Sowjetunion I: 1917-1953

5.8.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Maike Lehmann
Alexandra Oberländer

Der Sieg der Bolschewiki

Die Neue Ökonomische Politik (NÖP) (1921-1927)



In Folge der städtischen Hungerproteste und der Verwüstung des Landes durch den Bürgerkrieg entschloss sich die Sowjetregierung am 23. März 1921, den "Kriegskommunismus" zu beenden. Die Neue Ökonomische Politik (NÖP), die im Ausland als "Ende der Jakobiner-Herrschaft" gefeiert wurde, war eine Zeit, in welcher der gewaltsame politische Umbruch weitestgehend gestoppt, dafür aber der gesellschaftliche Umbau und die Industrialisierung mit ambitionierten Plänen und unionsweiten Maßnahmen ins Werk gesetzt wurden. Die wenigen Jahre ließen viele Menschen Hoffnung schöpfen, der Bolschewismus sei ein Bildungs- und Modernisierungsprogramm, der Terror sei vorbei. Cafés und Theater öffneten wieder, und ein geschäftiges öffentliches Leben kehrte zumindest in die Städte zurück. Doch die NÖP war, so Trotzki, "nur ein vorübergehender Umweg, ein taktischer Rückzug, eine Bereitung des Bodens für einen neuen und entscheidenden Angriff der Arbeiter gegen die Front des internationalen Kapitalismus". Trotzdem gab es Proteste von radikalen Bolschewiki gegen den "Verrat an der Revolution".

Die NÖP bedeutete die Wiederzulassung von Privatwirtschaft, Privathandel und ausländischen Investoren; während der Handel bald zu 80 Prozent wieder in privater Hand war, blieben ausländische Investoren Russland meist fern; die wenigen vergebenen Lizenzen dienten meist der Rohstoffausbeutung wie dem Holzeinschlag. In den Fabriken und Industriebetrieben wurden unter der Aufsicht von "roten Direktoren", also verdienten Revolutions- oder Bürgerkriegsveteranen, die alten Chefingenieure und das frühere technische Personal wieder eingestellt; 4000 weniger bedeutende Betriebe wurden an ihre ehemaligen Besitzer verpachtet. Lenin erklärte: "Je schneller wir, die Arbeiter und Bauern, uns selbst eine bessere Arbeitsdisziplin und eine höhere Arbeitstechnik aneignen, indem wir für diese Kunst die bürgerlichen Spezialisten ausnutzen, desto eher werden wir uns von jedem Tribut an diese Spezialisten befreien."

Die Produktion lief wieder an, Handwerker und Ladeninhaber gingen aufs Neue ihren Geschäften nach, und jeder trieb Handel: Arbeiter, Intellektuelle, demobilisierte Soldaten, frühere Kaufleute, Invaliden, Bauern und Hausfrauen. Aber erst 1925 war wieder das Konsumniveau von 1914 hergestellt, gab es also neben Kartoffeln und dunklem Brot auch ausreichend Fleisch, Zucker und Obst zu kaufen. Die Jahre der NÖP waren wie im Deutschland der Weimarer Zeit eine schnelllebige und unsichere Zeit. Wer Geld hatte, gab es sofort aus. Für die Gewinner der Handelsfreigabe, die in Restaurants schlemmten und teure Pelze zur Schau stellten, ersannen die Bolschewiki das Schimpfwort "nep-men" (NÖP-Mann) und geißelten so die Ausschweifungen des Kapitalismus.

Sozialprogramme

Die NÖP brachte eine Reihe von Sozialprogrammen, mit denen die Sowjetregierung die Vorstellung eines aufgeklärten, modernen Landes in die Tat umsetzen wollte. Der Volkskommissar für Volksaufklärung Anatoli Lunatscharski (1875-1933) startete eine unionsweite Kampagne gegen den Analphabetismus (russ.: likbez, 1919-1940er). Gleichzeitig wurden Arbeiterfakultäten (russ.: rabfak) gegründet. Sie sollten die Arbeiter, die oft nur eine vierjährige Dorfschule besucht hatten, in zwei Jahren auf ein Hochschulstudium vorbereiten. Die erste und einzige Volkskommissarin Alexandra Kollontaj (1872-1952) initiierte nicht nur ein Mutterschutzprogramm, sondern auch Frauenabteilungen (russ.: schenotdely), die zwischen 1919 und 1930 im ganzen Land die Frauen über ihre neuen Rechte aufklärten und versuchten, sie für den sozialistischen Aufbau zu gewinnen.

Die Kunst der Avantgarde

Gleichzeitig waren die 1920er-Jahre eine kulturelle Hochphase, die an die Blüte des "Silbernen Zeitalters" der ersten zwei Dekaden des Jahrhunderts anschloss und als sowjetische Avantgarde das Theater und die Dichtung, den Film und die Fotografie, die bildende Kunst und die Architektur in der ganzen Welt beeinflusste. Die Gewalt des revolutionären Umsturzes wurde von den Künstlern in eine eigene, neue Ästhetik überführt, die jenseits von politischen Aussagen der Faszination für den radikalen Um- und Aufbruch eine eigene Sprache verlieh. In dieser Zeit drehte Sergei Eisenstein (1898-1948) seine berühmten Filme wie "Panzerkreuzer Potjomkin" (1925 zum Jubiläum der Revolution von 1905), schrieb Wladimir Majakowski (1893-1930) seine revolutionären Gedichte, entwickelte Alexander Rodtschenko (1891-1956) seine Fotografie und Wsewolod Meyerhold (1874-1940) sein neues Theater, malte Alexander Dejnika (1899-1969) seine aufwühlenden Werke wie "Die Verteidigung Petrograds" (1928), entstand eine ganz neue Plakatkunst.

Quellentext

Neuer Mensch und Kunst

[…] Für die Bolschewiki war, was Proletariat genannt wurde, ein höherer Bewußtseinszustand, eine Attitüde dem Leben gegenüber, die der barbarische russische Mensch nicht aus sich hervorbringen konnte. Zum Proletarier wurde, wer die Last der Vergangenheit von sich warf, aus sich heraustrat und wahres Wissen über sich und die Welt erlangte, aus der er kam. Der Proletarier war einer, der sich im Stadium des Selbstbewußtseins befand, um es mit den Worten Hegels zu sagen. Nur so wird verständlich, daß die Bolschewiki von der Züchtung des neuen Menschen überhaupt sprechen konnten, eines Menschen, der aus dem Laboratorium der Revolution hervorging.
Nun stand dieses Denken in einer aufgeklärten Tradition, die sich nicht auf den Marxismus beschränkte. Es war der romantische Antikapitalismus der Avantgarde und des Expressionismus, der sich hier ebenso zeigte wie der revolutionäre Furor der Bolschewiki. Arbeiter und Unterschichten waren Projektionen des idealen Intellektuellen, Rebellen, die die verlorene Einheit der Menschheit wiederherstellten, indem sie der falschen Welt, die der Kapitalismus repräsentierte, die Maske herunterrissen. Bereits vor der Revolution phantasierten Avantgardekünstler und Wissenschaftler von der Synchronisierung Rußlands mit dem europäischen Westen durch Architektur, Wissenschaft und Theater. […]
[N]ach der Revolution des Jahres 1917 kamen die Konzepte der Avantgardekünstler und der Bolschewiki zusammen: in der Revolutionierung der Ausdrucksformen und der praktischen Instrumentalisierung des Theaters. Die Bolschewiki entdeckten die revolutionäre Kraft, die vom Theater in einer Gesellschaft von Analphabeten ausgehen konnte. Das Theater berührte die menschliche Seele, es konnte Menschen, wenn es sie ergriff, in religiöse Verzückung versetzen. Aufklärung und Beseelung – das war es, was die Bolschewiki und die Avantgardekünstler miteinander verband.
In den Massenaufführungen des Jahres 1920, als (der russische Regisseur und Dramaturg Nikolai – Anm. d. Red.) Evreinov den "Sturm auf den Winterpalast" in Petrograd unter freiem Himmel aufführen ließ und dabei die Stadt in eine Bühne verwandelte mit Tausenden von Schauspielern und 100.000 Zuschauern, kamen die ästhetischen Vorstellungen der Avantgarde, der Wunsch der Intellektuellen, sich mit dem Volk zu verschmelzen und die Aufklärungs- und Beseelungsphantasien der Bolschewiki zusammen. Die frühen sowjetischen Experimente in Theater und Film setzten sich zum Ziel, Emotionen zu "konstruieren", Bewegungen und Effekte zu kontrollieren, um auf diese Weise nicht nur die Schauspieler abzurichten, sondern auch die Zuschauer in einer Weise zu manipulieren, daß sie für das Projekt des neuen Menschen ansprechbar wurden.

Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. (c) 2005 Deutsche Verlags-Anstalt in der Verlagsgruppe Random House, München, S. 95 f. Alle Rechte vorbehalten S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main


Elektrifizierung des ganzen Landes

Mit der NÖP setzte die Sowjetregierung einen Plan ins Werk, der nicht nur aus dem rückständigen Russland eine moderne Industrienation machen sollte, sondern auch propagandistischen Wert hatte, weil er Kommunismus mit Fortschritt gleichsetzte. "Sowjetmacht plus Elektrifizierung gleich Kommunismus" gab Lenin als Losung aus. Seit 1918 arbeitete eine Gruppe von "Spezialisten", also Ingenieuren und Wissenschaftlern, am Elektrifizierungsplan für ganz Russland, das durch ein System von Wasser- und Heizkraftwerken in nur zehn Jahren komplett elektrifiziert werden sollte. Ende 1920 wurde der "Staatsplan zur Elektrifizierung Russlands" (russ.: GoElRo) vom VIII. Rätekongress beschlossen. Kurz darauf stimmten 1921 rund 1500 zarische Ingenieure auf dem VIII. Elektrotechnischen Kongress diesem Plan zu und schlossen damit de facto einen Pakt mit den Bolschewiki zum Aufbau des Landes. Lenin und die Bolschewiki warben erfolgreich um die "technische Intelligenz", indem sie zwischen 1918 und 1920, als das Land im Chaos des Bürgerkriegs versank, 117 neue wissenschaftliche Einrichtungen gründeten. Nicht nur in der Wissenschaft und Technik, auch in den Volkskommissariaten fanden vorrevolutionäre Experten Anstellung und konnten dort ihr Wissen in den Aufbau des neuen Staates einfließen lassen.

Vor diesem Hintergrund, dem Beginn der NÖP und dem Scheitern der Weißen, begannen sogar Intellektuelle in der Emigration, sich den Bolschewiki zuzuwenden. 1921 verfassten sie in Anlehnung an die "Vechi" von 1909 das Manifest "Smena vech" (russ.; Wechsel der Meilensteine), in dem sie, wie damals die Intelligenz, zur Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern aufriefen. Zum einen konnten sie sich mit der Vision von einem modernen, elektrifizierten Russland identifizieren, zum anderen glaubten sie, dass mit dem Bürgerkrieg die Schrecken des Terrors ein für alle Mal vorbei seien.

Der Kult um den Arbeiter und die Arbeiterin

Alexandra Oberländer

Die Oktoberrevolution fand im Namen der Arbeiterklasse statt. Diese galt als die Trägerin des Fortschritts, als die Produzentin des Reichtums. Die Bolschewiki verstanden sich als die "Avantgarde" der Arbeiterschaft, die die Arbeiterklasse in die lichte Zukunft führen würde. Urbanisierung und Industrialisierung waren im Denken der Bolschewiki weniger mit Armut und beengtem Wohnen assoziiert als vielmehr mit Aufklärung und radikalen Utopien. Als Anhänger der Moderne begrüßten sie den Fortschritt, wie ihn beispielsweise die Fließbandarbeit mit sich brachte. Die US-Amerikaner Frederick Taylor (1856-1915) und Henry Ford (1863-1947) galten ihnen nicht per se als kapitalistische Ausbeuter, sondern auch als moderne Vertreter rationalisierter Arbeitsabläufe. Die Heroisierung der Arbeit und ihrer Produktivität ging einher mit dem Kult der Maschine und der Fabrik. Eine erste Konferenz über Taylorismus 1921 endete in der Gründung der "Wissenschaftlichen Organisation der Arbeit" (russ.: NOT), die die effektive Nutzung von Arbeit und Zeit erforschte.

Quellentext

Mensch und Maschine

[...] Die Visionen der Bolschewiki vom "neuen Menschen" sind Teil eines internationalen Diskurses, der schon um die Jahrhundertwende eingesetzt hatte, in den Kontext der Suche nach Antworten auf das Maschinenzeitalter gehört und die modernen totalitären Systeme insgesamt kennzeichnete. [...]
Aleksandr Bogdanov hatte bereits 1907 in seinem utopischen Roman "Der Rote Stern" den "neuen Menschen" anschaulich beschrieben: Kinder würden nicht von den Eltern, sondern im Kollektiv erzogen; die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern hätten sich angeglichen: Frauen hätten breite Schultern und seien muskulöser, weil ihre körperliche Entwicklung nicht durch die häusliche Sklaverei beeinträchtigt werde; Arbeiter seien in einen total automatisierten Ablauf eingebunden, empfänden sich als Teil ihrer Maschinen und wollten mit dem Arbeiten gar nicht aufhören. Überhaupt lief Bogdanovs Beschreibung des "neuen Menschen" darauf hinaus, dass dieser einer rational funktionierenden Maschine immer ähnlicher werde.
In Bogdanovs Utopie findet sich bereits das Paradigma von der Mechanisierung und damit auch körperlichen Neugestaltung des Menschen, das in den 1920er-Jahren auf geradezu absurde Weise perfektioniert wurde. Der Dichter und Wissenschaftler Aleksej Gastev gründete 1920 das Zentralinstitut für Arbeit und führte dort Bewegungsstudien und Experimente zur rationalen Organisation industrieller Arbeitsplätze durch. Inspiriert war Gastevs Ansatz von der in den USA entwickelten "wissenschaftlichen Arbeitsorganisation" (scientific management), einer logischen Weiterentwicklung der Fließbandarbeit, die in der Sowjetunion begeistert rezipiert wurde. Es ging darum, die Arbeit großindustriell zu organisieren und alle Arbeits- und Bewegungsabläufe so zu optimieren, dass die menschliche Arbeitskraft bestmöglich ausgenutzt werden könne. Bei Gastev mündeten diese Vorstellungen in ein bizarres Konzept vom Maschinen-Menschen, der als "Nerven-Muskel-Automat" optimal auf die zu bedienende Maschine abgestimmt war.
In eine andere Richtung wiesen die utopischen Konzepte, die Trockij entwarf: Er ging davon aus, dass die politisch-ökonomische Weiterentwicklung auch eine biologische Evolution zur Folge haben werde. Als neuer Menschentyp werde sich der sozialistische Übermensch herausbilden: "Der Mensch wird unvergleichlich viel stärker, klüger und feiner; sein Körper wird harmonischer, seine Bewegungen werden rhythmischer und seine Stimme wird musikalischer werden. [...] Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Bergkette werden neue Gipfel aufragen." Trockijs Reflexionen über den "neuen Menschen" standen auch unter dem Einfluss des amerikanischen Fordismus. Trockij benutzte 1926 das Bild des Fließbandes als Metapher für die Transformation des Menschen im Sozialismus: Das Fließband bestimmt den Rhythmus des Lebens, die Bewegungen der Hände, die Gedanken. Der Sozialismus müsse den Fordismus sozialisieren und von seinen schädlichen Elementen säubern, so Trockijs Schlussfolgerung.
Trockijs Spielart des "neuen Menschen" als einer biologischen Weiterentwicklung der menschlichen Spezies verband sich eine Zeitlang auch mit ernstzunehmenden naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschungen. So kam es, dass der Mediziner Ivan Pavlov trotz seiner bürgerlichen Herkunft und zur Schau gestellten Autonomie offiziell gefördert wurde, denn seine Forschungen über Reflexe und die Konditionierung des Verhaltens schienen einen wissenschaftlichen Weg zur Formung des "neuen Menschen" zu weisen. [...]

Dietmar Neutatz, Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, Verlag C. H. Beck München 2013, S. 175 ff.



Lenin erklärte, ohne Maschinen und ohne Disziplin könne eine moderne Gesellschaft nicht existieren. Entsprechend gestaltete sich das Verhältnis der neuen Macht zu denen, die ihnen die Macht doch angeblich erst verschafften: den Arbeitern und Arbeiterinnen. 1918 formulierte Lenin, dass es die vorrangige Aufgabe der sowjetischen Regierung sei, den Arbeitenden das Arbeiten beizubringen. Im Oktober 1918 verkündeten die Bolschewiki die Pflicht zur Arbeit. Wer arbeitsfähig war, also gesund und zwischen 16 bis 50 Jahren alt, musste arbeiten gehen. Das Diktum "Wer nicht arbeitet, der soll nicht essen" nahmen die Bolschewiki so ernst, dass sie mitten in der Lebensmittelkrise der Bürgerkriegsjahre Lebensmittelkarten nur an diejenigen austeilten, die einer Arbeit nachgingen.

Die bolschewistische Wertschätzung der Arbeit verwandelte sich in eine Anforderung an die Arbeitenden, die in erster Linie funktionieren sollten. Das Stücklohnsystem galt als motivierend und Output steigernd. Konkurrenz wurde nicht abgeschafft, sondern ihr produktives Potenzial wurde für den Aufbau des Sozialismus genutzt. Innerhalb der Arbeiterschaft wurde die Konkurrenz organisiert, indem die Sowjetregierung 1928 den Titel "Held der Arbeit" einführte und seit 1929 Stoßarbeiterbrigaden organisierte. Diejenigen, die sich im sozialistischen Wettbewerb als Beste hervortaten, wurden als solche geehrt und erhielten materielle Vergütungen wie bessere Wohnungen oder Reisegutscheine.

Die NÖP und die Bauern

In der neueren Forschung gibt es die These, dass die NÖP nie auf dem Land angekommen sei, also keine wirkliche Erleichterung für die Bauern brachte. Tatsächlich stand nicht die Sorge um das Wohl der verhungernden Bauern im Vordergrund der Politik der Bolschewiki, sondern die Überlegung, dass die Bauern freiwillig mehr Getreide abliefern würden als die Rote Armee ihnen mit Gewalt abnehmen konnte. Mit der Einführung der NÖP im März 1921 legte die Sowjetregierung eine relativ moderate Naturalsteuer für die Bauern fest und hoffte, sie würden ihr verbleibendes Getreide gegen Industriewaren an den Staat tauschen. Aber erst nach Überwindung der Hungersnot 1922/1923 begannen die Bauern langsam, brachliegendes Ackerland wieder zu bestellen. Die Überschüsse trugen sie jedoch auf die freien Märkte, zumal der Staat gar nicht genügend Gebrauchsgüter im Tausch anbieten konnte und die Bauern selbst herstellten, was sie zum Leben brauchten. Diese sogenannte Scherenkrise, das Auseinanderklaffen von Angebot und Nachfrage an Industriewaren, erreichte im Oktober 1923 ihren Höhepunkt. Während es in den Städten durchaus Arbeiter gab, die sich für die Bolschewiki und ihre Programme begeisterten, blieben die Bauern in ihrer Mehrheit gegenüber der bolschewistischen Propaganda immun. Konnten Arbeiter tatsächlich in den Genuss von Posten in Partei und Gewerkschaft oder von Studienplätzen kommen, hatten die Bolschewiki den Bauern nichts zu bieten. Im Gegenteil forderten sie, das gerade erhaltene Land zugunsten von Kollektivwirtschaften aufzugeben und die Erträge abzuliefern.

Die "richtige" Politik gegenüber den Bauern blieb ein heiß umstrittenes Politikum unter den Bolschewiki. Als der Parteitheoretiker und Ökonom Nikolai Bucharin (1888-1938) 1925 die Parole "Dem Dorfe zugewandt" ausgab und die Bauern aufforderte: "Bereichert euch, akkumuliert, entwickelt eure Wirtschaft", verhöhnten die orthodoxen Leninisten seine Losung als "Wende zum Kulaken". Die Vorschläge der NÖP-Befürworter Bucharin, Alexei Rykow (1881-1938) und Michail Tomski (1880-1936), auf dem Land die Räte wiederzubeleben, parteilose Bauern in Ämter wählen zu lassen, Waldstücke an Bauern zu übergeben, die Steuern zu senken, Traktoren bereitzustellen, Krippen, Schulen und andere Einrichtungen auf dem Land zu bauen, wurden von Stalin zusammen mit der NÖP 1927 endgültig begraben.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche im atheistischen Staat

Ulrike Huhn

Die orthodoxe Kirche hatte im Zarenreich als eine der Stützen der Autokratie gegolten und dafür einerseits viele Privilegien genossen, andererseits aber auch permanente Eingriffe in ihre innere Autonomie hinnehmen müssen. Den Sturz des Zaren erlebten vor allem die liberalen Kräfte in der Kirche daher als Befreiung. Das Landeskonzil im April 1917 nutzten sie, um aufgestaute Reformfragen zu klären und den Heiligen Synod, die staatliche Aufsichtsbehörde, durch einen Patriarchen zu ersetzen. In dieses Amt wurde am 18. November (alt.: 5. November) 1917 Tichon (Bellawin, 1865-1925) gewählt.

Die Bolschewiki sahen dennoch in der Kirche sowohl einen machtpolitischen Gegner, der die alte Ordnung wiederherstellen wollte, als auch einen ideologischen Feind, der die Arbeiter und Bauern mit seinen Vertröstungen auf das Himmelreich angeblich von ihren eigentlichen Interessen ablenkte. Das am 5. Februar (alt.: 23. Januar) 1918 erlassene Dekret "Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche" galt als Signal, Geistliche als mutmaßliche oder tatsächliche Stützen des alten Regimes zu verfolgen; die Beschlagnahmung von Kirchengut ging oft mit Gewalt und Todesopfern einher. Einen neuen Höhepunkt erreichten diese Übergriffe während der Hungersnot in der Wolga-Region 1921/22, die die bolschewistische Führung dazu nutzte, kirchliche Wertgegenstände und kostbares liturgisches Gerät als Hilfe für die Hungernden zu beschlagnahmen. Ein 1925 gegründeter "Verband der Gottlosen" (seit 1929 der "kämpferischen Gottlosen") sollte außerdem mit inszenierten antireligiösen Festen die Abkehr von der Religion beschleunigen.

Parallel förderte die Staats- und Parteiführung die sogenannte Erneuererbewegung, die ihre Wurzeln in der innerkirchlichen Reformbewegung hatte und liberal, teils auch sozialistisch eingestellt war. Diese sollte als innerkirchliche Opposition die Handlungsfähigkeit des Moskauer Patriarchats schwächen und führte zu einer Spaltung der Kirchenleitung. Doch wurden die "Erneuerer" vom Kirchenvolk abgelehnt und von den Bolschewiki bald wieder fallen gelassen.

In Kirchenkreisen heftig umstritten war auch ein als "Loyalitätserklärung" bezeichnetes Rundschreiben des nach dem Tod von Patriarch Tichon ranghöchsten Metropoliten Sergi (Stragorodski, 1867-1944) vom Juli 1927. Erstens war Sergis rechtliche Position als Stellvertreter des 1925 verstorbenen Patriarchen unklar; zweitens werteten viele Geistliche und Gläubige sein Bekenntnis zur Sowjetunion als devote Unterwerfungsgeste. Viele Bischöfe und ihre Anhänger verweigerten Sergi darauf die kanonische Anerkennung. Die Staatsmacht reagierte mit immer neuen Wellen von Verhaftungen und Prozessen, die im Laufe der 1930er-Jahre schließlich nicht nur Priester, sondern auch aktive kirchliche Laien erfassten. Zwanzig Jahre nach dem Aufbruch der Russisch-Orthodoxen Kirche in eine neue Zeit konnten orthodoxe Christen ihre Religiosität an vielen Orten in der Sowjetunion nur noch unter größter Gefährdung im Untergrund und ohne kirchliche Vermittlung leben.


Am 7. November 2017 jährte sich die russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und am 7. November 1917 die Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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