Sowjetunion I: 1917-1953

5.8.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Maike Lehmann
Alexandra Oberländer

Der Sieg der Bolschewiki

Der Bürgerkrieg (1918-1922)



Die Bolschewiki gewannen ihre Macht nicht mit der "Oktoberrevolution", sondern im folgenden Bürgerkrieg, in dem die "Roten", also die Bolschewiki, mit den "Weißen", dem Sammelbecken aller anderen politischen Kräfte, um die Macht kämpften. Aber der Bürgerkrieg war noch viel mehr:
  • die Abwehr der gerade unabhängig oder autonom gewordenen Regionen wie der Ukrainischen Volksrepublik, Weißrusslands, des Kaukasus und Mittelasiens gegen die Wiedereingliederung in den bolschewistischen Herrschaftsbereich,
  • die Intervention der Entente-Mächte, die den deutschen Einfluss auf die russländischen Provinzen zu begrenzen suchten,
  • der Versuch der wiederhergestellten Nation Polen, ihr Territorium auszuweiten,
  • der Kampf der "Grünen", in die Wälder geflohener Bauern, die sich zu Armeen zusammenschlossen, um ihre eigene Vorstellung von einem gerechten Staat zu verteidigen,
  • ein Test der Bolschewiki, welche Gewaltmittel sich als Herrschaftspraxis eigneten,
  • und schließlich, als die letzten Weißen 1920 bereits geflohen waren, ein Krieg gegen die Bauern, der bis 1922 dauerte.
Im Bürgerkrieg setzte sich fort, was mit dem Weltkrieg begonnen hatte: Verwüstung und Zerstörung des Landes, Entwurzelung, Verarmung und Verrohung der Menschen. (siehe Karte I)
Russland befand sich de facto immer noch im Krieg. Das Deutsche Kaiserreich hatte die Rückkehr Lenins nach Petrograd unterstützt, weil es auf den Zusammenbruch des Zarenreichs und einen schnellen Separatfrieden an der Ostfront setzte. Die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk (22. 12. 1917 - 10. 2. 1918, alt.: 9. 12. 1917 - 28. 1. 1918) scheiterten aber zunächst, sodass die deutschen Truppen eine erneute Offensive starteten und nun fast ohne Widerstand weit bis an die Narwa, nach Pskow und Kiew vordrangen. Mit dem von Lenin am 3. März 1918 akzeptierten "Diktatfrieden" verlor Sowjetrussland fast 30 Prozent seiner Vorkriegsbevölkerung und 18 Gouvernements. In Reaktion auf den deutschen Sieg landeten wenige Tage später englische und US-amerikanische Truppen im Norden Russlands, um eine Ausweitung des deutschen Einflusses zu verhindern und bereits geliefertes Kriegsgerät zu sichern. Angesichts der verlorenen "Randgebiete" und der Intervention verlegten die Bolschewiki die Hauptstadt am 12. März (s. a. Glossar -> Kalender) nach Moskau.

Gleichzeitig erwuchs auch im Inneren des Landes militärischer Widerstand. 101 vertriebene Delegierte der Konstituante, in erster Linie Sozialrevolutionäre, hatten sich an die Mittlere Wolga nach Samara zurückgezogen, um dort Bataillone zu organisieren und den Sturz der Bolschewiki vorzubereiten. Am 8. Juni 1918 erklärte das "Komitee der Mitglieder der Konstituierenden Versammlung" die bolschewistische Regierung für abgesetzt. Mithilfe der Tschechoslowakischen Legion, eines Truppenverbands von 30.000 österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen, eroberte das Komitee Simbirsk und Kasan und rief einen Gegenstaat aus. Auch in Reaktion auf das Vorrücken der Sozialrevolutionäre ließ die Sowjetregierung die in Jekaterinburg internierte Zarenfamilie in der Nacht auf den 17. Juli erschießen.

Die Gegner der Bolschewiki versuchten derweil, ihre Kräfte zu bündeln und zu einer Kooperation zu finden. Vom 8. bis 23. September versammelten sich 170 Vertreter der verschiedenen Gruppierungen und Parteien in Ufa unter dem Vorsitz von Admiral Alexander Koltschak (1874-1920) zu einer "Allrussischen Staatskonferenz". Doch noch während die Konferenz tagte, eroberte die Rote Armee die Mittelwolga zurück; am 7. Oktober fiel Samara an die Bolschewiki. Koltschak wurde in Omsk als Befehlshaber von Kosaken- und Freiwilligenverbänden zum "obersten Herrscher" ausgerufen; damit lag die Opposition in monarchischen Händen, und das letzte demokratische Experiment war gescheitert.

Als Ende 1918 die Mittelmächte aus der Ukraine abzogen, kam es zu jahrelangen Kämpfen zwischen der Roten Armee, den "Weißen", den Streitkräften der frisch ausgerufenen Ukrainischen Volksrepublik unter dem Kosaken Symon Petljura (1879-1926) und dem Anarchisten Nestor Machno (1888-1934), der bis zu 50.000 Mann anführte, die ihre eigene Vorstellung von der Agrarrevolution mit der Waffe verteidigten: das Land den Bauern, Handelsfreiheit und frei gewählte Sowjets "ohne Moskauer und Juden". In Zentralrussland griffen im Jahr 1919 die "weißen Truppen", unterstützt durch Kriegshilfen der Entente-Mächte, an drei Fronten an: Von Osten rückte Koltschak wieder in das Wolgabecken vor; er profitierte davon, dass von März bis August 1919 hier 30.000 Bauernsoldaten ein großes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht hatten, welche die Abschaffung der Beschlagnahmungen, freie Sowjetwahlen und das Ende der bolschewistischen "Komissarokratie" forderten. Aber Koltschak konnte der Roten Armee nicht standhalten, die seine Verbände an der Transsibirischen Eisenbahnlinie entlang bis Irkutsk verfolgte und aufrieb.

Quellentext

Ein Krieg der Kampfzonen, nicht der Fronten

Der Russische Bürgerkrieg erinnert in vielem an einen vormodernen Krieg, wurde aber mit modernen Waffen geführt: Maschinengewehre, Schnellfeuerkanonen, Panzerzüge, Panzerwagen, sogar Flugzeuge wurden eingesetzt, auch moderne Kommunikationsmittel wie die Eisenbahn, Telegraf oder Telefon genutzt. Als typisches und charakteristisches Kampfmittel des Bürgerkriegs wird oft der Panzerzug genannt. In der Tat gab es wohl kaum einen Krieg, in dem Panzerzüge eine so große Rolle spielten. Noch typischer aber dürfte hier ein vormodern-moderner Hybrid sein: die mit einem fest montierten Maschinengewehr bewehrten Kaleschen oder Bauernwagen, tačanka genannt. Auch die Rote Armee setzte sie massenhaft ein, sie leisteten weit bessere Dienste als motorisierte Panzerwagen und waren ein beliebtes Fotomotiv. Der Russische Bürgerkrieg war ein Krieg der Bewegung, in dem Pferdekraft von entscheidender Bedeutung war. Es gab kaum so etwas wie Fronten, obwohl von ihnen viel die Rede war, etwa als offizielle Bezeichnung von Heeresgruppen der Roten Armee. Tatsächlich gab es meistens nur Kampfzonen, in denen die Truppen nie sicher sein konnten, den Gegner vor sich und den Rücken frei zu haben. Schaut man sich an, wie dieser Krieg ganz konkret geführt wurde, ist er eher mit dem Dreißigjährigen Krieg als mit dem Weltkrieg oder gar den Kriegen des 19. Jahrhunderts zu vergleichen.
Wenn die tačanka das emblematische Kampfmittel dieses Krieges war, dann war die typische Kampforganisation weniger eine in klare Kommando- und Versorgungsstrukturen integrierte Militäreinheit als vielmehr ein selbständig operierender, mittelgroßer und beweglicher Verband. Mit anderen Worten: Soviel Organisation und Planung es aufseiten der Roten Armee und der verschiedenen Weißen Armeen auch gegeben haben mag – in der Kampfpraxis funktionierten ihre Verbände unter dem Druck der Umstände oftmals eher nach dem Muster paramilitärischer Verbände.

Felix Schnell, Räume des Schreckens. Gewalträume und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905-1933 (Reihe "Studien zur Gewaltgeschichte des 20 Jahrhunderts"), Hamburger Edition – Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Hamburg 2012, S. 254 f.



Die größte "weiße" Streitmacht aus 64.000 Kosaken, den einstigen Elitesoldaten des Zaren, und Freiwilligen stand im Süden, im Gebiet der Donkosaken, wohin sich 1917 Teile des Generalstabs und Anfang 1918 die Kadettenführer geflüchtet hatten. Unter General Anton Denikin (1872-1947) marschierten sie durch die Ukraine und erreichten im Oktober 1919 Orjol. Aber der Vorstoß zu den Truppen Koltschaks an der mittleren Wolga scheiterte, und wegen strategischer Fehler musste die Armee überstürzt den Rückzug antreten. Im Norden des Landes konnten estnische, lettische, litauische und russische Freiheitskämpfer unter General Nikolai Judenitsch (1862-1919) zwar im Oktober 1919 bis in die Vororte Petrograds vorrücken; es gelang ihnen aber nicht, die Stadt einzunehmen.

1920 sah einen Siegeszug der Roten Armee, die bis ans Schwarze Meer vorrückte, den Kaukasus eroberte und sich anschickte, Mittelasien zu überrollen. Im Krieg gegen Polen, das unter Józef Piłsudski Sowjetrussland im April 1920 angegriffen hatte, gelang es der Roten Armee unter General Michail Tuchatschewski (1893-1937) und der Ersten Reiterarmee unter Semjon Budjonny (1883-1973), die polnischen Truppen auf deren eigenes Territorium zurückzuwerfen. Unter General Pjotr Wrangel (1878-1928) unternahmen die "Weißen" im Sommer 1920 von der Krim aus einen letzten Versuch, Gebiet zu gewinnen, bevor sie sich angesichts der herannahenden "Roten", die im November die Krim eroberten, von alliierten Schiffen in letzter Minute evakuieren ließen. Im Oktober 1922 gelang es den "Roten" schließlich, auch die Gebiete in Fernost wiederzugewinnen und die japanischen Interventionstruppen zu vertreiben.

Gewalt und Pogrome

Warum siegten die "Roten", obwohl das Gebiet, das sie kontrollierten, 1918 nur noch auf ein Rumpfrussland zusammengeschrumpft war? Ihr Erfolg hatte weniger mit der Unterstützung durch Arbeiter und Bauern zu tun, wie es propagiert und auch im Westen lange Zeit wiederholt wurde. Der Erfolg lag in der straffen Organisation der Roten Armee unter Trotzki begründet, dem es gelang, viele zarische Generäle wie Tuchatschewski oder Budjonny zu rekrutieren. Sie brachten nicht nur das militärische Wissen mit, das die Bolschewiki brauchten, sondern verwirklichten auch mit den Bolschewiki Pläne, die sie teils bereits unter dem Zaren ausgearbeitet und nach dem Vorbild europäischer Kolonialmächte entwickelt hatten: die Zwangskonfiszierung von Getreide, die Erschießung von Geiseln, Deportationen und die Einrichtung von Konzentrationslagern.

Der Unterschied zwischen Russland und dem restlichen Europa bestand nicht in der Gewalttätigkeit an sich, so die neueste Forschung, sondern darin, dass in Russland derartige Gewalt auch gegen die eigene Bevölkerung angewandt wurde. In der Brutalität, so die jüngste Forschung weiter, hätten sich sämtliche Bürgerkriegsparteien nicht unterschieden; aber entscheidend sei gewesen, dass die Bolschewiki sie konsequenter und systematischer einsetzten. Es gab Gebiete, die bis zu 20-mal zwischen "Roten" und "Weißen" hin- und herwechselten, was jedes Mal neue Plünderungen, Vergewaltigungen, Lebensmittelkonfiskationen und die Erschießung von "Kollaborateuren" mit sich brachte.

Quellentext

Bürgerkrieg in der Ukraine

Die Schriftstellerin Anna Abramovna Saksaganskaja erlebte die Besetzung Jekaterinoslaws (heute: Dnipropetrowsk, Ukraine – Anm. d. Red.) durch die Machno-Truppen im Jahre 1919 hautnah mit und verarbeitete ihre Erlebnisse in einer autobiografischen Schrift mit dem Titel "Unter schwarzer Flagge". Im Frühjahr 1919 hütete sie in Jekaterinoslaw das Haus ihrer Schwester. Es war ein großes Haus, in dem mehrere Mietparteien wohnten. Als Hausbesitzer hatten die Schwester und der Schwager bei Machnos erstem Besuch in der Stadt schlechte Erfahrungen gemacht, weswegen sie sich bei seinem erneuten Herannahen am Rande der Stadt selbst zur Miete einquartierten, um nicht erneut als "Besitzer" bedroht zu sein. Anna Saksaganskaja selbst gab sich als Mieterin im Hause ihrer Schwester aus. Auch sie hatte keine große Wahl gehabt – der Hunger hatte sie aus Petersburg vertrieben und ihre Schwester war die letzte Rettung gewesen. Sie bewohnte mit der Köchin ein paar Zimmer, als Machnos Soldaten in die Stadt einfielen und die Haustür eintraten.
Es war Machnos zweiter Besuch in der Stadt. Beim ersten Mal hatte er mit seiner ihm eigenen List und Tücke ein sehr viel größeres Kontingent von Petljura-Truppen verjagt, konnte sich mit seinen Leuten aber gerade einmal vier Tage halten. Allerdings hatte sich auch diese kurze Zeit angesichts der Grausamkeiten den Einwohnern von Jekaterinoslaw ins Gedächtnis geprägt. Auf der Straße wurde buchstäblich auf alles geschossen, was sich bewegte, danach das Geschäftszentrum der Stadt geplündert und größtenteils in Schutt und Asche gelegt. Inmitten des Tumults stand Machno an einem kleinen Feldgeschütz und ließ auf die höchsten Gebäude feuern. Am Ende lagen mehr als dreihundert Leichen in den Straßen.
Machnos Truppen wurden von einer Abteilung weißer Kavallerie vertrieben, die selbst wiederum nach kurzer Zeit von einer Einheit der Bolschewiki in die Flucht geschlagen wurde. Auch Jekaterinoslaw ging jetzt wie viele Städte von einer Hand in die andere. Anna Saksaganskaja schrieb dazu: "Wir hatten uns schon so an den Krieg gewöhnt, dass uns nicht mehr interessierte, wer gerade in die Stadt einzog, sondern wir nur noch den Wechsel als solchen registrierten: Die Stadt ging wie ein Fußball von der Hand einer kämpfenden Partei in die andere." Achtzehnmal ging das so, bis sich die Rote Armee nach dem Verlust Perekops schließlich nicht mehr halten konnte. Jekaterinoslaw fiel damit im Oktober 1919 wie eine reife Frucht in Machnos Hände. […]
Bei alldem war die Todesangst allgegenwärtig: Anna Saksaganskaja wusste wie viele andere auch, dass in den sechs Wochen der Besetzung der Stadt täglich am Ufer des Dnjepr Menschen erschossen und ihre Leichen teils in den Fluss geworfen, teils einfach liegen gelassen wurden, Verwesungsgeruch hing in der Luft. Es war nicht schwer, Opfer zu finden, wie sie bemerkte: Die Denunziation blühte, Reiche, Kommunisten, Kritiker Machnos und schließlich Intellektuelle fanden sich leicht. […]
Opfer des Terrors wurden in erster Linie Weißgardisten und Offiziere oder Personen, die für solche gehalten wurden, aber auch unter der Zivilbevölkerung gab es Tote. Studenten, Kaufleute, Bäcker und eine Gruppe von Juden werden in einem Dokument genannt. […]
Es waren die Weißen Truppen des Generals Slaščev, die Machno und seine Truppen schließlich aus der Stadt vertrieben. Leichter wurde es für die Einwohner deshalb aber nicht. Die Sieger führten sich nicht wesentlich anders auf als Machnos Truppen. Was jene noch nicht geraubt hatten, nahmen jetzt die Weißgardisten, unter denen viele Inguschen und Tschetschenen gewesen sein sollen. Die verwundeten und kranken Machno-Soldaten, die in den Lazaretten und Krankenhäusern lagen, wurden an den Bäumen der zentralen Alleen erhängt. Damit hatte diese Abteilung der Freiwilligenarmee unter Slaščev allerdings auch ihren letzten Hauch getan. Wie die Armee Denikins im Ganzen, so zerfiel auch diese Einheit, und ihre Reste zogen sich alsbald nach Rostow am Don zurück. Die Bolschewiki konnten die Stadt kurz vor Weihnachten praktisch kampflos einnehmen.
Damit begann dann wiederum der rote Terror in Jekaterinoslaw. Auch die Plünderungen hörten keineswegs auf. Obwohl die Bolschewiki eher daran interessiert waren, dauerhafte Herrschaftsstrukturen aufzubauen, unterschieden sich ihre Maßnahmen und deren Resultate während des Bürgerkriegs nicht wesentlich vom Treiben der Truppen Machnos oder der weißen Einheiten. […]

Felix Schnell, Räume des Schreckens. Gewalträume und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905-1933 (Reihe "Studien zur Gewaltgeschichte des 20 Jahrhunderts"), Hamburger Edition – Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Hamburg 2012, S. 197 ff.



Anders als in der Forschung lange Zeit dargestellt, kam es nicht nur unter den "Weißen", sondern genauso unter den "Roten" zu Pogromen. Wie zur Zarenzeit, als Wirren, Krisen und Hungersnöte "den Juden" angelastet wurden, massakrierten Soldaten und Pöbel zwischen 1917 und 1922 an die 200.000 Juden. Pogrome wurden keinesfalls von den Befehlshabern angeordnet, allenfalls toleriert, teils aber auch streng geahndet. Dennoch suchte sich der Mob in den Juden einen Sündenbock, die mal als das "rote Übel", mal als "bourgeoise Ausbeuter" geplündert und ermordet wurden.

Kriegskommunismus

Während die Judenfeindlichkeit aus der Zarenzeit stammte, schufen die Bolschewiki ein neues Feindbild: den Bauern. Aber auch hier rührte die Vorstellung Lenins, dass der Bauer dumpf und rückständig sei und zur Revolution nicht tauge, aus der Zarenzeit. Lenin und die Bolschewiki sprachen von der "Diktatur des Proletariats" – vom "Arbeiter- und Bauernstaat" war nicht die Rede. 1920 schrieb Lenin: "Die Klasse der Kleinproduzenten und Kleinbauern ist eine reaktionäre Klasse." Zu der ideologischen Einstellung kam die Versorgungsnotlage: Mit dem Frieden von Brest-Litowsk war Russland seiner "Kornkammer" in der Ukraine beraubt, und die Truppen Koltschaks schnitten bald den Nachschub aus dem Osten ab.

In der Folge begannen die Bolschewiki, ihre Gesellschaftsutopie mit Gewalt durchzusetzen: Unternehmer wurden enteignet, der Handel verstaatlicht und das Geld durch Naturalien ersetzt. Während die Industrieproduktion zusammenbrach, weil das leitende technische Personal durch Arbeiter ausgetauscht wurde und der private Handel zum Erliegen kam, verfügte die Sowjetregierung am 13. Mai 1918, dass die Bauern alle Ernteüberschüsse zu staatlichen Festpreisen abzuliefern hätten (siehe S. 22). Die Abgabequoten wurden schnell so hoch gesetzt, dass den Bauern weder genug zur eigenen Ernährung noch als Saatgut blieb. Gleichzeitig planten die Bolschewiki, den Klassenkampf in das Dorf zu tragen. ZK-Sekretär Jakow Swerdlow (1885-1919) verkündete am 20. Mai 1918: "Nur wenn es uns gelingt, das Dorf in zwei unversöhnliche feindliche Lager zu spalten, wenn wir in der Lage sind, dort denselben Bürgerkrieg zu entfachen, zu dem es vor nicht allzu langer Zeit in den Städten gekommen ist, […] erst dann werden wir sagen können, dass wir mit dem Dorf dasselbe machen werden, was uns mit der Stadt geglückt ist." Zur Spaltung des Dorfes wurden "Komitees der Dorfarmut" (russ.: kombedy) eingeführt, die die armen gegen die reichen Bauern aufhetzen sollten. Gleichzeitig rekrutierte die Sowjetregierung aus Arbeiteraktivisten "Abteilungen zur Lebensmittelbeschaffung", bewaffnete Banden, die seit dem Frühjahr 1918 das Land heimsuchten, stahlen, was sie greifen konnten, und sich am konfiszierten Wodka betranken.

Das Dekret zur Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht am 29. Mai, erweitert am 29. Juli 1918, erließen die Bolschewiki weniger wegen der Intervention von außen als wegen der Bauern im Inneren des Landes. Allein der Aufstand der Tschechoslowakischen Legion, die sich im Mai geweigert hatte, der von Trotzki angeordneten Entwaffnung Folge zu leisten, verhinderte, dass die gesamte Rote Armee für den Kampf gegen die Bauern eingesetzt wurde. Die Bauern wehrten sich gegen die Getreidekonfiszierung und die Wehrpflicht mit 140 Aufständen allein im Sommer 1918: Sie marschierten in die ihnen nächstgelegene Stadt, belagerten den örtlichen Sowjet oder legten in ihrer Verzweiflung Feuer, bis sie zusammengeschossen wurden. Am 8. August forderte Lenin, dass "in jedem Getreide produzierenden Distrikt unter den reichsten Einwohnern 25 Geiseln bestimmt werden, die bei Nichteinhaltung des Requisitionsplans mit ihrem Leben büßen sollen". Diese Maßnahmen und das Festsetzen von, "Kulaken, Priestern, den Weißen Garden und anderen zweifelhaften Elementen in einem Konzentrationslager" rechtfertigte die Sowjetregierung als "Roten Terror", der offiziell am 3. September als Antwort der Arbeiterklasse auf die Konterrevolution verkündet wurde.

Quellentext

Über die Errichtung der Versorgungsdiktatur

Dekret des Allrußländischen Zentralen Exekutivkomitees der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern- und Kosakendeputierten


Der unheilvolle Zerfallsprozeß in der Versorgung des Landes, eine schwere Folge des vierjährigen Krieges, setzt sich immer weiter fort, weitet sich aus, spitzt sich zu. Zu einer Zeit, da die getreideverbrauchenden Gouvernements hungern, gibt es in den getreideproduzierenden Gouvernements gegenwärtig wie eh und je große Vorräte, sogar an noch nicht gedroschenem Getreide der Ernten 1916 und 1917. Dieses Getreide befindet sich in den Händen der Dorfkulaken und Reichen, in den Händen der Dorfbourgeoisie. Satt und wohlgenährt, mit riesigen Geldmengen, die sie in den Kriegsjahren verdient haben, bleibt die Dorfbourgeoisie vollkommen taub und gleichgültig gegenüber dem Stöhnen der hungernden Arbeiter und der armen Bauern, führt kein Getreide an die Sammelstellen ab, um den Staat zu immer höheren Getreidepreisen zu zwingen, und verkauft zur gleichen Zeit vor Ort Getreide zu Wucherpreisen an Getreidespekulanten und -schieber, die Sackträger.
Der Starrköpfigkeit der habsüchtigen Dorfkulaken und -reichen muß ein Ende gemacht werden. […]
Das Allrußische Zentrale Exekutivkomitee besprach die entstandene Lage und verordnete, angesichts der Tatsache, daß Rußland nur bei strengster Buchführung und gleichmäßiger Verteilung aller Getreidevorräte einen Ausweg aus der Versorgungskrise findet:

1. Die Unerschütterlichkeit des Getreidemonopols und der Festpreise wird bekräftigt, ebenso die Notwendigkeit eines bedingungslosen Kampfes gegen Spekulantenschieber; gleichzeitig wird jeder Getreidebesitzer verpflichtet, alle Überschüsse – über das hinaus, was für die Aussaat und den persönlichen Konsum entsprechend den festgesetzten Normen bis zur neuen Ernte unverzichtbar ist – innerhalb von Wochenfrist nach Veröffentlichung dieser Verordnung in jedem Amtsbezirk zur Ablieferung zu melden. […]

2. Alle Werktätigen und nicht vermögenden Bauern sind aufgerufen, sich rasch zum bedingungslosen Kampf gegen die Kulaken zusammenzuschließen.

3. Alle, die Getreideüberschüsse haben und sie nicht zu den Sammelstellen bringen, sowie diejenigen, die Getreidevorräte für Schwarzbrennereien verschwenden, sind zu Volksfeinden zu erklären, dem revolutionären Gericht zu übergeben und mindestens 10 Jahre ins Gefängnis zu sperren; ihr ganzes Vermögen ist zu konfiszieren, sie sind für immer aus der Dorfgemeinde auszuschließen: […]. […]

Das vorliegende Dekret tritt am Tage der Unterschrift in Kraft und wird zur Durchführung per Telegraph verbreitet.

Vorsitzender des Allrußländischen Zentralen Exekutivkomitees Ja. Sverdlov

Vorsitzender des Rates der Volkskommissare V. Ul’janov (Lenin) Sekretär des Allrußländischen Zentralen Exekutivkomitees Avanesov

13. Mai 1918

Rev. Übersetzung hier nach: Helmut Altrichter / Heiko Haumann (Hg.), Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Bd. 2: Wirtschaft und Gesellschaft, dtv Dokumente, München 1987, S. 56 ff.
http://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0012_kom&l=de © BSB München



Quellentext

Erinnerungen an die Zeit des "Kriegskommunismus"

von Victor Serge, ehemaliger bolschewistischer Funktionär (Auszug)


Das Regime dieser Zeit hat man […] den "Kriegskommunismus" genannt. Damals nannte man es "Kommunismus" schlechthin. Und wer, wie ich, sich erlaubte, ihn als provisorisch zu betrachten, zog sich tadelnde Blicke zu. Trotzki hatte soeben geschrieben, dieses Regime werde mehrere Jahrzehnte dauern, um den Übergang zum wahren Sozialismus ohne Zwang sicherzustellen. Bucharin schrieb seinen Traktat über "Die Wirtschaft der Übergangsperiode", dessen marxistischer Schematismus Lenin empörte. Er betrachtete die gegenwärtige Organisation als endgültig. Dennoch wurde es einfach unmöglich, unter ihr zu leben. Unmöglich natürlich nicht für die Regierenden, sondern für das Gros der Bevölkerung. […]
Die von den verstaatlichten Kooperativen verteilten Rationen waren winzig: Schwarzbrot (manchmal durch Hafer ersetzt), einige Heringe im Monat, ein winziges bißchen Zucker für die erste Kategorie (Handarbeiter und Soldaten), fast nichts für die dritte (Nicht-Arbeiter). Das Wort des heiligen Paulus, das überall angeschlagen war: "Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!" wurde zur Ironie, denn um sich zu ernähren, mußte man sich ja gerade auf dem Schwarzmarkt umtun statt zu arbeiten. Die Arbeiter brachten in den toten Fabriken ihre Zeit damit hin, daß sie Maschinenteile in Taschenmesser und Transmissionsriemen in Schuhsohlen umarbeiteten, um sie dann auf dem Schwarzmarkt zu tauschen.
Im Ganzen war die Industrieproduktion auf weniger als 30 Prozent der Produktion von 1913 gefallen. Um ein wenig Mehl, Butter oder Fleisch zu bekommen, mußte man Bauern, die dergleichen unerlaubterweise in die Stadt brachten, Textilien oder irgendwelche Gegenstände geben. Glücklicherweise enthielten die Wohnungen der vormaligen Bourgeoisie in den Städten nicht wenig Teppiche, Wandbehänge, Wäsche und Geschirr. Aus dem Leder von Sofas stellte man ganz brauchbare Schuhe her, aus den Wandbehängen Kleider. […]
Der Winter war für die Bewohner der Stadt eine wahre Qual. Keine Heizung, kein Licht und dazu der nagende Hunger! Schwache Kinder und Greise starben zu Tausenden. Der Typhus, von den Läusen verbreitet, räumte gründlich auf. Das alles habe ich vielfach gesehen und miterlebt. In den großen verlassenen Wohnungen von Petrograd drängten sich die Leute in einem einzigen Zimmer zusammen und lebten dicht gedrängt um einen kleinen Kanonenofen aus Ziegelsteinen, den sie auf dem Parkett aufgestellt hatten und dessen Kaminrohr eine Fensterecke mit Ruß schwärzte. Man speiste ihn mit dem Parkett der Nachbarzimmer, mit den letzten Möbeln, mit Büchern. Ganze Bibliotheken sind auf diese Weise verschwunden. Ich selbst ließ, um eine mir nahestehende Familie zu wärmen, mit echter Genugtuung die Sammlung der "Reichsgesetze" verbrennen. Man nährte sich von ein bißchen Hafer und halbverfaultem Pferdefleisch, man teilte im Kreis der Familie ein Stück Zucker in winzige Partikeln auf, und jeder Bissen, den einer außer der Reihe ergatterte, beschwor wahre Tragödien herauf. Die Kommune tat viel für die Ernährung der Kinder; aber dieses Viel blieb lächerlich gering. […]

Victor Serge, Erinnerungen eines Revolutionärs 1901-1941, aus dem Französischen von Cajetan Freund, Edition Nautilus, Hamburg 1991, S. 134 f.



Krieg gegen die Bauern

Der Bürgerkrieg war vor allem auch ein Krieg gegen die "Grünen", gegen die Bauern, die sich vor der Zwangsrekrutierung in die Wälder flüchteten und dort organisierten. Sonderkommandos spürten insgesamt fast 1,2 Millionen Fahnenflüchtige auf; Tausende wurden erschossen, ihre Familien als Geiseln genommen. Neben vielen kleinen spontanen Bauernerhebungen kam es immer wieder zu großen, organisierten Revolten mit regelrechten Armeen von bis zu 10.000 Mann. Als Anfang 1920 die Weiße Armee geschlagen war, standen sich immer noch die bolschewistischen Streitkräfte und die Bauern gegenüber. Im Februar/März 1920 brach eine große Revolte im Gebiet zwischen Wolga und Ural aus, auch "Aufstand der Gabeln" genannt, da die Bauern teils nur mit Forken bewaffnet waren. Obwohl 50.000 Mann mit der Artillerie zusammengeschossen wurden, sprang der Funke an die Mittlere Wolga über, wo es erneut zu Bauernaufständen kam.

Bis 1922 währte der Widerstand der Bauern in Tambow unter dem Bauernführer Alexander Antonow (1898-1922), einem Sozialrevolutionär. Wegen horrender Getreideablieferquoten hatten im August 1920 mehr als 14.000 fahnenflüchtige, mit Heugabeln und Sensen bewaffnete Männer in Tambow die "Vertreter der Sowjetmacht" verjagt oder massakriert. Anfang 1921 griffen die Revolten auf das untere Wolgagebiet, Westsibirien, Dagestan und Turkestan über. Um den Widerstand zu brechen, erschoss die Rote Armee nicht nur Geiseln und deportierte Familien, sondern leitete sogar Giftgas in die Wälder, in die sich die Rebellen zurückgezogen hatten.

Es war schließlich eine verheerende Hungersnot, die den Widerstand der Bauern brach. Angesichts einer schlechten Ernte 1920 und der Konfiszierung sämtlichen Getreides hatten viele Bauern Anfang 1921 nichts mehr zu essen. Obwohl ausländische Hilfe zugelassen wurde, geht man davon aus, dass 1921/22 fünf Millionen Menschen verhungerten. Es kam zu Kannibalismus; die Verhungernden aßen aus Verzweiflung die Toten auf. Angesichts des erbarmungslosen Vorgehens gegen die Bauern wird in der Forschung auch von einem "Dreißigjährigen Krieg" der Bolschewiki gegen die Bauern gesprochen, der erst 1953 mit Stalins Tod endete.

Der Kronstädter Aufstand

Die Sowjetregierung ging aber nicht nur mit aller Härte gegen die Bauern, sondern im Zweifelsfall auch gegen ihre eigene Klientel, die Arbeiter und Soldaten, vor. Als im Januar 1921 in den Städten die Brotration um ein Drittel gekürzt wurde, kam es in mehreren Städten zu täglichen Protesten und Streiks. In Petrograd wählten Fabrikarbeiter eine "Versammlung von Arbeiter-Beauftragten", die die Abschaffung der bolschewistischen Diktatur, freie Sowjetwahlen, Rede-, Vereins- und Pressefreiheit sowie die Freilassung sämtlicher politischer Gefangener forderten. Am 28. Februar schlossen sich die Marinesoldaten in Kronstadt den streikenden Arbeitern an. Am 2. März verbrüderte sich die Hälfte der circa 2000 Kronstädter Bolschewiki mit den Aufständischen und gründete ein provisorisches Revolutionskomitee. Das Politbüro unter Lenin entschied, kurzen Prozess zu machen: In Petrograd verhaftete die Tscheka binnen 48 Stunden mehr als 2000 Arbeiter; in Kronstadt rückte die Rote Armee unter General Tuchatschewski ein; am 18. März war der Kronstädter Aufstand niedergeschlagen. Den Tausenden von Opfern folgten über 2000 Todesurteile und circa 6500 Verurteilungen zu Lagerhaft.


Am 7. November 2017 jährte sich die russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und am 7. November 1917 die Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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