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Bildung und Kultur

Roland Sturm

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Queen Elisabeth II betrachtet die Büste Camillas, die zweite Ehefrau ihres Sohnes Charles. (© picture-alliance/AP)

Einleitung

Mit dem Education Act von 1944 (Butler Act) sollte im Geiste der Wahrnehmung staatlicher Verantwortung für die Gesellschaft das Recht aller jungen Britinnen und Briten auf eine umfassende Bildung gesichert werden, ohne Ansehen der Person und vor allen Dingen unabhängig vom Vermögen, dem Einfluss oder der sozialen Stellung der Eltern. Durch dieses Gesetz wurde erstmals auch ein Ministerium für das Erziehungswesen eingerichtet, dem aber in erster Linie eine Schieds- und Überwachungsfunktion auf dem Felde der Bildungspolitik zukommen sollte. Die eigentliche Schulverwaltung blieb in den Händen der kommunalen Schulbehörden (Local Education Authorities, die LEAs). Die LEAs bauten die Schulen, stellten die Lehrer ein und beschafften die Lehrmittel. Die Lehrpläne wurden in der Regel im Auftrag der LEAs von den leitenden Lehrkräften vor Ort in Zusammenarbeit mit den dort ansässigen Universitäten erstellt. Die britischen Lehrerinnen und Lehrer sind Angestellte. Ihre Verträge sind kündbar, und sie haben das Recht zu streiken. Aufgrund der von der Londoner Regierung in den 1980er Jahren erfolgreich vorgegebenen Ausgabenbegrenzungen für den Etatposten Lehrergehälter gehören heute die britischen Lehrergehälter zu den niedrigsten Europas. Dies ist ein wichtiger Grund für den zum Teil akuten Lehrermangel an britischen Schulen.

Schulwesen

Die allgemeine Schulpflicht beginnt im Alter von fünf Jahren. Bis zum Alter von in der Regel elf Jahren besuchen die Kinder die Grundschule. Danach werden sie mindestens bis zum Alter von 16 Jahren an weiterführenden Schulen unterrichtet. Durch die entsprechenden politischen Initiativen der Labour-Regierungen in den 1970er Jahren sind heute über 90 Prozent der staatlichen weiterführenden Schulen Gesamtschulen (comprehensive schools). Daneben blieb in einigen wenigen Gemeinden das gegliederte Schulsystem mit dem Gymnasium (grammar school) bzw. der Realschule (secondary modern school) als weiterführenden Schulen erhalten. Außerhalb des staatlichen Sektors gibt es ein breit ausgebautes privates Schulwesen (public schools), zum Teil auch in der Form von Internaten. Die führenden Privatschulen, wie Eton, Charterhouse, Ampleforth, titel3es College und andere sind die weitaus besten Schulen im Lande.

Alle Schulen sind Ganztagsschulen. Die Schülerinnen und Schüler nehmen hier ihre Mittagsmahlzeiten ein, und in der Regel werden auch ihre Hausaufgaben betreut. Schulsport, Geselligkeit und andere Aktivitäten, die das Gemeinschaftsgefühl stärken, haben einen großen Stellenwert. Eine Reihe von Traditionen hat bis auf den heutigen Tag hartnäckig überlebt, wie beispielsweise das Tragen von Schuluniformen, der Talar des Rektors oder das Schulgebet.

Schulabschlüsse werden in Großbritannien in weniger Fächern erworben als in Deutschland. Die Reformgesetzgebung des Jahres 1950 beendete die Orientierung der Abschlussprüfungen an einer Reihe von Kern- und Nebenfächern. Prüfungen für das damals eingeführte General Certificate of Education (GCE) können seit 1951 in ausgewählten Fächern im Alter von 16 Jahren auf dem O-Level (ordinary level = mittlere Reife) und im Alter von 18 Jahren auf dem A-Level (advanced level = Abitur) abgelegt werden. Das Bestehen von vier Fächern in einem O-Level-Examen stellt einen guten Durchschnitt dar. Eine der Voraussetzungen für das Studium an den Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge sind drei sehr gut bestandene A-Level-Prüfungen. Die Spezialisierung der Schülerinnen und Schüler auf weniger Prüfungsfächer führt dazu, dass das Niveau der A-Level-Prüfungen in diesen Fächern anspruchsvoller ist als das deutsche Abitur. Aber das Wissen der Schüler ist weniger umfassend als das ihrer deutschen Altersgenossen. Die Idee, dass die Breite des Bildungsangebots besser berücksichtigt werden sollte, führte zur Einführung des ergänzenden AS-Levels bei Abschlussprüfungen. Mit geringerem Zeitaufwand (etwa mit der Hälfte der Zeit, die ein Schüler für eine A-Level-Prüfung benötigt) sollen beispielsweise naturwissenschaftlich begabte Jugendliche die Möglichkeit wahrnehmen, eine Fremdsprache zu erlernen.

Seit 1965 gab es für weniger begabte Schüler die Möglichkeit, ihr Examen nach den Standards des Certificate of Secondary Education (CSE) abzulegen. Damit sollte vermieden werden, dass, wie zuvor, ein großer Teil der 16jährigen Schulabgänger sich ohne bestandene Prüfungen auf dem Arbeitsmarkt um einen Arbeitsplatz bemühen musste. Die Bestnote des CSE entsprach in etwa einem O-Level-Examen. Seit Herbst 1986 wurde der Mittlere Reife-Abschluss vereinheitlicht und so umstrukturiert, dass jeder Schulabgänger einen Leistungsnachweis erhalten kann. Das neue GCSE (General Certificate of Secondary Education) ersetzte das CSE und die O-Levels. Es betont stärker künstlerische, technische und handwerkliche Fertigkeiten. Hinzu kommt das Einbeziehen schulischer Leistungen im Unterrichtsjahr, die früher bei den von den Schulbehörden extern gestellten Abschlussprüfungen keine Rolle spielten.

Berufliche Bildung

Nach der Schule wurden schlecht ausgebildete Jugendliche lange Zeit auch nicht von einem System beruflicher Bildung aufgefangen. Vor 1980 waren die Berufsbildung oder Kontakte zwischen Schule und Industrie so gut wie unbekannt. Üblich war das Anlernen der jungen Leute in den Betrieben, in denen sie Arbeit fanden. Der Anteil der ungelernten Arbeiter an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen betrug fast zwei Drittel.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre lag der Schwerpunkt der Ausbildungsförderung für Jugendliche noch bei finanziellen Anreizen für einstellungswillige Betriebe. Von staatlicher Seite wurde aber auch erstmals der Versuch gemacht, verbindliche Standards für die berufliche Bildung zu etablieren. Der Nationale Rat für berufliche Bildung (National Council for Vocational Qualifications) legte fünf Stufen der beruflichen Qualifikation fest: Routinearbeiten (routine); Selbständiges Arbeiten (operative); Handwerkliches Arbeiten (craft); Techniker (technician) und Experte (professional). Auf lokaler Ebene organisierte das Netzwerk der von den Unternehmen und vom Staat getragenen Qualifizierungszentren (Training and Enterprises Councils) öffentliche Ausbildungsprogramme. Alle Schulabgänger erhielten Ausbildungsgutscheine (Youth Credits), mit denen sie sich Ausbildung bis mindestens zum zweiten Niveau (selbständiges Arbeiten) auf dem freien Markt bei einem Anbieter ihrer Wahl kaufen konnten. Kurz nach Einführung der NVQs boten bereits 30 Prozent der Unternehmen einigen oder allen ihrer Angestellten die Möglichkeit, sich für NVQs zu qualifizieren. Unbefriedigend blieb aber, dass NVQs meist nur auf den unteren Niveaus erworben wurden.

Neben dem NVQ-Programm wurde auch ein Lehrlings-Programm aufgelegt, das für handwerkliche und technische Berufe qualifizierte. Finanzielle Anreize wurden zusätzlich für die betriebliche Ausbildung geschaffen. Ausbildungsbetriebe konnten ihre Arbeitsverträge mit den Auszubildenden und deren Bezahlung abweichend von gesetzlichen Bestimmungen zu ihren Gunsten gestalten und erhielten öffentliche Anerkennung durch Preise und Auszeichnungen. All dies ersetzt noch nicht ein nationales System der beruflichen Bildung. In Großbritannien bleiben die Möglichkeiten auf diesem Sektor weiterhin vor allem eine Ermessensfrage, die die Betriebe beantworten müssen.

Schulreform

Ebenso wie im Gesundheitswesen sollten es im Schulwesen nach Wunsch der Regierung Thatcher marktwirtschaftliche Mechanismen ermöglichen, die Effizienz der staatlichen Aufgabenwahrnehmung zu erhöhen. Eine Reform des Schulwesens wurde aus Regierungssicht vor allem von den Kommunen, in deren Mehrzahl die Konservative Partei keine Mehrheit hatte, und von deren LEAs blockiert. Per Parlamentsgesetz wurde 1979 den kommunalen Schulbehörden verboten, die ihnen unterstellten Schulen zu zwingen, sich in Gesamtschulen umzuorganisieren. Ein Jahr später erhielten die Eltern das Recht der freien Schulwahl. Den LEAs wurde 1990 das Argument genommen, die freie Schulwahl scheitere an der Aufnahmefähigkeit der Schulen. Die Kommunen verloren das Recht, die Schülerzahlen der einzelnen Schulen zu bestimmen. Die Schulen sollten nun selbst entscheiden und dabei dem Elternwunsch nach einem Schulwechsel möglichst nachkommen (open enrolment).

Mit der Einführung überwiegend national einheitlicher Lehrpläne Ende der 1980er Jahre und der Einrichtung von 15 City Technology Colleges wurde das Schulwesen weiter zentralisiert. Für die City Technology Colleges, die direkt dem Londoner Erziehungsministerium unterstellt wurden, sollten Sponsoren aus der Industrie gefunden werden. Ihr Ausbildungsschwerpunkt sollte im Bereich der neuen Technologien liegen. Diese Idee einer modernen Alternative zu den weiterführenden Schulen fand aber in der Folgezeit kaum Unterstützung.

Neben seinen Eingriffsmöglichkeiten verstärkte das Londoner Erziehungsministerium auch die Leistungskontrolle. Die Schülerleistungen werden jeweils beim Erreichen der Altersstufen sieben, elf und 14 Jahre nach einer von der Zentralregierung vorgegebenen Acht-Punkte-Skala bewertet. Die Ergebnisse und die Noten für A-Level- und GCSE-Level-Prüfungen bilden die Grundlage für eine Leistungsbewertung sowohl der Schüler als auch der Lehrkräfte. Seit 1992 werden diese in der Form von Ranglisten aller staatlichen Schulen veröffentlicht, die auch Angaben über versäumte Unterrichtsstunden wegen Schulschwänzens und die Nettounterrichtszeit enthalten. Sie dienen den Eltern als Orientierung für die Schulwahl, dem Staat als Kriterium für die Vergabe öffentlicher Mittel und den Schulen als Anreiz im Wettbewerb um Schüler und Finanzen.

Eine noch stärkere Wettbewerbsorientierung erhoffte die Regierung Major von der Herauslösung der Schulen aus der Verantwortung der kommunalen Schulbehörden. Die Eltern sollten sich hierfür freiwillig entscheiden. Die Regierung lockte mit der Aussicht auf großzügige Budgetzuweisungen. Schulen, die direkt aus dem Staatshaushalt durch eine Globalzuweisung finanziert werden, erhalten die Möglichkeit, eigene Tarifgruppen für die Bezahlung ihres Personals zu erstellen und Lehrkräfte eigenständig einzustellen bzw. zu entlassen. Der Zuschuss des Zentralstaats an die Kommunen für weiterhin von den LEAs kontrollierte Schulen orientiert sich seit 1990 an der Schülerzahl. Die kommunalen Schulbehörden wurden verpflichtet, 85 Prozent ihres Budgets (von der Regierung Blair auf 100 Prozent erweitert) direkt an die Schulen weiterzuleiten. Damit erreichen auch diese eine weitgehende Budgethoheit. Durch die Möglichkeit des Eingruppierens von Lehrern in unterschiedliche Tarifgruppen können auch traditionelle Schulen bis zu einem gewissen Grade eigenständige Personalpolitik betreiben. Schulen können ihre Einnahmen in Eigeninitiative, zum Beispiel durch das Vermieten von Räumen oder Sportanlagen, verbessern. Die Regierung Blair eröffnete den Schulen im Bereich der LEAs die Möglichkeit, bei dauerhaft hoher Leistung als Foundation Schools eigenständiger zu operieren.

Die seit 1997 amtierenden Labour-Regierungen haben die Politik der Marktorientierung und der Zentralisierung des Schulwesens fortgeführt. Sie versuchten diese Strategie mit Initiativen zur Verbesserung schulischer Leistungen, zu größerer Schulvielfalt und damit eines passgenaueren Schulangebots sowie dem Abbau sozialer Benachteiligung zu koppeln. Gebiete mit unterdurchschnittlichen Schulleistungen sollten zu Education Action Zones (später Teil der Initiative Excellence in Cities) werden. Jeder Zone wurde ein Zuschuss von 750 000 Pfund zugewiesen, und die teilnehmenden Schulen erhielten größere Freiheiten bei der Bezahlung von Lehrpersonal, um die Besten anzulocken. Sie durften auch die Lehrinhalte verändern, um sie den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler (z.B. Leseschwächen) anzupassen. Schulen sollten sich durch private Sponsoren teilfinanzieren oder durch private Partner betrieben werden. Labour führte die Ausdifferenzierung des Schulsystems durch weitere Schulformen fort. Beacon Schools (Leuchtturmschulen) sollten wegen ihrer weit überdurchschnittlichen Leistungen helfen, lokale Bildungsmärkte zu entwickeln. Specialist Schools sollten sich stärker an lokalen Bedürfnissen ausrichten. Sie dürfen bis zu zehn Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler nach Begabung auswählen. Es bleibt allerdings umstritten, ob die neue Schulfreiheit und -vielfalt die Probleme des Schulwesens, wie die große Zahl der Schulabbrecher, hohe Fehlzeiten von Schülern, fehlende Grundkenntnisse trotz Schulabschluss oder die Trennung der Schüler nach sozialer Herkunft lösen kann. 2007 kündigte die Regierung Brown an, die allgemeine Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr verlängern zu wollen und Jugendlichen einen Anspruch auf eine staatlich vermittelte Lehre einzuräumen.

Universitäten

Auch die Universitäten wurden in der Regierungszeit Margaret Thatchers und John Majors in vielerlei Hinsicht zu Wirtschaftsunternehmen umgebaut. Die ältesten britischen Universitäten, Oxford und Cambridge, wurden im 12. und 13. Jahrhundert gegründet. Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden die klassischen schottischen Universitäten: St. Andrews, Glasgow, Aberdeen und Edinburgh. Alle anderen Universitäten wurden im 19. und 20. Jahrhundert gegründet (30 nach 1945), wobei je nach Baustil zwischen den älteren red brick (rote Ziegelstein-)Universitäten und den neueren steel and glass (Stahl- und Glas-)Universitäten unterschieden wird. Seit Mitte der 1960er Jahre kamen die Fachhochschulen (Polytechnics) hinzu, die zunächst kommunal verwaltet und ab 1992 den Universitäten gleichgestellt wurden. Seit 1969 arbeitet eine sehr erfolgreiche Fernuniversität, die Open University , deren Campus sich in Milton Keynes, Mittelengland befindet. Hier können Berufstätige auch ohne formale Hochschulzugangsqualifikation studieren. Es gibt mit der University of Buckingham nur eine, relativ unbedeutende Privatuniversität.

Ende der 1980er Jahre stellte der Staat die Vollfinanzierung der Universitäten ein. Leistungsbewertungen wurden nun zur Grundlage staatlicher Zuschüsse. Die Bewertung der Forschungsleistungen begann in einer ersten Runde 1992 bis 1994, die Evaluierung der Leistungen in der Lehre begann 1995. Nach Abschluss der Bewertung werden Ranglisten veröffentlicht, die den besten Universitäten bzw. den bestbewerteten Fächern erlauben sollen, ihre Marktposition im Wettbewerb um gute Studenten, Geldgeber und ausgezeichnete Forscher zu optimieren. Ziel der neuen Strukturen ist nicht nur die Qualitätskontrolle, sondern auch die Verbesserung der Effizienz der Universitäten, beispielsweise durch Personalabbau, längere Arbeitszeiten für Akademiker oder flexiblere Beschäftigungsverhältnisse. Die Zahl der Akademiker mit Zeitverträgen ist sprunghaft angestiegen. Die Universitäten sind in die Pflicht genommen, in gegenseitiger Konkurrenz um "Kunden", zu denen nicht zuletzt auch gebührenzahlende ausländische Studenten gehören, ihren finanziellen Eigenbeitrag zu erhöhen. Hierzu dienen auch der Verkauf von Universitätseigentum, zum Beispiel von Grundstücken, das Erbringen von Dienstleistungen durch die Universität, Auftragsforschung, die Beratertätigkeit von Universitätsangehörigen und sogar Firmenbeteiligungen und Börsengeschäfte.

Die Finanzierung der Studierenden ist immer noch zu einem großen Teil eine Staatsaufgabe. 1990 wurden aber die von den Heimatkommunen der Studenten bezahlten staatlichen Stipendien eingefroren. Studenten sollten sich zusätzlich benötigte Finanzmittel durch Kreditaufnahme besorgen. Mitte der 1990er Jahre wurde die Höhe der Stipendien weiter gekürzt. Die Regierung Blair führte vom Elterneinkommen abhängige Studiengebühren von jährlich maximal 1000 Pfund ein. Die Folgen dieser Finanzierungspolitik waren unter anderem eine deutliche Verschlechterung der sozialen Lage der Studierenden und eine nachlassende Mobilität, da die Studierenden häufig die finanziellen Belastungen durch Verbleib im Elternhaus zu verringern suchten.

Die Zahl der Studierenden ist aber, trotz der ungünstigeren Bedingungen für ein Studium, nicht rückläufig. Seit 1989 ist es offizielle Politik der Regierung, die Zahl der Universitätsabsolventen zu erhöhen. Die Universitäten behielten aber das Recht, selbst über die Zulassung von Studenten zu entscheiden. Der Staat versucht, die Universitäten dadurch zur Zulassung möglichst vieler Studenten zu bewegen, dass er ihre Finanzierung auch an die Zahl der Studierenden knüpft. Je weniger die Universitäten auf staatliche Gelder angewiesen sind, desto freier sind sie deshalb in der Auswahl ihrer Studenten. Gutsituierte Universitäten können es sich leisten, nur wenige, ausgezeichnete Studenten zuzulassen, eine Politik, die letztendlich ihren guten Ruf festigt und ihnen noch mehr Einkommensmöglichkeiten eröffnet.

Presse

Großbritannien gilt als ein Land der Zeitungsleser, übertroffen nur von Deutschland, das nach verkaufter Auflage den mit Abstand größten Tageszeitungsmarkt in Westeuropa aufweist. Die Gesamtauflage der (104) Tageszeitungen beträgt, trotz eines Rückgangs um zwei Millionen seit den 1970er Jahren noch rund 12 Millionen Exemplare.

Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen den Massenblättern (tabloids), die mit spektakulären Aufmachern um die Gunst des Massenpublikums konkurrieren, und den seriösen Tageszeitungen (quality papers). Neben den nationalen Blättern gibt es circa 1300 lokale und regionale Zeitungen. In Wales wird zusätzlich zur nationalen Presse die Western Mail gelesen. Sie erreicht etwa 20 Prozent der walisischen Leserschaft. In Schottland gibt es eine relativ eigenständige Presselandschaft mit den führenden Zeitungen Scottish Daily Record, Scotsman (Edinburgh) und Herald (Glasgow). Keine der in London produzierten Tageszeitungen erreicht in Schottland einen Leserkreis von mehr als sechs Prozent. In Nordirland erscheinen mit unionistischer Ausrichtung der News Letter und, mit nationalistischer Tendenz, die Irish News.

Der Pressemarkt ist hoch konzentriert. Vier Unternehmen (Trinity Mirror, Newsquest, Daily Mail and General Trust und Johnston Press) beherrschen 64 Prozent des regionalen Zeitungsmarkts. Der nationale Markt wird mit einem Marktanteil von 87 Prozent (2005) von News International, Eigentümer Rupert Murdoch (Sun, Times, Sunday Times, News of the World), Daily Mail and General Trust, Eigentümer Lord Rothermere (Daily Mail, Mail on Sunday), Trinity Mirror, Eigentümer Victor Blank (Daily Mirror, Sunday Mirror, People) und Northern and Shell, Eigentümer Richard Desmond (Daily Express, Daily Star, Sunday Express, Daily Star Sunday) beherrscht.

Die nationalen Blätter sind relativ eindeutig politischen Richtungen zuzuordnen. Der Konservativen Partei am nächsten steht der Daily Telegraph, gefolgt von der Times. Independent und Financial Times bewegen sich in der Mitte des politischen Spektrums, während der Guardian als linksliberal gilt. Bei den Massenblättern werden die Daily Mail, der Daily Express und der Daily Star konservativen politischen Positionen zugeordnet, das größte Massenblatt, die Sun (Auflage circa vier Millionen) unterstützte zeitweise mit Vorbehalt, insbesondere was dessen europafreundlichere Politik betraf, Tony Blair. Der Daily Mirror steht traditionell der Labour Party nahe.

Der britische Medienmarkt wurde seit den 1970er Jahren immer wieder durch die Strategien des australischen Millionärs Rupert Murdoch in wichtigen Bereichen neu gestaltet. Murdoch kaufte sich 1968 in den Zeitungsmarkt ein, als er die größte britische Sonntagszeitung News of the World erwarb. 1969 wurde er Besitzer der Sun und 1981 der Times und der Sunday Times. Murdoch modernisierte die Produktion von Zeitungen in Großbritannien und war der Vorreiter der Produktionsverlagerung heraus aus dem traditionell als Londoner Zeitungsviertel geltenden Fleet-Street-Viertel in die von Margaret Thatcher als Stadtentwicklungsgebiet ausgebauten Docklands (Wapping) im Londoner East End. Ein bemerkenswertes Beispiel seiner Absatzstrategie ist der Image-Wandel der Times. Diese 1785 gegründete älteste Tageszeitung des Landes galt als eine politisch-moralische Institution, deren "Donnergrollen" ("The Old Thunderer") manche Regierung zu erschüttern vermochte. Heute hat das Blatt auf der ersten Seite, auf derdie Redaktion früher aus Gründen der Seriosität nicht einmal Bilder duldete, nicht nur farbige Abbildungen, sondern auch Werbeflächen und Bingospiele anzubieten. 1995 wurde sogar erstmals die gesamte Auflage der Times vom Software-Giganten Microsoft aufgekauft und zu Werbezwecken verschenkt.

Murdoch war aber nicht nur der Vorreiter der Kommerzialisierung und der Trivialisierung der britischen Medienlandschaft, er hat mit Hilfe der von ihm kontrollierten Medien auch immer politischen Einfluss zu nehmen versucht. In den konservativen Regierungsjahren bis zur Wahl John Majors 1992 waren die Murdoch-Blätter wichtige Verbündete und Wahlkampfhelfer der Konservativen Partei. Tony Blair hat schon in der Opposition die Verbindung zu Murdoch gesucht. Murdoch unterstützte Tony Blair im Wahlkampf 1997. Nach seinem Wahlsieg hat Blair alles getan, um das Presseimperium Murdochs auf seiner Seite zu halten.

Wie kaum eine andere hat sich die britische Zeitungsbranche der digitalen Zukunft verschrieben. Sie spielt eine zentrale Rolle beim britischen Verband der Online-Verleger (Association of Online-Publishers). Während die Druckauflagen der Zeitungen jährlich um zwei bis sechs Prozent schwanden, haben die Verlage mit Millioneninvestitionen ihr Internet-Angebot ausgebaut, das weltweit nachgefragt wird.

Fernsehen

Fernsehen ist in Großbritannien die beliebteste Freizeitbeschäftigung. 1980 konnten die Briten innerhalb einer Woche aus 300 Stunden Fernsehprogramm auswählen, das von drei Sendern angeboten wurde. 2004 wurden 40 000 Programmstunden von über 250 Sendern angeboten, ohne Bezahlfernsehen und interaktive Angebote. 2005 konnten 61,9 Prozent der Haushalte Digitalfernsehen empfangen, davon über die Hälfte via Satellit (BSkyB).

Von 1955 bis 1990 beschränkten sich die Wahlmöglichkeiten der Zuschauer auf zwei Anbieter und ihre Programme: Die gebührenfinanzierte staatliche BBC (British Broadcasting Company) und die durch Werbeeinnahmen finanzierte IBA (Independent Broadcasting Authority). Beide Anbieter konkurrierten mit eher populär - (BBC1, ITV=Channel 3) und eher kulturorientierten Sendern (BBC2, Channel 4). Dies waren bis 1997 auch die vier terrestrischen Kanäle. 1997 kam der kommerzielle Channel 5 (ITV) hinzu. In Wales wird Channel 4 als in großen Teilen walisischsprachiger Sender genutzt (Wales S4C). 1990 wurde aus der IBA die Independent Television Commission (ITC), die nicht mehr als Sendeveranstalter agierte, sondern nur noch für die Lizenzierung der Privatsender zuständig war. Die Quersubventionierung für Channel 4 durch die privaten ITV-Sender wurde abgeschafft. Das Rundfunkgesetz von 2003 liberalisierte den Fernsehmarkt noch stärker. Aus vormals 15 ITV-Sendern wurde durch Zusammenschluss ein einziger. Für ITV gilt, dass Eigentümer landesweiter Zeitungen mit einem Marktanteil von mehr als 20 Prozent keine eigene Fernsehlizenz oder nicht mehr als 20 Prozent an einem Fernsehsender besitzen dürfen. Für Rupert Murdoch war von großem Interesse, dass für Channel 5 diese Bestimmung 2003 aufgehoben wurde und dass terrestrische Lizenzen auch an außereuropäische Investoren vergeben werden können. Murdoch besitzt 38 Prozent des von ihm geleiteten größten Satellitensenders BSkyB und kaufte 2006 17,9 Prozent von ITV. BBC1 und ITV sind die meistgesehenen Kanäle. Über den von der BBC 2002 gegründeten digitalen Antennensender Freeview können verschiedene Fernseh- und Rundfunkkanäle kostenlos empfangen werden.

Die BBC ist mit der Begrenzung ihrer Gebühreneinnahmen auf den Ausgleich der Inflationsrate von finanzieller Auszehrung bedroht. Kostendruck erzeugen nicht zuletzt die steigenden Personalkosten. Ein gewisser Personalüberhang besteht bereits dadurch, dass die Regierung die BBC verpflichtete, 25 Prozent ihrer Programme von privatwirtschaftlichen Anbietern herstellen zu lassen und die Studios und die Programmgestaltung der BBC teilweise von London in die Regionen des Landes zu verlagern. Die kommerziellen Wettbewerber der BBC sehen in Rundfunkgebühren dennoch eine Wettbewerbsverzerrung zu ihren Ungunsten und fordern deren Abschaffung bzw. eine Beteiligung an diesen Einnahmen. Als 2007 die Regierung die Gebühreneinnahmen der BBC für die nächsten sechs Jahre begrenzen wollte, reagierte die BBC mit der Ankündigung, 1 800 Mitarbeiter entlassen und das 1960 eingeweihte Fernsehproduktionszentrum im Londoner Stadtteil Shepherd's Bush verkaufen zu wollen. So soll ein erwartetes Defizit von zwei Milliarden Pfund aufgefangen werden. Als Ziel der BBC nannte ihr Generaldirektor Mark Thompson ein um zehn Prozent geschrumpftes, dafür aber markanteres Sendeangebot.

Unterhaltungssektor

Die Unterhaltungsindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Landes. Der britische Weltmarktanteil am Umsatz mit Kulturprodukten jeglicher Art betrug 1998 16 Prozent und damit dreimal mehr als der Gesamtanteil des Landes am Welthandel. Nach Verlagsprodukten (1,9 Milliarden) ist Musik (1,5 Milliarden) das wichtigste Exportprodukt. 1,4 Millionen Menschen gelten als "Kreativarbeiter". Jedes Jahr entstehen in dieser Branche circa 50000 neue Jobs.

Namen wie Harold Pinter (Dramatiker), Sir Andrew Lloyd Webber (Musical), Sir V.S. Naipaul (Schriftsteller) oder Vanessa Redgrave (Schauspielerin) sind über die Landesgrenzen bekannt. Für viele London-Besucher gehört das Theater im Londoner West End zum Pflichtprogramm. 2003 hatten die West End-Bühnen circa zwölf Millionen Besucher. Mehr als die Hälfte von ihnen kamen, um Musicals zu sehen. Großbritannien hat eine lebendige Theaterkultur, deren Lebenselixier nicht zuletzt immer wieder neue erfolgreiche Stücke bekannter und neuer Autoren sind, die von Regisseuren, wie Sir Peter Hall oder Richard Eyre, auf die Bühne gebracht werden.

1989 wurden am Südufer der Themse die Reste des Globe Theatre, an dem der berühmte englische Dramatiker William Shakespeare (1564-1616) aufgetreten war, und des Rose Theatre, wo zu seinen Lebzeiten seine Stücke gespielt wurden, ausgegraben. Eine moderne Rekonstruktion des Globe Theatre in der Nähe seines ursprünglichen Standorts wurde 1996 fertiggestellt.

Auch Konzertveranstaltungen finden in London einen würdigen Rahmen, unter anderem in der Royal Festival Hall, der Barbican Hall oder der Royal Albert Hall. In der Royal Albert Hall findet jedes Jahr im Sommer eine Serie von Promenadenkonzerten statt, die ihren Höhepunkt in der Last Night at the Proms findet. Dieses letzte Konzert ist eine Mischung von Kunstgenuss und Verkleidungsspektakel mit Gesangseinlagen des Publikums. Seine Popularität ist inzwischen so gewachsen, dass es zeitgleich auf eine große Leinwand in den Londoner Hyde Park übertragen wird, wo sich zu diesem Anlass zehntausende Besucher einfinden.

2006 konnte das Land auf eine 110 Jahre währende Kinogeschichte zurückblicken. Britische Schauspieler und Filmemacher gewannen allein in der Zeit von 1976 bis 1996 30 Prozent aller in Hollywood verliehenen Film-Oscars. Sean Connery, Michael Caine, Hugh Grant, Emma Thompson oder Helen Mirren sind nur einige der international bekannten britischen Filmschauspieler. Der Anteil britischer Filme in den heimischen Kinos erlangt im Vergleich zur dominierenden Hollywoodware jedoch nur sporadisch Bedeutung, wenn einzelne Produktionen, wie 1997 "The Full Monty" (deutsch: "Ganz oder gar nicht", eine Filmkomödie über arbeitslose Sheffielder Stahlarbeiter), spektakuläre Erfolge werden. Häufig entstehen erfolgreiche Filme mit britischen Themen und britischen Schauspielern mit Blick auf den amerikanischen Markt oder sind amerikanische Produktionen ("Four Weddings and a Funeral", "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", 1994, mit britisch-amerikanischem Starensemble, "Calendar Girls", 2002, eine transatlantischeGeschichte oder die Harry Potter-Filme, eine britisch-amerikanische Koproduktion). Britische Filme, die mehr als 20 Millionen Pfund kosten, erhalten einen Steuernachlass von 16 Prozent, kleinere Produktionen einen Nachlass von 20 Prozent. Ob ein Film als britisch und damit subventionswürdig gilt, entscheidet ein Punktesystem. Einen Punkt gibt es beispielsweise für einen britischen Regisseur, zwei, wenn mehr als die Hälfte des Films in Großbritannien gedreht wurde.

Die Filmindustrie spielt eine wichtige Rolle für die britische Wirtschaft. Sie trug 2004 3,1 Milliarden Pfund zum BIP bei und zahlte 850 Millionen Pfund Steuern. 33 500 Menschen waren 2008 direkt in diesem Wirtschaftszweig beschäftigt, 66 000 profitierten indirekt in Sektoren wie dem Tourismus oder der Werbeindustrie. Für ausländische Filmprojekte ist Großbritannien der zweitwichtigste Produktionsstandort nach Hollywood. Für die Förderung der britischen Filmindustrie ist der UK Film Council zuständig. Er hat ca. 90 Mitarbeiter und ein Budget von etwas weniger als 60 Millionen Pfund jährlich einschließlich der Gelder aus der staatlichen Lotterie. 15 Millionen Pfund gibt er an das British Film Institute weiter für kulturelle und Bildungsmaßnahmen rund um den Film, vor allem für das nationale Filmarchiv. Der größte Teil der Filmförderung wird durch Steuerbefreiungen erbracht, die nach Schätzungen von 2004 2,2 Milliarden Pfund jährlich ausmachen. Auch nach dem Wahlsieg der Labour Party von 1997, für den sich viele Künstler, Schauspieler und Musiker eingesetzt hatten, ist der Kulturbetrieb des Landes trotz künstlerischer Erfolge von finanzieller Auszehrung bedroht. Kunst und Kultur litten besonders stark unter der Sparpolitik der 1980er und 1990er Jahre und der Überzeugung der Politiker aller Parteien, dass sich künstlerische Qualität in einem entsprechenden Publikumsinteresse bzw. Vermarktungserfolg zeige. Die Finanzierung des Kulturbetriebes wurde so als im wesentlichen dessen eigene Aufgabe definiert. Der Einsatz von Lottogeldern zur Kulturförderung hat nur im geringen Maße Abhilfe schaffen können, denn gleichzeitig mit dem Erschließen dieser neuen Geldquelle wurden die alten Subventionsleistungen eingefroren. Größer als in der Hauptstadt London ist die Finanznot für Museen und Theater in den Regionen. Das renommierte Halle-Orchester in Manchester beispielsweise konnte kurzfristig nur durch den Verkauf kostbarer Instrumente einen Konkurs abwenden.