Koffer

9.11.2017 | Von:
Prof. Dr. Julia von Blumenthal

"Hochschulen können einen Beitrag zur Integration leisten, indem sie Geflüchtete zum Teil der Gesellschaft werden lassen."

Prof. Dr. Julia von Blumenthal über die Öffnung von Universitäten und Fachhochschulen für Studierende mit Fluchtbiografie

Die Politikwissenschaftlerin Julia von Blumenthal hat in einer Studie deutschlandweit Hochschulen dazu befragt, welche Maßnahmen sie ergriffen haben, um Geflüchteten die Aufnahme eines Studiums zu ermöglichen. Warum ist die Öffnung von Hochschulen für Geflüchtete wichtig und mit welchen Hürden sind sowohl Hochschulen als auch Studieninteressierte mit Fluchterfahrung dabei konfrontiert? Ein Gespräch.

Prof. Julia von Blumenthal. Foto: Ralph Bergel.Prof. Julia von Blumenthal. Foto: Ralph Bergel.
Frau von Blumenthal, was weiß man über die Zahl der 2015 und 2016 nach Deutschland Geflüchteten, die in ihrem Herkunftsland die Hochschulreife erworben, ein Studium angefangen oder abgeschlossen haben?

In Deutschland wurden im Jahre 2015 etwas unter 500.000 neue Asylanträge gestellt, im Jahre 2016 fast 750.000 Anträge. Es gibt eine sehr aktuelle Studie, die vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und vom Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) durchgeführt worden ist. Demnach können wir beim Bildungsniveau der Geflüchteten eine starke Polarisierung feststellen. Auf der einen Seite haben der Studie zufolge 40 Prozent der Geflüchteten eine weiterführende Schule besucht. 35 Prozent haben auch einen Abschluss erworben. Rund 12 Prozent verfügen über einen Fachhochschul- bzw. Universitätsabschluss oder sogar eine Promotion. Das ist die Seite der stärker Gebildeten. Auf der anderen Seite haben 11 Prozent der Geflüchteten nur eine Grundschulbildung genossen, weitere 11 Prozent haben gar keine Schule besucht.

Warum ist es wichtig, Geflüchteten die Möglichkeit zu eröffnen, ein Studium an deutschen Hochschulen zu beginnen oder ihr Studium fortzusetzen?

Generell gibt es bei Geflüchteten – und das zeigt auch die genannte Studie von IAB, BAMF und SOEP – eine hohe Bildungsaspiration. Die Geflüchteten selbst wünschen eine Fortsetzung ihrer Bildungsbiografie. Insofern ist die Öffnung von Hochschulen auch eine Möglichkeit, Geflüchteten Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung zu bieten. Darüber hinaus ist es eine Frage der Integration, denn die Fortsetzung der Bildungsbiografie ermöglicht auch die Integration in die deutsche Gesellschaft und eröffnet im Anschluss höher qualifizierte Berufsmöglichkeiten. Insofern kann die Ermöglichung eines Studiums für Geflüchtete auch einen Beitrag zur Verringerung des Fachkräftemangels in Deutschland leisten.

Welchen Hürden begegnen Geflüchtete, die ein Studium an einer deutschen Hochschule aufnehmen oder fortsetzen möchten?

Es gibt eine Hürde, die sich letztendlich jedem Studieninteressierten stellt: die Frage der Finanzierung des Studiums. Für Geflüchtete sind hier in den letzten Jahren eine Reihe von Problemen verringert worden, aber es ist natürlich immer noch notwendig, BAföG zu beantragen und dieses dann auch zu erhalten. Wenn man nur Grundsicherung oder Leistungen nach dem Arbeitslosengeld II erhält, ist die Studienaufnahme nicht immer problemlos möglich. Das ist der Bereich der sozioökonomischen Schwierigkeiten.

Darüber hinaus gibt es den Bereich der aufenthalts- und asylrechtlichen Fragen. Inzwischen ist die Aufnahme eines Studiums aber grundsätzlich unabhängig vom Stand des Asylverfahrens und dem Aufenthaltsstatus möglich. Wir haben in der Befragung von Hochschulen, die ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen durchgeführt habe, allerdings festgestellt, dass nicht alle Hochschulen dies so offen praktizieren. In unserer Befragung waren es insbesondere Fachhochschulen, die aufenthaltsrechtliche Hürden beim Hochschulzugang erwähnten. Dies hat auch etwas mit spezifischen Anforderungen von Studiengängen zu tun, die mit Praktika oder einer Berufstätigkeit verbunden sind.[1]

Der dritte Bereich betrifft die Frage der Anerkennung von Bildungsabschlüssen. Hier besteht die Problematik der Äquivalenz der im Ausland erworbenen Schulabschlüsse mit einer deutschen Hochschulzugangsberechtigung. Es gibt zwar bereits relativ umfangreiche Programme zur Nachqualifizierung, aber da entstehen trotzdem immer wieder Lücken und Probleme.

Der letzte Bereich, den man hier noch gesondert nennen kann, ist natürlich der Bereich der Sprache. Die meisten Studiengänge in Deutschland verlangen umfangreiche Deutschkenntnisse, in der Regel auf dem Niveau C1, und das ist natürlich eine große Hürde für die Aufnahme des Studiums.

Viele Geflüchtete sind nicht im Besitz der notwendigen Unterlagen für die Aufnahme eines Studiums, etwa Originale oder beglaubigte Kopien des Schulabschlusszeugnisses. Wie kann ihnen dennoch die Aufnahme eines Studiums in Deutschland ermöglicht werden?

Es gibt einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, der im Fall fehlender Unterlagen ein mehrstufiges Prüfungsverfahren vorsieht. Dieses reicht von der Möglichkeit, Kopien von Studienleistungen beizubringen, aus denen geschlossen werden kann, dass jemand an einer Hochschule eingeschrieben war, bis hin zur Möglichkeit, die Bildungsbiografie zu plausibilisieren. Meinem Eindruck nach haben die Hochschulen da relativ gute Lösungen gefunden. Zum Zeitpunkt unserer Erhebung war die Zahl der Studienbewerberinnen und -bewerber mit Fluchtbiografie aber noch nicht sehr hoch und den meisten ist es gelungen, Kopien oder Unterlagen aus dem Heimatland vorzulegen.

Welche Schwierigkeiten bestehen für Hochschulen, Geflüchtete als Studierende aufzunehmen?

Zum einen besteht für Hochschulen die Situation, dass ein Großteil der Studiengänge zulassungsbeschränkt ist. Wir haben immer wieder Berichte von Geflüchteten, die ein großes Interesse haben, beispielsweise Medizin oder Zahnmedizin zu studieren. Dabei handelt es sich aber um hoch zulassungsbeschränkte Studiengänge, sodass Hochschulen hier tatsächlich nicht in der Lage sind, etwas für Geflüchtete zu tun.

Zum anderen stellt sich für Hochschulen die Schwierigkeit, dass Geflüchtete aufgrund der Fluchtsituation unter Umständen noch mit ganz anderen persönlichen Problemen kommen – beispielsweise mit Traumata – die über psychische Probleme hinausgehen, denen man in der allgemeinen Studierendenschaft begegnet. Hochschulen sind auch gar nicht die richtige Institution, um diese Probleme tatsächlich zu lösen, aber sie werden im Umgang mit Geflüchteten natürlich damit konfrontiert.

Welche Unterstützungsmaßnahmen – Programme sowie institutionelle und personelle Strukturen – haben Hochschulen für Geflüchtete entwickelt?

Bei der Entwicklung von Unterstützungsmaßnahmen sind Hochschulen sehr kreativ gewesen. Die erste Stufe war die Einrichtung von Gasthörerprogrammen als niedrigschwelliges Angebot, mit dem interessierte Geflüchtete in vorhandene Veranstaltungen eingegliedert werden. Der langfristigen Deckung von Bildungsaspirationen entspricht dies jedoch nicht, weil man in diesen Programmen in der Regel keine Leistungen erwerben kann.

In einem zweiten Schritt haben die Hochschulen Studienvorbereitungsprogramme aufgelegt, sowohl fachspezifische, die auf einen bestimmten Studiengang vorbereiten, als auch fachübergreifende Programme, die eher an grundsätzlichen Qualifizierungen für ein Hochschulstudium ansetzen. Zudem bieten Hochschulen auch Sprachkurse an. Diese beginnen nicht erst beim Niveau C1, sondern steigen dort ein, wo der Integrationskurs endet, um die Lücke zwischen Integrationskurs und der Qualifikation für die Studienaufnahme zu schließen. Darüber hinaus haben die Hochschulen auch ihre bestehenden Beratungsstrukturen für ausländische Studierende verstärkt und Sprechstunden eingerichtet, die sich speziell an Geflüchtete wenden. Insgesamt war das Engagement der Hochschulen für Geflüchtete nicht nur ein kurzes Aufwallen, sondern geht nun in ruhigeren Bahnen kontinuierlich weiter.

Die Aufnahme ausländischer Studierende ist ein Teil der Internationalisierungsstrategie von Hochschulen. Können Sie kurz erläutern, welche Dimensionen diese Strategie umfasst? Es gibt zwei Dimensionen von Internationalisierung. Die eine ist die Internationalisierung in dem Sinne, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Studierende einer Hochschule ins Ausland gehen und zurückkommen. Das dient der internationalen Vernetzung von Forschung und Lehre. Und die andere Strategie ist es, die eigene Lehrkörperschaft und Studierendenschaft zu internationalisieren: Die Herkunft der Lehrenden und Studierenden wird diverser, d.h. die Länder, aus denen sie stammen oder in denen sie ihre Bildungsbiografie erworben haben, werden vielfältiger.

Warum erscheinen solche Internationalisierungsstrategien heute wichtig für Hochschulen?

Weil wir in einer international vernetzten Welt leben und es in Forschung und Lehre immer der Multiperspektivität bedarf. Daher muss man die Perspektive anderer Länder einbeziehen. Mit welchen außeruniversitären Akteuren kooperieren Hochschulen in Bezug auf die Aufnahme von Studierenden mit Fluchterfahrung? Warum ist eine solche Zusammenarbeit wichtig? Es gibt ein breit gefächertes Spektrum von Akteuren, mit denen Hochschulen kooperieren. Das eine ist die Kooperation mit Ausländerbehörden und Jobcentern. Diese ist zum Beispiel wichtig im Hinblick auf die Frage, ob Wohnsitzauflagen bestehen, die für ein Studium verändert werden müssten, aber auch bei der Frage nach der Anerkennung von universitären Angeboten, beispielsweise als Ersatz für den Integrationskurs. Die Kooperation mit Behörden soll studieninteressierten Geflüchteten das Leben erleichtern.

Ein anderer Bereich umfasst die Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren. Für Hochschulen ist diese Kooperation wichtig, um Geflüchtete direkt ansprechen zu können, beispielsweise über Initiativen, die in Erstunterkünften tätig sind.

Welchen Beitrag können Hochschulen zur gesellschaftlichen Integration von Geflüchteten leisten?

Hochschulen können einen Beitrag zur Integration leisten, indem sie Geflüchtete zum Teil der Gesellschaft werden lassen, in dem Sinne, dass Geflüchtete selbst Sprach- und Bildungsqualifikationen erwerben, mit denen sie in Deutschland tätig werden können. Umgekehrt erleben auch die Mitglieder der Hochschulen persönliche Begegnungen mit Geflüchteten und das baut Vorurteile ab. Generell bin ich der Meinung, dass Hochschulen die Verantwortung haben, bei allen Herausforderungen, die sich einer Gesellschaft stellen, in dem Maße mitzuwirken, wie sie es können. Wie ich im Hinblick auf den Umgang mit Traumata schon angedeutet habe, sollten Hochschulen dabei allerdings die Grenze dessen beachten, was sie gesellschaftlich leisten können.

Die Fragen stellte Vera Hanewinkel.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Perspektiven auf die Integration von Geflüchteten in Deutschland.

Fußnoten

1.
Anmerkung der Redaktion: Geduldete und Personen, die sich noch im Asylverfahren befinden, haben einen eingeschränkten Arbeitsmarktzugang und dürfen daher bestimmte Praktika oder Berufstätigkeiten unter Umständen nicht oder nur mit Zustimmung der Ausländerbehörde und der Bundesagentur für Arbeit ausüben. Für Details siehe: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Asyl/faq-arbeitsmarktzugang-gefluechtete-menschen.pdf?__blob=publicationFile (Zugriff: 27.10.2017).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Prof. Dr. Julia von Blumenthal für bpb.de

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