkompetenz ist in den Curricula beruflicher Ausbildung sowohl der Fach- als auch der Leitungskräfte nicht oder kaum vorgesehen)[18].
Auf der System- und politischen Ebene ist das Thema noch nicht wirklich angekommen. Das Thema Alter und Migration bleibt eine Randaufgabe und findet immer noch keine Lobby.

Die meisten Länder und Kommunen haben bis heute noch keinen Rahmenplan für die Umsetzung des gesetzlich verankerten Anspruchs auf die Berücksichtigung der Bedürfnisse nach einer kultursensiblen Pflege (PVG SGB XI § 1 Soziale Pflegeversicherung (4a)) entwickelt. Die verzögernde Haltung lässt einerseits Unsicherheit und Orientierungslosigkeit im Hinblick auf den Umgang mit dem Thema vermuten, andererseits die Befürchtung vor nicht einschätzbaren Auswirkungen auf die Finanzen.

Handlungsbedarf

Der Prozess der Interkulturellen Öffnung und der kultursensiblen Professionalisierung von Altenpflege und Altenarbeit erfordert für eine konsequente Umsetzung einen nicht unerheblichen Aufwand. Dieser kann nur z.T. von den Einrichtungen selbst getragen werden. Der dafür notwendige Bedarf an Zeit und personellen wie finanziellen Ressourcen müsste als Bestandteil der Weiterentwicklung des Systems anerkannt und in die Regelfinanzierung integriert werden. Extrafinanzierung oder Sonderprogramme wären nur eine temporäre und punktuelle Lösung, die der demografischen Veränderung nicht Rechnung tragen würde.

Das Forum für eine kultursensible Altenhilfe – Region Mitte-Süd – hat 2012 mit Vertretern aus Einrichtungen der Altenhilfe und anderen Fachleuten einen Empfehlungskatalog für eine kultursensible Pflege zusammengestellt[19]. Dieser unterbreitet Empfehlungen sowohl für Einrichtungen der Pflege (Teil I), als auch für Politik und Kostenträger (Teil II). Im Folgenden werden aus dem zweiten Teil des Empfehlungskatalogs beispielhaft einige Empfehlungen gekürzt wiedergegeben.

Zur Qualität: Der Mehrwert von kultursensibler Pflege, Beratung und Betreuung sollte als Bestandteil der Qualität der Pflegeleistungen gesetzlich anerkannt und verankert werden. Der für die Umsetzung notwendige Mehraufwand sollte anerkannt und finanziell gesichert sein. Instrumente und Personal für die Ermittlung der Pflegebedürftigkeit sollten kultursensibel ausgerichtet werden. Erste Ansätze sind vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) mit der Schulung des Personals eingeleitet worden.

Zu den Strukturen: Das Altenhilfesystem sollte übersichtlich gestaltet (Reduzierung der Zuständigkeitsteilung) und die bürokratischen Hürden der Verfahren reduziert werden. Der interdisziplinäre fachliche Austausch und die Vernetzung und der Aufbau interkultureller Zusammenarbeitsstrukturen zwischen den verschiedenen Akteuren im Pflegesystem und Migrantenstrukturen (u.a. Migrantenselbstorganisationen) könnten z.B. durch eine Koordinationsstelle konsequent gefördert werden.

Zu den Angeboten/Leistungen: Beratungs- und Pflegeeinrichtungen sollten ihre Angebote flexibilisieren und differenzieren (mehr aufsuchende innovative Arbeitsansätze).

Zur Personalentwicklung: Die konsequente Qualifizierung von Personal und Führungskräften in interkultureller Kompetenz sollte nicht allein von den Einrichtungen getragen, sondern zentral (Bund/Land) gefördert werden, ebenso wie die unterstützende Beratung und Begleitung der Einrichtungen bei der Umsetzung der Interkulturellen Öffnung vor Ort. Der Mehraufwand für den Aufbau von Vernetzungs- und Kooperationsstrukturen zu den Migranten würde durch eine entsprechende Förderung von kultursensibler Sozial- und Gemeinwesenarbeit anerkannt.

Zur Datenlage: Die Kulturmerkmale (z.B. Muttersprache und Migrationshintergrund) sollten systematisch von Einrichtungen, Ämtern und Statistik integriert und nach Alterskohorten und Geschlecht differenziert ausgewiesen werden. Die Erfahrungen der Umsetzung von Interkultureller Öffnung und kultursensibler Pflege in Einrichtungen sollten durch Begleitforschung ausgewertet und die Ergebnisse anschließend als Basis für die Weiterentwicklung der Konzepte verwendet werden.

Was ist der Mehrwert der kultursensiblen Pflege und Interkulturellen Öffnung?

Kultursensible Pflege und Interkulturelle Öffnung tragen zur Erweiterung der internen und externen Ressourcen der Einrichtung (Kooperation führt zu gegenseitiger Bereicherung) sowie zur Weiterentwicklung der Kompetenzen (interkulturelle, partizipative, integrative Fähigkeiten der Mitarbeiter) bei. Beide Ansätze können eine konzeptionelle und qualitative Entwicklung der Einrichtungsarbeit und Kreativität und Motivation bei den Mitarbeitern anregen. Sie fördern die Erweiterung und Differenzierung der Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten sowohl in der Pflege wie auch in der Gestaltung der Beziehungen der Einrichtung nach außen (Vernetzungsarbeit und Kooperationsstrukturen). Sie fördern die Flexibilisierung der Strukturen und die Differenzierung der Angebote der Einrichtung und tragen damit zu ihrer Zukunftsfähigkeit bei. Sie fördern Gerechtigkeit und Beteiligung für alle und tragen damit zur Weiterentwicklung der Zivilgesellschaft und der Demokratisierung bei.

Es wäre wünschenswert, wenn Bund, Länder und Kommunen einen dialogisch ausgerichteten Prozess für die Planung und Umsetzung einer kultursensiblen und interkulturellen Altenhilfe initiieren würden. Dies würde einen begrüßenswerten Schritt zur Konkretisierung von Partizipation, gegenseitiger Integration und Demokratisierung dieses gesellschaftlichen Bereichs darstellen.

Fußnoten

14.
Barg et al. (2013), Keppler (2014).
15.
Münchener Stadtratsbeschluss: http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/ris_vorlagen_dokumente.jsp?risid=3117747 (Zugriff: 12.6.2015).
16.
Beispieleinrichtungen (stationär):Jüdisches Altenzentrum in Frankfurt (schon lange Tradition noch vor der Migrantenthematik, aber nicht als solches wahrgenommen); Haus am Sandberg in Duisburg (erstes Beispiel für muslimische Migranten); Mutter vom Gutten Brunn, Caritas Stuttgart; Altenzentrum St. Elisabeth Caritas Germersheim; Victor Gollancz-Haus, FFV Frankfurt; Altenzentrum St. Josef, CV Frankfurt; Münchenstift GmbH: Teilnehmer des Programms Interkulturelle Öffnung der stationären Pflege der Stadt München.
17.
Auf dem Pflegemarkt etablieren sich ethnospezifische ambulante Dienste, vorwiegend Angebote für Türkisch und Russisch Sprechende, die zugleich auch auf die religiösen Bedürfnisse der Patienten (muslimischen bzw. jüdischen Glaubens) eingehen können und eine bessere Akzeptanz nicht nur von Migranten, sondern auch von deutschen Pflegebedürftigen genießen.
18.
Das Thema "kultursensible Pflege" ist zwar in den Ausbildungscurricula von Altenpflegern und -pflegerinnen per Gesetz aufgenommen worden, jedoch nicht als Querschnittsthema in Verbindung mit der Interkulturellen Öffnung, sondern nur mit einem einzigen Modul bedacht. In der Ausbildung von Führungskräften werden die Themen im besten Fall gestreift.
19.
Zanier/Motallebi (2013).
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