30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.

13.12.2016 | Von:
André Bank

Regionales System und Machtbalance

Der 11. September 2001 und folgende nahöstliche Kriege

Die vierte und bis zum Arabischen Frühling 2011 letzte Phase in der nahöstlichen Regionalpolitik seit 1945 begann mit den Terroranschlägen auf das Pentagon in Washington D.C. und auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 – später in der öffentlichen Berichterstattung kurz "9/11" (Nine-Eleven) genannt. Zu den Anschlägen, denen etwa 3000 Menschen zum Opfer fielen, bekannte sich al-Qaida. US-Präsident George W. Bush (reg. 2001–2009) rief daraufhin den "globalen Kampf gegen den Terrorismus" aus, und nach der unmittelbaren Intervention in Afghanistan im Oktober 2001 machte er den Nahen Osten zum zentralen Operationsfeld der US-Außenpolitik.

Die Antiterrorismus-Perspektive führte nach 9/11 zu einer nie dagewesenen sicherheitspolitischen Kooperation zwischen den USA, der EU und den arabischen Regierungen in Ägypten, Jordanien, Marokko und Syrien. Sie erlaubte es den zuvor genannten autoritär herrschenden Regierungen im Nahen Osten in diesem Zusammenhang, unliebsame Oppositionelle und insbesondere Vertreter islamistischer Bewegungen per se als "Terroristen" zu bezeichnen und zu verfolgen, ohne dafür von Seiten westlicher Regierungen kritisiert zu werden.

Die Antiterrorismus-Perspektive bildete auch den Hintergrund für den US-Krieg gegen den Irak ab März 2003. Die USA unterstellten dem Irak Verbindungen zu al-Qaida. Nachdem Bagdad aber keine direkte Unterstützung islamistischer Terroristen nachgewiesen werden konnte, wurde die Bedrohung durch vermeintliche irakische Massenvernichtungswaffen zum Kriegsgrund erhoben. Auf den Sturz Saddam Husseins sollte eine externe Demokratisierung des Irak erfolgen und ihn zum positiven Beispiel für den gesamten Nahen Osten erheben. Innerhalb der EU führten die US-Kriegspläne zu einer Spaltung in Befürworter und Beteiligte wie Großbritannien und Polen einerseits und Skeptiker wie Deutschland und Frankreich andererseits. Der Dritte Golfkrieg führte binnen weniger Wochen zum Ende der Herrschaft von Präsident Saddam Hussein, die durch die UN-Sanktionen und die regionalpolitische Isolation seit 1991 ohnehin bereits geschwächt war. Der US-Besatzung gelang es jedoch nicht, im Irak umfassend für Sicherheit zu sorgen und einen nachhaltigen politischen und sozioökonomischen Wiederaufbau einzuleiten.

Stattdessen geriet der Irak durch Selbstmordanschläge von Dschihadisten und eine repressive Aufstandsbekämpfung seitens des US-Militärs in einen Bürgerkrieg, der 2005/06 entlang der innerislamischen Trennlinie von Sunniten und Schiiten ausgetragen wurde. Aus regionalpolitischer Sicht verhalfen das Ende der Herrschaft Saddam Husseins und insbesondere der zunehmende Legitimitätsverlust der USA als Besatzungsmacht der Islamischen Republik Iran zum Aufstieg. Sie wurde zur neuen, einflussreichen Akteurin im Irak und – durch ihre Allianz mit Syrien, der libanesischen Hisbollah und der palästinensischen Hamas – auch im weiteren arabischen Raum.

Der Libanonkrieg im Juli/August 2006 trug ebenfalls zu einer Verschiebung der Machtkonstellation im Nahen Osten bei: In dem auch als "Sommer-Krieg" bezeichneten Waffengang eskalierten die seit 2000 anhaltenden Spannungen zwischen Israel und der schiitisch-islamistischen Hisbollah. Die israelischen Militärschläge kosteten weit über 1000 Zivilisten im Libanon das Leben, und große Teile der Infrastruktur des Landes wurden zerstört. Dennoch gewann die Hisbollah aufgrund ihres fortwährenden militärischen Widerstands immenses regionalpolitisches Ansehen in der arabischen Öffentlichkeit und konnte so einen politischen Sieg davontragen. Viele Araber sahen im Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, gar eine neue charismatische regionale Führungsfigur in Nachfolge des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Nasser.

Auf den Dritten Golfkrieg 2003 und den Libanonkrieg 2006 folgte der Gazakrieg. Er begann am 27. Dezember 2008 mit einer massiven Offensive der israelischen Armee, die diese mit dem jahrelangen Raketenbeschuss israelischen Territoriums aus dem Gazastreifen rechtfertigte, und endete gut drei Wochen später am 18. Januar 2009. Ähnlich wie im Libanonkrieg starben auch im Gazakrieg weit über 1000 Menschen – vornehmlich palästinensische Zivilisten. Neben der hohen Anzahl an Toten und Verletzten brachte der Krieg zudem die Zerstörung der zivilen Infrastruktur im Gazastreifen mit sich. Innerpalästinensisch führte der Gazakrieg zu einer Stärkung der islamistischen Hamas, die im Januar 2006 die Parlamentswahlen gewonnen und im Juni 2007 gewaltsam die alleinige Kontrolle über den Gazastreifen übernommen hatte. Zur gleichen Zeit übernahm die Fatah mit Waffengewalt das Gebiet des Westjordanlands. Regionalpolitisch brachten der Gazakrieg 2008/09 sowie der Waffengang vom November 2014 der Hamas einen weiteren, mit der Hisbollah 2006 vergleichbaren Prestigegewinn.

Diese Kriege sowie der Einflussverlust der USA im Nahen Osten und ihr weitgehender Rückzug aus der Regionalpolitik führten nach 2005/06 zu einer Erstarkung regionalpolitischer Akteure. Neben Iran betraten neue Kräfte die nahöstliche Arena, wie etwa die Türkei oder das kleine Golfemirat Katar. Unter der seit 2003 regierenden, moderat-islamistischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) konnte die Türkei ihren diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss im Nahen Osten deutlich ausweiten. So vermittelte sie von Mai bis Dezember 2008 in den letztlich gescheiterten israelisch-syrischen Geheimverhandlungen. Ihre offen propalästinensische Haltung während und nach dem Gazakrieg 2008/09 und in der Krise um die sogenannte Gaza-Hilfsflotte brachte ihr große Sympathien in der arabischen Bevölkerung ein. Im Mai 2010 hatten Schiffe mit Hilfsgütern von der Türkei aus Gaza angesteuert und waren durch das israelische Militär, das versteckte Waffenlieferungen befürchtete, gewaltsam gestoppt worden.

Unterdessen gewann auch die Golfmonarchie Katar unter Scheich Hamad Al Thani regionalpolitisch an Statur. Ein Beispiel dafür ist Katars erfolgreiche Vermittlung im Libanon, wo es den Kompromisskandidaten Michel Sulaiman als neuen libanesischen Präsidenten und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit im Mai 2008 durchzusetzen half. Damit sah sich Saudi-Arabien erstmals von einem anderen arabischen Golfstaat in seinem Status als dominanter player and payer in der regionalen Konfliktbearbeitung herausgefordert.

Quellentext

Die Fußballweltmeisterschaft in Katar

Im Jahr 2022 findet erstmals eine Fußballweltmeisterschaft (WM) im Nahen Osten statt. Ausgerechnet Katar, das gerade einmal halb so groß wie Hessen ist, wird der Gastgeber des neben den Olympischen Spielen wichtigsten internationalen Sportevents sein. Diese Entscheidung der FIFA, des Weltfußballverbandes, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Hauptkonkurrent Katars waren die USA als aufstrebende Fußballnation mit einem wachsenden hispanischen Bevölkerungsanteil und einem großen Absatzmarkt.

Zwar gibt es den generellen Trend, die Welt der Sport-Großveranstaltungen auf neue, bis dahin unerschlossene Gebiete auszuweiten, allerdings unterscheidet sich Katar von Ländern wie China (Gastgeber der Olympischen Spiele 2008), Südafrika (Fußballweltmeisterschaft 2012) und Brasilien (Fußballweltmeisterschaft 2014, Olympische Spiele 2016) erheblich: Während in Katar nur zwei Millionen Menschen leben, wovon gerade einmal elf Prozent mit einem katarischen Pass ausgestattet sind, leben in China mehr als 1,3 Milliarden, in Südafrika über 50 Millionen und in Brasilien mehr als 200 Millionen Menschen. Brasilien, China und Südafrika sind führende Regionalmächte. Diese Rolle haben im Nahen Osten die unmittelbaren
katarischen Nachbarländer Saudi-Arabien und der Iran inne.

Zwar ist Katar wohlhabend und seine Staatsbürger haben eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in der Welt, doch ist der Einfluss des kleinen Emirates trotz seines Wohlstandes begrenzt. Einige Fachleute schließen daraus, dass es Katar bei der Ausrichtung der Weltmeisterschaft um mehr als Fußball geht: Es möchte gute Beziehungen zu Ländern außerhalb des Nahen Ostens aufbauen, um im Fall von Spannungen mit seinen mächtigen Nachbarn Iran und Saudi-Arabien Unterstützung zu bekommen. Als mahnendes Beispiel gilt dabei der Fall Kuwaits, das im Golfkrieg 1990–1991 vom größeren Nachbarn Irak annektiert und erst mit Unterstützung einer von den USA angeführten Koalition befreit wurde.

Die Vergabe der Fußball-WM an Katar traf in westlichen Medien auf Kritik. Dabei wurde unter anderem auf die Situation der Gastarbeiter verwiesen, die nach Ansicht von Amnesty International und anderen internationalen Menschenrechtsorganisationen wie Sklaven behandelt werden. So wird ihnen der Pass abgenommen, sie arbeiten bei brütender Hitze und kommen dabei teilweise zu Tode. Ferner müssen sie in überfüllten Unterkünften leben.

Ein anderes Problem, die für den Leistungssport ungünstige, extreme Hitze im Sommer, ist insofern entschärft worden, als die Fußball-WM erstmals am Jahresende statt wie sonst üblich im Juni/Juli ausgetragen wird. Das Eröffnungsspiel 2022 soll am 21. November in der katarischen Hauptstadt Doha stattfinden, das Endspiel kurz vor Weihnachten am 18. Dezember 2022.

Eine weitere, viel diskutierte Frage lautet, inwiefern die Fußballweltmeisterschaft Katar verändern wird. Es zeichnet sich bereits ab, dass der Golfstaat, dessen Delegation bei den Olympischen Spielen 2012 in London erstmals auch weibliche Athleten angehörten, inzwischen sehr viel stärker Frauensport fördert als andere Golfstaaten wie Saudi-Arabien. Unter anderem gibt es jetzt eine Frauen-Fußballnationalmannschaft, und Schulsport für Mädchen ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden – wenngleich auch mit Geschlechtertrennung.

Ein anderes Beispiel für mögliche gesellschaftliche Veränderungen dank der Fußball-WM betrifft den arabischen Boykott von Israel. Katar hat bereits im Zusammenhang mit seiner WM-Bewerbung versichert, dass Israel im Fall der Qualifikation zur WM 2022 im Land willkommen wäre. Bereits in der jüngeren Vergangenheit haben israelische Sportler an Wettkämpfen in Katar teilgenommen. Ein Beispiel sind die Kurzbahnweltmeisterschaften im Schwimmen im Dezember 2014 in Doha, an denen vier israelische Athleten und eine Athletin teilnahmen.

Deutschland ist an guten Beziehungen mit Katar gelegen. Unter anderem hält das Emirat 17 Prozent der Anteile am größten deutschen Automobilhersteller Volkswagen. Das Verbot der Homosexualität, die Todesstrafe (unter anderem für Gotteslästerung) und die oft unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen für Arbeitsmigranten treten jedoch in Gegensatz zu gemeinhin akzeptierten Werten in Deutschland und der westlichen Welt. Daher muss die deutsche Außenpolitik eine Balance finden zwischen wirtschaftlichen Interessen und dem Ziel, zur Verbreitung von Menschenrechten beizutragen.

Danyel Reiche

Dr. Danyel Reiche ist Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Amerikanischen Universität Beirut (AUB)

Neben diesen staatlichen Akteuren traten in den 2000er-Jahren eine ganze Reihe nichtstaatlicher, "neuer" Akteure wie die Hisbollah und die Hamas auf den Plan. Was die Struktur des regionalen Systems anbelangt, so entwickelte sich zum Ende der 2000er-Jahre eine Art "Neuer Arabischer Kalter Krieg": die klare Blockbildung zwischen einem prowestlichen Lager mit Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien einerseits und einer antiwestlichen "Achse des Widerstands", bestehend aus Iran, Syrien, der libanesischen Hisbollah und der palästinensischen Hamas, andererseits. Lediglich die Türkei und Katar nahmen als regionalpolitische Neulinge eine Mittelposition ein. Diese Zwei-Lager-Konstellation, die sich auch aus dem Einfluss- und Vertrauensverlust der USA und zentraler EU-Staaten ergab, war das zentrale Merkmal des regionalen Systems im Nahen Osten bis zum Beginn des Arabischen Frühlings 2011.