Eine Frau geht an einer Weltkarte, die aus Kinderporträts besteht, am Freitag (18.06.2010) im JuniorMuseum in Köln vorbei.

18.10.2013 | Von:
Jennifer Elrick

Entwicklung der Einwanderung und der Einwanderungspolitik seit dem 19. Jahrhundert

Kanadas erstes Einwanderungsgesetz wurde 1869 erlassen, zwei Jahre nach der Gründung des Landes. Das Gesetz sollte der Auswanderung in die USA entgegenwirken und die Besiedlung der westlichen Territorien erleichtern.

Galizische Einwanderer im Jahr 1911 auf dem Bahnhof von Quebec City.Galizische Einwanderer im Jahr 1911 auf dem Bahnhof von Quebec City. (© picture alliance / empics)

Es etablierte nur eine geringe Zahl von Kontrollen für Neuankömmlinge, wenngleich es der Bundesregierung die Möglichkeit gab, den Zuzug von Armen, Kranken und behinderten Menschen zu verhindern. Bald jedoch musste diese relativ offene Regelung einer Reihe von Gesetzen weichen, die darauf angelegt waren, solche Personen zur Einwanderung zu bewegen, die unter wirtschaftlichen bzw. ethnischen Gesichtspunkten als geeignet betrachtet wurden.

Im späten 19. Jahrhundert wurden Programme entwickelt, die die Besiedlung von Kanadas Westen fördern sollten, indem sie auf Masseneinwanderung zielten. Zu diesem Zweck wurden im Vereinigten Königreich, den USA, Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten aggressive Informations- und Auswahlkampagnen gestartet. Als jedoch klar wurde, dass sich in traditionellen Herkunftsländern, insbesondere im Vereinigten Königreich, keine ausreichende Zahl möglicher Einwanderer finden lassen würde, richtete sich die Aufmerksamkeit auf Mittel- und Osteuropa. Infolge dieser Kampagnen erfolgte der erste große Zustrom von Neuankömmlingen vom europäischen Festland, unter ihnen vor allem Ukrainer [1] Deutsche, Italiener und Russen [2]. Die Politik zielte darauf ab, Bauern und Landarbeiter anzuziehen. Künstler, Beamte, ungelernte Arbeiter und andere Stadtbewohner wurden dagegen als für die Ansiedlung nicht geeignet betrachtet.

Wer für die Ansiedlung als geeignet galt, wurde auch dadurch bestimmt, dass Kanada sich als "britische Siedlergesellschaft" verstand und man glaubte, als solche nur bestimmte nationale oder ethnische Gruppen integrieren zu können, ohne den grundlegenden Charakter der jungen Nation zu verändern. Dieser Glaube führte schon früh zur Einführung einer Reihe von formellen und informellen Einwanderungsbeschränkungen für bestimmte ethnische Gruppen, darunter vor allem Chinesen, Japaner und Inder.

Das Einwanderungsgesetz von 1952

Einwanderungsbeschränkungen, die darauf ausgelegt waren, kulturelle, ethnische und ideologische Unterschiede so gering wie möglich zu halten, wurden noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg aufrechterhalten. Premierminister Mackenzie King betonte 1947 in einer Rede, dass es Einwanderern nicht möglich sein sollte, "den Charakter unserer Bevölkerung grundlegend zu ändern" [3] Das Einwanderungsgesetz aus dem Jahr 1952 ermächtigte die Regierung dazu, Personen, die aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer ethnischen oder geografischen Herkunft, ihrer sozialen Klasse, Berufszugehörigkeit, ihres Lebenswandels oder ihrer "möglichen Unfähigkeit, sich zu assimilieren" [4] als ungeeignet erachtet wurden, nur einschränkt oder überhaupt nicht zuzulassen. In diesem Zuge wurde eine Liste mit bevorzugten Herkunftsländern aufgestellt.

Abschaffung rassistischer Einwanderungspolitiken und Einführung des Punktesystems

Ein Erlass von 1962 führte dazu, dass Migranten mit gesuchter Ausbildung oder Qualifikation ohne Ansehen von Hautfarbe, Abstammung oder nationaler Herkunft die Einreise bewilligt werden sollte. Damit wurde die rassistische Komponente der kanadischen Einwanderungspolitik weitestgehend abgeschafft. [5]

1967 folgte ein Punktesystem, anhand dessen Sachbearbeiter in den Einwanderungsbehörden Punkte für Bildung, Sprachkenntnisse und Arbeitsmarktchancen bis zu einer festgelegten Höchstzahl vergeben konnten. Auch wenn die Kategorien, in denen Punkte vergeben werden, über die Jahre ebenso verändert wurden wie die Mindestsumme, die zur Zulassung notwendig ist, bildet dieses System nach wie vor das Herzstück der kanadischen Einwanderungspolitik.

 
Sechs Auswahlkriterien für qualifizierte Arbeitskräfte (Federal Skilled Workers)
 
KriterienMaximale Punktzahl
Englisch- und/oder Französischkenntnisse28
Bildung25
Berufserfahrung15
Alter12
Stellenangebot in Kanada10
Anpassungsfähigkeit10
Gesamtpunktzahl (Maximum)100
Zu erreichende Mindestpunktzahl: 67 von 100 Punkten
Quelle: www.cic.gc.ca/english/immigrate/skilled/apply-factors.asp (Zugriff: 16.7.2013)

Das Einwanderungsgesetz von 1976 teilte die Einwanderungswilligen nach vier Grundkategorien ein und verlangte von der Regierung, in Abstimmung mit den Provinzen, jährliche Zielgrößen für die Zulassung von Einwanderern zur gezielten Planung und Abwicklung der Einwanderung zu ermitteln. Dieses Gesetz gilt als Eckpfeiler der gegenwärtigen kanadischen Einwanderungspolitik.

Das Einwanderungs- und Flüchtlingsschutzgesetz von 2002

Aktuell wird die Einwanderung nach Kanada im 2002 in Kraft getretenen Einwanderungs- und Flüchtlingsschutzgesetz (Immigration and Refugee Protection Act - IRPA) und dessen Erweiterungen geregelt. Ausländer können demnach einen Antrag auf dauerhaften Aufenthalt stellen, wenn sie in eine der drei Aufnahmekategorien (landing classes) fallen: die Wirtschaftskategorie (qualifizierte Arbeitskräfte, Geschäftsleute mit ihren direkten Familienangehörigen), die Kategorie der Familienangehörigen (Ehegatten, Lebenspartner, Kinder und andere Verwandte von kanadischen Staatsangehörigen oder Einwanderern, die über eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung verfügen) oder die Kategorie der Flüchtlinge und Schutzbedürftigen. Darüber hinaus kann dauerhafter Aufenthalt aus humanitären Beweggründen durch Ministererlass gewährt werden. Wird einer Person ein dauerhafter Aufenthaltsstatus zugesprochen, so hat sie ähnliche Rechte wie kanadische Staatsangehörige. Dazu zählt der uneingeschränkte Zugang zum Arbeitsmarkt und zu sozialen Leistungen.

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Meinung durchläuft nur ein kleiner Teil derjenigen Einwanderer, die dauerhaft in Kanada verbleiben wollen, den Auswahlprozess auf der Basis des Punktesystems. Es kommt nur bei den Hauptantragstellern in der Wirtschaftskategorie zum Tragen, beispielsweise bei Personen, die im Rahmen des Programms für qualifizierte Arbeitskräfte (Federal Skilled Worker Program - FSWP) einreisen. 2011 wurden 16 Prozent der Neuzuwanderer durch das Punktesystem evaluiert. Die übrigen 84 Prozent der Einwanderer kamen 2011 über Einwanderungskategorien ins Land, die nicht der Evaluation durch das Punktesystem unterliegen.

Jüngste Veränderungen des Programms für qualifizierte Arbeitskräfte

Seit 2012 ist das FSW-Programm für qualifizierte Arbeitskräfte grundlegend verändert worden. Aufgrund von bis zu sechsjährigen Verzögerungen bei der Bearbeitung von Einwanderungsanträgen aus einigen Weltregionen (insbesondere aus Asien), verkündete die kanadische Einwanderungsbehörde (Citizenship and Immigration Canada - CIC) im November 2012, dass das FSW-Programm bis Mitte 2013 außer Kraft gesetzt und der Auftragsüberhang gelöscht werde. Rund 280.000 Anträge, die vor Februar 2008 gestellt, aber noch nicht bearbeitet worden waren, wurden folglich aus dem System entfernt und die Bearbeitungsgebühren an die Antragsteller zurückgezahlt.[6]

Zusätzlich zur Evaluation durch das Punktesystem müssen Antragsteller im neu gestalteten FSW-Programm eines von drei Kriterien erfüllen: (1) sie müssen mindestens ein Jahr Erfahrung in einem von 24 festgelegten Berufen vorweisen (hauptsächlich sind dies Berufe im Ingenieurwesen sowie im medizinischen und informationstechnologischen Bereich); (2) sie müssen über ein Arbeitsplatzangebot verfügen, für das weder ein kanadischer Staatsangehöriger noch ein Einwanderer mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht infrage kommt; oder (3) sie sind ein internationaler Studierender, der in einem Doktorandenprogramm einer kanadischen Universität eingeschrieben ist und über mindestens ein Jahr Erfahrung in einem qualifizierten Beruf oder einer leitenden Position verfügt. Die Einwanderung in der Kategorie der festgelegten Berufe ist auf 5.000, die über Doktorandenprogramme auf 1.000 Personen pro Jahr begrenzt.

Die Festlegung von Quoten markiert eine scharfe Zäsur in Kanadas langjährigem Fokus auf Masseneinwanderung. Darüber hinaus wurde die Selbsteinschätzung der eigenen Sprachkenntnisse durch einen Pflichtsprachtest ersetzt und Antragsteller sind nun dazu verpflichtet, ihre Bildungsabschlüsse prüfen und anerkennen zu lassen.

Fußnoten

1.
″Ukrainer″ war der Begriff, mit dem alle Slawen bezeichnet wurden, die aus den ost- und südeuropäischen Regionen des russischen und des österreichisch-ungarischen Reichs stammten; siehe Citizenship and Immigration Canada (2000).
2.
Die Russen, die zu jener Zeit einwanderten, gehörten vor allem den Doukhobors an, einer bäuerlichen Sekte, die Pazifismus und Gemeinschaftsleben praktizierte und unter dem russischen Zaren verfolgt wurde.
3.
Zitiert nach Kelley/Trebilcock (2010).
4.
Kelley/Trebilcock (2010).
5.
Einwanderern aus Europa und Amerika war es zunächst weiterhin erlaubt, auch entfernte Verwandte nachzuholen. Dieses Privileg wurde jedoch 1967 abgeschafft; siehe Citizenship and Immigration Canada (2000).
6.
Siehe die CIC-Website:www.cic.gc.ca/english/department/media/releases/2012/2012-09-17.asp (Zugriff: 16.7.2013).
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