Sowjetunion I: 1917-1953

5.8.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Maike Lehmann
Alexandra Oberländer

Der Sieg der Bolschewiki

Die Gründung der Sowjetunion



Maike Lehmann

Die Bolschewiki erbten ein Vielvölkerreich. Und obwohl Lenin das Zarenreich als "Völkergefängnis" bezeichnete und den Sozialismus als Ideologie der Völkerbefreiung propagierte, wollten die Bolschewiki dieses Imperium erhalten. Doch zunächst erklärten im Zuge von Revolution und Bürgerkrieg nationalistische, menschewistische und muslimisch-pantürkistische Gruppen viele Gebiete im Kaukasus, im Baltikum und in Zentralasien als unabhängig von Russland. Die ersten Erfahrungen dieser jungen Republiken mit parlamentarischen Regierungsformen waren konfliktreich und meist von bürgerkriegsähnlichen Zuständen geprägt. Dem setzte schließlich die gewaltsame Sowjetisierung dieser Republiken ab 1919/20 ein Ende; nur die baltischen Republiken, Polen und Finnland blieben unabhängig. Auf dem I. Sowjetkongress im Dezember 1922 wurde schließlich die Sowjetunion als Föderation von formal unabhängigen, nationalen Sowjetrepubliken gegründet. Die deklarierten Ziele dieser Union waren der koordinierte Wiederaufbau der Republiken und der gemeinsame Kampf gegen die "kapitalistische Umzingelung". Vorangegangen war ein Streit darüber, ob die Republiken der RSFSR mit einem Autonomiestatus beitreten sollten – wie es etwa Stalin als Kommissar für Nationalitätenfragen favorisierte – oder den Status als Republiken behalten sollten. Letzteres konnten die Republikführungen mit Beistand Lenins schließlich durchsetzen. Da sie aber zugleich dem zentralistisch geführten Parteiapparat in Moskau unterstanden, war in der Praxis die Eigenständigkeit der Republiken vor allem unter Stalin weitgehend eingeschränkt.

Quellentext

Gründungsvertrag der UdSSR

Die Rußländische [Rossijskaja] Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (RSFSR), die Ukrainische [Ukrainskaja] Sozialistische Sowjetrepublik (USSR), die Weißrussische [Belorusskaja] Sozialistische Sowjetrepublik (BSSR) und die Transkaukasische [Zakavkazskaja] Sozialistische Föderative Sowjetrepublik (ZSFSR: die Sozialistische Sowjetrepublik Aserbaidschan [Azerbajdžan], die Sozialistische Sowjetrepublik Georgien [Gruzija] und die Sozialistische Sowjetrepublik Armenien [Armenija]), schließen sich in einem Bundesstaat – der "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" – zusammen.


1. Kapitel
Über die Obliegenheiten der obersten Machtorgane der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

1. Den obersten Organen der UdSSR obliegt:
a) die Vertretung des Bundes in internationalen Beziehungen, die Führung aller diplomatischen Beziehungen, der Abschluß politischer und anderer Verträge mit anderen Staaten;
b) die Änderung der Unionsgrenzen und auch die Regelung der Fragen über Grenzveränderungen zwischen den einzelnen Unionsrepubliken;
c) Abschluß von Verträgen über die Aufnahme neuer Republiken in die Union;
d) Kriegserklärungen und Friedensschlüsse; […]
f) Ratifizierung internationaler Verträge;
g) die Führung des Außenhandels und die Bestimmung des Systems des Innenhandels;
h) Bestimmung der Grundlagen und des allgemeinen Planes der gesamten Volkswirtschaft der Union, […];
i) die Führung des Transport-, Post- und Telegraphenwesens;
k) die Organisierung und die Führung der bewaffneten Kräfte der Union; […]
m) die Festsetzung des einheitlichen Geld- und Kreditsystems;
n) die Bestimmung der allgemeinen Prinzipien der Bodenbestellung und der Bodenbenutzung, ferner der Benutzung der Bodenschätze, Wälder und Gewässer auf dem ganzen Gebiete der Union; […]
p) die Bestimmung der Grundlagen des Gerichtswesens und der Prozeßordnung, ferner der bürgerlichen und Strafgesetzgebung der Union;
q) die Bestimmung der wichtigsten Arbeitsgesetze;
r) die Bestimmung der allgemeinen Grundlagen der Volksbildung;
s) die Bestimmung der allgemeinen Maßnahmen auf dem Gebiete des Schutzes der Volksgesundheit; […]

2. Kapitel
Über die Souveränen Rechte der Unionsrepubliken und über die Unionsstaatsbürgerschaft.

3. Die Souveränität der Unionsrepubliken ist nur innerhalb der durch diese Verfassung bestimmten Grenzen beschränkt und nur bezüglich jener Kompetenzen, für die die Union zuständig ist. Innerhalb dieser Grenzen gebraucht jede Republik ihre Staatsmacht selbständig; die UdSSR schützt die Souveränitätsrechte der einzelnen Republiken.

4. Jeder Unionsrepublik bleibt das Recht des freien Austrittes aus dem Bunde vorbehalten.

5. Die Unionsrepubliken ändern ihre Verfassungen aufgrund dieser Verfassung.

6. Das Gebiet der Unionsrepubliken kann nicht ohne ihre Zustimmung geändert werden, ebenso ist zur Änderung, Einschränkung oder Aufhebung des Punktes 4 die Zustimmung aller Mitgliederrepubliken der UdSSR notwendig.

7. Für die Bürger der Unionsrepubliken wird eine einheitliche Unionsstaatsbürgerschaft festgesetzt. […]

31. Januar 1924

Rev. Übersetzung hier nach: Helmut Altrichter (Hg.), Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Bd. 1: Staat und Partei, dtv Dokumente, München 1985, S. 163 ff.
www.1000dokumente.de/pdf/dok_0019_ver_de.pdf © BSB München


Die Sowjetunion bestand zunächst aus vier Unionsrepubliken mit eigenen Verfassungen, die ihnen zumindest auf dem Papier das Recht auf Sezession zusprachen, eigenen Volkskommissariaten und nationalen Parteiorganisationen: der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), der Ukrainischen, der Weißrussischen und der Föderativen Transkaukasischen Republik; letztere wurde 1936 in die Georgische, die Armenische und die Aserbaidschanische Unionsrepublik aufgeteilt. 1924 kamen die zentralasiatischen Republiken hinzu, nach dem Hitler-Stalin-Pakt bzw. nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich auch die baltischen Republiken und Moldawien. Den Unionsrepubliken unterstanden außerdem die sogenannten Autonomen Sowjetrepubliken, Autonomen Gebiete und Autonomen Kreise, in denen den namengebenden nationalen Minderheiten besondere Rechte eingeräumt wurden. Deren Auslegung hing in der Praxis allerdings stark von der Politik der Republikshauptstädte ab – zumal die Parteiführungen in den Republiken auch die Sicht Moskaus auf diese autonomen Gebiete oft stark bestimmte. (siehe a. S. 4 und Karte I)

Die Utopie vom Vielvölkerstaat

Maike Lehmann

Diese föderale Struktur der Sowjetunion repräsentierte für die Bolschewiki den Unterschied zwischen ihrem sozialistischen Vielvölkerstaat und dem Russischen Imperium, von dessen Russifizierungspolitik sie sich mit allen Mitteln zu distanzieren suchten. Auf diese Weise wollten sie Völker jenseits der sowjetischen Grenzen vom Sozialismus überzeugen und die Stabilität ihres multiethnischen Staates sichern. Gleichzeitig wollten sie die verschiedenen Völker aus der "Rückständigkeit" in die "Moderne" katapultieren. Dies war keine rein ökonomische Frage. Vielmehr sahen die Bolschewiki die Entwicklungsstufe der nationalen Gemeinschaft als Voraussetzung dafür, den Sozialismus aufbauen und zum Kommunismus gelangen zu können. In der Zukunft würden, so die Theorie, dann alle Nationen schließlich miteinander "verschmelzen".

Bevölkerung der UdSSR und ihre RepublikenBevölkerung der UdSSR und ihre Republiken (© Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Russlands, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2003, S. 518)
Dazu musste ein Teil der Bevölkerung auf dem Territorium der Sowjetunion erst zu Nationen gemacht werden, etwa Nomadenvölker, die weder über eine Schriftsprache verfügten, noch ein fest abgegrenztes Territorium bewohnten oder auch nur eine Vorstellung von der "Nation" hatten. Deshalb suchten die Bolschewiki die Entwicklung sowjetischer Nationen und Nationalitäten zu fördern. Mithilfe von Wissenschaftlern zogen sie territoriale Grenzen und ordneten Menschen insgesamt 127 verschiedenen nationalen Gruppen zu – beides hatte oft wenig mit dem lokalen Verständnis dieser Dinge zu tun und bildete angesichts der ethnisch oft sehr heterogenen Besiedlung eine Grundlage für wiederkehrende Konflikte. Im Zeichen der "leninistischen Nationalitätenpolitik" wurden Schriftsprachen kreiert, nationale Sprachen als Unterrichtssprache in der Schule eingeführt, nationale Literatur gefördert, Theater und Zeitungen gegründet. Zugleich wurde bis in die 1930er-Jahre eine umfassende Alphabetisierungskampagne durchgeführt. Vertreter nicht-russischer Gruppen wurden vor allem in den 1920er-Jahren im Zeichen einer gezielten Indigenisierungspolitik (russ.: korenisatsija, dt.: Einwurzelung = die Förderung heimischer Eliten in Staat und Partei, aber auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur) bei der Besetzung von Posten bevorzugt, um so den lokalen Gruppen vor Ort den Sozialismus als ihr eigenes Projekt schmackhaft zu machen.

Mit ihrer Modernisierungspolitik gewannen die Bolschewiki aber nicht nur Unterstützer. Gerade die Zwangsansiedlung von Nomaden oder die Angriffe auf Religion und traditionelle Lebensweisen, wie etwa die auf die etablierte Geschlechtertrennung abzielende Entschleierungskampagne in Zentralasien, führten zu heftigem Widerstand. Nicht nur Nomaden flohen über die Grenze nach China oder machten als Guerilla den Behörden zu schaffen; auch andere Gruppen, etwa meist gut ausgebildete Juden oder Deutsche, zeigten Emigrationsbestrebungen. Dies ließ sie der Parteiführung wiederum als "feindliche, rückständige Elemente" oder als Agenten des kapitalistischen Auslands erscheinen. Entsprechend wurden seit den 1930er-Jahren zunehmend alle Anzeichen von Unabhängigkeitsbestrebungen, Kontakte ins Ausland oder Interpretationen nationaler Geschichte, die den Sozialismus oder die Partei in Frage zu stellen schienen, als "bürgerlich-chauvinistischer Nationalismus" verfolgt. Auch nur vermutete Illoyalität gegenüber dem sowjetischen Projekt führte zu Massendeportationen etwa von Polen, Deutschen, Griechen, Chinesen und Rumänen.

Aufgrund dieser Deportationen betrachteten Forscher die Sowjetunion wiederum lange als "Völkergefängnis". Doch trotz des Misstrauens gegenüber bestimmten Gruppen und seinen oft verheerenden Folgen für die Betroffenen hielt die Sowjetführung durchgängig an der Förderung nationaler Kultur fest. Das angestrebte Verhältnis von Sozialismus und nationaler Identität definierte Stalin 1934 mit dem Ausspruch, dass Kultur "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" zu sein habe. 1935 prägte er mit dem Begriff der "Völkerfreundschaft" eine zentrale Parole für das Zusammenleben in der Sowjetunion. Damit anerkannte er diese "Völker" als feststehende Gemeinschaften, deren gemeinsame Sprache allerdings das Russische sein sollte. (siehe Karte II)



Am 7. November 2017 jährte sich die russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und am 7. November 1917 die Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

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