Sowjetunion II: 1953-1991

10.10.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Manuela Putz
Alexandra Oberländer
Ulrike Huhn

"Tauwetter" unter Nikita Chruschtschow

Die Wiederbelebung der Gesellschaft



Der russische Schriftsteller und Dissident Andrej Bitow (*1937) sagte über die neue Zeit, Chruschtschow habe den Sowjetbürgern das Lachen wiedergebracht. Während zuvor jeder, der Stalin verunglimpfte, als "Konterrevolutionär" verurteilt wurde, entstanden schnell Hunderte von Witzen über Chruschtschow, über die ungestraft gelacht werden konnte, wie über diesen: "Wie sich die Zeiten geändert haben! Sagte man 1952, dass Stalin ein Dummkopf sei, dann wurde man noch am selben Tag erschossen. Sagt jemand heute, dass Chruschtschow ein Dummkopf sei, dann wird er zu acht Jahren Haft wegen Verrats eines Staatsgeheimnisses verknackt!"

Dennoch wurde die Entstalinisierung in der sowjetischen Gesellschaft keineswegs einhellig positiv aufgenommen, denn die GULag-Rückkehrer sorgten für eine doppelte Verunsicherung hinsichtlich früherer Feindbilder und einer vermeintlichen aktuellen Bedrohung der sozialen Ordnung. In dieser Situation wurden 1955 die Nachbarschaftspatrouillen und Kameradschaftsgerichte der 1930er-Jahre wiederbelebt. Diese staatlich angeordnete Maßnahme trug die Mehrzahl der Bevölkerung mit, weil sie ihr subjektives Sicherheitsgefühl stärkte. Ihr Misstrauen richtete sich auch gegen die bunten Stiljagi, gegen Ruhestörer, die man "Hooligans" schimpfte, und Herumlungerer, die als "Parasiten" geächtet wurden.

Quellentext

Was ist Kommunismus?

Aus dem Parteiprogramm der KPdSU, angenommen auf dem XXII. Kongress der KPdSU am 31. Oktober 1961
"Kommunismus ist eine klassenlose Gesellschaftsordnung, in der die Produktionsmittel einheitliches Volkseigentum und sämtliche Mitglieder der Gesellschaft sozial völlig gleich sein werden, in der mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auf der Grundlage der ständig fortschreitenden Wissenschaft und Technik auch die Produktivkräfte wachsen und alle Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums voller fließen werden und wo das große Prinzip herrschen wird: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Der Kommunismus ist eine hochorganisierte Gesellschaft freier arbeitender Menschen von hohem Bewußtsein, in der gesellschaftliche Selbstverwaltung bestehen wird, in der die Arbeit zum Wohle der Gesellschaft zum ersten Lebensbedürfnis für alle, zur bewußt gewordenen Notwendigkeit werden und jeder seine Fähigkeiten mit dem größten Nutzen für das Volk anwenden wird." [...]
Die Aufgaben des kommunistischen Aufbaus werden kontinuierlich in mehreren Etappen gelöst werden.
"Im nächsten Jahrzehnt" (1961-1970) wird die Sowjetunion beim Aufbau der materiell-technischen Basis des Kommunismus die USA – das mächtigste und reichste Land des Kapitalismus – in der Produktion pro Kopf der Bevölkerung überflügeln; […].
"Als Ergebnis des zweiten Jahrzehnts" (1971-1980) wird die materiell-technische Basis des Kommunismus errichtet, die für die gesamte Bevölkerung einen Überfluß an materiellen und kulturellen Gütern sichert; die Sowjetgesellschaft wird unmittelbar darangehen, das Prinzip der Verteilung nach den Bedürfnissen zu verwirklichen [...]. Somit "wird in der UdSSR die kommunistische Gesellschaft im wesentlichen aufgebaut sein". […]
Charakteristisch für den umfassenden Aufbau des Kommunismus ist "das weitere Anwachsen der Rolle und Bedeutung der Kommunistischen Partei" als der führenden und lenkenden Kraft der Sowjetgesellschaft. […] "Unter der erprobten Führung der kommunistischen Partei, unter dem Banner des Marxismus-Leninismus hat das Sowjetvolk den Sozialismus aufgebaut.
Unter der Führung der Partei, unter dem Banner des Marxismus-Leninismus wird das Sowjetvolk die kommunistische Gesellschaft errichten.
Die Partei verkündet feierlich: die heutige Generation der Sowjetmenschen wird im Kommunismus leben!"

Programm der kommunistischen Partei, angenommen auf dem XXII. Parteikongreß (1961), in: Boris Meißner, Das Parteiprogramm der KPdSU 1903-1961. Dokumente zum Studium des Kommunismus. Hg. v. Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus (Institut für Sowjetologie), Band 1, Verlag Wissenschaft und Politik Köln 1962, Seite 186, 188, 240, 244



Die verstärkte Sozialkontrolle war aber nur ein Bestandteil von Chruschtschows erzieherischem Gesellschaftsprojekt. Er bemühte sich, weite Kreise der Bevölkerung in die Diskussion von anstehenden Reformen miteinzubeziehen. "Lebendige Verbindung zu den werktätigen Massen" lautete das von ihm ausgegebene Motto, mit dem er Partei, Gewerkschaften, Betriebs- und Hausversammlungen wiederzubeleben versuchte. Jeder sollte sich für seinen Bereich verantwortlich fühlen und unerschrocken mitdiskutieren. So wurden 1958 die Bildungsreform, 1959 die Justizreform und 1961 das neue Parteiprogramm öffentlich beraten.

Einerseits diskutierte die Öffentlichkeit auf Versammlungen und in Zeitungen, andererseits die jeweilige Fachgemeinschaft, deren Vertreter Chruschtschow zu Hunderten zu den ZK-Sitzungen dazulud, um ihre Meinung zu hören und seine gegebenenfalls zu ändern.

Entstalinisierung der Literatur

Entscheidendes tat sich in der Literatur. Sie war der Ort, an dem vieles benannt werden konnte, was offiziell immer noch ein heikles Thema war: Stalins Terror, der GULag und die Heimkehr aus dem Lager. Wer sich mit dem Schrecken der Stalinzeit auseinandersetzen wollte, der griff nicht zur Zeitung oder zu Geschichtsbüchern, sondern zu Literaturzeitschriften, Romanen oder Memoiren, in denen Zeitzeugen von ihren Erfahrungen während des Großen Terrors berichteten. Gleichzeitig musste sich die Literatur selbst entstalinisieren: 1954 tagte der Schriftstellerkongress zum zweiten Mal nach 1934, um sich von der Stalinzeit zu befreien, deren schwülstige, pathetische, ideologiegeschwängerte Literatur niemand mehr lesen wollte. Der Vorsitzende des Verbandes beging 1956 Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: "Ich sehe keine Möglichkeit mehr weiterzuleben, da die Kunst, der ich mein Leben verschrieben habe, von der anmaßenden Ignoranz der Parteiführung unwiderruflich zugrunde gerichtet worden ist. In einer Zahl, die den zaristischen Satrapen [Statthaltern – Anm. d. Red.] sogar im Traum nicht eingefallen wäre, wurden die besten Kader der Literatur physisch vernichtet oder kamen durch die verbrecherische Duldungspolitik der Machthaber um."

Der Schriftsteller Wladimir Pomeranzew (1907-1971) wurde 1953 über Nacht berühmt, als er seine Kollegen zur "Aufrichtigkeit in der Literatur" aufrief und anprangerte, so wie die meisten schrieben, würde nur auf Versammlungen gesprochen: "Wenn ein Traktorist seiner Liebsten einen Antrag macht, dann doch, weil er sie liebt, und nicht, weil er ein noch besserer Arbeiter sein möchte!" Berühmt wurde der Roman des Schriftstellers Ilja Ehrenburg (1891-1967) "Tauwetter", der im September 1954 binnen weniger Stunden ausverkauft war und der Epoche seinen Namen gab. "Tauwetter" erzählt leidenschaftlich vom Ende der Stalinzeit, von der Freilassung der Verhafteten, vom Ende des Bürokratismus, der "Phrasendrescherei" und "Schönfärberei", von echter Liebe und von den Menschen, die bereit sind, für eine Idee zu leben und zu sterben.

Allerdings blieben der "Sozialistische Realismus" (Sozrealismus) sowie eine positive Darstellung des Helden und der sowjetischen Geschichte weiterhin Gebot für alle Schriftsteller. Das galt besonders für Erzählungen, die während oder kurz nach dem Aufstand in Ungarn erschienen, als die Partei versuchte, allzu kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Boris Pasternak (1890-1960) konnte 1957 seinen Roman "Doktor Schiwago" über die Wirren und Abgründe von Revolution und Bürgerkrieg nur im Ausland veröffentlichen. Als er 1958 dafür den Literaturnobelpreis erhielt, gaben Partei und Schriftstellerverband den Anstoß zu einer Schmutzkampagne gegen ihn, die mit zu seinem frühen Tod 1960 führte.

Eine Ausnahme war die Erzählung von Alexander Solschenizyn "Ein Tag des Iwan Denissowitsch", die 1962 auf persönliche Intervention Chruschtschows hin erscheinen konnte. Obwohl die triste autobiografische Erzählung − Solschenizyn war von 1945 bis 1953 Häftling − über einen einzigen Tag im Arbeitslager weder inhaltlich noch sprachlich den Normen des Sozrealismus entsprach, kam sie Chruschtschow im Zuge seiner zweiten Entstalinisierungskampagne nach dem XXII. Parteitag 1961 gelegen.

Quellentext

Ein Tag des Iwan Denissowitsch

Schuchow blickte schweigend zur Decke. Er wusste selber nicht mehr, ob er die Freiheit wollte oder nicht. Anfangs wünschte er sie sich sehr, zählte jeden Abend nach, wie viele Tage von seiner Haftzeit schon vergangen waren, wie viele er noch vor sich hatte. Dann war er es leid geworden. Und dann stellte sich heraus, dass sie die Politischen nicht nach Hause lassen, sondern in die Verbannung schicken. Und wo das Leben für ihn erträglicher ist, hier oder dort, weiß man nicht.
Er möchte nur frei sein, um nach Hause zu können.
Aber nach Hause lassen sie einen nicht…
Aljoschka lügt nicht, seiner Stimme und seinen Augen merkt man an, daß er gern im Gefängnis sitzt.
"Sieh, Aljoschka", erklärte Schuchow ihm, "bei dir geht’s auf: Christus hat dir befohlen, im Gefängnis zu sitzen, für Christus bist du jetzt hier. Aber wofür sitz’ ich? Dafür, daß sie sich einundvierzig nicht richtig auf den Krieg vorbereitet hatten? Dafür? Was kann ich dafür?"
"Heute ist ja gar kein zweiter Appell mehr …", knurrte Kilgas von seiner Pritsche.
"Ja-a!" erwiderte Schuchow, "das sollte man mit Kohle in den Kamin schreiben, daß heute keine zweite Kontrolle ist." Und er gähnte: "Ich glaube, ich schlafe jetzt."
Da hörten sie durch die stille Baracke das Poltern des Bolzens an der Außentür. Aus dem Korridor kamen die beiden Häftlinge hereingelaufen, die die Filzstiefel hatten, und riefen:
"Zweiter Appell!"
Ihnen nach der Aufseher:
"Raus in die andere Hälfte!"
Ein paar hatten schon geschlafen! Sie brummten, räkelten sich, zogen die Filzstiefel über die Füße (die wattierten Hosen zog keiner aus – ohne sie würde man unter der dünnen Decke vor Kälte erstarren).
"Die verdammten Hunde!" schimpfte Schuchow. Aber er ärgerte sich nicht besonders, weil er noch nicht geschlafen hatte.
Caesar streckte seine Hand nach oben aus und legte ihm zwei Stück Kuchen, zwei Stückchen Zucker und eine runde Scheibe Wurst hin.
"Danke, Caesar Markowitsch", Schuchow beugte sich in den Durchgang hinunter, "aber jetzt geben Sie mir Ihren Sack zur Sicherheit nach oben unter das Kopfkissen." (Von oben zieht man ihn nicht so schnell herunter, und wer würde bei Schuchow etwas suchen?)
Caesar gab Schuchow seinen weißen, zugebundenen Sack nach oben, Schuchow schob ihn unter die Matratze und wartete, bis die meisten draußen waren, damit er nicht so lange barfuß im Korridor stehen musste. Aber der Aufseher raunzte ihn an:
"Los, du da in der Ecke!"
Und Schuchow sprang gewandt auf den Boden, barfuß (seine Filzstiefel mitsamt den Fußlappen standen so gut auf dem Ofen – es wäre schade, sie noch einmal herunterzuholen!) Wie viele Hausschuhe hatte er schon genäht – immer nur für andere, für sich hatte er keine. Aber er war daran gewöhnt, es dauerte ja nicht lange.
Die Hausschuhe nehmen sie auch mit, wenn sie tagsüber welche finden. In den Brigaden, die ihre Filzstiefel zum Trocknen abgegeben hatten, ging es denen am besten, die Hausschuhe besaßen, die anderen mussten in ihren Fußlappen oder barfuß hinaus.
"Na los! Los!" knurrte der Aufseher.
"Ihr braucht wohl Prügel, ihr Viecher?" Der Barackenälteste kommt dazu. Sie trieben alle in die andere Hälfte hinüber, die letzten mussten in den Korridor. Schuchow stellte sich an die Wand neben der Latrine. Der Boden unter seinen Füßen war feucht, und aus dem Vorraum zog es eiskalt herein. Sie hatten alle hinausgejagt – noch einmal gingen der Aufseher und der Älteste durch die Baracke, um zu kontrollieren, ob sich niemand mehr dort versteckte, sich etwa in eine dunkle Ecke verdrückt hatte und schlief. Wenn einer fehlt, gibt es Ärger, und wenn einer zuviel gezählt wird, gibt es auch Ärger, dann können sie wieder von vorn anfangen. Sie gingen überall durch und kamen dann zur Tür zurück.
Erster, zweiter, dritter, vierter … jetzt ließen sie die Männer schnell einzeln passieren. Als achtzehnter zwängte sich Schuchow durch. Im Laufschritt zur Pritsche, den Fuß auf den Stützbalken und – schwupp! – war er oben.
Schön. Die Füße wieder in den Westenärmel, die Decke darüber, obendrauf die Wattejacke, und schlafen! Jetzt werden sie alle von drüben in unsere Hälfte schicken, aber das stört uns nicht.
Caesar kam zurück. Schuchow gab ihm den Sack hinunter.
Aljoschka kam. Ungeschickt ist er, will es allen recht machen, aber er versteht’s nicht, sich etwas nebenbei zu verdienen.
"Da, Aljoschka!", und er gibt ihm ein Stück Kuchen ab. Aljoschka strahlt.
"Danke. Sie haben doch selber nichts!"
"Iß schon!"
Wir haben nichts, deswegen verdienen wir uns immer was dazu.
Und jetzt das Stückchen Wurst in den Mund! Die Zähne hinein! Kauen! Dieser Fleischgeruch! Richtiger Fleischsaft! Jetzt war’s im Bauch.
Schon ist die Wurst weg.
Das übrige, beschloß Schuchow, morgen vor dem Ausmarsch.
Er zog sich die Decke über den Kopf, die dünne, ungewaschene Decke, und hörte nicht mehr hin, wie sich die Häftlinge aus dem anderen Raum zwischen den Pritschen zusammendrängten: warteten, daß sie abgezählt wurden.
Schuchow schlief vollkommen zufrieden ein. Er hatte heute viel Glück gehabt: er mußte nicht in den Bunker, die Brigade wurde nicht in die Sozsiedlung abkommandiert, zum Mittagessen hatte er sich einen Schlag Grütze geschnorrt, der Brigadier hatte gute Prozente für sie herausgeschlagen, das Mauern hatte Schuchow Spaß gemacht, beim Filzen war er mit dem Sägeblatt durchgekommen, abends hatte er sich bei Caesar etwas verdient und noch Tabak gekauft. Und war nicht krank geworden, hatte sich wieder aufgerappelt.
Ein Tag war vergangen, durch nichts getrübt, ein fast glücklicher Tag.
So sahen die dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage seiner Haftzeit vom Wecksignal bis zum Schlußappell aus.
Wegen der Schaltjahre waren es drei Tage mehr …

Alexander Issajewitsch Solschenizyn, Ein Tag des Iwan Denissowitsch, Erzählung, Übersetzt von Christoph Meng, Coron Verlag, o. J., Seite 194 ff. © Les éditions Fayard, Paris


Erneuter Kampf gegen die Kirche

Ulrike Huhn

Die Aufbrüche in Gesellschaft und Künsten gingen einher mit einer Neuauflage der antireligiösen Politik der 1920er- und 1930er-Jahre. In mehreren Wellen im Sommer 1954 und seit 1958 zog die Staats- und Parteiführung gegen die Kirche zu Felde, ließ Kirchen und Klöster schließen, verunglimpfte Geistliche und gläubige Christen in der Presse, ließ prominente Kirchenvertreter öffentlichkeitswirksam von ihrem Glauben abschwören und schränkte den Spielraum von Kirche und Gemeinden immer mehr ein. So war es Kindern verboten, Gottesdienste zu besuchen, weil diese nun als "religiöse Propaganda" galten und damit verfassungswidrig waren. Auch die durch Chruschtschows agrarpolitische Maßnahmen forcierte Landflucht ließ viele Dorfkirchen veröden, während in den rasch wachsenden Städten grundsätzlich keine Kirchen eröffnet wurden. Oft sorgten Großmütter dafür, dass ihre Enkelkinder während der Sommerferien in den Dörfern getauft wurden, nicht selten ohne das Wissen der Eltern.

Paradoxerweise übertraf Chruschtschow mit dieser neuen Religionspolitik an Strenge seinen Vorgänger Stalin, unter dem seit 1943 mehr als 14.000 Kirchen geöffnet worden waren. Chruschtschow konnte damit sowohl die Hardliner befriedigen als auch frühere taktische Zugeständnisse zurücknehmen. Seine antireligiösen Kampagnen sind als Teil einer Modernisierungsmission und der tiefen Überzeugung zu verstehen, dass der Kommunismus in kurzer Zeit zu erreichen sein würde.

Allerdings sorgte die neue, offenere gesellschaftliche Atmosphäre dafür, dass das Kirchenvolk und manche Geistliche die Einschnitte nicht mehr widerspruchslos hinnahmen. Vielerorts protestierten sie gegen die Kirchenschließungen, verfassten Petitionen und reisten nach Moskau, um die Schließungen zu verhindern. Sogar der regimefreundliche Metropolit Nikolaj (Jaruschewitsch, 1892-1961) äußerte sich in der Öffentlichkeit kritisch über Kirchenverfolgungen in der Sowjetunion und verlor daraufhin 1960 sein hohes Kirchenamt. Im Juli 1961 stimmte unter staatlichem Druck ein Bischofskonzil einer Kirchenreform zu, die den Handlungsspielraum der Priester in den Gemeinden weiter einschränkte. Kritische Intellektuelle sahen die Russisch-Orthodoxe Kirche daraufhin als Marionette in den Händen des Staates und als Institution, die ihre moralische Autorität schon lange verloren hatte.