Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Bildung als öffentliches Gut?

Von Anika Oettler

Das durchschnittliche Bildungsniveau Lateinamerikas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gehoben. Der Analphabetismus gehört weitgehend der Vergangenheit an. Laut UNESCO liegt die Alphabetisierungsrate der erwachsenen Bevölkerung bei 90 Prozent, und 96 Prozent aller Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren sind lesefähig. Zwar darf - wie auch in Bezug auf andere Sozialindikatoren - bezweifelt werden, dass die Daten zuverlässig und vollständig erhoben werden, doch tendenziell werden immer mehr Kinder eingeschult und vollenden auch das fünfte Schuljahr. Gleichwohl bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Während etwa in Chile, Mexiko und Venezuela über 90 Prozent der Eingeschulten das fünfte Schuljahr erreichen, scheiden in Zentralamerika und der Karibik fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler vor dem Abschluss der fünften Klasse aus dem Schulsystem aus. Nicaragua bildet derzeit das Schlusslicht in den offiziellen Statistiken: Nur 54Prozent aller eingeschulten Kinder vollenden das fünfte Schuljahr.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Ungleichheiten, die in manchen Ländern extreme Ausmaße annehmen. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist vielen Kindern aus abgelegenen ländlichen Regionen, städtischen Armutsvierteln oder indigenen Herkunftsfamilien der Zugang zum Bildungssystem de facto versperrt. Das staatliche Schulwesen ist vielerorts katastrophal. Lehrerinnen und Lehrer, die sich und ihre Familien mit ihren Gehältern nicht über Wasser halten können, unterrichten Schülerinnen und Schüler, die vor oder nach dem Unterricht bezahlten oder unbezahlten Arbeiten nachgehen. Die Ausstattung der staatlichen Schulen spottet vielfach jeder Beschreibung, der Unterricht findet in maroden, unzureichend mit Lernmaterial und Mobiliar ausgestatteten Häusern statt. Die Schülerinnen und Schüler haben häufig sehr lange Schulwege und erscheinen hungrig zum Unterricht. Der Zugang zum Bildungswesen ist in der Regel frei, doch können sich viele Eltern die Anschaffung von Schuluniformen und Unterrichtsmaterialen ebenso wenig leisten wie den Einkommensausfall, der mit dem Schulbesuch von arbeitenden Kindern verbunden ist.

Bildungssektor in lateinameikanischen LändernBildungssektor in lateinameikanischen Ländern
Auf der anderen Seite gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern die exklusive Welt der Privatschulen, in denen die Eliten - und zunehmend auch die Mittelschichten - ihren Nachwuchs betreuen lassen. Der Anteil an Privatschulen variiert von Land zu Land, und für die meisten lateinamerikanischen Länder gilt, dass der Privatisierungsgrad an der Spitze der Bildungspyramide weit ausgeprägter ist als an der Basis.

Das Recht auf Bildung im Sinne von Alphabetisierung konnte zwar in Lateinamerika inzwischen weitgehend durchgesetzt werden, von einem guten durchschnittlichen Bildungsniveau ist der Kontinent jedoch noch weit entfernt. Im Bereich der weiterführenden Schulen und Hochschulen wurden in den vergangenen Jahren nur bedingt Anstrengungen unternommen, um die Schülerinnen und Schüler für die Herausforderungen der Wissensgesellschaft zu rüsten. Dies belegt die internationale Schulleistungsstudie PISA, in die auch drei lateinamerikanische Länder (Uruguay, Brasilien und Mexiko) einbezogen wurden. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die bei Lesekompetenzaufgaben lediglich die unterste Leistungsstufe erreichten, lag in Uruguay bei 20 Prozent, in Brasilien bei 27 Prozent und in Mexiko bei 25 Prozent (zum Vergleich: Deutschland 6,7 Prozent). Bei der Problemlösungsfähigkeit wird das relativ schlechte Abschneiden der lateinamerikanischen Länder noch deutlicher. Hier erreichten in Brasilien64 Prozent, in Mexiko 58 Prozent und in Uruguay 47 Prozent der Schülerinnen und Schüler lediglich die unterste Leistungsstufe (zum Vergleich: Deutschland 14 Prozent). Diese Ergebnisse deuten an, dass der in Lateinamerika stark verbreitete Stil des Frontalunterrichts nur bedingt jene Kompetenzen hervorbringt, die in einer globalisierten Welt benötigt werden.

Quellentext

Internet&Co.: Zugang für Alle?

Eine typische Internet-Nutzerin ist die 56-jährige Julita Martínez sicher nicht. Sie lebt in einem Dorf in den peruanischen Anden, spricht Quechua und stockend Spanisch. Strom gibt es, aber Telefonleitungen haben den Weg bis hier nie gefunden. Die Straßen sind holprig, der Bus in die nächste Kleinstadt braucht anderthalb Stunden. Julitas ältester Sohn lebt in Los Angeles, die Tochter seit ein paar Jahren in Madrid. Die Armut daheim und die Aussicht, im Ausland Geld zu verdienen, hat ihre Familie globalisiert, wie so viele in Lateinamerika. Und wie für so viele sind für Julita die Geldsendungen der Ausgewanderten unverzichtbar, um daheim sich und die Enkel über die Runden zu bringen. "Transnationale soziale Netzwerke" nennen das die Soziologen. Grundlage dafür sind starke Familienbande, der enge Kontakt zwischen neuer und alter Heimat. Um diesen Kontakt zu halten, ist für Julita das Internet kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Wenn Julita in die Kleinstadt kommt, geht sie immer auch zur cábina pública, der von engagierten Informatikern des "Peruanischen Wissenschaftsnetz" etablierten öffentlichen "Internet-Kabine". Dortruft sie die Mails von Sohn und Tochter aus der Ferne ab oder telefoniert mit ihnen via Internet, um zu berichten, wie dank der letzten Geldsendung das Dach repariert wurde oder wie sich der kleine Diego über das Foto seiner Tante in den USA gefreut hat. Alltagsdinge halt, aber ein Alltag über Entfernungen hinweg, wie er nicht denkbar war, als die Minute Ferngespräch noch zwei Tageslöhne gekostet und ein Brief vier Wochen gedauert hat - wenn er denn ankam.
Nahezu 95 Prozent der Lateinamerikaner haben Zugang zum Fernsehen, und das rasche Wachstum der Mobiltelefonie hat vielfach die Zahl der Festnetzanschlüsse überflügelt. Als Internet-User zählen die Statistiken in Lateinamerika bereits über 120 Millionen Menschen, ein knappes Viertel der Bevölkerung. Weniger als in Europa oder Nordamerika, aber längst keine Angelegenheit mehr nur der Reichen und Gebildeten. Doch auch wenn die Zahl der Nutzer wächst: Die Ungleichheiten in der Qualität des Anschlusses wachsen mit. Ein Land wie Belgien "konsumiert" zig mal mehr internationale Internet-Bandbreite als Brasilien. Die "digitale Kluft", wie sie genannt wird, ist Teil der generellen Entwicklungsunterschiede - zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften.
Auf zwei "Weltgipfeln zur Informationsgesellschaft" hat die UNO diese Probleme 2003 und 2005 diskutiert, und in Lateinamerika haben sich zahllose NGOs mit der Forderung nach "Zugang für alle!" in die Debatte eingemischt. Von diesem Ziel ist man noch weit entfernt. Und es bedarf dafür auch sehr viel mehr als nur flächendeckend Computer zu verteilen und zu vernetzen, wie es sich manche technologie-fixierten Helfer aus dem Norden gerne vorstellen. Alle neuen Technologien müssen dem Wissen und den Bedürfnissen der Nutzer angepasst werden. Oft sind dabei Low-Tech-Lösungen, die gut sozial integriert sind, nützlicher als ein eindrucksvoller Maschinenpark. Der Computer, an dem Julita Martínez sitzt, ist für YouTube-Videos zu langsam. Doch die Informatiker vom Peruanischen Wissenschaftsnetz haben sich die Mühe gemacht, E-Mail-Programm und Web-Browser in eine Quechua-sprachige Fassung umzuprogrammieren. Wer weiß, ob Julita Martínez sonst heute am Computer sitzen würde.

Bert Hoffmann



Dossier

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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