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Gesellschaftliche Herausforderungen

Viola Lucas

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Die sozioökonomische Entwicklung im Nahen Osten hat Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Von besonderer Bedeutung für die Region sind die Themen demografische Entwicklung, Bildungsmisere, Jugendarbeitslosigkeit, Stadt-Land-Gegensatz, Wasserversorgung und Umweltpolitik sowie die Rolle der Frau.

Junge Libanesen bei einem Tanz in den Straßen von Beirut anlässlich eines Musikfestes am 21. Juni 2016. Die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas haben einen hohen Anteil junger Menschen. Sie brauchen Ausbildung, Arbeit und ein Auskommen, um selbstständig zu werden und eine Familie gründen zu können. (© PATRICK BAZ / AFP / Getty Images)

Alters- und Bevölkerungsstruktur


In vielen Staaten des Nahen Ostens sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Diese junge Bevölkerung stellt die Staaten vor große Herausforderungen. Sie müssen die öffentliche Infrastruktur der stetig wachsenden Bevölkerung anpassen und somit mehr Kindergärten, Schulen und Universitäten finanzieren. Aufgrund des hohen Anteils der Nicht-Erwerbsfähigen an der Gesamtbevölkerung fehlt es jedoch an Steuereinnahmen, die zum Ausbau und zur Bereitstellung der öffentlichen Infrastruktur benötigt werden. In den nahöstlichen Ländern ohne hohe Einnahmen aus Ölexporten verschärft die hohe Jugendarbeitslosigkeit das staatliche Finanzierungsproblem weiter. Im Zeitverlauf werden zahlenmäßig mehr Jugendliche das Erwachsenalter erreichen, als sich heute im Erwachsenenalter befinden: Sie werden auf den Arbeitsmarkt drängen und mehr Kinder auf die Welt bringen können, als dies momentan der Fall ist. Dieser Bevölkerungsanstieg zieht soziale, ökonomische, ökologische und damit politische Herausforderungen nach sich. Zukunftsszenarien sagen Konflikte um die begrenzte Ressource Wasser, einen zunehmenden Klimawandel und fortdauernde Landflucht der Jugend voraus. Negative Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit und die Versorgung der älteren Bevölkerung wären die Folgen.

Das Bevölkerungswachstum währt bereits seit Jahrzehnten. Ausschlaggebend war eine hohe Geburtenrate in den 1960er- und 1970er-Jahren von durchschnittlich sieben Kindern pro Frau. Gleichzeitig ging die Kindersterblichkeit im Zuge verbesserter medizinischer Versorgung zurück, Krankheiten wie Cholera und Typhus waren weitgehend ausgerottet und der Lebensstandard stieg. Erst ab Anfang der 1980er-Jahre setzte ein allmählicher Rückgang der Geburtenzahlen ein, durch den sich die durchschnittliche Geburtenrate bis auf 2,8 Kinder im Jahr 2013 reduzierte. Insgesamt wuchs die Bevölkerung im Nahen Osten nach Angaben der Weltbank zwischen 1960 und 2013 von 96 auf 409 Millionen. 2013 liegt das Bevölkerungswachstum bei zwei Prozent, während das Wachstum in Deutschland mit 0,3 Prozent dem Durchschnittswert der Europäischen Union entspricht.

Abnehmende Geburtenraten werden in der Wissenschaft mit wirtschaftlicher Entwicklung verbunden, die bessere medizinische Versorgung, Bildung und eine veränderte Rolle der Frau mit sich bringt. Jedoch trifft dieses Muster nur bedingt auf den Nahen Osten zu. Heirat und Familienleben sind in der Region hoch angesehene Werte und damit von Einfluss auf die Geburtenrate. Während die Familie weiterhin eine viel zentralere Rolle für die Menschen in der Region spielt als beispielsweise in Deutschland, gibt es gleichzeitig, besonders in den Städten, einen Trend weg vom Leben in der Großfamilie hin zu Kleinfamilien. Darüber hinaus heiraten die Frauen zunehmend in höherem Alter, was dazu führt, dass weniger Kinder geboren werden – auch weil die Frauen inzwischen mehr über Familienplanung wissen und mehr Bildung genossen haben.

In den wirtschaftlich entwickelten Staaten Tunesien, Iran und Libanon hat mittlerweile ein starker Rückgang der Geburtenrate eingesetzt, was in Tunesien und Iran auf die erfolgreich durchgeführten Familienplanungskampagnen der letzten Jahrzehnte zurückzuführen ist. Seit einigen Jahren gibt es in Iran jedoch Bestrebungen, ausgehend unter anderem vom religiösen Führer des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, den Zugang zu Verhütungsmitteln wieder zu beschränken, um das Bevölkerungswachstum zu erhöhen. Erste Gesetze hierzu sind 2014 und 2015 vom iranischen Parlament beschlossen worden.

In den wohlhabenden, ölreichen Staaten wie Oman und Saudi-Arabien ist die Geburtenrate nach wie vor vergleichsweise hoch. Die Gründe dafür werden in der Wissenschaft viel diskutiert. Möglicherweise zögern die hohen Einnahmen aus Ölexporten, die für ein hohes Bruttoinlandsprodukt sorgen, die soziale Transformation der Gesellschaft hinaus. Gleichzeitig bemüht sich Saudi-Arabien, die Kindersterblichkeit zu reduzieren und für eine bessere Gesundheit der gesamten Bevölkerung zu sorgen. Jemen, der ärmste Staat der Region, bestätigt hingegen mit einer Geburtenrate von vier Kindern pro Frau die Theorie eines Zusammenhangs von Armut und Kinderreichtum.

Die Lebenserwartung variiert zwischen den einzelnen Staaten, der regionale Durchschnitt lag im Jahr 2013 laut Angaben der Weltbank bei 73 Jahren. Aufgrund des höheren Wohlstands steigt die durchschnittliche Lebenserwartung für Neugeborene in den wohlhabenden Golfstaaten auf über 76 Jahre. Deutlich geringer bemessen ist diese in den ärmsten und ländlichsten Staaten wie Jemen mit 64 Jahren und Mauretanien mit 63 Jahren. Zum selben Zeitpunkt beträgt sie für die Europäische Union 80 Jahre (in Deutschland 81) und liegt in Afrika südlich der Sahara unterhalb des nahöstlichen Durchschnittes bei 58 Jahren.

Zustand des Bildungssystems


In der arabischen Welt wird die Gewährleistung flächendeckender schulischer Bildung seit der Unabhängigkeit als wichtige staatliche Aufgabe angesehen. Viele Staaten unternehmen große finanzielle Anstrengungen, um ihrer Bevölkerung den Zugang zu Primär-, Sekundär- und Hochschulbildung zu ermöglichen und die Analphabetenquote der älteren Bevölkerung zu senken. Entsprechende Maßnahmen waren die Einführung der Schulpflicht, die Befreiung von Schulgebühren und die Bereitstellung von Schulbüchern und -uniformen. Inzwischen reichen laut Weltbank die Einschulungsquoten für die Primärbildung von 73 Prozent im Jemen und 88 Prozent in Mauretanien bis nahe 100 Prozent in Iran und Tunesien, bei einem regionalen Durchschnitt von 94 Prozent für 2013. Die Statistiken belegen allerdings auch, dass mehr Jungen eingeschult werden als Mädchen und dass eine vollständige Unterrichtsversorgung besonders in den gebirgigen, schwer zugänglichen Gebieten Jemens, Mauretaniens und auch Marokkos nicht gewährleistet ist.

Einer Weltbankstudie zufolge, die 2008 veröffentlicht wurde, weist vor allem der Sekundär- und Hochschulbereich hohe Abbrecherquoten auf. Es mangelt an Anreizen zum Weiterlernen, an qualitativ hochwertigem Unterricht und an beruflichen Perspektiven. Die hohe Analphabetenrate der erwachsenen Bevölkerung versuchen die Regierungen im Nahen Osten durch spezielle Alphabetisierungsprogramme zu verringern; dank dieser jahrzehntelangen Bemühungen ist die Analphabetenrate auf unter 20 Prozent in 2013 gesunken.

Neben dem Zugang zu Bildung ist auch die Qualität der Ausbildung entscheidend für den Erfolg im späteren Erwerbsleben. Wissenschaftliche Studien der Weltbank und der UN-Entwicklungsorganisation UNDP, wie zum Beispiel der Human Development in the Middle East and North Africa-Bericht 2010, weisen in diesem Zusammenhang auf Defizite in der Region hin. Bei TIMSS 2011, einer international vergleichenden Studie zu den Lernergebnissen der Schüler in Mathematik, schnitten die teilnehmenden 14 Nahost-Staaten – Bahrain, Iran, Jordanien, Kuwait, Libanon, Marokko, Oman, Palästinensische Autonomiegebiete, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, Tunesien, Türkei, Jemen – im Vergleich zur Vergleichsgruppe, zu denen auch die VAE gehörten, unterdurchschnittlich ab.

Vor diesem Hintergrund kritisieren internationale Organisationen wie die UN-Bildungsorganisation UNESCO oder die Weltbank die eingegrenzte Ausrichtung der Lehrpläne auf abfragbares Wissen zulasten von analytischem Denken und Kreativität. Auch die Qualität der Lehrerausbildung leidet unter mangelhaften Strukturen wie Ausbildungsplänen mit wenig konkreten Lerninhalten und zu geringen Anforderungen. Dazu werden in einigen Staaten, beispielsweise in Ägypten, Lehrkräfte schlecht bezahlt. Das Bildungswesen konzentriert sich im Sekundär- und Hochschulbereich auf Geistes- und Sozialwissenschaften, die Naturwissenschaften werden eher vernachlässigt. Und ein Ausbildungssystem für Handwerks- und Lehrberufe gibt es nur in wenigen Staaten.

Mittlerweile erzeugte der Problemdruck in vielen Nahost-Staaten erste Reformansätze. Lehrpläne wurden reformiert und durch die Einführung von Berufsschulen neue Wege mit dualer Ausbildung beschritten, wie etwa in Ägypten und Tunesien. Die in der Entwicklungszusammenarbeit aktiven Organisationen verschiedener europäischer und anderer Staaten sowie internationale Organisationen wie UNDP und UNESCO unterstützen diese Vorhaben fachlich und materiell. So kooperiert beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in einem von 2010 bis 2016 angelegten Projekt mit Jordanien, Marokko, Tunesien und Ägypten zur Einrichtung von Berufsschulen, die speziell darauf ausgerichtet sind, Frauen in das Wirtschaftsleben zu integrieren.

Jugendarbeitslosigkeit


Die hohe, weit verbreitete Jugendarbeitslosigkeit stellt die Regierungen im Nahen Osten vor große Herausforderungen. Laut Schätzungen der ILO (International Labour Organization= Internationale Arbeitsorganisation) lag die Arbeitslosigkeit der 15- bis 24-Jährigen 2014 im Nahen Osten bei etwa 30 Prozent. Im Vergleich dazu betrug sie innerhalb der Europäischen Union 25 Prozent (in Deutschland unter 8 Prozent) und weltweit durchschnittlich knapp 13 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass im Nahen Osten nicht nur Schulabbrecher und damit Geringqualifizierte von Erwerbslosigkeit betroffen sind, sondern auch Hochschulabsolventen, die erstmals nach einer Beschäftigung suchen. Für diese Situation gibt es vier wichtige Gründe:

Erstens hat sich in den vergangenen 20 Jahren der Arbeitsmarkt strukturell verändert. Während von den 1960er-, bis teilweise in die 1980er-Jahren hinein Hochschulabsolventen fast automatisch in den öffentlichen Dienst gelangten und diesen damit entsprechend vergrößerten, können sich viele Regierungen dieses Vorgehen inzwischen nicht mehr leisten. Nur noch wenige Absolventen kommen im öffentlichen Dienst unter, doch auch der Privatsektor kann, trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre, nicht in ausreichendem Maß neue Stellen anbieten.

Zweitens drängen durch die geburtenstarken Jahrgänge der vergangenen Jahrzehnte zunehmend mehr junge Erwachsene auf den Arbeitsmarkt als diesen pensionierte Arbeitnehmer verlassen. Die oben beschriebene geringe Nachfrage nach Arbeitskräften sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor verschärft die Situation.

Drittens passt die tatsächliche Ausbildung der Berufsanfänger nicht zu den Anforderungen der Unternehmen. Viele Berufseinsteiger richten ihr Interesse und ihre Ausbildung immer noch vorrangig auf eine Anstellung im öffentlichen Dienst aus. In der Folge haben sie es schwer, eine Arbeitsstelle in der Privatwirtschaft zu finden. Zudem werden Berufseinsteigern während ihrer Schulzeit wenig praktische Kenntnisse vermittelt, wie sie zum Beispiel Bestandteil der dualen Berufsausbildung in Deutschland sind.

Viertens unterliegt auch die Arbeitsmigration in die wirtschaftlich wachsenden Golfstaaten oder nach Europa mittlerweile erschwerten Bedingungen. In den vergangenen Jahrzehnten stellte die Migration nach Europa, insbesondere aus den Maghrebstaaten nach Frankreich, eine beliebte Option dar. Inzwischen wurde die Einwanderung in allen europäischen Staaten gesetzlich reguliert und deutlich eingeschränkt. Aber auch die Golfstaaten, wie unter anderem Kuwait, Saudi-Arabien und die VAE, haben sogenannte Nationalisierungsprogramme eingeführt. Diese schreiben allen Unternehmen eine Beschäftigungsquote für Einheimische vor und verengen damit ausländischen Arbeitskräften den Zugang zum Arbeitsmarkt. Das 2011 eingeführte Nataqet-System in Saudi-Arabien legt für 300.000 ortsansässige Unternehmen in Abhängigkeit von ihrer Größe und ihrem Industriezweig fest, wie hoch der Anteil an einheimischen Arbeitskräften mindestens ausfallen sollte.

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit wirkt sich darüber hinaus auch auf andere Gesellschaftsbereiche aus. Junge Menschen ohne Arbeit bleiben wirtschaftlich von ihren Eltern oder Familiennetzwerken abhängig, häufig leben die jungen Erwachsenen noch Zuhause. Mangelndes finanzielles Auskommen erschwert zudem Heirat und Familiengründung. Damit ist diesen Jugendlichen der Weg zum Erwachsenwerden in mehrfacher Hinsicht versperrt.

Urbanisierung


Mit seiner mindestens 5000 Jahre alten Stadtgeschichte finden sich im Nahen Osten die ältesten Stadtkulturen der Welt. In allen arabischen Staaten leben heute mehr Menschen in den Städten als in ländlichen Gebieten. In den ölreichen Golfstaaten Bahrain, Katar und Kuwait wohnt – bedingt durch die kleine Staatsfläche, die klimatische Lage und die wirtschaftliche Ausrichtung – nahezu jeder Einwohner in der Stadt. Jemen bildet das Gegenbeispiel mit der ländlichsten und zugleich ärmsten Bevölkerung der arabischen Welt. In der Gesamtregion hat sich die städtische Einwohnerschaft nach Angaben der Weltbank innerhalb der vergangenen 50 Jahre versechsfacht; zurzeit leben knapp zwei Drittel der Bevölkerungen (64 Prozent) in Städten.

Die sozioökonomische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte begünstigt die zunehmende Urbanisierung und das rasante Wachstum der Städte. Die Landflucht, der Zuzug aus ländlichen Gebieten, sorgt für einen verstärkten Zufluss von jungen Menschen in die Städte. Insbesondere junge Akademiker versprechen sich dort eine bessere Anstellung als auf dem Land. Da sich in der Landwirtschaft nur geringe Einkommen verdienen lassen, verstärkte dies den Abwanderungstrend. In den 1970er- und 1980er-Jahren sorgte die Arbeitsmigration aus ärmeren arabischen Staaten wie Jemen, Ägypten und Jordanien in die Golfstaaten für einen weiteren Urbanisierungsschub. Die Zahl der Großstädte mit über einer Million Einwohnern stieg rapide an, und es bildeten sich Megastädte mit mehreren Millionen Einwohnern: Kairo verfügte 2014 über 7 Millionen, Teheran über 8 Millionen, Riad über 4 Millionen und der Großraum Istanbul über 14 Millionen Einwohner.

Die Entstehung von Slums und Trabantenstädten ist eine weitere Folge dieses Wachstums. Viele Städte sind dem steigenden Bedarf an öffentlicher Infrastruktur inklusive Wohnungsbau, Straßen, Trinkwasserversorgung und Müllentsorgung nicht gewachsen. Doch längst nicht alle Zugezogenen finden in den Großstädten eine Anstellung. Zum einen ist die Nachfrage nach Arbeitskräften auch hier begrenzt, zum anderen können viele nicht die benötigten Qualifikationen vorweisen. Arbeitslosigkeit, kurzzeitige Anstellungen im informellen Sektor, das heißt in Arbeitsverhältnissen ohne staatliche Registrierung, und Armut sind die Konsequenzen.

Wasserversorgung und Umweltpolitik


Bedingt durch den Mangel daran, genießt das Thema Wasser im Nahen Osten besondere politische Priorität. Der UN-Definition von Wasserarmut folgend liegen 15 der 22 Nahost-Staaten unterhalb der Wasserarmutsgrenze von 1000 Kubikmeter erneuerbarem Trinkwasser pro Kopf und Jahr. Geschuldet ist dies dem vorwiegend trockenen Klima und geringen Frischwasservorkommen. Unterirdische Quellen und Wasserreservoire, aus denen Frischwasser gewonnen wird, können den durch Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung gestiegenen Bedarf nicht decken. Die über Jahrmillionen hinweg entstandenen unterirdischen Reservoire füllen sich meist nur langsam wieder auf.

In den Golfstaaten Saudi-Arabien, Bahrain und Oman wird Trinkwasser deshalb auch durch die Entsalzung von Meerwasser erzeugt, die jedoch mit hohem technischem Aufwand und beträchtlichen Kosten verbunden ist. Verschärft wurde die Wasserknappheit am Golf durch den Ausbau der Landwirtschaft und den rasanten Bevölkerungsanstieg. Seit den 1970er-Jahren wurden Brachflächen urbar gemacht und umfangreich bewässert, um die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu gewährleisten oder diese zu exportieren, wie beispielsweise Weizen im Falle Saudi-Arabiens. Durch ihre hohen Einnahmen aus Öl- und Gasexporten konnten sich die Golfstaaten dieses kosten- und energieintensive Unterfangen leisten. Seit den 2000er-Jahren setzt aufgrund der zunehmend geringer werdenden Wasserressourcen jedoch ein politisches Umdenken ein und der wenig nachhaltige Ausbau der Landwirtschaft in Wüstengebieten wird schrittweise wieder zurückgenommen.

Die Wasserknappheit sorgt bereits für politische Konflikte zwischen Flussanrainerstaaten um die Entnahme von Flusswasser. Die größeren Flüsse Nil, Jordan, Euphrat und Tigris durchfließen mehrere Staaten, in denen jeweils Wasser für die Bewässerung der Felder entnommen wird. Die Euphrat-Anrainer Irak und Syrien befürchteten, dass die Türkei, der Staat am Oberlauf, dem Fluss zu viel Wasser entnehmen könnte und ihnen zu wenig davon zur Verfügung bliebe. Um einer solchen Situation zu begegnen, hat die Türkei mit Syrien und Irak Absprachen getroffen.

Ein weiterer Streitpunkt ist das Wasser des Jordans. Dieser fließt entlang der Grenze von Jordanien und Israel beziehungsweise des Westjordanlandes. Die Frage der Wasserentnahme hat in diesem Fall auch eine politische Dimension: Die drei Quellen des Jordans entspringen im Libanon (Hasbani), in Nordisrael (Dan) und in den nördlichen Golan-Höhen (Banyas), die im Zuge des Sechstagekrieges 1967 von Israel besetzt wurden. Während zwischen Israel und Jordanien seit 1994 ein Abkommen über das Jordanwasser besteht, wird von palästinensischer Seite, aber auch von internationalen Akteuren wie der EU Israels Wasserpolitik kritisiert. Der Vorwurf lautet, dass die Israelis in den Siedlungen ein Vielfaches mehr an Wasser zur Verfügung gestellt bekommen als die palästinensische Bevölkerung. Das Grundwasser im Westjordanland wird durch Israel kontrolliert: Die Palästinenser dürfen nur mit Genehmigung neue Brunnen bohren, und die Wasserentnahme aus bestehenden Brunnen ist durch Quoten geregelt.

Mit der Wasserknappheit im Nahen Osten stehen weitere Umweltprobleme in Verbindung. Seit Jahren schreitet in der Region eine Ausbreitung der Wüstengebiete – die Desertifikation – voran. Damit einhergehend nehmen die fruchtbaren Böden und die Artenvielfalt ab. Verursacht wird dies durch veränderte klimatische Bedingungen, eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung der Böden, Bevölkerungswachstum und einen höheren Wasserverbrauch pro Kopf. Gerade die Landbevölkerung leidet unter den Folgen, da ihr die Lebensgrundlage entzogen wird und sie folglich unter erschwerten Bedingungen leben muss. Vermehrte Landflucht in die Städte ist die Folge.

Der Zugang zu sauberem Trinkwasser, die hohe Luftverschmutzung, die Organisation des öffentlichen Nahverkehrs sowie Fragen der Abfallentsorgung stellen besonders in den Millionenstädten große Probleme dar. Erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie finden trotz bester klimatischer Bedingungen bisher wenig Verwendung, da viele Staaten zur Stromerzeugung auf ihre umfangreichen Öl- und/oder Gasvorkommen zurückgreifen. Zukunftsweisend könnte in diesem Zusammenhang Masdar City, ein städtebauliches Projekt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, sein. Ziel des Vorhabens ist es, eine komplett emissionsfreie Stadt für 50.000 Einwohner zu erbauen, in der neben dem Einsatz von erneuerbaren Energien auf energiesparende Gebäude und auf ein intelligentes öffentliches Nahverkehrssystem gesetzt wird. Doch lassen sich diese Konzepte nur bedingt auf bereits existierende Städte übertragen.

Die Rolle der Frau


Die Rolle der Frau in den arabischen Gesellschaften wird im Zusammenhang mit der sozioökonomischen Entwicklung viel diskutiert. Ein Vergleich der Kennzahlen zu Bildung, Arbeit, politischer Teilhabe und individuellen Rechten hilft, die je nach Land unterschiedliche Situation der Frauen in der Nahostregion zu verdeutlichen.

Als Indikator für das Bildungsniveau dient die Einschulungsrate in die Grundschule, die, nach Geschlechtern aufgeschlüsselt, eine unterschiedliche Verteilung aufzeigt. Auch wenn die Einschulungsraten der Mädchen stark angestiegen sind und sich denen der Jungen immer mehr angleichen, treten doch intraregionale Abweichungen auf. Während in Iran und in Tunesien die Einschulungsraten für Mädchen und Jungen 2014 laut Weltbank gleichauf lagen, wurden in Algerien und im Libanon etwa zehn Prozent weniger Mädchen als Jungen eingeschult, und im Jemen ist der Abstand am größten: Dort werden fast 20 Prozent weniger Mädchen als Jungen eingeschult. Insgesamt besuchten 2014 über 67 Prozent der jemenitischen Kinder im Einschulungsalter keine Grundschule, dies betrifft 1,23 Millionen Mädchen und 1,12 Millionen Jungen.

Zwar ist die Erwerbsquote der Frauen in der Region in den vergangenen Jahrzehnten insgesamt angestiegen, doch offenbaren die Angaben von 22 Prozent bei Frauen im Vergleich zu 75 Prozent bei Männern, die die Weltbank für 2014 ermittelte, die geschlechtsspezifische Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt. Neben einer niedrigen Beschäftigungsquote sind die Frauen auch von höherer Arbeitslosigkeit betroffen. Die Mehrzahl der Frauen ist im öffentlichen Sektor und dort vorwiegend im sozialen Bereich beschäftigt. Betrachtet man die Arbeitsverhältnisse genauer, zeigt sich, dass in den Golfstaaten nur eine kleine Gruppe hochqualifizierter Frauen eine Anstellung, meist im Privatsektor, gefunden hat. In den Maghrebstaaten Marokko und Tunesien geht die Mehrzahl der Frauen einer schlecht bezahlten Beschäftigung in der exportorientierten Textil- und Elektroindustrie nach.

Auch im politischen Raum sind Frauen im Nahen Osten weniger vertreten. 2015 waren dort bei einem weltweiten Durchschnitt von etwa 22 Prozent nur 13 Prozent aller Parlamentarier Frauen. In Katar und im Jemen gab es überhaupt keine weiblichen Abgeordneten und im Oman nur eine. Im 2014 gewählten Parlament Tunesiens sind unter den 217 Abgeordneten 68 Frauen. Mit einer Quote von 31 Prozent weist Tunesien neben Algerien somit die höchste Anzahl an weiblichen Parlamentariern auf.

Gesetzesreformen und Maßnahmen, um die Rechte von Frauen innerhalb der Familien zu stärken, stellen im gesamten Nahen Osten einen großen Streitpunkt dar. Dort herrscht traditionell das Prinzip des Patriarchats, das Männer und ältere Menschen gegenüber Frauen und jüngeren Menschen eine bevorzugte Stellung einräumt. Junge Frauen übersiedeln nach ihrer Heirat in die Familie ihres Mannes, die ihr Schwiegervater führt. Von ihnen wird erwartet, dass sie sich allen männlichen Familienmitgliedern unterordnen und auch den Anweisungen älterer weiblicher Familienmitglieder Folge leisten.

Allerdings wird dieses hierarchische Familienmodell von den jungen Leuten zunehmend in Frage gestellt zugunsten liberalerer, auf mehr Gleichheit bedachter Lebensformen. Am Familienrecht lassen sich zudem Unterschiede zwischen den verschiedenen Nahoststaaten aufzeigen. Im vorherrschenden Familienrecht ist es Frauen nicht erlaubt, eigene Entscheidungen zu Fragen wie Eheschließung, Scheidung oder Aufnahme einer Beschäftigung zu treffen. Hierzu bedarf es der Zustimmung eines männlichen Verwandten.

Historisch betrachtet, leitet sich dieses Familienrecht aus dem islamischen Recht (Scharia) ab. In welchem Umfang und in welcher Form die Scharia in den Gesetzen eines Landes Anwendung findet, hängt jedoch von dessen jeweiligen sozialen Normen sowie kulturellen, politischen und ökonomischen Bedingungen ab. So bestand lange Zeit eine Schleierpflicht in Iran und ein Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen der Türkei, die seit der Staatsgründung durch Kemal Atatürk im Jahr 1923 säkular ausgerichtet war. Ende 2013 wurde das Kopftuchverbot vom türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan im Zuge einer generell religiöseren Ausrichtung der Türkei aufgehoben. Das liberal geprägte Tunesien garantiert bereits seit 1956 gleiche Rechte für Frauen und Männer bei Bildung, Wahlrecht und auf dem Arbeitsmarkt.

Im konservativ ausgerichteten Saudi-Arabien herrscht hingegen Geschlechtertrennung im öffentlichen Leben, und die Vormundschaft liegt beim Ehemann bzw. bei männlichen Verwandten, wenngleich der 2015 verstorbene König Abdullah in den vergangenen Jahren erste zaghafte Veränderungen einleitete. Im Dezember 2015 wurden Frauen erstmalig als Kandidatinnen und Wählerinnen bei den Kommunalwahlen zugelassen. Knapp 1000 weibliche und 6000 männliche Bewerber kandidierten für über 1000 Sitze, nur 17 Frauen wurden gewählt. Die Öffnung der Wahlen für Frauen kann somit als symbolischer Schritt angesehen werden. Des Weiteren führte König Abdullah ein staatliches Stipendienprogramm ein, das auch Frauen ein Hochschulstudium im Ausland ermöglicht. Auf der anderen Seite ist es Frauen in Saudi-Arabien nach wie vor verboten, ein Auto zu steuern.

Betrachtet man die Region insgesamt, zeigen sich einige positive, wenn auch zaghafte Entwicklungsansätze. Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling sind die erhofften großen Veränderungen jedoch nicht eingetreten und innerhalb der Bevölkerung greift zunehmend Ernüchterung um sich. Es bleibt zu hoffen, dass einige der in den letzten Jahren eingeleiteten kleinen Reformen eine nachhaltige Wirkung in der Region entfalten werden. In jedem Fall deuten rückläufige Geburtenraten, ein späteres Heiratsalter und der Anstieg des Bildungsniveaus von Mädchen auf eine graduelle Veränderung der Familien- und Geschlechterverhältnisse hin. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass beide Geschlechter vor Herausforderungen stehen. Die hohe Arbeitslosigkeit bedingt, dass sowohl Männer als auch Frauen Schwierigkeiten haben, ihre Lebensentwürfe zu realisieren.