Koffer

23.5.2019 | Von:
Dieter Filsinger

Integrationsmonitoring

Zentrale Ergebnisse

Die bisher vorliegenden empirischen Befunde der Integrationsberichterstattung zeigen in vielen Feldern Fortschritte in Integrationsprozessen, insbesondere mit Blick auf die "zweite Generation", also in Deutschland aufgewachsene Kinder von Eingewanderten. [14] Personen mit Migrationshintergrund erreichen zunehmend höhere Bildungsabschlüsse. Bemerkenswert ist die zunehmende Beteiligung an der frühkindlichen Bildung. Das vom SVR gemessene Integrationsklima, also die subjektive Wahrnehmung verschiedener Bevölkerungsgruppen zu Integrationsprozessen, weist darauf hin, dass dieses von einer Mehrheit positiv gesehen wird und erlaubt daher einen vorsichtigen Integrationsoptimismus. [15] Allerdings machen die Ergebnisse des Integrationsmonitorings auch auf erhebliche, fortbestehende Ungleichheiten, beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt, aufmerksam. Ein Teil der Unterschiede zwischen Personen ohne und mit Migrationshintergrund ist vorwiegend mit Ungleichheiten der sozialen Herkunft oder mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus der Migrant_innen der "ersten Generation" zu erklären [16] – was eine Relativierung des Migrationshintergrundes als beeinflussenden Faktor bedeutet. Ob eine Person etwa einen hohen Bildungsabschluss erreicht, hängt also nicht in erster Linie davon ab, ob sie einen Migrationshintergrund hat oder nicht, sondern vielmehr von der sozialen Herkunft, d.h. der Schicht bzw. Klasse, in die man hineingeboren wurde und die über den Zugang zu bestimmten Ressourcen und Wertesystemen entscheidet. Auch das vor der Migration erzielte Qualifikationsniveau beeinflusst Integrationsverläufe im Aufnahmeland. Allerdings bleiben auch Differenzen bestehen, die nicht mit sozialer Herkunft oder mit Qualifikationsunterschieden zu erklären sind, sondern stattdessen etwa auf (strukturelle) Diskriminierung, mangelnde Möglichkeiten politischer Partizipation oder unzureichende interkulturelle Öffnung von Institutionen zurückgeführt werden können. Hier bedarf es weiterer Anstrengungen der Integrationspolitik, um Chancengleichheit zu ermöglichen.

Diskussion und Ausblick

Begleitet werden die Integrationsmonitorings durch eine kritische Diskussion, die verschiedene Aspekte thematisiert. So stellt sich die Frage, über wie viele Generationen der Migrationshintergrund erhoben werden soll. Einige Sozialwissenschaftler_innen befürchten beispielsweise, dass das Konzept des Migrationshintergrunds die damit erfassten Personen langfristig als "anders" markiert und damit Grenzziehungen verfestigt und Zugehörigkeit infrage stellt. [17] Eine ausgereifte Alternative zu diesem statistischen Konzept ist jedoch noch nicht in Sicht. Nicht zuletzt die Kontinuität der Zuwanderung aus der EU und aus Drittstaaten, die in jüngster Zeit erneut ein hohes Niveau erreicht hat, verlangt eine Fortführung von Integrationsmonitorings. Positiv ist herauszustellen, dass der Perspektive der Migrationsbevölkerung mittlerweile mehr Gewicht beigemessen wird. Der deutlich erkennbare Strukturwandel der Migrationsbevölkerung, die Ergebnisse der Integrationsmonitorings sowie die von vielen Personen mit Migrationshintergrund subjektiv empfundenen "Mehrfachzugehörigkeiten" sprechen nachdrücklich dafür, die Beobachtungsweise der Integrationsmonitorings zu erweitern. Außerdem sollte erwogen werden, die Integrationsberichterstattung in längerfristiger Perspektive stärker mit der allgemeinen Sozial- und Bildungsberichterstattung bzw. Integrations- mit Diversitätsmonitorings zu verknüpfen. [18]

Literatur

Aumüller, Jutta (2010): Wie viele Generationen dauert Integration? Dossier: Bis in die dritte Generation? Lebensrealitäten junger Migrantinnen. www.migration-boell.de

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2009): Integration in Deutschland. Erster Integrationsindikatorenbericht. Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin.

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2011): Integration in Deutschland. Zweiter Integrationsindikatorenbericht. Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin.

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2013): Faktenbericht. Faktenbericht 2013. Integration in Bildung und Arbeitsmarkt. ISG Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik. Berlin.

Bundesregierung (2007): Der Nationale Integrationsplan. Neue Wege – neue Chancen. Berlin.

Filsinger, Dieter (2014): Monitoring und Evaluation: Perspektiven für die Integrationspolitik des Bundes und der Länder. WISO-Diskurs. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Filsinger, Dieter (2016): Integrationsmonitoring. In: Brinkmann, H. Ulrich/Sauer, M. (Hrsg.): Einwanderungsland Deutschland. Entwicklung und Stand der Integration. (Lehrbuch zu zentralen Aspekten der Integration in Deutschland aus sozialwissenschaftlicher Perspektive). Wiesbaden: Springer VS, S. 117-143.

Filsinger, Dieter (2018): Integrationsmonitoring. In: Gesemann, Frank/Roth, Roland (Hrsg.): Handbuch Lokale Integrationspolitik. Wiesbaden: Springer VS, S.705-722.

Haug, Sonja (2010): Ansätze der Integrationsmessung: Evaluation von Integrationsmaßnahmen versus Integrationsmonitoring. Nürnberger Integrationstage – BAMF. Regensburg.

Konferenz der für Integration zuständigen Ministerinnen und Minister/Senatorinnen und Senatoren der Länder (IntMK) (Hg.) (2019): Fünfter Bericht zum Integrationsmonitoring der Länder 2015 – 2017. Berlin. www.integrationsmonitoring-laender.de.

Kunz, Thomas (2015): Happy Birthday, Migrationshintergrund? In: Migration und Soziale Arbeit, 37. Jg., Heft 3, S. 258 – 264.

Meyer, Wolfgang (2004): Indikatorenentwicklung. Eine praxisorientierte Einführung. Ceval Arbeitspapiere Nr. 10. Universität des Saarlandes. Saarbrücken.

Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration (2004): Migration und Integration – Erfahrungen nutzen, Neues wagen. Jahresgutachten des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration. Berlin.

SVR – Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (2018): Jahresgutachten 2018 mit Integrationsbarometer. Berlin.

Worbs, Susanne (2010): Integration in klaren Zahlen? Ansätze des Integrationsmonitoring. In: Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut/Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): focus Migration, Kurzdossier Nr. 16. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/57240/integration-in-zahlen (Zugriff: 11.12.2018).

Worbs, Susanne/Friedrich, Lena (2008): Integrationsberichterstattung in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. In: Sozialwissenschaften und Berufspraxis, Nr. 2, S. 250-269.

Fußnoten

14.
zusammenfassend vgl. Filsinger (2016).
15.
vgl. zusammenfassend Filsinger (2016); vertiefend Jahresgutachten, Integrations- und Migrationsbarometer des SVR.
16.
vgl. Beauftragte (2013).
17.
Aumüller (2010); Kunz (2015).
18.
Filsinger (2018).
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