Sowjetunion II: 1953-1991

10.10.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Manuela Putz
Alexandra Oberländer
Ulrike Huhn

"Tauwetter" unter Nikita Chruschtschow


Neue Utopien und Sozialprogramme



Das Präsidium hatte neben und mit der Entstalinisierung zwei andere Großaufgaben zu erfüllen: die Bevölkerung zu ernähren und ihr anstelle des Stalinismus neue Ideen zu bieten, für die sie sich begeistern konnte. Der Kommunismus sollte kein fernes Ziel mehr sein, sondern in absehbarer Zeit erreichbar und schon jetzt den Sowjetmenschen erste Früchte ihrer harten Arbeit liefern. Chruschtschow ließ in einer seiner mobilisierenden Massendiskussionen ein neues Parteiprogramm ausarbeiten und erklärte bei dessen Verabschiedung auf dem XXII. Parteitag 1961, dass der Kommunismus im Jahr 1980 errichtet sein werde. (siehe a. Seite 10)

Reform der Landwirtschaft

Noch unter Stalin hatte Chruschtschow eine Agrarkommission geleitet, die im Dezember 1952 zu dem Schluss kam, um die Bevölkerung mit mehr Fleisch zu versorgen, müsse der Staat den Bauern mehr bzw. überhaupt Geld zahlen: für Fleisch das Drei- bis Vierfache, für Milchprodukte 50 Prozent mehr. Stalin hatte die Kommission verhöhnt. Sofort nach seinem Tod senkte das Parteipräsidium die Steuern und Quoten der Pflichtablieferungen für die Bauern, und es leitete eine Stärkung der Kolchosen ein, indem es viele unrentable Kleinbetriebe zu Großbetrieben zusammenlegte. Dadurch sank die Zahl der Kolchosen von 91.200 (1953) auf 67.700 (1958). Die Getreideernte stieg im gleichen Zeitraum um 75 Prozent. Obwohl 1957 die Bauern für ihr Getreide immerhin 266 Prozent des Preises erhielten, den sie 1952 bekommen hatten, lagen die Preise aber weiterhin unter den Produktionskosten. Chruschtschow wollte die Bauern jedoch nicht nur materiell motivieren, sondern sie auch in den gesellschaftlichen Umgestaltungsprozess miteinbeziehen. Dafür löste er 1953 die lokalen Behörden des Landwirtschaftsministeriums auf und unterstellte die Kolchosen den Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), die, seit den 1930er-Jahren eingeführt, das landwirtschaftliche Gerät an die Bauern verliehen. Aus den Städten entsandte er 20.000 technische Spezialisten und Parteimitglieder aufs Land, die die Bauern in technischen und weltanschaulichen Fragen beraten sollten. Doch bereits 1958 löste er die MTS auf und übertrug die Verantwortung für den Maschinenpark den Kolchosen. Diese mussten die Geräte, obwohl häufig nutzlos und völlig veraltet, zu teilweise überhöhten Preisen kaufen. Was als Maßnahme zur Stärkung der Eigenverantwortung gedacht gewesen war, hatte somit letztlich Chaos und Ratlosigkeit verursacht.

Die Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend Lebensmitteln blieb eines der dringendsten Probleme. 1957 erklärte Chruschtschow, die USA in Erzeugung von Fleisch, Milch und Butter einholen zu wollen. Das allerdings hätte eine Verdreifachung der Fleischproduktion bedeutet. Um die Tiermast zu vergrößern, forderte Chruschtschow, den Anbau von Futtermais von 3,5 Millionen Hektar 1953 auf mindestens 28 Millionen Hektar im Jahr 1960 auszubauen. Wegen seiner Schwäche für Mais wurde Chruschtschow in der Sowjetunion deshalb als "Mais-Mann" (russ.: kukurusnik) verspottet.

Die Neulandkampagne

Mit der Neulandkampagne wollte Chruschtschow an drei Fronten gewinnen: Getreide im großen Stil produzieren, den Menschen eine neue Utopie geben und im Machtkampf gegen Malenkow auftrumpfen. Ende 1953 schlug er vor, Millionen von Hektar Land in Zentralasien und Westsibirien, wo kaum Regen fiel, Stürme wüteten oder das halbe Jahr Schnee lag, urbar zu machen. Dafür legte er eine große Propagandakampagne auf, die junge Männer und Frauen wie in den 1930er-Jahren aufrief, in die Steppe zu ziehen und ihre neue Welt selbst zu schaffen.

Als die kasachische Parteiführung einwandte, das Land sei dafür nicht geeignet, setzte er eine neue Parteiführung ein. Sie berief sich auf den Genetiker Trofim Lysenko (1898-1976), der 1954 erklärt hatte, dass der Weizen sich an die Bedingungen in Kasachstan anpassen würde. Tatsächlich schienen die Ernten Chruschtschow und Lysenko zunächst Recht zu geben: Von 1954 bis 1960 konnten 42 Millionen Hektar Land neu bestellt werden. Das war ein Nettozuwachs von 33 Millionen Hektar. Doch einer Rekordernte von 125 Millionen Tonnen 1956 folgte 1957 ein Einbruch auf 102,6 Millionen Tonnen. Das ökologische Problem bestand darin, dass die kargen Böden der Steppe großer Erosion ausgesetzt waren, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis der fruchtbare Boden fortgeweht war. Dazu gesellte sich das ideologische Problem, dass Lysenko eine frühe Aussaat empfahl, weil er glaubte, der Weizen werde durch den Frost "abgehärtet". Beides summierte sich im Jahr 1963 zu einer katastrophalen Missernte; 1965 kam es zu solchen Stürmen, dass sich manche Landstriche bis heute davon nicht erholt haben.

Lohn- und Rentenreform

1955 wurde der Mindestlohn von zehn Rubel auf 30 Rubel verdreifacht. Industriearbeiter wurden in sechs Lohngruppen bezahlt – je nach Ausbildung, Qualifizierungsgrad und Art der Arbeit. 1962 erhielten Beschäftigte in der Leicht- und Lebensmittelindustrie durchschnittlich 81 Rubel im Monat, während Bergleute Spitzenlöhne von bis zu 230 Rubeln erzielten. Als Elite galten aber nach wie vor die Ingenieurinnen und Ingenieure sowie das Führungspersonal, die 1955 durchschnittlich zwei Drittel mehr als ihre Arbeiter verdienten.

Am untersten Ende fanden sich nach wie vor die Kolchosbäuerinnen und -bauern, auch wenn sie unter Chruschtschow erstmals überhaupt einen Lohn erhielten. Bis 1965 wurde ihr Lohn in "Arbeitstagen" berechnet, deren Wert von der Produktivität der Kolchose abhing und zwischen 26 und 52 Rubel lag. Allerdings wurde selbst dieser Lohn oft nicht ausgezahlt; entscheidend war daher der Naturallohn, den die Kolchosbauern unmittelbar nach der Ernte als "Vorschuss" erhielten. Angesichts der unsicheren Auszahlung sank die Arbeitsdisziplin nach Erhalt des Getreideanteils erheblich. Grundsätzlich war und blieb das Problem, dass die Bauern sich angesichts der miserablen Entlohnung ganz auf die Bestellung ihres eigenen Hoflands konzentrierten, das ihre Versorgung und kleinere Einnahmen auf den nicht preisgebundenen Kolchosmärkten sicherte.

Im Sommer 1956, als die Debatte um die "Geheimrede" auf ihren Höhepunkt zusteuerte, führte der Oberste Sowjet eine Mindestrente von 30 Rubeln im Monat für Arbeiterinnen ab dem 55. Lebensjahr, für Arbeiter ab dem 60. Lebensjahr ein.

Den Kolchosbauern wurde erst im Juli 1964 eine Mindestrente von zwölf Rubeln zugesprochen, die Frauen ab 60, Männer ab 65 bezogen. Beide Reformen sollten das Arbeitsleben attraktiver gestalten und die Fürsorge von Partei und Staat unter Beweis stellen.

Kampf gegen "Sozialschmarotzer"

Alexandra Oberländer

Das Recht auf Arbeit in der Sowjetunion hatte eine Kehrseite: die Pflicht zur Arbeit. Wer in der Sowjetunion nicht arbeitete, galt als Sozialschmarotzer, als tunejadec, als "Parasit". Die Repressionen gegen vermeintliche "Parasiten" waren keineswegs eine ausschließlich staatliche Angelegenheit. Im Gegenteil: Die arbeitende Bevölkerung unterstützte aktiv die Sanktionierung und Ächtung von Arbeitsverweigerung. Im Rahmen der Idee, die Gesellschaft erziehen zu müssen, kam es vor allem im unmittelbaren Anschluss an die "Geheimrede" Chruschtschows 1956 zu einer Kampagne gegen vermeintliche Arbeitsverweigerinnen und -verweigerer, die seitens der Bevölkerung streckenweise enthusiastisch oder als längst überfällig begrüßt wurde. Fabrikkollektive forderten geschlossen härtere Sanktionen gegen vermeintliche Faulenzer. Gelegentlich schien es so, als würden Staat und Partei zu Exekutoren eines Volkswillens, der die Gesetzgeber in seiner Unversöhnlichkeit selbst überraschte. Das Resultat dieser zum Teil in der sowjetischen Presse geführten Debatte um ein konsequentes Vorgehen gegen Arbeitsverweigerer war ein 1961 verabschiedetes Gesetz. War die Gesetzesinitiative zunächst gegen sogenannte Parasiten gedacht, die es an sozialistischer (Arbeits-)Moral missen ließen, traf es dann häufig Andersdenkende. Politisch oder kulturell missliebige Personen, die keiner geregelten Arbeit nachgehen wollten oder konnten, mussten mit Verbannung an entfernte Orte des sowjetischen Imperiums rechnen.

"Chruschtschoby" – die Erfindung des Plattenbaus

Stalins Tod läutete auch in der Architektur das Ende des pompösen, sozialistischen Klassizismus, des "Zuckerbäckerstils" ein. Etwas Modernes, Nüchternes, schnell und massenhaft zu Errichtendes musste her. Ebenfalls im "heißen" Sommer 1956 ließ Chruschtschow den massenhaften Wohnungsbau verkünden. Bereits 1954 hatte er auf der All-Unionskonferenz der Architekten den Baustil der Stalinzeit scharf verurteilt und ein flammendes Plädoyer für den standardisierten, schlichten Zweckbau gehalten. Der neue Slogan lautete: "Architekten in die Fabriken". Ziegelsteine wurden als Baumaterial durch gegossene, standardisierte Betonplatten ersetzt. Die Konstrukteure verabschiedeten sich vom Konzept der Innenhöfe und entwarfen den rundum offenen Wohnblock. Die Fassade wurde gesichtslos und die Wohnnormen auf ein Minimum zusammengeschrumpft. So wuchsen vollkommen gleichförmige Trabantenstädte, die oft nicht einmal eine Infrastruktur hatten und im Volksmund bald in Anlehnung an den russischen Begriff für "Slum" "chruschtschoby" genannt wurden. Dennoch war die Plattenbauwohnung sehr attraktiv, da die meisten Familien sich zu viert ein Zimmer in einer Kommunalwohnung teilten. Die Platte hatte fließend Wasser, Zentralheizung und ein eigenes Bad. Chruschtschow versprach jeder Familie ihre eigenen vier Wände – bis 1980; doch 1960 wohnten nur 40 Prozent aller Familien in einer abgeschlossenen Wohnung.

Der Aufstand von Nowotscherkask 1962

Das Desaster der Neulandkampagne, die versäumte Modernisierung der Landwirtschaft in den alten Anbaugebieten und neue Restriktionen für die private Landwirtschaft führten Anfang der 1960er-Jahre zu erneuten Engpässen in der Versorgung mit Lebensmitteln und damit zu einer angespannten Lage. Als sich am 1. Juni 1962 in der Stadt Nowotscherkask Gerüchte verbreiteten, dass sowohl die Lebensmittelpreise erhöht als auch in der Waggonbaufabrik der Stücklohn gesenkt worden seien, kam es zu spontanen Massenprotesten und Kundgebungen, bei denen die Arbeiter riefen: "Wir fordern Fleisch, Milch, Lohnerhöhung und Wohnraum." Da sich die Milizionäre weigerten, gegen die aufgebrachte Menge vorzugehen, forderten die Gebietsleiter das Militär an. Das Parteipräsidium entsandte Frol Koslow (1908-1965) und Mikojan, um vor Ort zu vermitteln. Dennoch eröffnete das Militär das Feuer auf die wütende Menge und erschoss 13 Menschen. Die Proteste dauerten noch zwei Tage an. Die Rädelsführer wurden zum Tode verurteilt, weitere Demonstranten zu fünf bis zehn Jahren Haft. Der Aufstand wurde in der Sowjetunion verschwiegen. Aber er führte dazu, dass sich das Parteipräsidium 1963 angesichts der katastrophalen Missernte entschloss, die Goldreserven anzugreifen, um im Westen Getreide und Fleisch zu kaufen.