Türkei Dossierbild

12.3.2012

Wirtschaft und Gesellschaft

Stellung der Frauen

Viele Angehörige der türkischen Eliten sind stolz auf die im Zuge der kemalistischen Reformen herbeigeführte gesellschaftliche Aufwertung der Frau. 1930 erhielten Frauen in der Türkei das aktive, 1934 das passive Wahlrecht. Gemäß dem jungtürkischen Ideal wurde der weiblichen Bevölkerung der Zugang zu höherer Bildung ermöglicht. Als Folge gibt es in der Türkei einen erheblichen Anteil weiblicher Hochschullehrer, leitender Angestellter (besonders im Bankensektor), an Lehrerinnen und Rechtsanwältinnen. Doch wird dabei häufig übersehen, dass die Emanzipation der Frauen, wie so vieles bei den kemalistischen Reformen, auf den relativ kleinen Kreis der republikanischen Eliten beschränkt blieb und an der Masse der Bevölkerung vorbeiging. Die erwähnten Angaben zum weiblichen Analphabetentum sprechen in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache.

Frauen zählen nach wie vor zu den besonders benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen. Hier macht sich das Erbe der traditionellen Agrargesellschaft noch stark bemerkbar. Das zeigt sich nicht zuletzt an den Einstellungen der weiblichen Bevölkerung selbst. So ist knapp die Hälfte der Frauen zwischen 15 und 19 Jahren der Meinung, dass der Platz der Frau in der Familie bei ihren Kindern zu sein hat. Die Hälfte aller Frauen hält weibliche Erwerbsarbeit für unwesentlich. Da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass die Türkei mit einer Rate von 25 Prozent weiblicher Erwerbstätigkeit (in der Altersgruppe 15 bis 64 Jahre) im Jahr 2008 unter 124 von der Weltbank erfassten Ländern an 115. Stelle liegt. Ein großer Teil dieser erwerbstätigen Frauen ist in der Landwirtschaft, oft als unentgeltlich mithelfende Familienangehörige, tätig. Als Folge verfügt nur ein äußerst geringer Prozentsatz von ihnen über eine eigene soziale Absicherung, die meisten sind vom Ehemann und/oder der Familie abhängig.

In einem vom Weltwirtschaftsforum entwickelten Index der geschlechtsbedingten Ungleichheit in einer Gesellschaft ("Gender Gap Index") lag die Türkei im Jahr 2009 an 126. Stelle unter 134 erfassten Ländern. Das türkische "Frauenproblem" beschränkt sich nicht allein auf den wirtschaftlichen Bereich. So besuchen etwa ein Viertel weniger Frauen als Männer eine Hochschule. Besonders deutlich ist die Unterrepräsentation von Frauen in der Politik. Zwar hatte die Türkei schon etwa zehn Jahre früher als Deutschland mit Tansu Çiller eine Regierungschefin (Çiller wurde 1993 türkische Ministerpräsidentin), doch ist der Frauenanteil in den legislativen Körperschaften und in den höheren politischen Ämtern äußerst gering. Nach den Parlamentswahlen vom Juni 2011 sind mit 78 weiblichen Abgeordneten zwar fast doppelt so viele Frauen wie in der vorangegangenen Wahlperiode in der Nationalversammlung vertreten, doch machen sie trotzdem nur 14 Prozent aller Abgeordneten aus (bei einem Frauenanteil von 50 Prozent in der Wählerschaft). Dieser geringe Anteil weiblicher Parlamentarier liegt nicht zuletzt an der Zurückhaltung der (männerdominierten) Parteien, genügend Frauen für aussichtsreiche Listenplätze zu nominieren.

Hierin kommt die in der türkischen Gesellschaft immer noch vorherrschende Meinung vom geringeren "Wert" der Frau im Vergleich zu dem des Mannes zum Ausdruck. Zwar ist die Rechtslage in dieser Frage seit den unter der AKP-Regierung verabschiedeten Reformen von Zivil- und Strafrecht eindeutig eine andere. So heißt es etwa in Artikel 10 der reformierten Verfassung unmissverständlich: "Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Der Staat ist verpflichtet, die Gleichheit zu verwirklichen." Doch ist die faktische Diskriminierung der Frauen immer noch erheblich.

Ein besonderes Problem ist die häusliche Gewalt gegen Frauen. Sie wird trotz einer eindeutigen Rechtslage immer noch nicht in ausreichendem Maß von den staatlichen Stellen sanktioniert. Insbesondere in ländlichen Gebieten, vor allem in den südöstlichen Provinzen, finden von ihren Ehemännern missbrauchte Frauen bei der örtlichen Polizei und zum Teil auch vor den Gerichten keine ausreichende Unterstützung. Doch das Phänomen der häuslichen Gewalt ist keineswegs auf die "Kurdenregion" oder andere ländliche Gebiete beschränkt. Nach einer 2009 von Wissenschaftlerinnen der Istanbuler Sabanci-Universität durchgeführten Untersuchung haben 42 Prozent aller Frauen über 15 Jahre aus allen Regionen und allen sozialen Schichten der Türkei, das sind etwa elf Millionen Frauen, in ihrem Leben häusliche Gewalt physischer oder sexueller Natur erfahren. Diese Zahlen sind ein Indiz für die bislang unzulängliche Umsetzung des Gesetzes über den Schutz der Familie von 1998 (Gesetz Nr. 4320). Sie lassen Zweifel am ernsthaften Willen der AKP-Regierung aufkommen, ihre diesbezüglichen Verpflichtungen ernst zu nehmen.

Rolle der Zivilgesellschaft

Immerhin begehren zivilgesellschaftliche Frauenorganisationen in wachsendem Maße überall im Land gegen die Diskriminierung von Frauen auf. Neben Protesten, die an die Adresse der Politik und Öffentlichkeit gerichtet sind, entsteht auch ein Netzwerk praktischer Solidarität, etwa durch den Aufbau privater Frauenhäuser, gerade auch in den südöstlichen Landesteilen. Andere Frauenorganisationen führen vor Wahlen landesweite Kampagnen für eine stärkere Repräsentation von Frauen im politischen Bereich sowie Aufklärungs- und Werbeaktionen für eine Verbesserung der weiblichen Bildungssituation vor allem in ländlichen Gebieten durch.

Insgesamt zählen die Frauenorganisationen zum aktivsten Teil der türkischen Zivilgesellschaft, die immer mehr an Bedeutung gewinnt. Nichtregierungsorganisationen sind in der Türkei eine relativ junge Erscheinung. Sie entstanden vor allem im Gefolge der wirtschaftlichen Öffnungspolitik in der Ära von Ministerpräsident Turgut Özal. Wirtschaftliche Liberalisierung, politische Demokratisierung und zivilgesellschaftliche Mobilisierung gehen auch in der Türkei Hand in Hand. Umweltschutz, Menschenrechte, Verkehrsprobleme, Stadtentwicklung sind Fragen, die immer stärker öffentliches Interesse finden.

Doch auch zivilgesellschaftliche Solidarität mit Blick auf einzelne Ereignisse oder Vorhaben gehört immer häufiger zum gesellschaftspolitischen Leben der Türkei. Besonders spektakuläre Fälle wie schon Ende der 1980er-Jahre der Schutz der Caretta-Meeresschildkröte in der Bucht von Iztuzu oder der nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im März 2011 wieder aufgeflammte Protest der Bevölkerung in der Gegend des südtürkischen Akkuyu gegen den von der russischen Firma Rosatom geplanten Bau des ersten Atomkraftwerks in der Türkei finden auch im europäischen Ausland Widerhall. Ganz generell profitiert die türkische Zivilgesellschaft von Hilfen der EU, die diese für Vorhaben zur Stärkung der türkischen Demokratie im Rahmen des Beitrittsprozesses zur Verfügung stellt.

Trotz dieser enormen Entwicklung bleibt die zivilgesellschaftliche Bewegung in der Türkei landesweit relativ schwach. Ihre Organisationen konzentrieren sich in den Großstädten und werden in der Regel vom höher gebildeten Bürgertum getragen. Eine regionale Ausnahme bildet der Südosten, wo die kurdische Nationalbewegung sich inzwischen auch in der Zivilgesellschaft etablieren konnte und andere Nichtregierungsorganisationen immer stärker gegen allgemeine gesellschaftliche Missstände aktiv werden. Doch auch hier liegen die Zentren in den Städten, weniger in den Dörfern.

Im Kampf gegen diese Missstände, sei es im Bildungswesen, sei es bei den Menschenrechten, der unvollkommenen Demokratisierung oder auch bei Nachteilen für die Beschäftigten, macht sich zudem die immer noch bestehende Spaltung der Zivilgesellschaft in ideologisch getrennte Organisationen hinderlich bemerkbar. Das gilt nicht nur für die Gewerkschaften, die in einen eher sozialistischen und einen eher konservativen Flügel sowie eine schwache nationalistische Gruppierung gespalten sind, die jeweils Verbindungen zu den entsprechenden Parteien pflegen. Die Spaltung der Gesellschaft in den mehrheitlichen konservativ-traditionellen Teil und die kemalistisch-nationale Minderheit zieht sich durch fast alle Bereiche der Zivilgesellschaft. Am ehesten wird sie im Widerstand gegen konkrete Einzelvorhaben des Staates überwunden. Auch die relativ große Solidarität unter den Frauenorganisationen wird immer wieder von Gegensätzen zwischen Laizistinnen und Traditionalistinnen in der türban-Frage auf die Probe gestellt. Selbst das Unternehmerlager ist gespalten in die laizistisch orientierte Vereinigung der türkischen Großindus-trie aus der Region um das Marmarameer, TÜSIAD, und die aus der konservativen anatolischen Industriebourgeoisie hervorgegangene Organisation MÜSIAD. Beide sind gleichermaßen um gute Beziehungen zur jeweiligen Regierung bemüht und durchaus einig in der Abwehr ihrer Ansicht nach zu weit gehender gewerkschaftlicher Forderungen.

Doch engagiert sich TÜSIAD seit Mitte der 1990er-Jahre besonders für die Verbesserung der demokratischen Verhältnisse in einem europäisch-liberalen Sinn. Auch gehört die Unternehmervereinigung zu den engagierten Befürworterinnen eines türkischen EU-Beitritts, von dem sie sich eine Festigung der vorteilhaften wirtschaftlichen Verbindungen des Landes mit der EU und der OECD-Welt generell verspricht. Bei MÜSIAD engagierte Unternehmen sind dagegen häufig in den "neuen" Märkten Zentralasiens und des Nahen und Mittleren Ostens engagiert. Sie versuchen, die neue außenpolitische Orientierung der AKP-Regierung für ihre Interessen zu nutzen.


Publikationen zum Thema

Türkei

Türkei

Die Zeit der großen politischen Reformen in der Türkei scheint vorüber. Gleichwohl finden tiefgre...

Die Türkei und Europa

Die Türkei und Europa

Seit Oktober 2005 werden Beitritts-
verhandlungen zwischen der EU und der Türkei geführt. Die T...

Fluter-Türkei

Hallo Nachbar - Das Türkeiheft

Kopftuch-Verbot, EU-Beitritt, Armenierfrage: Die Debatten in der Türkei sind so komplex wie das Lan...

Zum Shop

Dossier

Türkei

Die Türkei blickt zurück auf eine über neunzigjährige Phase des Parlamentarismus und in den vergangenen 10 Jahren hat sich das Land zu einer stabilen und prosperierenden Wirtschaft entwickelt. Debatten um Meinungsfreiheit und über den Schutz von Minderheiten gehören jedoch ebenso zur Republik Türkei der Gegenwart. Wo steht die Türkei im Jahr 2014 politisch, wie hat sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren entwickelt und welchen Einfluss hat Staatsgründer Atatürk noch heute auf das Land?

Mehr lesen

Dossier

1961: Anwerbeabkommen mit der Türkei

Am 30. Oktober 1961 schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei. Heute gehört deutsch-türkisches Zusammenleben zur Alltagsrealität in Deutschland - von Hamburg bis München, von Köln bis Berlin.

Mehr lesen