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12.3.2012

Wirtschaft und Gesellschaft

Wirtschaftliche Ungleichheit

Hinter dieser globalen Makroansicht verbergen sich erhebliche regionale Unterschiede. Das ist bei einem Land von der Größe der Türkei (circa 785000 Quadratkilometer) mit einer entsprechend differenzierten räumlichen Charakteristik nicht ungewöhnlich. In der Türkei gibt es ein deutliches West-Ost-Gefälle. Desgleichen sind die südlichen Küstenregionen entwickelter als weite Teile des anatolischen Binnenlandes, das aber seit Beginn der 1990er-Jahre einen deutlichen Aufholprozess gestartet hat.

Die regionalen Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zeigen sich, wenn man die Brutto-Wertschöpfung pro Kopf in verschiedenen Regionen vergleicht. So lag diese im Jahre 2008 in Istanbul bei 14 591 US-Dollar, in der südöstlichen Region Van-Mus-Bitlis-Hakkâri hingegen gerade einmal bei 3419 US-Dollar. In der Hauptstadt Ankara lag sie bei 12 598 US-Dollar und in der östlichen Schwarzmeerregion bei 7059 US-Dollar. Dabei sticht die wirtschaftliche Bedeutung der Region um das Marmarameer einschließlich Istanbul deutlich hervor: Sie trug im Jahr 2006 etwa 40 Prozent zur Bruttowertschöpfung der Türkei bei. Andere Wirtschaftszentren wie der Ägäisraum (14 Prozent), Zentral-anatolien mit Ankara (13,6 Prozent) oder die südliche Mittelmeerregion mit Antalya, Mersin und Adana (8,1 Prozent) blieben deutlich dahinter zurück.

Doch nicht nur regional ist der Wohlstand in der Türkei recht ungleich verteilt. Auch unter den Bürgerinnen und Bürgern herrscht eine ziemlich schiefe Einkommensverteilung. Im Jahr 2009 verfügten die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung über 47,6 Prozent des verfügbaren Einkommens. Die andere Einkommenshälfte teilten sich die restlichen 80 Prozent der Bevölkerung. Dabei verfügten die ärmsten 20 Prozent gerade einmal über 5,6 Prozent des Einkommens. Der Gini-Koeffizient, der als statistisches Maß für die (Un-)Gleichheit der Einkommensverteilung gilt, lag für die Türkei bei 0,415 (dabei bedeutet ein Koeffizient von Null eine völlig gleichmäßige, ein Koeffizient von eins eine völlig ungleiche Einkommensverteilung), das heißt, die Verteilung in der Türkei weist eine erhebliche Ungleichheit auf.

Binnenwanderung und Verstädterung

Eine Folge dieser regionalen und personalen Einkommensunterschiede ist die seit Jahrzehnten andauernde Binnenwanderung von den armen zu den reichen Regionen, vom Land in die Stadt, vom Binnenland in die Küstenregionen der Ägäis und des Mittelmeeres. Die generelle Richtung dieser Wanderungsbewegung ist von Ost nach West, also gegen das Wohlstandsgefälle. Der wirtschaftliche Entwicklungsunterschied ist historisch bedingt, der unterschiedlichen regionalen Ausstattung mit entwicklungsfördernden Faktoren geschuldet, aber auch eine Folge der politischen Entwicklung. Hier hat sich der mal latente, mal offene Konflikt des Staates mit dem kurdischen Nationalismus (PKK) deutlich negativ auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung ausgewirkt.

Der wirtschaftliche Fortschritt und die anhaltende Wanderung haben auch die Verstädterung des Landes gefördert. Bis in die 1950er-Jahre überwog die Landbevölkerung den Anteil der städtischen Bevölkerung deutlich im Verhältnis von etwa drei Viertel zu einem Viertel. Heute dagegen hat sich das Verhältnis fast umgekehrt: Circa 30 Prozent Landbevölkerung stehen etwa 70 Prozent Stadtbevölkerung gegenüber. Entsprechend ist die Zahl der Städte von circa 500 zu Beginn der 1930er-Jahre auf knapp 3000 im Jahr 2010 gestiegen.

Dadurch hat sich auch das Erscheinungsbild der türkischen Gesellschaft verändert: weg von der starr strukturierten ländlichen Groß- hin zur städtischen Ein-Kind-Einzelfamilie. Doch auch die nicht-städtische Bevölkerung lebt heute in modernen Verhältnissen: Die Türkei ist mit Blick auf Verkehrswege und Kommunikationsnetze sowie auf die Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur flächendeckend erschlossen. Natürlich gibt es dabei erhebliche regionale Unterschiede, die mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Hand in Hand gehen.

Bildungswesen

Bevölkerungswachstum, Industrialisierung, Binnenmigration und Verstädterung stellen auch große Anforderungen an das türkische Bildungswesen. Hier liegt noch vieles im Argen. Zwar wurde die Schulpflicht bereits im Jahr 1997 auf acht Jahre erhöht, doch ist dies landesweit noch immer nicht vollständig umgesetzt. Vor allem im Südosten erfolgt in den ländlichen Gebieten der Schulbesuch nur unregelmäßig. So gelten heute (Zahlen von 2008) noch 406000 Personen (circa vier Prozent) in der Altersgruppe 15 bis 24 Jahre als Analphabeten, davon sind 79 Prozent Frauen. Alle diese Menschen hätten eigentlich die achtjährige Pflichtschule durchlaufen müssen. Insgesamt sind in der erwerbsfähigen Bevölkerung (15 bis 64 Jahre) 3,7 Millionen Menschen, das sind etwa acht Prozent, Analphabeten, über 80 Prozent davon Frauen. Diese Personen finden den Anschluss an die auch in der Türkei zunehmend fähigkeitsbasierte Arbeitswelt nicht mehr. Sie fallen in der Mehrzahl aus dem Arbeitsmarkt und finden allenfalls in der informellen Schattenwirtschaft mit ungeregelten Arbeitsverhältnissen und ohne soziale Absicherung eine Beschäftigung.

Doch auch die Mehrzahl derjenigen, die die achtjährige Primarausbildung absolvieren - das waren im Jahr 2009 10,9 Millionen Schülerinnen und Schüler bzw. 56 Prozent aller sich in einer Ausbildung befindlichen Personen - erfährt einen Unterricht, der es ihnen immer schwerer macht, die Anforderungen des modernen Berufslebens zu meistern. Hauptursachen hierfür sind eine chronische Unterfinanzierung des Bildungssystems, ein eklatanter Mangel an moderner Lehrtechnologie und das Überwiegen eines lehrerzentrierten Frontalunterrichts. Infolgedessen belegte die Türkei in der internationalen Schülervergleichsstudie PISA von 2009 unter den OECD-Staaten nur den drittletzten Platz. Das Heer nur mittelmäßig ausgebildeter junger Menschen kann sich mittelfristig als eine erhebliche Bremse für die Fortsetzung des angestrebten hohen wirtschaftlichen Entwicklungstempos erweisen.

21 Prozent eines Bildungsjahrgangs (4,2 Millionen Schülerinnen und Schüler) besuchten 2009 ein allgemeinbildendes oder ein Fachgymnasium (türk.: lise). Dieser Personenkreis strebt überwiegend ein Universitätsstudium an. Der Zugang hierzu ist an das Bestehen einer landesweiten Zulassungsprüfung gebunden. Um diese erfolgreich zu bestehen, besuchen nicht wenige Schüler in den letzten zwei Jahren am Wochenende eine private "Paukschule", die gegen entsprechendes Honorar gezielt auf die Zulassungsprüfung vorbereitet. Im Jahr 2009 haben immerhin 541000 von 663000 Absolventen der verschiedenen Sekundarstufen diese Prüfung bestanden.

Die türkischen Studentinnen und Studenten verteilen sich auf über 80 Universitäten und andere Hochschulen. Diese zeichnen sich durch erhebliche Qualitätsunterschiede aus. Dem knappen Dutzend staatlicher und privater Eliteuniversitäten, die fast alle in Istanbul oder Ankara angesiedelt sind, werden die besten Absolventen aus den Zulassungsprüfungen zugeteilt. So wird der Leistungsabstand zwischen den Hochschulen systembedingt zementiert. Zu kurz kommen dabei "ländliche" Provinzuniversitäten, vor allem im Südosten. Türkische Hochschulpolitik trägt so in einem gewissen Umfang zur Aufrechterhaltung regionaler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungsunterschiede bei.

Ein gewisses Gegengewicht bildet die zentralistische Struktur des Hochschulwesens, in dem der Hochschulrat (YÖK) eine zentrale Leitungsfunktion innehat: Er legt die landesweit gültigen Curricula fest, entscheidet über Ernennungen zum Professor bzw. zur Professorin, bestimmt die Verteilung der Lehrkräfte auf die staatlichen Hochschulen und übt landesweit die oberste Disziplinarfunktion aus. Lediglich die privaten Universitäten, die in Form von Stiftungsuniversitäten organisiert sind und hinter denen oft Unternehmerfamilien stehen, sind in gewissen Grenzen - vor allem hinsichtlich der Bezahlung der Lehrkräfte - nicht an Vorgaben des Hochschulrates gebunden.



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