Dossierbild Hauptachsen der Parteienkonkurrenz

21.1.2016 | Von:
Uwe Jun

Parteien als Organisationen

Die Parteimitglieder

Parteien in Deutschland sind formell als Mitgliederparteien zu charakterisieren. Welche Rechte die einzelnen Mitglieder haben, ist im Parteiengesetz grundsätzlich festgehalten, dennoch können die Satzungen der Parteien diese Rechte entweder stärker oder schwächer ausgestalten. Problematisch für die deutschen Parteien ist der kontinuierliche Mitgliederschwund, der hauptsächlich mit einer sinkenden Zahl an Beitrittswilligen zu erklären ist. Die Rolle der Parteimitglieder und ihre Arbeit variieren erheblich: Sie reichen von Menschen, die Politik zum Beruf machen, über solche, die aktiv Parteiämter übernehmen, bis zu denen, die lediglich Beiträge zahlen, aber wenig an aktiver Parteiarbeit interessiert sind. Besonders tritt die Differenz zwischen den ständig Politik betreibenden professionellen Akteuren in Parlamenten und Regierungen von Bund und Ländern und den Mitgliedern, die sich ehrenamtlich mit Politik beschäftigen zutage. Einzelne Parteienforscher sprechen in diesem Kontext von einer Kluft zwischen den eher wählerorientierten Berufspolitikern und den Amateuren an der Parteibasis.

Rechtliche Regelungen

Wie schon erwähnt, gibt Art. 21 GG vor, dass der interne Aufbau der Parteien demokratischen Grundsätzen entsprechen muss. Das Parteiengesetz kennt sogar einen eigenen Paragraphen, der die Rechte der Mitglieder definiert: So haben die Mitglieder – wie auch die Wählerinnen und Wähler allgemein – gleiches Stimmrecht, welches jedoch eingeschränkt werden kann, wenn ein Mitglied seinen Beitrag nicht entrichtet. Der Entzug der individuellen Mitgliedschaft ist nur nach Anrufung und auf Entscheidung des Parteischiedsgerichtes möglich. Ein Entzug der Mitgliedschaft ist rechtens, wenn das Mitglied "vorsätzlich gegen die Satzung oder erheblich gegen Grundsätze oder Ordnung der Partei verstößt und ihr damit schweren Schaden zufügt". Die Möglichkeit des freiwilligen Austrittes vonseiten des individuellen Mitgliedes ist demgegenüber immer gegeben. Inwieweit Mitgliederbeteiligung zugelassen, welche Beiträge erhoben und wie diese gestaffelt werden, obliegt den Parteien und ist in ihren Statuten bzw. Finanz-/Beitragsordnungen geregelt. Parteien müssen übrigens nicht jedes beitrittswillige Mitglied aufnehmen, sie können Aufnahmeanträge ablehnen. Beispielsweise gilt in fast allen Parteien das Unvereinbarkeitsgebot, das heißt, dass eine Mitgliedschaft in der einen unvereinbar mit einer Mitgliedschaft in einer anderen Partei ist.

Quellentext

Parteiengesetz § 10: Rechte der Mitglieder

(1) Die zuständigen Organe der Partei entscheiden nach näherer Bestimmung der Satzung frei über die Aufnahme von Mitgliedern.

Die Ablehnung eines Aufnahmeantrages braucht nicht begründet zu werden. Allgemeine, auch befristete Aufnahmesperren sind nicht zulässig. Personen, die infolge Richterspruchs die Wählbarkeit oder das Wahlrecht nicht besitzen, können nicht Mitglieder einer Partei sein.

(2) Die Mitglieder der Partei und die Vertreter in den Parteiorganen haben gleiches Stimmrecht. Die Ausübung des Stimmrechts kann nach näherer Bestimmung der Satzung davon abhängig gemacht werden, dass das Mitglied seine Beitragspflicht erfüllt hat. Das Mitglied ist jederzeit zum sofortigen Austritt aus der Partei berechtigt.

(3) In der Satzung sind Bestimmungen zu treffen über
  1. die zulässigen Ordnungsmaßnahmen gegen Mitglieder,
  2. die Gründe, die zu Ordnungsmaßnahmen berechtigen,
  3. die Parteiorgane, die Ordnungsmaßnahmen anordnen können. Im Falle der Enthebung von Parteiämtern oder der Aberkennung der Fähigkeit zu ihrer Bekleidung ist der Beschluss zu begründen.
(4) Ein Mitglied kann nur dann aus der Partei ausgeschlossen werden, wenn es vorsätzlich gegen die Satzung oder erheblich gegen Grundsätze oder Ordnung der Partei verstößt und ihr damit schweren Schaden zufügt.

(5) Über den Ausschluss entscheidet das nach der Schiedsgerichtsordnung zuständige Schiedsgericht. Die Berufung an ein Schiedsgericht höherer Stufe ist zu gewährleisten. Die Entscheidungen sind schriftlich zu begründen. In dringenden und schwerwiegenden Fällen, die sofortiges Eingreifen erfordern, kann der Vorstand der Partei oder eines Gebietsverbandes ein Mitglied von der Ausübung seiner Rechte bis zur Entscheidung des Schiedsgerichts ausschließen.

Parteiengesetz, Novelle vom 23. August 2011, Bundesgesetzblatt (BGBl.) I, S. 1748

Entwicklung der Parteimitgliedschaften

Die Parteimitgliedschaften sind im Rückgang begriffen. Dass das nicht immer so war, zeigt der Blick auf die Entwicklung seit der Gründung der Bundesrepublik 1949. So stiegen die Parteimitgliedschaften in den 1970er-Jahren auf ein Niveau an, das heute nicht mehr erreichbar scheint (alleine die SPD hatte 1976 und 1977 mehr als eine Million Mitglieder). Die Vereinigung Deutschlands im Jahr 1990 konnte zwar einigen Parteien ein Kurzzeithoch der Mitgliederzahlen bescheren, doch zeigte sich im Laufe der Jahre, dass die Parteien weiterhin mehr Austritte als Eintritte verzeichnen mussten.

Mitglieder der Parteien in Deutschland, GrafikMitglieder der Parteien in Deutschland Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb, Oskar Niedermayer, Parteimitglieder in Deutschland, Version 2015, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 25, Berlin 2015; Link siehe Literaturhinweise)

Woran liegt es, dass Mitglieder aus Parteien ausscheiden? Als Erklärungsansätze gibt es
  • die demografische Begründung: Parteimitglieder sind im Durchschnitt relativ alt. So lag 2012 das Durchschnittsalter der Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen bei 48 Jahren, womit diese noch die "jüngste" aller Parteien ist. Bei der FDP betrug das Durchschnittsalter 53 Jahre, bei CDU, CSU und SPD 59 Jahre und bei der Linken sogar 60 Jahre. Der Verlust an Parteimitgliedern lässt sich also mit dem durch Ableben bedingten Ausscheiden erklären.
  • Durchschnittsalter der Mitglieder verschiedener Parteien, GrafikDurchschnittsalter der Mitglieder verschiedener Parteien (© Oskar Niemayer, Parteimitglieder in Deutschland, Version 2015, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 25, Berlin 2015 , Link siehe Literaturhinweise)
  • die mitgliederbezogene Begründung: Ausgetretene Parteimitglieder geben zu einem Drittel an, aus privaten Gründen eine Partei verlassen zu haben. Für 13 Prozent spielen persönliche politische Gründe eine Rolle, Politikverdrossenheit, aber auch veränderte politische Einstellungen und das Nichterreichen eigener politischer Ziele.
  • In Bezug auf die Erreichbarkeit von Zielen wird von Wirksamkeit gesprochen, die sich in interne und externe unterteilen lässt: Interne Wirksamkeit liegt vor, wenn die Bürgerinnen und Bürger sich zutrauen, politische Vorgänge verstehen zu können. Externe Wirksamkeit erweist sich mit dem Ausmaß, in dem Bürgerinnen und Bürger dem politischen System bescheinigen, ihre politischen Handlungen bzw. Willensbekundungen aufzunehmen und in Entscheidungen umzuwandeln
  • die parteibezogene Begründung: Hierunter fallen alle Austrittsgründe, die in der Partei selbst zu suchen sind. Dies sind beispielsweise Sachentscheidungen der Parteien, mit denen Mitglieder regelrecht "verprellt" werden können. Auch politische Richtungsänderungen der Partei können einen Austrittsgrund darstellen, genauso wie Konflikte, Skandale oder die allgemeine Unzufriedenheit des ausgetretenen Mitglieds mit der Arbeit seiner Partei.
Die Gefahr, dass Parteimitglieder aus Parteien austreten, ist also immer gegeben und kann mehrere Gründe haben. Parteien schwimmen deswegen – gerade was ihre Mitglieder angeht – in sehr seichtem Fahrwasser, in dem sie leicht auf Grund laufen können. Doch selbst wenn voraussichtlich weitere Mitglieder-Flutwellen ausbleiben, verheißt ein Anteil von 40 Prozent relativ fest an die Partei gebundener Mitglieder, dass die Parteischiffe auch in Zukunft weiter segeln können. Dennoch müssen die deutschen Parteien ihre eigenen Mitgliederwerbekampagnen immer wieder kritisch überprüfen und neu konzipieren. Wie im nächsten Abschnitt gezeigt wird, gibt es allerhand Eintrittsmotive für Bürgerinnen und Bürger, die geneigt sind, einer Partei beizutreten. An diesen können Parteien ansetzen, um neue Mitglieder zu rekrutieren.

Quellentext

Zerreißprobe Agenda 2010

[…] Die Reaktionen auf die Hartz-IV-Gesetze, mit welchen Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt und die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes gekürzt wurden, sind ein exemplarischer Anschauungsfall für den […] Sachverhalt, dass wertbezogene Konfliktlinien die Gesellschaft durchziehen, die Parteianhängerschaften spalten und zu innerparteilichen Machtkämpfen führen können. Im Umfeld von Volksparteien, die unterschiedliche soziale Gruppen in ihren Reihen haben, werden dabei unter Mitgliedern und Anhängern größere innerparteiliche Spannungen und erheblich stärkere interne Fliehkräfte ausgelöst als in Kleinparteien oder gar Ein-Themen-Parteien. Die SPD, welche die Hartz-IV-Gesetzgebung als Regierungspartei verantwortete, geriet darüber in eine Zerreißprobe, die sich schon während der rot-grünen Regierungszeit anbahnte, sich jedoch auf dem Wählermarkt erst bei den nächstfolgenden Wahlen von 2009 voll auswirkte.


Der Prozess der Entfremdung zwischen regierender SPD und dem sozialdemokratischen Traditionsflügel, auf dessen Seite auch die DGB-Gewerkschaften standen, die dann zeitweise zur SPD-Führung auf Konfrontationskurs gingen, entfaltete sich im zeitlichen Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl des 18. September 2005. Wie stets, so stellten auch bei diesem Streitfall die gesamtstaatlichen Problemlagen – die Massenarbeitslosigkeit, die wirtschaftliche Rezession, die Staatsverschuldung und eben die Schieflage der sozialen Sicherungssysteme – belastende Rahmenbedingungen dar, die ein steuerndes Handeln der politischen Akteure einforderten, aber dieses nicht völlig fremdbestimmten.

Die Agenda 2010, mit welcher Gerhard Schröder den Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik im März 2003 ankündigte, war eine bewusste, strategisch angelegte und ebenso riskante politische Entscheidung. An den Sicherheitsgarantien des herkömmlichen Sozialstaates und entsprechenden Erwartungen des Gros sozialdemokratischer Arbeitnehmerwähler gemessen, stellten Riesterrente, Nachhaltigkeitsfaktor bei Altersbezügen und Hartz IV merkliche Pfadabweichungen dar. Der darob bei der SPD-Gefolgschaft eintretende Vertrauensverlust und das schließliche Scheitern der Kanzlerschaft Schröders waren folglich nicht das Erzeugnis einer "ehernen" Logik "der Verhältnisse", sondern die Konsequenz einer bewusst riskierten Richtungsentscheidung, mit welcher Schröder exekutive Führerschaft demonstrierte.

Das Projekt der Agenda 2010 mit Hartz IV als Kernstück hat in der SPD den innerparteilichen Gegensatz zwischen Gegnern und Befürwortern der Reform entlang der Konfliktachse sozial–neoliberal vertieft. Dass die SPD dabei von innen und außen als Steigbügelhalterin des "Sozialabbaus" hart kritisiert wurde, wog doppelt schwer. Denn zum einen wurde der seit jeher enge Schulterschluss zwischen Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie nachhaltig erschüttert. Zum anderen war der Pol des Sozialen, von dem sich die offizielle Partei- und Regierungslinie mit der Agenda-Politik wegbewegte, in der langen Geschichte der Partei das unumstrittene ideelle Gravitationszentrum gewesen, an dem sich die Mehrzahl der Mitglieder und Wähler ausgerichtet hatte.

Die Wahrnehmung, dass die SPD die Partei sei, die "für soziale Gerechtigkeit sorge", wurde nun bei der eigenen Anhängerschaft erschüttert. Seit etwa August 2005 konnte die PDS/Linke in Umfragen bei der Parteikompetenz der sozialen Gerechtigkeit gleichfalls punkten. Im Laufe der "Agenda-Jahre" 2003 und 2004 büßte die SPD mit rund 100.000 Abgängen besonders viele Mitglieder ein. Ersichtlich war: Der Agent SPD hatte sich zum Ende seiner Regierungszeit hin von den Erwartungen und Aufträgen des altsozialdemokratischen Prinzipals weit entfernt […].

Everhard Holtmann, Der Parteienstaat in Deutschland, (bpb-Schriftenreihe Bd. 1289), Bonn 2012, S. 128 f.

Beitrittsneigung und Parteibeitritt

Ob eine Person einer Partei beitritt, hängt an vielerlei Faktoren. Die Parteienforschung unterscheidet sogenannte expressive und instrumentelle Bindungsmotive. Unter expressiven Bindungsmotiven werden solche wie Gesinnung, Freundschaft oder Identifikation mit den Zielen und Werten einer Partei verstanden. Hierbei steht das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund und manifestiert sich im Besuch von Parteiversammlungen, aber auch in der Teilnahme an Festen und geselligen Runden. Diese Seite der Parteiorganisation hat einen Vereinscharakter und kann daher als die Vereinsseite des Parteilebens bezeichnet werden.

Instrumentelle Bindungsmotive liegen vor, wenn die Mitgliedschaft als Instrument zur Erreichung bestimmter individueller Zwecke und Ziele dient, wobei diese in politisch-instrumentelle und materielle zu unterscheiden sind. Von materiellen kann dann gesprochen werden, wenn der/die Einzelne mit der Parteibindung eigene materielle Vorteile verbindet. Politisch-instrumentelle Bindungsmotive sind auf Ziele und Prozesse des politischen Systems bezogen. Zielbezogen ist eine Parteibindung, wenn sie genutzt wird, um allgemein politische Anliegen gesellschaftlicher Interessen zu unterstützen bzw. durchzusetzen. Die entsprechende Person will mit ihrem Engagement deutlich machen, welche gesellschaftlichen Zielverwirklichungen sie als zentral ansieht und versucht, ihren Beitrag zur Lösung der Probleme einzubringen. Wer aus zielbezogenen politisch-instrumentellen Bindungsmotiven einer Partei beitritt, der hat konkret Mitwirkung an der Politikgestaltung im Sinn. Wer eher prozessbezogene Bindungsmotive hat, der will Politik verarbeiten und sucht nach Information, Einsicht und bloßer Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess. Die politisch-instrumentellen Bindungsmotive zielen insgesamt auf Teilhabe ab, auf die Übernahme politischer Ämter inner- und außerhalb der Partei, auf den Wunsch nach Mitwirkung bei politischen Entscheidungen, generell nach Gestaltung von Politik.

Immer wieder wird beim Thema Parteimitgliedschaften auf die Politik- und hier spezieller auf die Parteienverdrossenheit der Bevölkerung hingewiesen. In der Tat: Parteien genießen keinen allzu guten Ruf in der Bevölkerung. So ergab beispielsweise eine Befragung der Bertelsmann Stiftung im Jahr 2014, dass Parteien auf einer Skala von +5 (absolutes Lob) bis -5 (absoluter Tadel) lediglich einen Wert von -0,8 erhalten. Die Parteienforschung steht der Behauptung, dass dies auf eine grundsätzliche Parteienverdrossenheit schließen lasse, skeptisch gegenüber: Der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die den Parteien wohlwollend oder gar begeistert gegenüberstehen, hat sich in den letzten Jahren eher erhöht, der Anteil der Verdrossenen, also derer, die alle Parteien im Parteienspektrum ablehnen, bleibt dagegen auf einem relativ niedrigen Niveau.

Schöpfen können die Parteien aus einem Pool von Personen, die prinzipiell bereit sind, einer Partei beizutreten, dies jedoch aufgrund gewisser Hemmnisse (noch) nicht tun. Diese Personen, die zum Parteibeitritt bereit sind, machen circa 15 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland aus.

Parteimitglieder, sowohl langjährige als auch Neuzugänge, zeichnen sich dadurch aus, dass sie zumeist männlich und im Alter zwischen 50 und 64 Jahren sind, einen höheren Bildungsabschluss als der Bevölkerungsdurchschnitt haben ("Akademisierung") und häufiger als Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst arbeiten – in einem Berufsumfeld, das ihnen nach landläufiger Meinung den notwendigen Freiraum gewährt und ein natürliches Interesse nahelegt, sich in der eigenen Freizeit Parteiaktivitäten zu widmen.

Anteil der Frauen an den Parteimitgliedschaften, GrafikAnteil der Frauen an den Parteimitgliedschaften Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Oskar Niedermayer, Parteimitglieder in Deutschland, Version 2015, Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 25, Berlin 2015; Link siehe Literaturhinweise)

Zusätzlich ist die schon oben angesprochene Wirksamkeit ein ausschlaggebender Faktor zum Eintritt in eine Partei: Wenn bestehenden Mitgliedern dieses Gefühl der eigenen Wirksamkeit verloren geht, treten sie aus einer Partei aus; wenn Menschen jedoch das Gefühl eigener politischer Wirksamkeit gar nicht erst entwickeln, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass sie einer Partei überhaupt erst beitreten. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit des Beitritts hoch, wenn Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, sie könnten politisch wirksam sein. Entscheidend für den Beitritt sind politisches Interesse und der formale Bildungsabschluss; je höher beides ausfällt, umso wahrscheinlicher wird die Beitrittswilligkeit.

Parteimitgliedertypen

Die Parteiforschung unterscheidet vier Formen der Parteimitgliedschaft
  • die korporative Mitgliedschaft: Hier treten Parteimitglieder gar nicht aktiv ein, sondern treten einer Partei über eine Mitgliedschaft in anderen Organisationen bei, wie z. B. einer Gewerkschaft. Korporative Mitglieder haben häufig jedoch andere Rechte und Pflichten als "ordentliche Parteimitglieder".
  • die Mitgliedschaft in Unterorganisationen: Hier treten Mitglieder einer Unterorganisation der Partei bei, die relativ autonom ist, der Partei aber dennoch nahesteht. Die Unterscheidung zur direkten Mitgliedschaft fällt schwer, weil die Mitgliedschaft in Unterorganisationen meist untrennbar mit der Mitgliedschaft in der "Mutterpartei" verbunden ist.
  • die direkte Mitgliedschaft: Dies ist der Parteibeitritt in "Reinform". Mitglieder treten der Partei direkt bei, indem sie den Aufnahmeantrag ausfüllen und abschicken. Heutzutage ist dies auch online möglich, was das bürokratische Hemmnis, einer Partei beizutreten, vermindern soll.
Zudem kann man das Aktivitätsniveau der Parteimitglieder unterscheiden, wie es in der Deutschen Parteimitgliederstudie von 2009 erfolgte: So ist der Teil der Mitglieder, die sich selbst als sehr aktiv beschreiben, bei allen Parteien recht gering, wobei der Gesamtwert bei sechs Prozent liegt (berücksichtigt wurden CDU, CSU, SPD, FDP, Linke, Bündnis 90/Die Grünen). Mitglieder der CSU sind dabei seltener sehr aktiv (4 Prozent), Mitglieder der FDP sind häufiger sehr aktiv (10 Prozent). Die Spanne der ziemlich aktiven Mitglieder reicht von 20 Prozent bei der CDU sowie der CSU bis hin zu 28 Prozent bei der Linken und beträgt im Mittel 21 Prozent.

Wenig aktiv ist der Großteil der Mitglieder: Hierunter fallen "nur" 35 Prozent der Grünen, aber 48 Prozent der Linken. Betrachtet man alle untersuchten Parteien, so kann ein Mittelwert von 42 Prozent ausgemacht werden. Auch recht hoch ist damit der Anteil der überhaupt nicht aktiven Parteimitglieder, die bei der Linken nur 16 Prozent, bei den Grünen hingegen 34 Prozent ausmachen und einen Mittelwert von 31 Prozent aller untersuchten Parteien bilden.

Aktivitätsniveau der Mitglieder nach Parteien, GrafikAktivitätsniveau der Mitglieder nach Parteien (© Tim Spier, Wie aktiv sind die Mitglieder der Parteien?, in: Tim Spier u. a. (Hg.), Parteimitglieder in Deutschland, © 2011, VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, S. 99)

Interessant ist der Zusammenhang von Aktivität der Parteimitglieder und den bereits oben beschriebenen Beitrittsanreizen: So sind die meisten aktiven Parteimitglieder dabei, weil ihnen die Parteiarbeit selbst Spaß macht. Dahinter folgen das Gefühl, die Partei stärker machen zu können, sowie der Wunsch nach einem öffentlichen Mandat. Addiert man nun die Zahlen der sehr aktiven und der ziemlich aktiven Parteimitglieder, so zeigt sich, dass diese im Durchschnitt 27 Prozent aller Mitglieder ausmachen.

Aktivitäten, denen Parteimitglieder nachgehen, sind vor allem der Besuch von Parteiversammlungen und von Festen bzw. geselligen Veranstaltungen, aber auch die Übernahme eines Parteiamtes, das Verteilen von Informationsmaterial und das bekannte "Plakate kleben". Bestehende Mitglieder werben zusätzlich neue Mitglieder, verfassen Beiträge in Parteimedien und spenden außerhalb ihrer regelmäßigen Beitragszahlungen Geld an die Partei. All dies zeigt, dass Parteien auf die Arbeit ihrer Mitglieder angewiesen sind; eine Auslagerung all dieser Aufgaben an Drittanbieter, die dafür bezahlt werden müssten, wäre zwar möglich, aber kostspielig.

"Nutzen" und "Schaden" von Parteimitgliedern

Parteimitglieder haben, wie schon in den vorherigen Abschnitten festgehalten, einen großen Nutzen für die Parteien. Sie verursachen jedoch auch Kosten, die nicht unerheblich und nicht nur finanzieller, sondern auch "ideologischer" Natur sind.

"Nutzen" und "Schaden" von Parteimitgliedern, Grafik"Nutzen" und "Schaden" von Parteimitgliedern (© Uwe Jun)
Wie in der Tabelle sichtbar wird, steht dem Nutzen der Mitglieder fast immer auch ein möglicher Nachteil gegenüber. Als Humanressource sind Mitglieder für Parteien unverzichtbar, hat doch allein die SPD nach Aussage von Matthias Machnig, dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, circa 70.000 Funktionen zu besetzen. Man kann vermuten, dass die Größenordnung bei der CDU eine ähnliche sein wird. Insgesamt müssen die Parteien 96 Sitze im Europäischen Parlament, 631 Sitze im Deutschen Bundestag, rund 1850 Landtagssitze und circa 200.000 Kommunalmandate besetzen, wobei vor allem auf kommunaler Ebene auch Kleinparteien und unabhängige Kandidaten eine Rolle bei der Besetzung von Ämtern spielen. Auf der anderen Seite kann eine Vielzahl an Mitgliedern bereits auf lokaler Ebene eher einen Konflikt provozieren, wenn es um die Besetzung von Posten geht, bei der mehrere Kandidierende ein Amt anstreben.

Mitglieder sind wiederum von Nutzen, wenn es bei Wahlen um Rückhalt geht, wählen doch die meisten Parteimitglieder selbstverständlich auch ihre eigene Partei. Andererseits können sich Mitglieder auch frustriert vor Wahlen von ihrer Partei abwenden und ihrem Umfeld von deren Wahl abraten. Ein prominentes Beispiel bildet der ehemalige "Superminister" für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement, der vor der hessischen Landtagswahl 2008 in einem Zeitungsinterview davor warnte, die SPD zu wählen. Es kam danach zu einem Parteiordnungsverfahren, bei dem das Parteischiedsgericht dem ehemaligen Minister eine Rüge erteilte, woraufhin dieser freiwillig aus der Partei austrat.

Neben der Funktion, dass Parteimitglieder selbst meist die eigene Partei wählen, mobilisieren sie vor allem andere Wählerinnen und Wähler durch ihre Arbeit am Wahlstand, das Kleben von Plakaten sowie das Verteilen von Flyern und Werbemitteln ihrer Partei. Andererseits lassen sich auch hitzige Diskussionen zwischen Bürgern und Parteimitgliedern am Wahlstand beobachten, bei denen die Parteimitglieder eine deutlich höhere Ideologisierung artikulieren können, als es der Partei wahlkampfstrategisch lieb ist. Der direkte Kontakt zwischen Bürgerinnen und Bürgern und den Parteimitgliedern eröffnet wiederum einen weiteren Nutzen: Parteimitglieder stellen die Verbindung von der Parteiorganisation zur Gesellschaft her und befördern damit einen gesellschaftlichen Willensbildungsprozess. Parteispitzen können darüber hinaus über moderne Methoden und Ergebnisse verschiedenster Umfrageinstitute gesellschaftliche Meinungen und Ansichten herausfiltern.

Unverzichtbar sind Mitglieder, wenn es um die Legitimierung einer Partei geht: So bezeichnen sich eigentlich alle etablierten deutschen Parteien als Mitgliederparteien, egal ob sie 480.000 oder 20.000 Mitglieder haben. Je höher die Zahl der Mitglieder, umso eher greift das Legitimationsargument, können Parteien mit einer hohen Mitgliederzahl doch immer darauf verweisen, dass sie den hohen Ansprüchen der deutschen Parteiendemokratie genügen. Im Rahmen der seit Jahrzehnten sinkenden Mitgliederzahlen wird es für Parteien jedoch immer beschwerlicher, dieses Argument aufrechtzuerhalten. Auch ist die in den vorherigen Abschnitten bereits besprochene Struktur der Mitglieder problematisch, wenn es darum geht, die Mitgliederbasis einer Partei als Spiegelbild der Gesellschaft zu bezeichnen – dies ist sie nicht.

Dem vorletzten Punkt "Mitglieder als Multiplikatoren" bleibt wenig anzufügen, was nicht in den vorigen Kategorien schon genannt wurde. Interessanter ist hier die gegenteilige Wirkung, die Mitglieder aussenden können: Der "closed-shop"-Charakter, den Ortsverbände ausstrahlen können, das heißt, dass Mitglieder sich eher abschotten wollen und nur ungern neue Mitglieder integrieren, sowie die Zusammensetzung aus überwiegend älteren Mitgliedern wirken vor allem für junge Leute wenig attraktiv.

Zuletzt bleibt anzufügen, dass Mitglieder als Politikinnovatoren gelten können, neue Ideen entwickeln und Vorschläge zur politischen Praxis, aber auch zur Mitgliederwerbung einbringen können. Diese Funktion ist jedoch heute eher in den Hintergrund getreten und nur der Vollständigkeit halber genannt, denn in dieser Rolle herrschen heute meist externe Politikberater und strategische Zentren vor, an denen das "einfache" Mitglied nicht teilnimmt.

Es lässt sich also festhalten: Parteimitglieder generieren weit überwiegend einen Nutzen für ihre Partei, können jedoch auch Nachteile mit sich bringen. Die Ambitionen der Mitglieder, innerhalb von Parteien auch substanziell mitwirken zu können, stellen die Parteispitzen vor neue organisatorische Herausforderungen, die in den nächsten Abschnitten diskutiert werden sollen.