Sowjetunion II: 1953-1991

10.10.2014 | Von:
Susanne Schattenberg

Perestrojka und Glasnost

Der Putsch und das Ende der Sowjetunion



Eine Ironie der Geschichte ist, dass es die reformunwilligen orthodoxen Kräfte im Politbüro und Machtapparat waren, die der Sowjetunion den Todesstoß versetzten. Seit April 1991 verhandelte Gorbatschow mit neun Republiken über einen neuen Unionsvertrag, der deren Rechte und Wünsche nach Selbstständigkeit ausreichend berücksichtigen sollte. Als er am 2. August fertig war, fuhr Gorbatschow in den Urlaub. In seiner Abwesenheit studierten die Mitglieder des Sicherheitsrates den Vertrag und waren angesichts der Freiheiten, die er den Republiken einräumte, schockiert. Sie beschlossen am 17. August, den Notstand auszurufen und Gorbatschow zum Rücktritt zu zwingen. Am Morgen des 19. August 1991 hörten die Moskauer folgende Radioansprache des Vizepräsidenten Gennadi Janaew (1937-2010): "Da es Michail Sergejewitsch Gorbatschow aufgrund seines Gesundheitszustandes unmöglich ist, seine Amtspflichten als Präsident zu erfüllen, habe ich auf Grundlage von Artikel 127 der Verfassung der UdSSR die Erfüllung der Amtspflichten des Präsidenten der UdSSR ab dem 19. August 1991 übernommen." Das war die Stunde des russischen Präsidenten Boris Jelzin (1931-2007): Er erklärte öffentlich die Absetzung Gorbatschows für illegal und versammelte mehrere Tausend Menschen um das "Weiße Haus" in Moskau, den russischen Regierungssitz, die sich den Panzern in den Weg stellten. Die Panzerfahrer solidarisierten sich bald mit den Verteidigern, einige Sender berichteten plötzlich von den Szenen vor dem Weißen Haus. Nach drei Tagen gewannen die "Verteidiger" die Oberhand, und Gorbatschow konnte von der Krim zurückkehren. Die Verschwörer wurden verhaftet. Doch so triumphal Gorbatschows Rückkehr nach Moskau war, so schmählich war sein Abgang. Der Putsch hatte zur Folge, dass er die Union und ihren Erhalt in ein schlechtes Licht rückte: Sie galt in der Öffentlichkeit nun als Sache von Verbrechern und Verschwörern. Und der erfolgreiche Widerstand gegen diese schien zu belegen, dass die Union nicht mehr gewünscht war. Am 21. Dezember 1991 unterzeichneten die Führer von elf Sowjetrepubliken das Gründungsdokument der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Die Sowjetunion war damit Geschichte. Gorbatschow war jetzt ein Präsident ohne Staat und trat am 25. Dezember 1991 zurück.

In der Forschung gibt es einige Stimmen, die behaupten, dass die Sowjetunion, personifiziert durch Gorbatschow, politischen Selbstmord beging. Als er 1985 an die Macht kam, seien weder die Wirtschaft so marode, noch die Versorgungslage so katastrophal, noch die Rüstungskosten so erdrückend, noch der politische Druck so unausweichlich gewesen, als dass es zu den Reformen hätte kommen müssen, die Gorbatschow einleitete. Gorbatschow sei also ein "Gesinnungstäter" gewesen, der aus Überzeugung Wirtschaft, Gesellschaft und Partei reformierte und dabei in Kauf nahm, das System so zu destabilisieren, dass es zusammenbrach. Er habe nicht verstanden, so eine Forschungsmeinung, dass er mit seinen eigenen Idealen von Öffentlichkeit und Demokratie den Menschen selbst den Ausstieg aus dem System wies, während die einzigen, die das System stützen wollten, die "Stalinisten" waren. Anders formuliert hätten weder Gewalt und Zwang unter Lenin und Stalin noch die Erziehungspolitik unter Chruschtschow und Breschnew die Menschen dauerhaft für die Sowjetunion gewinnen können. Nicht umsonst hätten Breschnew und Andropow die Meinung vertreten, erst müsse man den Lebensstandard der Sowjetmenschen an das Niveau des Westens heranführen, bevor man mit der Meinungs- und Informationsfreiheit wie im Westen experimentieren könne. Gorbatschow habe die Warnung, dass die Menschen erst wirtschaftlich saturiert sein müssten, in den Wind geschlagen und mit der Glasnost-Politik das Ende der Sowjetunion eingeleitet. Aber selbst wenn die Bevölkerung das gleiche Konsumangebot wie im Westen gehabt hätte, wäre die Sowjetunion vermutlich an der Wahrheit zerbrochen, dass die Union der Völker nicht friedlich und freiwillig zustande gekommen war.