Großbritannien

27.2.2009 | Von:

Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik

Die logische Entsprechung zur historischen Staatsferne der britischen Wirtschaft war die Zurückhaltung des Staates bei der Regelung betrieblicher Angelegenheiten und bei Tarifauseinandersetzungen. Der Betrieb ist die entscheidende organisatorische Ebene für Gewerkschaftstätigkeit. Die wichtigste Rolle bei Verhandlungen über Lohn- und Arbeitsbedingungen spielen auf der Seite der Arbeitnehmer die in den Betrieben gewählten Vertrauensleute der Belegschaft, die shop stewards. Shop stewards müssen keine Gewerkschaftsmitglieder sein, sind es aber häufig. General unions werden diejenigen Gewerkschaften genannt, die über Berufsgruppengrenzen hinweg Mitglieder organisieren. Diese historisch gesehen jüngste Organisationsstrategie der britischen Gewerkschaften ist heute die dominierende. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen ist in der Arbeitnehmerschaft die Bereitschaft, sich gewerkschaftlich zu organisieren, stetig gesunken. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ging von 54 Prozent 1979 auf ca. 29 Prozent 2007 zurück. Im öffentlichen Sektor beträgt dieser noch 60 Prozent, in der Privatwirtschaft nur 20 Prozent. Viele Kleingewerkschaften haben sich angesichts massiven Mitgliederschwundes anderen, zum Teil auch größeren Gewerkschaften angeschlossen, um schlagkräftig zu bleiben. Zum anderen haben General Unions den Vorteil, die vor allem in den 1970er Jahren für zahlreiche Streiks verantwortlichen Machtkämpfe der Kleingewerkschaften um Mitglieder und um die Abgrenzung von Berufsgruppen, die in die Organisations"hoheit" der jeweiligen Gewerkschaft fielen, überflüssig zu machen.

Die Anpassung der Gewerkschaftsorganisationen an wirtschaftliche Erfordernisse hat den Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften nicht aufhalten können. In ihren besten Zeiten hatten die Gewerkschaften 13,2 Millionen Mitglieder (1979). 2005 waren es noch ca. 7,6 Millionen. Die meisten (58) Gewerkschaften gehören dem 1868 gegründeten Gewerkschaftsdachverband Trades Union Congress (TUC) an. Er gab für sich für das Jahr 2006 fünf Millionen Mitglieder an.

Der TUC ist wenig schlagkräftig und hat seit den 1980er Jahren den Zugang zur Regierung verloren. In Fragen der Wirtschaftspolitik suchen auch Labour Regierungen heute den Rat der Unternehmer. Die Regierung Blair hat zwar einige Forderungen des TUC aufgenommen, wie zum Beispiel die Einführung eines staatlichen Mindestlohns oder die Erleichterung der Zulassung der Gewerkschaftstätigkeit in Betrieben. Die Anerkennung einer Gewerkschaft als betriebliche Interessenvertretung ist allerdings weiterhin an Voraussetzungen geknüpft, die nicht leicht zu erfüllen sind. Mehr als 50 Prozent der Beschäftigten müssen Gewerkschaftsmitglieder sein, und die Betriebsangehörigen müssen sich in ihrer Mehrheit bei einer Urabstimmung für diese Art der Interessenvertretung einsetzen. Nur noch in 31,7 Prozent der britischen Privatunternehmen gab es 2007 Gewerkschaftsmitglieder.

Regionale Entwicklungsunterschiede

Innerhalb Englands besteht ein deutliches wirtschaftliches Gefälle zwischen dem Süden und dem Norden des Landes. Die Wirtschaftspolitik der 1980er Jahre hat die nördlichen Regionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf die traditionelle Großproduktion in den Bereichen Kohle, Stahl und Schiffbau angewiesen waren, durch Subventionsabbau und die Reduktion regionaler Förderprogramme weiter zurückgeworfen. Neue Wachstumsindustrien siedelten sich nicht im englischen Norden, sondern zunächst in der Gegend um London und in den West Midlands an. Gründe hierfür sind die bereits bestehenden Hochtechnologie-Einrichtungen an den dortigen Universitäten, sowie die Anbindung an die Rüstungsindustrie im Süden und an die Dienstleistungsmetropole London. Hinzu kommt, dass die neuen Industrien rohstoffunabhängig sind und deshalb landschaftlich intakte Investitionsstandorte mit einem ausreichenden Kulturangebot suchen, wie sie vor allem der englische Süden bietet.

Wachstumskern ist die Region Südosten. Hier sind die Arbeitslosenraten am niedrigsten und die Einkommen am höchsten. Schottland und Wales gehören zwar traditionell ebenfalls zu den benachteiligten Gebieten. In Schottland ist es aber zwischenzeitlich gelungen, eine eigene Hochtechnologie-Industrie aufzubauen. Südwales hat sich aufgrund aggressiven Werbens um ausländische Direktinvestitionen und dank gut ausgebildeter, auch zu Niedriglöhnen arbeitender Menschen überraschend schnell von einer Art englischem Ruhrgebiet zu einem bevorzugten Investitionsstandort ausländischer Firmen aller Art entwickelt. Ein Problemfall regionaler Entwicklung ist weiterhin Nordirland, das sich in erster Linie durch Zuschüsse aus dem britischen Haushalt finanziert. Der erfolgreiche Verlauf des Friedensprozesses ist aber von einem ermutigenden Engagement zahlreicher ausländischer Investoren begleitet.