Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
Stephan Rosiny

Kulturen und Religionen

Die arabisch-islamische Kultur

Obwohl nur rund ein Fünftel aller Muslime in arabischen Ländern leben, ist der Islam eine arabisch geprägte Religion geblieben. Für die arabischen und andere von Muslimen bewohnte Länder stellt die Religionsstiftung des Propheten Mohammed auf der Arabischen Halbinsel das Schlüsselereignis dar. Der Koran wurde in arabischer Sprache offenbart und niedergeschrieben, und Arabisch hat seine sakrale Bedeutung bis in die Gegenwart behalten. So vollziehen Muslime weltweit ihre Pflichtgebete in arabischer Sprache und beten in Richtung Mekka. Diese Stadt auf der Arabischen Halbinsel ist auch das Ziel der jährlich stattfindenden Pilgerfahrt (Hadsch), die jeder Muslim einmal im Leben vollziehen soll.

Religion und Kultur üben im Nahen Osten noch einen viel größeren Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen aus als etwa in Europa. Im Westen sind durch die Aufklärung sowie durch die Liberalisierung und Individualisierung der modernen Gesellschaften viele Freiräume für ein selbstbestimmtes Leben ohne den direkten Einfluss von religiösen und kulturellen Vorschriften entstanden. In vielen Regionen des Nahen Ostens dominiert hingegen noch eine patriarchalische Familienordnung, in der Frauen ihren Männern und Jugendliche ihren Eltern gehorchen müssen. Dies ist keine Besonderheit des Islam, auch Christentum und Judentum entstanden ursprünglich in einem patriarchalischen Umfeld. Mittlerweile verändert sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, der jungen Generation zu ihren Eltern aber auch im Nahen Osten rasant. Ein Mehr an Bildung, der Zugang zu neuen Medien oder Reisen ins Ausland erweitern den Horizont und wecken den Wunsch, das eigene Leben selbstbestimmter gestalten zu dürfen.

Trotz zunehmender Offenheit in vielen Bereichen orientieren sich viele Muslime in Fragen des Glaubens, aber auch in sozialen und politischen Fragen nach wie vor an Vorbildern aus der islamischen Geschichte und Tradition. In Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs, wie die Region sie etwa zu Zeiten des Kolonialismus erlebte und aktuell angesichts der Globalisierung erlebt, sollen diese Vorbilder Halt gewähren.

Muslime können dabei fundamentalistisch eine buchstabengetreue Imitation der frühislamischen Gemeinde unter Mohammed anstreben oder sich im Sinne einer zeitgemäßen Anpassung der Religion kritisch mit den islamischen Quellen auseinandersetzen. So stellen muslimische Reformer, darunter auch einige Islamisten, Verhaltensweisen in Frage, die im Namen des Islam Jahrhunderte überdauert haben. Dies gilt etwa für den Bereich der sozialen Rollenzuschreibung zwischen Mann und Frau. Manche fortschrittliche Gelehrte und "islamische Feministinnen" kritisieren die Regeln, die Frauen diskriminieren, und die patriarchalische Werteordnung als überholte Relikte der vorislamischen Stammeskultur. Andere verteidigen hingegen die konservativen Normen als unveränderbare göttliche Bestimmungen.

Kulturen und Religionen sind von Menschen geprägte und gelebte sinnstiftende Vorstellungen und Lebensentwürfe. Menschen ändern ihre Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und passen dabei – bewusst oder unbewusst – ihre Identitäten und Glaubensvorstellungen an veränderte Gegebenheiten an. In diesem gesellschaftlichen Prozess und in Konkurrenz zu anderen Kulturen und Religionen befinden sich kulturelle und religiöse Vorstellungen in einem steten Balanceakt zwischen der Bewahrung von "authentischen" Besonderheiten sowie dem Wunsch nach Reformen und dem Anschluss an den globalen Fortschritt. Diese Auseinandersetzung kommt auch im Rahmen des Islamismus zum Tragen. Im Arabischen Frühling und seinen Folgen erlebt sie eine erneute Dynamik.

Politischer Islam (Islamismus)

Im 18. und 19. Jahrhundert reagierten islamische Religionsgelehrte und muslimische Denker auf europäische imperiale Bestrebungen im Nahen Osten. In einer Wiederbelebung des Islam sahen sie die Lösung politischer und gesellschaftlicher Probleme. Die unterschiedlichen Ideologien und politischen Bewegungen, die daraus im 20. Jahrhundert entstanden, werden heute zusammenfassend als Islamismus bezeichnet.

Auf der Arabischen Halbinsel belebte Muhammad Ibn Abd al-Wahhab (1702/03–1792) die fundamentalistische theologische Schule des Salafismus wieder. Sie sucht das Heil in einer exakten Imitation der frühislamischen Gemeinde, der buchstabengetreuen Befolgung islamischer Vorschriften und in der Ablehnung "unislamischer Neuerungen", zu denen sie einige technologische Errungenschaften zählt. Dieser wahhabitische Salafismus ist die Staatsreligion in Saudi-Arabien geworden, das mit seinen enormen Öleinkünften seit den 1970er-Jahren die Verbreitung dieser Doktrin unterstützt.

Quellentext

Saudi-Arabien und der Wahhabismus

Auf viele Menschen, die sich für den Nahen Osten interessieren, übt das Königreich Saudi-Arabien eine eigenartige Faszination aus. Seine heiligen Stätten ziehen muslimische Pilger aus aller Welt an. Einerseits ist bekannt, dass das Land über große Erdölvorräte verfügt und aus deren Erlösen eine hochmoderne Wirtschaftsstruktur aufbaute. Andererseits gilt Saudi-Arabien als verschlossen, extrem konservativ und einer puritanischen Auslegung des Islam verpflichtet. Tatsächlich treffen beide Wahrnehmungen zu.

Auch 1932, als es der den Staatsnamen prägenden Familie Sa‘ud unter ihrem Oberhaupt Abd al-Aziz (genannt Ibn Sa‘ud) zum dritten Mal seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gelang, auf der Arabischen Halbinsel einen Zentralstaat unter ihrer Führung zu errichten, fußte die Gründung auf einem nahezu symbiotischen Verhältnis mit der Geistlichkeit. Die Allianz geht auf das Jahr 1744 zurück, als der Dynastiegründer Mohammed Ibn Sa‘ud dem islamischen Reformer und Begründer des Wahhabismus Mohammed Ibn Abd al-Wahhab zusicherte, dessen Religionsauslegung nicht nur als die allein gültige anzunehmen, sondern sie auch zu schützen und zu verbreiten.

Die Lehre Abd al-Wahhabs, die von seinen Gegnern als Wahhabismus, von seinen Anhängern als Salafismus bezeichnet wird, beruht auf den streng konservativen Schriften des islamischen Gelehrten Ibn Taimiya (1263–1328). Dieser hatte eine Rückkehr der Gläubigen zu den originären Aussagen von Koran und Sunna gefordert. Abd al-Wahhab begriff sich als Sachwalter dieser Forderungen. Er unterstützte die Expansionsbestrebungen der Al Sa‘ud, um wieder einen "reinen" Islam in Mekka und Medina zu etablieren. Dafür versprach Abd al-Wahhab – auch für seine Nachfolger –, die Herrschaft der Al Sa‘ud als einzig rechtmäßige zu proklamieren. Auf dieser Grundlage kann die Familie Sa‘ud seit jeher auf die Unterstützung der hohen Geistlichen bauen, die zwar kaum Alltagspolitik betreiben, aber wichtige Inhalte der Gesetzgebung bestimmen und aufmerksam über die Einhaltung der wahhabitischen Normen wachen.

Die Verbindung begünstigte nicht nur eine außergewöhnliche "weltliche", sondern auch geistliche Machtfülle des Königs; in einem Land, in dem Koran und Sunna offiziell als Verfassung gelten, verkörpert er als "Hüter der beiden Heiligen Stätten" Mekka und Medina die höchste religiöse Autorität. Als heilige Stätten des Islam gelten alle Orte, die Muslime besuchen oder zu denen sie pilgern, weil sie dort eine besondere Nähe zu ihrem Schöpfer verspüren.

Da sich aus dem Anspruch, in Übereinstimmung mit der wahhabitischen Rechtsauslegung zu herrschen, ihre Legitimität ableitet, sind alle Könige letztlich darauf angewiesen, dass nicht nur die Geistlichen, sondern alle gläubigen Untertanen die Übereinstimmung bestätigen oder sie zumindest nicht in Frage stellen. Für den jeweiligen König bedeutet das Fluch und Segen zugleich: Schon Staatsgründer Ibn Sa‘ud hatte erkennen müssen, dass das wahhabitische Sendungsbewusstsein ihm zwar die Bildung seines Königreiches ermöglicht hatte, dass es dieses aber durch einen grenzenlosen Missionierungseifer wieder gefährdete. Folgerichtig löste er 1929 die Verbände seiner Glaubenskrieger (arab.: Ikhwan; dt.: "Brüder", in Wehrdörfern sesshaft gemachte Beduinen) gewaltsam auf.

Trotzdem blieb das Religionsverständnis, das sich an die Existenz der Ikhwan knüpfte, in Saudi-Arabien lebendig. Es behauptet sich bis heute in dem Teil der Gesellschaft, dem jegliche Veränderung der "reinen Lehre" – auch in den Beziehungen zum Ausland – suspekt erscheint. Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel gibt der Erscheinung in der Gegenwart einen Namen. Immerhin waren neben Osama bin Laden auch 15 der 19 Attentäter des 11. Septembers 2001 Bürger Saudi-Arabiens.

Gleichzeitig meldeten sich mit der Ausformung des Staates und insbesondere seit dem Modernisierungsschub infolge der Entwicklung Saudi-Arabiens zum weltgrößten Erdölexporteur nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Akteure zu Wort, denen die Veränderungen der Gesellschaft viel zu langsam und halbherzig vonstattengingen: Privatunternehmer, Intellektuelle, Manager, Techniker und Spezialisten der Erdölwirtschaft. Sie forderten immer vernehmlicher einen modernen Staat inklusive bürgerlicher Freiheiten.

Die beschriebenen Widersprüche führten zu zahlreichen Eigenarten, die das Leben im gegenwärtigen Saudi-Arabien kennzeichnen. Eine Sittenpolizei (arab.: mutauwa) kontrolliert islamkonformes Verhalten in der Öffentlichkeit; nach ihrer Lesart schließt das auch ein, dass Frauen nicht Auto fahren dürfen. Auf der anderen Seite hat sich die saudische Gesellschaft wie selbstverständlich an die modernsten Errungenschaften heutiger Technik gewöhnt, etwa im Bereich der Kommunikation oder der Infrastruktur.

Die Bewältigung des Dauerspagats zwischen den gegensätzlichen Ansprüchen von Modernisten und Traditionalisten stellt eine elementare Herausforderung für alle Nachfolger Ibn Sa’uds, inklusive des gegenwärtigen Königs Salman, dar. Setzte sein im Januar 2015 verstorbener Vorgänger Abdullah noch vorrangig auf Ausgleich und Dialog, so bevorzugt Salman die innen- und außenpolitische Offensive. Allein im Januar 2016 wurden Dutzende Regimegegner hingerichtet, 2011 und 2015 intervenierten die Al Sa'ud militärisch in den Nachbarstaaten Bahrain und Jemen. In Bahrain sollten schiitische Aufstände niedergeschlagen, im Jemen die schiitische Huthi-Miliz bekämpft werden, an deren Seite die Islamische Republik Iran vermutet wird. Somit konkurriert ein zunehmend selbstbewusster auftretendes Saudi-Arabien um eine regionale Führungsrolle mit Iran.


Henner Fürtig

Salafisten wollen das Vorbild der "frommen Altvorderen" (as-salaf as-salih), der frühen islamischen Gemeinde, imitieren. Sie suchen deshalb Regeln und Lösungen für sämtliche Lebensbereiche in den schriftlichen Quellen des frühen Islam und lassen Neuerungen nur zögerlich zu. Allerdings können sie auch recht pragmatisch agieren. So haben einige Salafisten, um ihren wachsenden politischen Einfluss zu sichern, im Arabischen Frühling Parteien gegründet und sich an Wahlen beteiligt, die sie zuvor als "unislamische Neuerungen" verdammt hatten.

Im bewaffneten Widerstand gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans (1979–1989) radikalisierte sich eine salafistische Gruppe und propagierte den Dschihadismus. Dessen bekannteste Vertreterin war die Terrororganisation al-Qaida (dt.: Basis, gegründet 1988) unter Osama bin Laden, deren Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit mittlerweile vom "Islamischen Staat" weit überholt wurde.

Quellentext

Der "Islamische Staat"

Die Ursprünge des "Islamischen Staates" (IS) lassen sich bis in den Afghanistan-Krieg (1979–1989) zurückverfolgen. Damals kämpften, von Saudi-Arabien, Pakistan und den USA unterstützt, arabische Freiwillige gegen die sowjetische Besatzungsmacht, die sich unter Führung Osama bin Ladens als "al-Qaida" (arab.; dt.: die Basis) organisierten.

Vom Kampf gegen die "ungläubigen Kommunisten" in Afghanistan gestärkt, kehrten sie in den 1990er-Jahren siegreich und ideologisch als Dschihadisten radikalisiert in ihre Heimatländer zurück. Dort zettelten sie bewaffnete Aufstände gegen die autoritären Regime an, so in Algerien und Ägypten, die mit westlicher Hilfe im Kampf gegen den "Terrorismus" niedergeschlagen wurden.

Mit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 (9/11) wollte Osama bin Laden deshalb ein Zeichen gegen die "Kreuzritter" der USA setzen. Sie sollten aus dem Nahen Osten verjagt werden, damit sie die dortigen Regime nicht mehr unterstützen konnten.

In Reaktion auf 9/11 rief der damalige US-Präsident George W. Bush einen "Krieg gegen den Terrorismus" aus, und die USA intervenierten mit Verbündeten in Afghanistan (2001) und im Irak (2003). In beiden Ländern reagierten Dschihadisten mit bewaffneten Aufständen. In Afghanistan wurden die Taliban von der Macht vertrieben, operierten aber aus dem Untergrund heraus weiter, während im Irak "al-Qaida im Irak" (AQI) unter dem Jordanier und Afghanistan-Veteran Abu Mus’ab az-Zarqawi kämpfte. AQI zeichnete sich durch extreme Gewalttaten aus, vor allem gegen die schiitischen Bewohner, die sie gemäß der salafistischen Ideologie als "Ablehner" des frühen Kalifats (arab.: rafida) und somit zur Tötung freigegeben ansah.

AQI profitierte vom wachsenden sunnitisch-schiitischen Gegensatz im Irak und schürte diesen, indem sie sich als Schutzmacht der Sunniten präsentierte. Die Brutalität des "Islamischen Staates Irak" (ISI), wie sich AQI seit 2006 nannte, schreckte indes auch viele Sunniten ab, und bis 2010 wurde die Gruppe durch US-Truppen und die sunnitisch-irakische "Erweckungsbewegung" (arab.: Sahwat al-Iraq) stark dezimiert.

Auch in den sunnitischen Provinzen des Irak brachen 2011 Proteste im Zuge des Arabischen Frühlings aus. Die schiitisch dominierte Zentralregierung unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki begegnete ihnen repressiv. In dieser Situation trat ISI erfolgreich als Beschützer der Sunniten auf und gewann wieder an Zulauf. Zeitgleich schickte Abu Bakr al-Baghdadi, der 2010 Befehlshaber von ISI geworden war, Kämpfer nach Syrien, wo im Sommer 2011 ebenfalls ein sunnitisch dominierter bewaffneter Aufstand ausgebrochen war.

Die "Nusra-Front", wie sich der ISI-Ableger und syrische Zweig von al-Qaida nannte, gewann an Ansehen, weil ihre erfahrenen Kämpfer das alawitisch-schiitische Regime von Baschar al-Assad militärisch unter Druck setzten. Diese Popularität wollte sich ISI zu eigen machen, indem die Gruppe 2013 in Syrien intervenierte und den Zusammenschluss beider Milizen zum "Islamischen Staat im Irak und in Scham [Großsyrien]" (ISIS) verkündete. Weder die Nusra-Front noch die al-Qaida-Mutterorganisation erkannten diese Zwangsvereinigung an – es kam 2014 zu innerdschihadistischen Kämpfen zwischen al-Qaida/Nusra und ISIS.

ISIS trat im Sommer 2014 die Flucht nach vorn an. In einem Überraschungsangriff überrannte er die syrisch-irakische Grenze, riss symbolisch die von Briten und Franzosen 1916 gezogene koloniale Grenze von Sykes-Picot ein, stieß weit in den Irak vor und besetzte ein Territorium vom Umfang Großbritanniens. Am 29. Juni 2014, dem ersten Tag des islamischen Fastenmonats Ramadan, benannte sich ISIS in "Der Islamische Staat" (IS) um.

Nunmehr ohne territoriale Begrenzung erhob er den Anspruch, Kern eines islamischen Weltreichs zu sein, das sich alle muslimischen und nichtmuslimischen Territorien einverleiben werde. Gleichzeitig ernannte der IS seinen Anführer Abu Bakr al-Baghdadi zum Kalifen, dem politischen und religiösen Oberhaupt der Muslime, dessen Befehlen sich alle Muslime fortan unterzuordnen hätten. Wer dies verweigere, sei automatisch ein Abtrünniger (arab.: murtadd). Der IS verschaffte sich dadurch eine "Lizenz zum Töten" all seiner Gegner, so auch islamistischer und dschihadistischer Konkurrenten.

Die Vorstellung, die verfolgten sunnitischen Muslime verteidigen zu müssen, sprach Muslime weltweit an, die sich aus unterschiedlichen Gründen ebenfalls "entrechtet" fühlten. Das Zusammengehörigkeitsgefühl fand in der Vorstellung seinen Ausdruck, einer von Gott auserwählten Avantgarde anzugehören. Je mehr Kämpfer aus der arabischen Welt, aus Europa und Zentralasien die vom Kalifen verlangte Auswanderung (arab.: hidschra) in den "Islamischen Staat" vollzogen, desto erfolgreicher wurden dessen brutale Eroberungs- und Beutezüge.

In aufwändig produzierten Internetvideos und Hochglanzbroschüren verbreitete der IS seine militärischen Erfolge und seine martialische Propaganda. In diesen Botschaften vertrat er das religiöse Heilsnarrativ, dass Gott auf Seiten der Siegreichen sei, weshalb sich ständig neue Rekruten und dschihadistische Gruppen dem IS anschlossen. Die versprochene Kriegsbeute bot darüber hinaus einen ökonomischen Anreiz.

Allerdings hat sich der IS durch seine Brutalität auch mächtige Feinde geschaffen. Sein religiöser Alleinvertretungsanspruch wird weder im islamistischen Lager noch von muslimischen Staaten und religiösen Autoritäten anerkannt. Dutzende Staaten bekämpfen den IS, der seit Mai 2015 territorial nicht mehr expandierte, stattdessen eine militärische Niederlage nach der anderen erlebt. Seine auf Beute beruhende Ökonomie wurde dadurch geschwächt, und er musste ersatzweise Abgaben von seinen Untergebenen erheben, was wiederum seine Beliebtheit untergrub.

Viele Anhänger zweifeln mittlerweile am Heilsnarrativ des IS und versuchen zu fliehen. Von einst neun Millionen Einwohnern des "Islamischen Staates" verblieben bis zum Sommer 2016 nur sechs Millionen. Deserteure gelten als "Verräter" und werden auf öffentlichen Plätzen hingerichtet, um andere Ausstiegswillige abzuschrecken.

Terroranschläge wie am 13. November 2015 in Paris und 2016 in Brüssel, in Orlando, in Nizza und im Irak haben dem "Islamischen Staat" wieder internationale Aufmerksamkeit beschert. Sie sind allerdings kein Beleg der Stärke, sondern eher Zeichen des Niedergangs. Sein euphorisches Versprechen eines permanent expandierenden Kalifats, das alle menschengeschaffenen Staatsgrenzen einreißen und die Muslime vereinigen werde, ist gescheitert. Aber als apokalyptische Endzeitsekte und als Terrororganisation kann der IS möglicherweise noch fortbestehen.


Stephan Rosiny

Weiterführende Literatur: Stephan Rosiny, "Des Kalifen neue Kleider": Der Islamische Staat in Irak und Syrien, GIGA Focus Nahost, 06/2014
www.giga-hamburg.de/de/system/files/publications/gf_nahost_1406.pdf

Dschihadisten verengen den Dschihad (arab.; wörtl.: Anstrengung) auf eine Gewaltstrategie, die auch vor dem Töten von Zivilisten und anderen Muslimen, die nicht ihrem Islambild folgen, nicht Halt macht. Im Islamverständnis der Dschihadisten gelten andere Richtungen im Islam, wie etwa die Schiiten, als "Abtrünnige". Sie sehen sich selbst in einem "globalen Dschihad", sozusagen in einem "heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen. Obwohl sie zahlenmäßig eine kleine Gruppe innerhalb der Muslime und selbst innerhalb des Islamismus nur eine Minderheit darstellen, prägen sie aufgrund ihrer destruktiven Gewaltstrategien heute die negative Außenwahrnehmung des Islam und des Islamismus.

Diese Gewalt gegen Unschuldige im Namen der Religion lehnen die allermeisten Muslime und Islamisten strikt ab. Gemäßigte Islamisten, wie etwa die 1928 gegründete ägyptische Muslimbruderschaft, wollen ihre eigenen Gesellschaften nicht durch Gewalt, sondern durch Bildung, Sozialeinrichtungen und Wirtschaftsförderung schrittweise reformieren. Sie unterhalten hierfür Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Institutionen der Wirtschaftsförderung, wie Genossenschaften oder Kleinkreditprogramme. Dies verstehen sie als ihren Dschihad, ihre Anstrengung, ein gottgefälliges Leben zu führen, ihre Gesellschaften zu verbessern und sich individuell selbst zu perfektionieren. Sie sind aufgeschlossen gegenüber Aspekten der westlichen Moderne wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Bürgerrechten und Zivilgesellschaft, soweit diese nach ihrer Ansicht mit der Scharia, der islamischen normativen Ordnung, vereinbar sind.

Quellentext

Die Muslimbruderschaft

Vielen gilt die 1928 von Hassan al-Banna gegründete ägyptische Muslimbruderschaft als die Mutterorganisation der islamistischen Bewegung. Zunächst wurde die Gruppe als eine Wohlfahrtsorganisation gegründet. Sie wollte die Lebensbedingungen der ägyptischen Bevölkerung verbessern, die sich unter der britischen Vorherrschaft verschlechtert hatten. Dazu betrieb sie Schulen und Krankenhäuser und zielte gleichzeitig darauf, Erwachsene durch islamische Bildung zu besseren Muslimen zu erziehen und dem Verfall der Sitten entgegenzutreten, den al-Banna ebenfalls der Kolonialherrschaft der Briten zuschrieb. Ihn leitete die Vision einer auf "guten" Muslimen basierenden idealen Gesellschaft, in der die ethischen Prinzipien der Scharia, vor allem soziale Gerechtigkeit, verwirklicht sein sollten.

Im Laufe der Jahrzehnte politisierte sich die Muslimbruderschaft. Den Rahmen hierfür boten in den 1940er-Jahren der Zweite Weltkrieg, die erstarkende ägyptische nationalistische Bewegung und die Gründung Israels 1948. Die Muslimbruderschaft, die stark gewachsen war, begann ihre Anhängerschaft auch für politische Zwecke zu mobilisieren, vor allem in Form von Demonstrationen, aber auch in Form gewalttätiger Aktionen. Sie gründete einen paramilitärischen Apparat, um gegen die Briten in der Suezkanalzone und gegen Zionisten im heutigen Israel vorzugehen. Einen tödlichen Anschlag auf den probritischen ägyptischen Premierminister 1948 beantwortete das Regime allerdings mit der Ermordung Hassan al-Bannas 1949.

Dies stürzte die Muslimbruderschaft in eine Krise, die sich verschärfte, als kurz darauf, 1952, die politischen Spannungen der 1940er-Jahre in den Putsch der "Freien Offiziere" unter Gamal Abdel Nasser mündeten. Er schaffte die probritische Monarchie ab, wurde Präsident und verfolgte die Muslimbruderschaft unerbittlich. Die Organisation, die zu einem beachtlichen politischen Konkurrenten herangewachsen war, wurde fast gänzlich zerschlagen.

Erst nach Nassers Tod 1970, unter dessen Nachfolger Anwar al-Sadat, endete die Zeit der Verfolgung. Sie hinterließ die Muslimbruderschaft jedoch verändert: Sie lehnte nun Gewalt als Strategie ab und beschränkte sich auf Missionierungs- und Wohlfahrtsarbeit wie zu ihren Anfangszeiten. Doch schon bald wurde der unpolitische Kurs Gegenstand interner Kontroversen. Unter dem Eindruck der islamischen Revolution im Iran 1978/79 wollten einige Muslimbrüder gezielten Einfluss auf die ägyptische Politik nehmen. Der Richtungsstreit entschied sich nach der Ermordung Sadats 1981, als es der zunächst tolerante Kurs von Sadats Nachfolger, Hosni Mubarak, der Muslimbruderschaft erstmals ermöglichte, sich am formalen politischen Prozess zu beteiligen. Seit 1984 nahm die Gruppe regelmäßig an Parlamentswahlen teil und entwickelte sich zu einem professionellen politischen Akteur. Voraussetzung für diese Duldung seitens des Regimes war jedoch die weiterhin konsequente Absage der Muslimbruderschaft an jegliche Gewalt.

Für die Gruppe begann nun ein rasanter Aufstieg, 2005 wurde sie größte Oppositionskraft im Parlament. Ihre Stärke gewann sie vor allem durch ihre Doppelfunktion als Wohlfahrts- und Missionierungsorganisation einerseits und als politische Gruppierung andererseits. Denn die Muslimbruderschaft konnte durch ihre soziale Arbeit nicht nur in den Städten, sondern bis in die kleinsten Dörfer hinein ein weites Netz an Unterstützern aufbauen.

Als im Zuge des Arabischen Frühlings Mubarak 2011 gestürzt wurde, konnte die Muslimbruderschaft von dieser Popularität profitieren. In der nächsten Parlamentswahl wurde sie die stärkste Kraft, und ihr Kandidat Mohammed Mursi gewann die Präsidentschaftswahl 2012. Die Gruppe trat für einen "zivilen (nicht theokratischen, bzw. durch den Klerus geführten) Staat mit islamischem Referenzrahmen" ein. In diesem sollten demokratische Kernelemente wie Machtrotation durch regelmäßige Wahlen und Gewaltenteilung umgesetzt werden. Jedoch sahen die Muslimbrüder keinen freiheitlich-demokratischen Staat vor, da der "islamische Referenzrahmen" auch bedeuten sollte, im Bereich der öffentlichen Moral und dem Verhältnis von Mann und Frau strikte Regeln der Scharia zu befolgen, in denen insbesondere Freiheitsrechte von Frauen hätten eingeschränkt werden können.

Die Regierungszeit der Muslimbrüder währte nur kurz und endete abrupt: Im Juni 2013 demonstrierten unzufriedene Bürger in Massen vor allem gegen das wirtschaftliche "Versagen" der Muslimbrüder und forderten Mursis Rücktritt. Als dieser sich weigerte, stürzte ihn das Militär. Seither wird die Gruppe erneut massiv verfolgt und ist erstmals auch gesellschaftlich isoliert. Beides zeigt Konsequenzen: Kleine Muslimbrüder-Einheiten begehen Gewaltakte gegen Infrastruktur und den Sicherheitsapparat, und auch die Führung der Muslimbrüder ist zunehmend zwiegespalten in der Frage, ob der Einsatz von Gewalt im Kampf gegen das neue ägyptische Regime legitim ist. Möglicherweise steht eine erneute Radikalisierung der Gruppe bevor.


Annette Ranko


Weiterführende Literatur: Annette Ranko, Die Muslimbruderschaft – Porträt einer mächtigen Verbindung. Hamburg: edition Körber-Stiftung 2013

Die ideellen Wurzeln dieses reformerischen Islamismus liegen im Islamischen Modernismus. Dessen Vertreter Jamal ad-Din al-Afghani (1838/39–1897) und Mohammed Abduh (1849–1905) interpretierten die religiösen Quellen neu, den Gegebenheiten ihrer Zeit angepasst. Ihr Ziel war es, die Region gegen die ökonomisch, politisch und militärisch überlegenen europäischen Kolonialmächte zu stärken, indem sie westliche Errungenschaften wie Militärwesen, Demokratie und moderne Wissenschaften mit dem Islam versöhnen wollten.

Als europäische Mächte nach dem Ersten Weltkrieg auch noch die ostarabischen Staaten besetzten und die jüdische Besiedlung Palästinas sowie die Staatsgründung Israels förderten, stieß dies in der einheimischen Bevölkerung auf breite Ablehnung, auf Gegenwehr sowohl arabisch-nationalistischer als auch islamistischer Bewegungen. Diese wollten den Islam zur Basis der Gesellschaftsordnung und des politischen Systems erheben, um der politischen Vorherrschaft und "kulturellen Invasion" des Westens mit authentischen "islamischen Werten" zu begegnen.

Als die meisten arabischen Staaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit erlangten, übernahmen zunächst säkulare nationalistische und sozialistische Regime die Macht. Sie verloren allerdings an Ansehen, weil sie zunehmend autoritär herrschten und weil es ihnen nicht gelang, ihre Gesellschaften nachhaltig zu entwickeln und die Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit, Fortschritt und wirtschaftlichem Aufstieg zu erfüllen.

Seit Ende der 1960er-Jahre – die arabische Niederlage gegen Israel im Nahostkrieg von 1967 (Dritter Nahostkrieg) gilt hier als Scheidepunkt – gewannen deshalb Islamisten an Zulauf. Unter der Parole "Der Islam ist die Lösung" kritisieren sie seither die bestehenden "korrupten" Regime und den Verfall moralischer Werte. Außenpolitisch wenden sie sich gegen die westliche (und bis zum Zerfall der Sowjetunion 1990 die östliche) Einflussnahme auf ihre Gesellschaften. "Weder West noch Ost" lautete etwa eine Parole der Iranischen Revolution von 1979, in deren Folge erstmals in der Neuzeit ein islamisches politisches System, die "Islamische Republik Iran" errichtet wurde. Der schiitische Islamismus, wie er in der "Islamischen Revolution" in Iran und im "Islamischen Widerstand" der Hisbollah im Libanon gegen die israelische Besatzung des Südlibanon (1978–2000) zum Tragen kam, greift das rebellisch-revolutionäre Element von Imam al-Husain, dem Enkel des Propheten, wieder auf.

Bis zum Arabischen Frühling im Jahr 2011 blieben sunnitisch-islamistische Bewegungen und Parteien in den meisten arabischen Ländern verboten oder unter Kontrolle der autoritären Regime. Reform-Islamisten, wie etwa die ägyptische Muslimbruderschaft, hatten sich bereits zuvor an Protesten gegen die autokratischen Herrscher beteiligt, und viele Menschen erhofften sich von ihnen eine grundlegende Reform von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Mit den Umbrüchen des Arabischen Frühlings erlebten sie deshalb Aufwind und wurden bei ersten freien Wahlen in Tunesien, Ägypten und Marokko 2011 jeweils stärkste Partei. Die Ägypter bestimmten den Muslimbruder Mohammed Mursi im Juni 2012 zum ersten frei gewählten Präsidenten. Salafistische Bewegungen nutzten die neuen politischen Freiräume des Arabischen Frühlings, indem sie offen auf eine Islamisierung der Gesellschaften gemäß ihres ultra-konservativen Religionsverständnisses drängten.

Der politische Islam erlebt nach seinem größten Triumph im Arabischen Frühling mittlerweile eine tiefe Krise. Seine Anhänger sind entlang konfessioneller Identitäten in sunnitische und schiitische Bewegungen entzweit, das sunnitische Lager ist zusätzlich in Muslimbrüder, Salafisten und Dschihadisten gespalten. Diese Richtungen konkurrieren um Wahrheitsanspruch und Anhänger, und sie bekämpfen sich teilweise sogar mit Waffengewalt. Manche der gewählten islamistischen Parteien haben die hohen in sie gesteckten Erwartungen an politische Partizipation und wirtschaftlichen Aufschwung nicht erfüllen können. Als die Armee im Juli 2013 gegen die Muslimbruderschaft in Ägypten putschte, erntete sie dafür große Zustimmung in der Bevölkerung.

Werden konfessionelle und ideologische Gegensätze das islamistische Lager weiter spalten und schwächen, oder wird es moderaten Islamisten gelingen, ein pluralistisches Islamverständnis zu entwickeln, breite, inklusive, politische Koalitionen zu schmieden und eine optimistische Vision für eine bessere Zukunft ihrer Gesellschaften zu entwerfen? Welchen Einfluss werden Salafisten und Dschihadisten auf die nahöstliche Staatenwelt ausüben, und kann sich der historisch und in der Gegenwart kulturell vielfältig gelebte und theologisch mannigfaltig gedeutete Islam gegen diese fundamentalistischen Richtungen behaupten? Die weitere politische Entwicklung in der Region ist eng mit diesen Fragen verknüpft.