Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Sebastian Huhn

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert

Industrialisierung und Populismus

In Regionen mit einer massiven Ausweitung der Exportproduktion (wie den Kaffeeanbaugebieten des brasilianischen Südostens oder den Viehzucht- und Weizenregionen Argentiniens) entwickelten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts Kaufkraft und Binnennachfrage nach Massenkonsumgütern dergestalt, dass Ansätze eigener industrieller Produktion rentabel wurden. Hier hatten kleinbäuerliche Produktionsstrukturen (Kaffeeanbau) bzw. Schritte, die zur Verarbeitung der Exportprodukte (etwa: Fleisch) notwendig waren, die Exporterlöse breiter gestreut. Zudem entstanden durch zunehmenden Handel und den Ausbau der Infrastruktur in begrenztem Umfang städtische Mittelschichten. Die Gesamtzahl der Industrieunternehmen in Brasilien stieg von 1907 bis 1920 von 3000 auf 13 000. Der erste Weltkrieg, der viele Lieferquellen in Europa und Nordamerika versiegen ließ, bewirkte einen weiteren Industrialisierungsschub in den fortgeschritteneren Ländern Lateinamerikas (in erster Linie Brasilien, Argentinien, Chile undMexiko).

Die Industrialisierungsansätze in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts stärkten die politischen Kräfte, die eine Modernisierung der lateinamerikanischen Gesellschaften forderten, es formierten sich Ansätze von industriellem Unternehmertum, Arbeiterbewegung und Mittelschichten. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen erfuhr die industrielle Entwicklung Lateinamerikas vor allem in den 1930er Jahren nach der Weltwirtschaftskrise einen weiteren Anschub. In deren Folge gingen die Exporterlöse und damit auch die Importkapazität rapide zurück, was die rohstoffexportierenden Länder zwang, ihre Produktion soweit wie möglich an den im Inland vorhandenen Ressourcen sowie an der Inlandnachfrage auszurichten. Zuvor importierte Produkte wurden nun zunehmend selbst hergestellt (so genannte importsubstituierende Industrialisierung). Währungsabwertungen stabilisierten die Exporterlöse in nationaler Währung trotz des starken Rückgangs der Weltmarktpreise, die nationale Produktion wurde aufgrund der Verteuerung der Importe konkurrenzfähiger. Zölle, Importverbote bzw. -quoten gewährten den einheimischen Industriebranchen zusätzlichen Schutz. In gleiche Richtung wirkten Maßnahmen zur Stützung der Rohstoffpreise, wie die brasilianische Politik der Kaffeepreisstabilisierung durch staatliche Aufkäufe und Lagerhaltung.

Die veränderte wirtschaftliche Situation hatte auch Auswirkungen auf die politischen Kräfteverhältnisse in den lateinamerikanischen Ländern. Einerseits begannen Interessen eines wachsenden industriellen Bürgertums eine politische Rolle zu spielen, andererseits gewann vor allem die städtische Bevölkerung an politischem Einfluss. In dieser Zeit entstand der für Lateinamerika charakteristische Populismus, die Durchsetzung von Modernisierungsstrategien durch eine personalistische Politik mit starker Massenmobilisierung, es entwickelten sich Bündnisse gegen die traditionellen Agraroligarchien. In Brasilien unter Getulio Vargas (1930-1945, 1951-54) und in Argentinien unter Juan Domingo Perón (1946-1955) entstanden klassische populistische Regime mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung und einer massiven Förderung der nationalen Industrie; in Mexiko kam es nach den Revolutionswirren von 1910-1917/1921 und einem folgenden unruhigen Jahrzehnt im Jahre 1929 zur Gründung des PNR (Partei der Nationalen Revolution, seit 1946: PRI) mit starken populistischen Tendenzen. In Chile führte die relativ starke Arbeiterbewegung mit ihren Arbeiterparteien nach europäischem Vorbild zu einem Bündnis von modernisierungsorientierten Mittelschichten und Teilen der Unterschicht in Gestalt des Frente Popular (1938-1941). In anderen Ländern wiederum entstanden - beeinflusst unter anderem durch den peruanischen Politiker und Publizisten Victor Haya de la Torre - moderne populistische Parteien wie die Acción Democrática (Venezuela) und der Partido Liberación Nacional (PLN, Costa Rica).

Quellentext

Die Mexikanische Revolution

Die Mexikanische Revolution begann 1910 als Aufstand liberaler bürgerlicher Kräfte gegen den Diktator Porfirio Díaz, der Mexiko seit 1877 nahezu ununterbrochen autoritär regierte und unter dessen Herrschaft die Landbevölkerung zunehmend verarmt war. Im November 1911 musste Díaz abdanken und Francisco Madero, der Initiator des Aufstandes, wurde Präsident. Mittlerweile hatten verschiedene gesellschaftliche Lager die ursprüngliche Idee eines Staatsstreiches aber zu einer Revolution ausgeweitet, die sie nun vorantrieben, da ihre Forderungen über die zögerliche Sozialpolitik Maderos hinausgingen.

In den folgenden Jahren prägten zwei Lager den nun ausbrechenden Bürgerkrieg: die "Konstitutionalisten" unter der Führung von Venustiano Carranza und Alvaro Obregón wollten vor allem verfassungsmäßige Verhältnisse in Mexiko errichten. Die sozialrevolutionäre Allianz von Emiliano Zapata und Pancho Villa hatte hingegen das Ziel, das soziale und politische Gefüge Mexikos durch Land- und Sozialreformen gänzlich umzuwälzen.
Der Bauernführer Zapata hatte zunächst mit Madero gegen die Diktatur gekämpft, kritisierte nun aber dessen zögerliche Reformpolitik und erhielt den bewaffneten Kampf unter dem berühmten Slogan "tierra y libertad" ("Land und Freiheit") im Süden des Landes aufrecht. Seine Rebellenarmee besetzte Haciendas und kämpfte für eine radikale Umverteilung des Grundbesitzes. Im Norden des Landes kämpfte das Rebellenheer des ehemaligen Banditen Pancho Villa, der sich ebenfalls am Sturz von Díaz beteiligt hatte, für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Industriearbeiter und der Landbevölkerung.
Madero wurde 1913 vom Militär unter der Führung von Victoriano Huerta aus dem Amt getrieben, der sich daraufhin bis zum Juli 1914 an der Macht halten konnte, bevor er wiederum von den "Konstitutionalisten" gestürzt wurde. Carranza stellte sich an die Spitze des Staates, sah sich aber nach wie vor der Koalition seiner ehemaligen Kampfgefährten Zapata und Villa gegenüber. In einem zweijährigen Krieg gelang es seinen Truppen 1915 die Rebellenarmee Villas und 1916 das Heer Zapatas zu schlagen, den er 1919 ermorden ließ. Auch Villa fiel 1923 einem politischen Mord zum Opfer.
Im April 1920 wurde auch Carranza durch einen Putsch mehrerer Generäle gestürzt und einen Monat später ermordet. Die 1917 unter seiner Regierung geschriebene demokratische Verfassung sah zwar soziale und politische Reformen vor, ansatzweise umgesetzt wurden diese aber erst ab 1934 unter der Regierung des Sozialreformers Lázaro Cárdenas. Seine Agrarreform und die Verstaatlichung der Ölindustrie und der Eisenbahn entsprachen einstigen Forderungen aus der Revolution.
1929 vereinten sich die ehemaligen revolutionären Gruppen zu einer Partei, die sich 1946 den Namen Partido Revolucionario Institucional (PRI) - "Partei der Institutionalisierten Revolution" gab. Sie stellte bis zum Jahr 2000 durchgehend die Regierung. Die Revolution wurde so zwar nominell zum Leitmotiv des Staates, die einstigen Ideale gingen aber immer mehr verloren. Im Jahr 2000 wurde mit dem konservativen Vincente Fox erstmals seit 70 Jahren ein Präsident gewählt, der einer Oppositionspartei angehörte und sich nicht in die Tradition der Mexikanischen Revolution stellte.

Sebastian Huhn



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