Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
Stephan Rosiny

Kulturen und Religionen

Die Religion des Islam

Vermutlich um 610 n. Chr., im Alter von 40 Jahren, hatte der islamische Prophet Mohammed sein erstes Offenbarungserlebnis. Er verkündete in den folgenden Jahren den Bewohnern seiner Heimatstadt Mekka, einer bedeutenden Handels- und Pilgerstadt auf der Arabischen Halbinsel, die neue Botschaft des Islam. Die frühe Gemeinde wurde jedoch von der etablierten Oberschicht abgelehnt, weshalb sie im Jahre 622 nach Medina auswanderte. Diese Hidschra (arab.; dt.: Auswanderung) markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung.

In der Oasenstadt Medina fand Mohammed mit seiner prophetischen Mission neue Anhänger. Er wirkte als Schiedsrichter untereinander verfeindeter Clans und gewann dadurch zunehmend politische Autorität. Dabei halfen ihm göttliche Offenbarungen, die seinen Aussagen und seinem Verhalten besonderes Gewicht verliehen. Er und seine Anhänger bauten ein staatsähnliches Gemeinwesen auf, in dem nicht mehr Stammesloyalität, sondern das gemeinsame religiöse Bekenntnis zählte. Durch militärische Eroberungen und den vertraglichen Beitritt weiterer Stämme weitete sich die früh-islamische Gemeinde bereits zu Lebzeiten Mohammeds auf den Großteil der Arabischen Halbinsel aus.

Ausbreitung des Islam bis zum Jahr 750Ausbreitung des Islam bis zum Jahr 750 (© Wikimedia)
Angetrieben vom neuen Glauben eroberten arabische Stämme bis zum Jahr 750 die gesamte heutige arabische Welt, dazu große Teile Spaniens und Portugals (das arabische al-Andalus) sowie Zentralasiens. Sie verbreiteten dabei nicht nur den Islam als Religion, sondern in unterschiedlicher Intensität auch eine durch ihn geprägte arabische Kultur. Der Koran, die Heilige Schrift der Muslime, setzte die Norm für die arabische Schriftform und Sprache. Sie diente den frühen islamischen Dynastien, dem in Damaskus residierenden Kalifat der Umayyaden (661–750) und dem Kalifat der Abbasiden in Bagdad (750–1258), als Verwaltungssprache und ist heute Amtssprache in allen arabischen Ländern. Die gemeinsame Sprache ermöglichte auch in jüngerer Zeit immer wieder überregionale intellektuelle und politische Bewegungen wie etwa die Nahda, eine säkulare Reformbewegung des 19. Jahrhunderts, den Arabischen Nationalismus Mitte des 20. Jahrhunderts oder die schnelle Ausbreitung des Arabischen Frühlings 2010/11, in dem gemeinsame politische Parolen und Protestlieder grenzüberschreitende Wirkung entfalteten.

Daneben haben Ethnien wie die Berber und Kurden ihre eigenen Sprachen bewahrt. Einige Religionsgemeinschaften pflegen teils uralte Liturgiesprachen, christliche Gemeinden beispielsweise das Koptische, das Aramäische und das Syrische sowie Juden das Hebräische, das 1948 in reformierter Form Staatssprache Israels wurde. Je weiter sich die arabisch-islamische Eroberung ausdehnte, desto schwächer wurde die kulturelle Arabisierung. Das osmanische Türkisch als Amts- und Literatursprache und das Persische übernahmen noch die arabischen Schriftzeichen, behielten aber weitgehend ihr Vokabular und ihre Grammatik. Auch islamische Regeln gingen eine Mischung mit lokalen Bräuchen ein, etwa im Familienrecht, in den Bekleidungsregeln oder im Gräberkult. Der Islam wurde dadurch zum Bindeglied sozial und ethnisch äußerst unterschiedlicher Gemeinschaften und Kulturen.

Glaubensrichtungen

Der Islam und seine GlaubensrichtungenDer Islam und seine Glaubensrichtungen (© picture-alliance, dpa-infografik, Globus 5449; Quellen: bpb, The Pew Forum on Religion & Public Life, GIGA Institut; Stand: 2009)
Mohammed hatte vor seinem Tod 632 keine klare Nachfolgeregelung zur Leitung seiner Gemeinde getroffen. Es kam deshalb zur grundlegenden Spaltung in den sunnitischen (arab.: Sunna; dt.: Brauch, Tradition) und den schiitischen Islam (arab.: Schia; dt.: Anhängerschaft, gemeint sind die Anhänger des Imam Ali). Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten durchzieht seitdem die islamische Geschichte und beeinflusst gerade heute wieder die politische Auseinandersetzung im Nahen Osten. So konkurrieren der mehrheitlich schiitische Iran und das mehrheitlich sunnitische Saudi-Arabien um die regionale Führung am Persisch-Arabischen Golf.

Quellentext

Die Fünf Säulen des Islam

Die grundlegenden religiösen Pflichten der Muslime sind als die Fünf Säulen bekannt.

1. Shahada – das Glaubensbekenntnis nach der Formel: Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist. Die shi'itische Minderheit fügt dem die Worte hinzu: ,Ali ist der Freund Gottes‘.

2. Salat – Anbetung. Zuweilen auch als "Gebet" übersetzt, nimmt salat die Form einer rituellen Prostration [sich niederwerfen, Anm. d. Red.] an, bei der die präzise Ausführung der Körperbewegungen genauso wichtig ist wie die begleitend stattfindende geistige Aktivität. Sunnitische Muslime sollen salat fünfmal am Tage verrichten: in der Morgendämmerung, am Mittag, mitten am Nachmittag, nach Sonnenuntergang sowie am Abend. Die Gläubigen müssen sich im Zustand ritueller Reinheit befinden [...]. Salat kann praktisch überall verrichtet werden, vorausgesetzt, der Betende wendet sich der qibla zu – der Richtung, in der die Ka'aba in Mekka liegt. Am Freitag wird mittags das Gebet in der Gemeinde verrichtet, zu dem sich alle erwachsenen männlichen Mitglieder der Gemeinde versammeln. Männer und Frauen bleiben für gewöhnlich getrennt; die Frauen nehmen hinter den Männern oder in einem abgeschirmten Teil der Moschee am Gottesdienst teil. In der Regel hält der Imam oder Vorbeter eine Predigt. […]

3. Zakat – Almosengeben / obligatorische Wohlfahrtsspende. Diese Steuer ist einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu zahlen und wird auf 2,5 Prozent des Kapitalvermögens taxiert, über das jemand zusätzlich zu einem als nisab bekannten Minimum verfügt. Nisab umfasst für den Viehbestand zum Beispiel fünf Kamele, dreißig Kühe [...] oder vierzig Schafe oder Ziegen. Zakat ist für Bankguthaben, Edelmetalle, in den Verkehr gebrachte Handelsware (nicht aber für persönliche Besitztümer, wie Autos, Kleidung, Häuser und Schmuck), den Viehbestand und eingefahrene Ernte von bebautem Land zu leisten. Die Empfänger sollten arm und bedürftig sein. In der Vergangenheit wurde zakat von der muslimischen Regierung eingezogen und nach althergebrachtem Schema verteilt. Heutzutage ist das Almosenspenden der Gewissensentscheidung des Gläubigen überlassen.

4. Saum – das Fasten während Ramadan. Gefastet wird im heiligen Monat Ramadan, dem neunten Monat des Mondkalenders, tagsüber, solange es hell ist. Das Fastengebot bezieht sich auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Das Fasten beginnt mit dem Morgengrauen und endet mit Sonnenuntergang. [...] Der Ramadan bietet traditionell Gelegenheit für Familienzusammenkünfte wie auch für religiöse Besinnung. Es gilt als besonders verdienstvoll, während des heiligen Monats den gesamten Koran zu rezitieren. Nach der Überlieferung war es der 27. Ramadan, die "Nacht der Macht", als der Koran "herabkam".

5. Hajj – Pilgerfahrt nach Mekka. Die Erfüllung dieser sehr weitgehenden und anspruchsvollen religiösen Pflicht wird von jedem und jeder muslimischen Erwachsenen mindestens einmal im Leben gefordert. Die jährliche Pilgerfahrt oder Hajj findet während der letzten zehn Tage des zwölften Mondmonats (Dhu’l al Hijja) statt und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Opferfest (’Id al-Adha). [...] Die kleinere Wallfahrt oder ’Umra kann zu jeder Zeit des Jahres verrichtet werden. [...] Die [...] zu verrichtenden Rituale beinhalten: Tawaf, das Umschreiten der Ka’ba; Sa’i, den siebenmaligen Lauf zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa; [...] das "Verweilen" in der Ebene am Berg ’Arafat, einige Kilometer außerhalb von Mekka; der "Ansturm" durch die enge Talschlucht von Muzdalifa; die "Steinigung" der drei Pfeiler, die den Satan darstellen; das Schlachten eines Opfertiers in Mina [...].


Malise Ruthven, Der Islam. Eine kurze Einführung, Philipp Reclam jun. GmbH Stuttgart 2000, S. 193ff.

Die von der Mehrheit vertretene, sunnitische Richtung hält die Kalifen für die rechtmäßigen Nachfolger des Propheten in der Leitung der Gemeinde. Auf die ersten vier "rechtgeleiteten Kalifen" Abu Bakr, Omar, Uthman und Ali, den Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, folgten als bedeutendste Kalifats-Dynastien die Umayyaden (661–750), die Abbasiden (750–1258) und die Osmanen (1517–1924). Die Sunniten sehen in den Kalifen vor allem die politischen Führer der Gemeinde. Eine verbindliche oberste religiöse Autorität gibt es für sie nicht.

Sie fühlen sich in besonderer Weise dem Leben und Wirken des Propheten in der sunnitischen Glaubensauslegung verpflichtet, die in den so genannten Hadith-Werken tradiert werden. Diese enthalten beispielhafte Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed und seiner frühen Gefährten und haben deshalb neben dem Koran normative Bedeutung für die islamische Rechtsfindung (Scharia). Der sunnitische Islam zählt in der Gegenwart vier Rechtsschulen (arab.: madhhab), die sich in der Methodik der Rechtsableitung und geringfügig in ihrer religiösen Praxis unterscheiden. Daneben gibt es verschiedene Richtungen der islamischen Mystik, des Sufismus.

Die salafistische Richtung des sunnitischen Islam geht auf Ibn Taimiyya (1263–1328) zurück. Sie lehnt die Rechtsschulen als von Menschen erdachte Neuerungen ab und zeichnet sich durch eine rigide Befolgung religiöser Rituale und Verhaltensregeln aus, beispielsweise in der Kleiderordnung und der Geschlechtertrennung. Salafisten verhalten sich meist intolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen und gegenüber Sunniten, die nicht ihrem eigenen engen Islamverständnis folgen.

Schiiten gehen davon aus, dass Gott Ali zum politischen und spirituellen Nachfolger des Propheten Mohammed und zum Oberhaupt (Imam) der Gemeinde bestimmt habe. Nur die aus der Ehe der Prophetentochter Fatima mit Ali hervorgegangenen Nachfahren seien legitimiert, die Gemeinde religiös zu leiten. Eine politische Autorität, die sie ebenfalls beanspruchten, konnten die schiitischen Imame gegen das sunnitische Kalifat hingegen nicht durchsetzen. Die sunnitischen Kalifen galten ihnen daher als unrechtmäßige Herrscher, die allerdings aus pragmatischen Gründen – Schiiten waren fast immer Bevölkerungsminderheiten – in der Regel akzeptiert wurden. In der Frühzeit des Islam rebellierten Schiiten jedoch immer wieder gegen allzu tyrannische Herrscher. Sie sehen im Enkel des Propheten, Imam al-Husain, der im Jahre 680 gegen den umayyadischen Kalifen Yazid rebellierte und in Kerbela den Tod fand, ein besonderes Vorbild. Sie begehen das tragische Ereignis seines "Martyriums" in den jährlich stattfindenden Aschura-Ritualen.

Als im 9. Jahrhundert der letzte einer Reihe von zwölf Imamen, der Imam al-Mahdi, im Kindesalter starb und im schiitischen Verständnis damit "in die Verborgenheit" einging, brach der unmittelbare Kontakt zur göttlichen Rechtleitung durch die Imane ab. Religionsgelehrte (arab.: ulama) übernahmen stellvertretend diese Funktion bis zur erwarteten Rückkehr des Mahdi "aus der Verborgenheit" als endzeitlichem Erlöser.

Der schiitische Islam hat einige Richtungen hervorgebracht.Sie unterscheiden sich in der Reihe der von ihnen anerkannten Imame als Nachfolger des Propheten, in ihrer Theologie, in der Frage religiöser Autorität und in religiösen Riten. Die zahlenmäßig größte Richtung ist die Zwölferschia. Daneben gibt es die Zaiditen im Jemen, die Ismailiten und Drusen, die Aleviten in der Türkei und die Alawiten in Syrien sowie viele weitere kleinere Gruppen. Schiiten bilden gegenwärtig ca. 10 bis 20 Prozent aller Muslime. In Iran, im Irak und in Bahrain stellen sie die Bevölkerungsmehrheit, im Libanon, in Saudi-Arabien, Jemen und Syrien bedeutende Minderheiten.

Der Sufismus zählt zwar mehrheitlich zum sunnitischen Islam, weist aber viele Gemeinsamkeiten mit dem schiitischen Islam auf. Wie in diesem suchen die Gläubigen spirituell die Nähe Gottes, vermittelt etwa über Heilige und den Besuch von deren Gräbern. Beide Richtungen, Schiiten und Sufis, werden daher von fundamentalistischen Salafisten kritisiert, die eine solche Heiligenverehrung als verbotenen Polytheismus (Vielgötterei) ablehnen. Religiöse Extremisten zerstören deshalb immer wieder heilige Stätten der Schiiten und Sufis, so im Irak, in Syrien, Libyen und im Jemen.

Der Islam als normative Ordnung

Der Islam ist mit der Gemeindegründung von Medina 622 und durch den frühen Erfolg der islamischen Expansion eine sehr diesseitsorientierte Religion geworden, die schon früh Verhaltensregeln für das zwischenmenschliche Zusammenleben, für Vertragsgestaltungen, politische Herrschaft und das Kriegswesen entwickelte. Muslime gehen davon aus, dass das "Reich Gottes" bereits auf Erden zu verwirklichen sei. Dies prägte den Islam als eine Gesetzesreligion, die zahlreiche Aspekte des menschlichen Lebens festlegen will. Tatsächlich aber existierten zu allen Zeiten parallel zum religiösen Recht auch andere Rechtsvorstellungen, seien es lokale Gewohnheitsrechte und Bräuche oder von Herrschern erlassene Gesetze.

Die normative Ordnung der Scharia ist nach Ansicht der Gläubigen nicht von Menschen geschaffen, sondern göttlichen Ursprungs und daher "absolut gerecht". Allerdings gibt es große Meinungsverschiedenheiten unter Muslimen, was genau die Scharia bedeutet, unter welchen Umständen sie gültig ist, angepasst und erneuert werden darf. Das hängt unter anderem mit Fragen zusammen, die im Kern jeder monotheistischen Religion stecken: Hat Gott als "Schöpfer" alles vorherbestimmt und die Menschen zu bloßen Befehlsempfängern gemacht, oder hat er sie mit Verstand und der Freiheit ausgestattet, ihr Schicksal selbstständig zu gestalten? Gibt es ewige Wahrheiten und Regeln, die für alle Zeiten gültig sind, oder können bzw. müssen sie den veränderten Umständen sich wandelnder Gesellschaften angepasst werden?

Die jeweils erste Position vertreten etwa Salafisten, die fundamentalistisch und buchstabengetreu die überlieferten Regeln befolgen wollen. Auf der anderen Seite stehen reformorientierte Islamisten, wie etwa die Muslimbruderschaft, oder schiitische Gruppierungen, die mit Hilfe "selbstständiger Rechtsfindung" (arab.: idschtihad) zeitangepasste Verhaltensregeln suchen. Säkular orientierten Gläubigen bietet die Religion eine moralische Orientierung, aber keine exakte Handlungsanweisung für ihr Leben. Daneben gibt es im Nahen Osten auch Atheisten, wenngleich sie sich durch den dominanten islamischen Diskurs derzeit nur selten offen zu erkennen geben.