Türkei Dossierbild

12.3.2012

Wirtschaft und Gesellschaft

Wirtschaftlicher Strukturwandel


Der Erfolg der türkischen Modernisierungspolitik zeigt sich im Wandel der Wirtschaftsstruktur des Landes. Bei ihrer Gründung war die Republik ein von den Folgen des Ersten Weltkriegs und des anschließenden Unabhängigkeitskrieges schwer getroffener Agrarstaat. Die Industrie war kaum entwickelt. Zudem litt die Wirtschaft unter dem Verlust des größten Teils ihrer nicht-türkischen christlichen Bevölkerungsgruppen infolge der vom Jungtürkenregime und der Atatürk-Regierung verfolgten Vertreibungspolitik. Damit war eine Gesellschaftsschicht verloren gegangen, aus der sich vor allem das Handwerk und die Kaufmannschaft re-krutiert hatten. Die in der jungen Republik erfolgende Übernahme wichtiger wirtschaftlicher Aufgaben durch staatliche Kräfte war so nahezu unvermeidlich. Trotz teilweise starker Wachstumsraten vollzog sich der Strukturwandel nur langsam, aber zielgerichtet, wie die folgende Tabelle zeigt:

Auch die Richtung des Wandels stimmt: Ein deutlich zunehmender Rückgang des Anteils der Landwirtschaft, ein langsames Anwachsen des Anteils der Industrie und ein stetiges, zunehmendes Wachstum des Dienstleistungssektors - das ist das typische Bild einer industriellen Volkswirtschaft. Allenfalls ist zu bemängeln, dass der Anteil der Industrie etwas niedrig ist.

Energiepolitik

Starkes wirtschaftliches und Bevölkerungswachstum gehen immer auch mit steigendem Energieeinsatz einher. Da die Türkei außer (schlechter) Kohle und Wasserkraft kaum über einheimische Energievorkommen verfügt, muss Energie importiert werden. Das gilt für zwei Drittel des türkischen Energiebedarfs. Erdöl und Erdgas stehen dabei im Vordergrund. Die Hälfte der türkischen Elektrizität wird durch Erdgas erzeugt, das zu 60 Prozent aus Russland importiert wird. Erdöl kommt hauptsächlich aus Aserbaidschan, dem Nordirak und dem Nahen Osten. Die langfristige Sicherung der notwendigen Energiebezüge ist eine andere große Herausforderung der türkischen Wirtschaftspolitik. Die hierbei theoretisch auch mögliche Nutzung erneuerbarer Energieformen - Windkraft, Solarenergie und geothermische Energie - wird bisher politisch eher vernachlässigt, wenngleich nach 2008 erste Gesetze zu ihrer Förderung verabschiedet wurden.

Bis jetzt gibt es keine klare Linie der AKP-Regierung. Relativ sichere Bezüge könnten aus Russland kommen. Doch dadurch würde die bereits hohe Abhängigkeit von diesem Lieferanten weiter gesteigert. Alternative Bezugsquellen wären die zen-tralasiatischen Staaten am Kaspischen Meer und/oder Iran, Irak und andere nah-/mittelöstliche Lieferländer, die alle auch über namhafte Erdöl- bzw. Erdgasreserven verfügen. Mit Blick auf diese Quellen gibt es unterschiedliche, aber immer erhebliche politische oder technische Unsicherheiten und Risiken. Hinzu kommt, dass die AKP-Regierung die geografische Lage der Türkei nutzen und das Land zu einer politisch und wirtschaftlich lukrativen Energiedrehscheibe für Erdgas zwischen Europa und dem Kaspischen Becken bzw. dem Nahen Osten machen will (Stichwort: Nabucco-Erdgasleitung). Diese Absicht kompliziert die türkische Entscheidungslage zusätzlich. Doch müssen bis circa 2015 Entscheidungen getroffen werden, wenn die Türkei mittelfristig das Entstehen einer prekären Energielücke vermeiden will. Trotz der Nuklearkatastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011 hält die AKP-Regierung daran fest, auch Atomstrom in den Energiemix einzubeziehen.

Außenhandel, Direktinvestitionen und Tourismus

Die wachsende Modernisierung und Industrialisierung der türkischen Wirtschaft zeigt sich auch im Außenhandel. Längst bilden Fertigprodukte, das heißt industriell gefertigte Güter, mit über 90 Prozent den Hauptanteil der Exporte, die im Jahr 2010 bei 114 Milliarden US-Dollar lagen. Dies ist vor allem eine Folge der nach 1980 geänderten Wirtschaftspolitik: Die Politik der Importsubstitution (zollgeschützter Aufbau einer nationalen Industrie) mit ihrer starken Binnenorientierung, die seit etwa 1960 vorherrschte, wurde unter dem Regime von Ministerpräsident Turgut Özal von einer radikalen Öffnung der türkischen Wirtschaft nach außen abgelöst, die mit einer Liberalisierung der Märkte und einer Förderung des Exports verbunden war.

Türkische Exportprodukte weisen in der Regel bestenfalls einen mittleren technologischen Entwicklungsstand auf. Technologisch anspruchsvolle Erzeugnisse auf der Grundlage eigenständiger Innovationen machen nur einen sehr geringen Anteil von zwei Prozent aus. Industrielle Forschung und Entwicklung sind unterentwickelt. Die Türkei unternimmt erst seit 2008 deutliche Anstrengungen, sie voranzubringen. In diesem Jahr lag der Anteil entsprechender Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt mit 0,73 Prozent noch weit von der OECD-Zielmarke von zwei Prozent entfernt. Deshalb ist auch der Anteil von technologisch hochwertigen Erzeugnissen an den türkischen Importen hoch, die die Industrie braucht, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben zu können. Die in vielen Teilen des Landes entstehenden Technologieparks (Kooperationsverbünde von Hochschulen und Unternehmen) könnten bei entsprechender Förderung mittelfristig den Rückstand verringern.

Die große Bedeutung des Wirtschaftsraumes um das Marmarameer zeigt sich bei den Ausfuhren: Etwa 73 Prozent aller Exporte kommen aus dieser Region. Andere nennenswerte Exportzentren sind mit weitem Abstand Izmir, Ankara, Adana/Mersin, Konya, Kayseri und Gaziantep. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten drei Städte (Provinzen) ist ein Zeichen für das wirtschaftliche Aufholen der anatolischen Wirtschaft nach 1990, insbesondere aber unter dem AKP-Regime. Hier ist ein neuer städtischer Mittelstand auf der Grundlage global orientierter Wirtschaftsentwicklung und einer traditionellen, religiös beeinflussten konservativen Wertestruktur entstanden. Viele dieser aufstrebenden zentralanatolischen Unternehmen haben enge Wirtschaftsbeziehungen zu den Ländern des arabischen nah-/mittelöstlichen Raums geknüpft. So wuchs der Anteil dieser Region an den türkischen Exporten zwischen 2002 und 2010 um mehr als das Sechsfache, während die Exporte in die EU im selben Zeitraum "nur" um das Zweieinhalbfache stiegen.

Dennoch geht der größte Teil der türkischen Exporte immer noch in die EU-Länder bzw. den OECD-Raum, 2010 waren es circa 46 bzw. 54 Prozent der Ausfuhren. Die derzeit 57 Mitgliedsländer der Organisation der Islamischen Konferenz (OIK) nahmen 28,5 Prozent der türkischen Exporte ab, 20,5 Prozent davon gingen in nah-/mittelöstliche Staaten. Bei den türkischen Einfuhren zeigt sich ein ähnliches Bild: Hauptlieferanten waren die EU-Staaten mit 40 Prozent aller Importe. Unter den Einfuhren stehen Maschinen und Brennstoffe (Erdöl/Erdgas) an vorderer Stelle. Mit Importen im Wert von 54,1 Milliarden Euro war die Türkei 2008 das fünftgrößte Abnehmerland für die EU; ihre Exporte im Wert von 46 Milliarden Euro machten sie zum siebtgrößten Lieferland. Das waren 4,1 Prozent aller EU-Exporte bzw. drei Prozent aller EU-Importe. Die Türkei ist für die EU somit ein wichtiger, aber kein überragender Markt. Dabei gibt es je nach EU-Mitgliedstaat und Branche erhebliche Unterschiede.

Seit Jahren importiert die Türkei deutlich mehr als sie exportiert. Das führt zu einem ständig wachsenden Handelsbilanzdefizit und belastet die Zahlungsbilanz erheblich. Das Land ist auf einen stetigen Zustrom von Kapital angewiesen. Damit ist auch die Türkei vom Vertrauen der internatio-nalen Kapitalmärkte abhängig. Solange das Wachstum so hoch bleibt wie in den letzten Jahren und die Inflation unter Kontrolle gehalten werden kann, dürfte dieses Vertrauen auch anhalten und der Türkei genug Kapital zum Ausgleich ihrer Zahlungsbilanz zufließen. Dennoch sind durch diese Entwicklung der Handelsbilanz äußere Einflussfaktoren wirksam, die von der AKP-Regierung nicht völlig kontrolliert werden können und ihrer Wirtschafts- und Finanzpolitik in den kommenden Jahren Grenzen setzen.

Die EU liegt auch bei den Ausländischen Direktinvestitionen (ADI) in der Türkei an der Spitze: Seit 2005 kam jedes Jahr deutlich über die Hälfte aller Investitionen aus ihren Mitgliedstaaten. Von den zehn bei ADI in der Türkei führenden Ländern gehören acht zur EU. Ende 2010 gab es in der Türkei über 28 500 Firmen mit Auslandskapital, zwei Drittel von ihnen wurden nach 2003 gegründet. Allein aus Deutschland kommen über 4000 Firmen mit Auslandskapital.

Die EU-Länder, insbesondere Deutschland, spielen nicht nur im Außenhandel und bei Direktinvestitionen, sondern auch für die türkische Tourismusindustrie eine große Rolle. Im Jahr 2010 kamen von den insgesamt 28,6 Millionen Touristen etwa zwölf Millionen aus EU-Staaten (circa 40 Prozent), davon allein 4,4 Millionen aus Deutschland (circa 15 Prozent). Daneben stellen Russland (2010: 3,1 Millionen) und Iran (2010: 1,8 Millionen) in den letzten Jahren einen wachsenden Anteil. Die Tourismuseinnahmen beliefen sich im Jahr 2010 auf 15,6 Milliarden US-Dollar, das waren etwa zwei Prozent des Bruttonationaleinkommens.

Fremdenverkehr ist also durchaus von einer gewissen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung. In den Tourismusregionen liegt seine Bedeutung als Einkommensquelle natürlich viel höher. Der Tourismus konzentriert sich als Pauschaltourismus fast ausschließlich auf die südliche Türkei im Großraum Antalya und auf die Ägäisküste. Daneben spielt noch die Metropole Istanbul eine Rolle, in der sich unzählige Zeugnisse europäischer und osmanischer Geschichte befinden. Andere Landesteile (Schwarzmeer-Region) werden nur von Einheimischen als Feriengebiet genutzt. Kulturtourismus ist in dem Land mit bedeutenden Überbleibseln zahlreicher Zivilisationen bisher wenig entwickelt.



Publikationen zum Thema

Türkei

Türkei

Die Zeit der großen politischen Reformen in der Türkei scheint vorüber. Gleichwohl finden tiefgre...

Die Türkei und Europa

Die Türkei und Europa

Seit Oktober 2005 werden Beitritts-
verhandlungen zwischen der EU und der Türkei geführt. Die T...

Fluter-Türkei

Hallo Nachbar - Das Türkeiheft

Kopftuch-Verbot, EU-Beitritt, Armenierfrage: Die Debatten in der Türkei sind so komplex wie das Lan...

Zum Shop

Dossier

Türkei

Die Türkei blickt zurück auf eine über neunzigjährige Phase des Parlamentarismus und in den vergangenen 10 Jahren hat sich das Land zu einer stabilen und prosperierenden Wirtschaft entwickelt. Debatten um Meinungsfreiheit und über den Schutz von Minderheiten gehören jedoch ebenso zur Republik Türkei der Gegenwart. Wo steht die Türkei im Jahr 2014 politisch, wie hat sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren entwickelt und welchen Einfluss hat Staatsgründer Atatürk noch heute auf das Land?

Mehr lesen

Dossier

1961: Anwerbeabkommen mit der Türkei

Am 30. Oktober 1961 schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. Heute gehört deutsch-türkisches Zusammenleben zur Alltagsrealität in Deutschland - von Hamburg bis München, von Köln bis Berlin.

Mehr lesen