Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Sebastian Huhn

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert

Veränderungen nach 1945

Mehr noch als der Zweite Weltkrieg markierte die mit seinem Ende entstehende neue internationale Ordnung einen wichtigen Einschnitt für Lateinamerika. Es wurde durch die nun folgende Re-Integration in den Weltmarkt wieder mit der überlegenen Wettbewerbsfähigkeit der Industrieländer konfrontiert, die eine Fortsetzung der krisen- und kriegsbedingten spontanen Importsubstitution nicht zulassen würde. Vor allem aber fand sich die Region als Teil einer entstehenden neuen Weltordnung wieder, die durch den Ost-West-Konflikt und den Nord-Süd-Konflikt geprägt wurde. Waren die lateinamerikanischen Länder bisher unterschiedlich starke Mitglieder einer internationalen Staatengemeinschaft, so wurden sie nun zunehmend der Kategorie der "Entwicklungsländer" zugeordnet - als Teil der westlichen Welt, wobei die westlichen Führungsmächte jeden intensiveren politischen Kontakt zum "Osten" mit Misstrauen beobachteten. In diesem Rahmen geriet die "importsubstituierende Industrialisierung" zu einementwicklungsstrategischen Exportschlager. Sie basierte auf einem in den 1940er Jahren vom argentinischen Ökonomen Raúl Prebisch theoretisch ausgearbeiteten Modell.

Prebisch war ab 1950 Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL); er entwickelte gleichzeitig mit Hans Singer, einem britischen Ökonomen deutscher Abstammung, der ab 1947 den Bereich "Entwicklung" im UN-Sekretariat leitete, die so genannte Prebisch-Singer-Hypothese. Sie besagte, dass die Preise für den Export von Primärgütern (Agrarprodukte und mineralische Rohstoffe) sich langfristig schlechter entwickelten als die Preise für den Export von verarbeiteten Produkten. Exporteure von Primärgütern, das heißt also auch die lateinamerikanischen Länder, mussten demnach ein Interesse daran haben, ihre Industrie so weiterzuentwickeln, dass sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig würde. Eine systematische Protektion (Schutz) neuer Industrien, etwa der Elektro-, Chemie- und Automobilindustrie, unterstützt durch eine Modernisierung der Infrastruktur bei gleichzeitiger Förderung des Imports der nötigen Kapitalgüter (Maschinen und im Lande nicht verfügbare Rohstoffe) sollte die Basis für eine dynamische lokale industrielle Entwicklung schaffen. Die Erlöse aus den traditionellen Rohstoffexporten sollten diese Importe finanzieren. Diese Strategie verknüpfte im allgemeinen sehr hohe Zollsätze bzw. Einfuhrverbote für diejenigen Branchen, die man lokal entwickeln wollte, mit einer Überbewertung nationaler Währungen, um die nötigen Importe von Kapitalgütern zu verbilligen.

Allerdings sollte diese protektionistische Politik durch eine gezielte Förderung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit dieser Industrien ergänzt werden: Die Zölle sollten allmählich sinken. Eine lateinamerikanische Freihandelszone sollte geschaffen werden, um die lokalen Industrien einer zunehmenden Konkurrenz auszusetzen, und schließlich sollte eine eigenständige Technologieentwicklung die bessere Anpassung der Produktionsprozesse an lokale Bedingungen (und damit auch eine verbesserte Konkurrenzfähigkeit) erreichen.

Doch diese wettbewerbsfördernden Maßnahmen wurden kaum systematisch in Angriff genommen. Das lag unter anderem daran, dass die binnenmarktorientierten Industrien, die hinter den hohen protektionistischen Mauern vor Konkurrenzrisiken geschützt waren, zunächst hohe Gewinnspannen erbrachten. Die zunächst hohen Wachstumsraten der industriellen Produktion sanken jedoch gegen Ende der 1960er Jahre langsam ab, von 6,8 Prozent im lateinamerikanischen Durchschnitt der 1940er Jahre auf 5,4 Prozent in den 1960er Jahren (Spitzenreiter von 1955-60: Brasilien mit 10,3 Prozent, Mexiko mit 8,1 Prozent).

Vor allem die immer wieder versprochene Verbesserung der sozialen Situation trat für große Teile der Bevölkerung nicht ein. Im Gegenteil: Mit der in den 1950er Jahren eingeleiteten Industrialisierung der Landwirtschaft (vor allem dem vermehrten Einsatz vom Maschinen) und mit der Entstehung neuer landwirtschaftlicher Bereiche wie der Viehzucht oder dem Baumwollanbau ging vielerorts sogar eine dramatische soziale Verschlechterung einher. Zum einen enteigneten Staat und Großgrundbesitzer Land, das zuvor Kleinbauern ohne reguläre Besitztitel entweder subsistenzwirtschaftlich (auf Selbstversorgung angelegt) oder auf lokale Märkte orientiert bewirtschaftet hatten. Vor allem für die Rinderzucht wurde viel Land benötigt. Zum anderen wurden in diesen neuen landwirtschaftlichen Betrieben nur wenige Arbeitskräfte benötigt. Viele zuvor in der Landwirtschaft Beschäftigte verloren damit ihre Lebensgrundlage.

In der Folge zogen viele Lateinamerikaner vom Land in die Städte; es kam zu einer starken Urbanisierung (Verstädterung). In den urbanen Regionen hatte der wirtschaftliche Modernisierungsprozess zwar steigende Investitionen transnationaler Konzerne, ein weiteres industrielles Wachstum und das Entstehen einer modernen Mittelschicht bewirkt, doch bezog diese Entwicklung nur einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung ein. Das Einkommensniveau auf dem Land und in den städtischen Slums blieb so niedrig, dass die Nachfrage nach modernen dauerhaften Konsumgütern, wie Autos und großen Haushaltsgeräten, unbedeutend blieb. Das Wachstum der am Binnenmarkt orientierten Industrie und ihr Beitrag zur Schaffung neuer Arbeitsplätze sowie zur Überwindung sozialer Ungleichheit hielten sich folglich in Grenzen. Ende der 1960er/ Anfang der 1970er Jahre wurden die Krisenerscheinungen importsubstituierender Industrialisierung zunehmend zu einem Problem der lateinamerikanischen Politik.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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