Koffer

30.6.2021 | Von:
Ludger Pries

Was hält eine Gesellschaft zusammen?

Die Gesellschaft in Deutschland wird immer heterogener. Wie kann angesichts der Vielfalt an Lebenserfahrungen und Lebensformen gesellschaftlicher Zusammenhalt aufrechterhalten bzw. hergestellt werden?

Fischernetze und Fischerseile liegen zusammengeknäult nebeneinander.Wechselseitige Anerkennung des Rechts auf Vielfalt und Achtung der Grundnormen des Zusammenlebens: gesellschaftlicher Zusammenhalt muss immer wieder aufs Neue hergestellt werden. (© picture-alliance/dpa, Jochen Tack)

Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft. Allein zwischen 2015 und 2019 wanderten rund 2,8 Millionen mehr Menschen nach Deutschland ein als das Land im selben Zeitraum verließen [1]. Die Gruppe derjenigen, die bereits vor Jahrzehnten nach Deutschland eingewandert sind sowie ihrer Nachkommen, ist im Hinblick auf ihre eigene oder die Migrationsgeschichte ihrer Eltern, ihre religiösen Orientierungen, ihre ethnischen Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie ihre Sprachkompetenzen sehr vielfältig. Diese Diversität zeigt sich auch in den immer deutlicher vorgetragenen Forderungen nach Anerkennung unterschiedlicher Geschlechteridentitäten und -orientierungen sowie dem Kampf gegen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung, etwa von Asylsuchenden.

(Wie) Kann angesichts dieser Vielfalt unterschiedlicher Lebenserfahrungen und Lebensformen gesellschaftlicher Zusammenhalt eigentlich noch erreicht werden? Führt Einwanderung zu einer "Überlastung" der Integrationsmöglichkeiten?

Anpassung, Pluralismus oder Interaktion?

Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Integration und Zusammenhalt gelingen können. In vielen nationalstaatlich verfassten Gesellschaften herrschte lange die Vorstellung, dass gemeinsame Abstammung (ius sanguinis) oder Ähnlichkeit bzw. Gleichheit in grundlegenden kulturellen Orientierungen und Lebensmustern hierfür entscheidend seien. In Bezug auf Migration entspricht das einem Verständnis von Integration als einseitiger Assimilation der Eingewanderten an die Kultur der Ankunftsgesellschaft. Diesem zufolge sollen sich die Einwandernden an die vorherrschenden Normen der Ankunftsgesellschaft anpassen, wobei die Etappen der Assimilation als Stufen in einer hierarchischen Sequenz verstanden werden. Einem solchen monistischen Integrationskonzept steht eine Vorstellung pluralistischer Integration gegenüber, nach der Gesellschaften aus vielen sozio-ethnisch-kulturellen Untergruppen bestehen können, die nur wenig miteinander interagieren und durch einen Minimalkonsens wechselseitiger Tolerierung zusammengehalten werden.

Diesen beiden gegensätzlichen Vorstellungen stellte der Soziologe Ronald Taft schon im Jahr 1953 ein interaktionistisches Modell der Integration gegenüber. In diesem Fall handeln die unterschiedlichen, sich ethnisch, kulturell, religiös oder anderweitig definierenden sozialen Gruppen in einer Gesellschaft einen gemeinsamen Werte- und Ordnungsrahmen aus, innerhalb dessen aber keine vollständige Verschmelzung, sondern ein respektvolles Miteinanderleben stattfindet. So können beispielsweise Einwanderungs- und andere gesellschaftliche Gruppen in Großbritannien für die regelmäßig stattfindenden Volkszählungen Vorschläge machen, was in welchen Kategorien (z.B. von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit) erfragt und damit gesellschaftlich thematisiert werden soll [2]. In vielen Ländern bestehen Einwanderungsräte und -netzwerke, die auf lokaler, nationaler oder europäischer Ebene verhandelte Integration fördern [3]. Migrantenselbstorganisationen können zur fairen Interessenbekundung und -aushandlung beitragen.

Im vergangenen Jahrhundert war ein interaktionistisches Konzept gleichberechtigter Aushandlung von Zugehörigkeiten weder in der sozialen Praxis noch in der wissenschaftlichen Analyse prägend. Vorherrschend war die Idee, gesellschaftlicher Zusammenhalt werde am besten durch normative Integration und durch Angleichungsprozesse der sozialen Teilgruppen garantiert.

Ursprünge der Solidarität

Bereits 1893 hatte der französische Soziologe Émile Durkheim zwischen mechanischer und organischer Solidarität als unterschiedlichen Kräften des gesellschaftlichen Zusammenhalts unterschieden. Seine These: Mechanische Solidarität ergebe sich in traditionalen, segmentären Gesellschaften durch das Zusammenhalten von als gleich wahrgenommenen Elementen, etwa der durch Blutsverwandtschaft integrierten Großfamilien oder Clanverbände. Organische Solidarität dagegen beruhe auf dem Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit von als unterschiedlich wahrgenommenen Elementen. In hochgradig arbeitsteiligen und differenzierten Gesellschaften ergebe sich Integration daher nicht aus der Erfahrung des Gleichseins, sondern aus dem Bewusstsein des Aufeinanderangewiesenseins völlig unterschiedlicher sozialer Gruppen.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch eine große Heterogenität der Bevölkerung im Hinblick auf Beruf, sozialen Status und Einkommen, auf Geschlechteridentitäten und -orientierungen, auf kulturelle und politische Orientierungen, auf Migrationserfahrungen und Lebensstile sowie viele weitere sozial relevante Merkmale aus. Unter solchen Umständen kann Zusammenhalt nicht durch mechanische Solidarität oder monistische Integration im Sinne etwa des Beschwörens substantieller Gemeinsamkeiten einer "abendländischen Leitkultur" garantiert werden.

Zusammenhalt in heterogenen Gesellschaften

Zusammenhalt in offenen und demokratischen Gesellschaften beruht vielmehr auf der wechselseitigen Anerkennung des Rechts auf Vielfalt bei gleichzeitiger Achtung und Verteidigung eines gemeinsamen "Verfassungspatriotismus" im Sinne einer zivilgesellschaftlichen Übereinkunft der Grundnormen des Zusammenlebens.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt wird dann immer wieder aufs Neue hergestellt: auf der Mikroebene von Familien und sozialen Netzwerken, die Solidarität und Anerkennung etwa im Hinblick auf religiöse, politische oder Geschlechtervielfalt ermöglichen; durch die Mitgliedschaft in Vereinen, Gewerkschaften oder Parteien, die auf der Mesoebene soziale Verflechtungszusammenhänge darstellen; und schließlich auf der Makroebene gesellschaftlicher Institutionen, zum Beispiel in den Parlamenten und Massenmedien oder bei der Förderung von Wissenschaft [4].

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen

Literatur

Bade, Klaus J. (2000): Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Verlag C.H. Beck.

Green, Anne/Skeldon, Ronald (2013): Shifting categories of belonging in the United Kingdom Census. Changing definitions of migration, labour market access and experience. In: Pries, L. (Hg.): Shifting Boundaries of Belonging. New Migration Dynamics in Europe and China. Houndsmills: Palgave, S. 107-135.

Penninx, Rinus mit Tiziana Caponio, Blanca Garcés-Mascareñas, Patrycja Matusz Protasiewicz, Hannah Schwarz (2014): European Cities and their Migrant Integration Policies. A State of the Art Study for the Knowledge for Integration Governance (KING) Project. (http://hdl.handle.net/11245/1.496057).

Pries, Ludger (2020): Integration – Soziologische Theorien und Gegenstandsbereiche. In: Decker, Oliver/Kailitz, Steffen/Pickel, Gert/Röder, Antje/Schulze Wessel, Julia (Hg.): Handbuch Integration. Wiesbaden: VS Verlag, S. 1-18.

Taft, Ronald (1953): The Shared Frame of Reference Concept Applied to the Assimilation of Immigrants. Human Relations 6(1), S. 45–55.

Fußnoten

1.
Vgl. die Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes zum Thema Wanderungen : https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Wanderungen/_inhalt.html.
2.
Green/Skeldon (2013).
3.
Penninx et al. (2014).
4.
Penninx et al. (2014).
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