Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Katholizismus und neue religiöse Vielfalt

Von Anika Oettler

Obwohl das Spektrum der Religionen sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat, bleibt der Katholizismus die dominante Glaubensrichtung in Lateinamerika. Hinter der katholischen Kirche verbirgt sich ein breites Panorama religiöser Identitäten und Praktiken, in dem sich Elemente verschiedenster lokaler Glaubensinhalte vermischen. Die gewaltsame Eroberung des Kontinents seit 1492 war, wie auch die Sklavenwirtschaft, eng mit der christlichen Missionierung verbunden. In der Folge entstand eine Sakrallandschaft, die von der Vermischung von katholischen, indigenen und afrikanischen Glaubensinhalten geprägt ist. Dieser Synkretismus (die Vermischung vieler Religionen) zeigt sich unter anderem darin, dass viele der angebeteten Heiligen und der bereisten Wallfahrtsorte lokale Glaubensvorstellungen repräsentieren.

Die katholische Kirche hat in Lateinamerika immer eine große politische Bedeutung gehabt. Lange Zeit war sie eher konservativ, wenn man von einigen Persönlichkeiten wie Bartolomé de las Casas (1484-1566) absieht. Er gilt als Vorläufer der Befreiungstheologen, die sich in den 1960er und 1970er Jahren für eine neue Gesellschaftsordnung im Interesse der Armen engagierten. Auf den Bischofskonferenzen in Medellín (1968) und Puebla (1979) wurde diese "Option für die Armen" zur offiziellen Leitlinie der katholischen Kirche in Lateinamerika erklärt - sehr zum Missfallen der päpstlichen Glaubenskongregation und ihres damaligen Präfekten, Josef Ratzinger. Tatsächlich jedoch war und blieb die katholische Kirche auf dem lateinamerikanischen Kontinent stark polarisiert. Der befreiungstheologischen Strömung, die sowohl von Bischöfen als auch und vor allem von Priestern und Laienpredigern unterstützt wurde, stand eine Fraktion gegenüber, die die Militärdiktaturen und den Kampf gegen den atheistischen Marxismus unterstützte. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat diese Polarisierung zwar abgenommen, ist aber nach wie vor vorhanden. Als Papst Benedikt XVI. im Mai 2007 die lateinamerikanische Bischofskonferenz in Brasilien eröffnete, kritisierte er sowohl Kapitalismus als auch Marxismus und forderte, die Kirche als unabhängige Kraft zu verstehen, die die Option eines über das Politische hinausgehenden Lebens anbiete.

Quellentext

Befreiungstheologie in Lateinamerika

[...] Die Theologie der Befreiung, die sich seit Beginn der 1960er Jahre vor allem in den armen Landstrichen Lateinamerikas entwickelt hatte, ist stets angefeindet worden. Gegner warfen ihr vor, sie sei gar keine Theologie, sondern wegen ihrer sozialkritischen bis sozialistischen Tendenzen eher eine kommunistische Ideologie in christlichem Gewande. Dabei war der zündende Funke für diese Bewegung von Rom selbst ausgegangen: Das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1962, eine der wichtigsten Versammlungen der katholischen Welt seit etwa hundert Jahren, hob zum ersten Mal viele Unterschiede zwischen Klerikern und Laien auf, es war die Rede vom "Volk Gottes" und einer Kirche, in der die vermeintlichen schwachen Glieder die stärksten seien.

Nach dem Konzil organisierten sich in der gesamten katholischen Welt Gläubige an der Basis. In Lateinamerika hatte dies einen politischeren Charakter als in Afrika, Asien oder Europa. Denn ab 1964, als in Brasilien die Militärs putschten, installierten sich in fast allen Ländern des Kontinents rechtsautoritäre Regimes, die in der Regel von den USA unterstützt wurden. Die Befreiungstheologie wurde nun zum Staatsfeind gestempelt, die Basisgemeinden in die Illegalität gedrängt. Während der Bürgerkriege Lateinamerikas gingen nicht wenige Geistliche mit den Guerilleros in die Berge.
Aber gerade weil sie mit ihrem neuen Denken zwischen die Fronten des Kalten Krieges gerieten, fühlten sich viele Befreiungstheologen dazu gedrängt, ihre Option für die Armen auch theologisch zu begründen. Theologen wie Ernesto Cardenal, Leonardo Boff oder Enrique Dussel verwiesen auf diejenigen Stellen der Bibel, in der Gott durch seine Propheten oder höchstpersönlich für die Armen Partei ergreift. Und Armut wird von den Befreiungstheologen materiell und konkret verstanden, und nicht, wie zuvor üblich in der katholischen Kirche, als geistliche Armut. Gleichzeitig förderte die Theologie der Befreiung aber auch das Subsidiaritätsprinzip - das besagt, dass Arme nicht nur Almosenempfänger sind, sondern in die Lage versetzt werden sollen, auf eigenen Beinen zu stehen. Den Reichen wird von diesem Prinzip der christlichen Soziallehre verboten, die Abhängigkeit der Armen durch Almosen zu vergrößern. Diese Lehre brachte die Sozialordnung der lateinamerikanischen Länder, dieseit der Conquista auf der Ausbeutung der Ärmsten beruhte, bedenklich ins Wackeln. Vielen Befreiungstheologen wurde vom Vatikan ein Lehrverbot erteilt, darüber hinaus wurden sie von den - ebenfalls katholischen - Militärdiktatoren und Großgrundbesitzern verfolgt.
Eines der bekanntesten Opfer ist Oscar Romero, Erzbischof von El Salvador, der sich nicht nur offen gegen Papst Johannes Paul II., sondern auch gegen die Militärdiktatur im eigenen Lande stellte. Im März 1980 wurde er von einem staatlich beauftragten Killer erschossen - der Auftakt zu einem Jahre dauernden Bürgerkrieg in El Salvador.
Seit den 90er Jahren muss sich die Befreiungstheologie den Vorwurf gefallen lassen, zahnlos geworden zu sein. Mit dem Verschwinden der Diktaturen südlich des Rio Bravo sind auch die Befreiungstheologen versöhnlicher geworden. Sie haben sich mit dem Kapitalismus als Faktum abgefunden - und streiten heute in Lateinamerika dafür, ihm ein menschliches Antlitz zu verleihen.

Andreas Baum, "Vom Aufstieg und Fall der ,Kirche der Armen'", in: Frankfurter Rundschau vom 28. Februar 2007

Während in einigen Ländern Vertreter der katholischen Kirche im politischen Tagesgeschäft engagiert sind (dazu gehört neben den venezolanischen Bischöfen etwa der nicaraguanische Kardinal Obando y Bravo), hat es immer Zeiten gegeben, in denen sich die Kirche tatsächlich als unabhängige Kraft und moralische Autorität verstand. So spielte die katholische Kirche eine tragende Rolle in den Friedensprozessen nach Beendigung der Bürgerkriege. Auch protestantische Kirchen werden - wie etwa die Erfahrungen mit den Wahrheitskommissionen in Panama und Peru zeigen - zunehmend in nationale politische Prozesse eingebunden. Eine große Bedeutung hat die katholische Kirche nach wie vor im Bereich des Sozialen und im Bildungssektor. Vor dem Hintergrund maroder und lückenhafter staatlicher Sozialsysteme sorgen die Kirchen, unter anderem über die Caritas, traditionell für die Linderung sozialer Notlagen.

In der Zeit der Diktaturen und Bürgerkriege im Mittelamerika der 1970er und 1980er Jahre, später im Sog der Globalisierung vollzog sich eine fast schon explosionsartige Ausbreitung protestantischer Kirchen, die inzwischen schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung um sich scharen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Evangelikale (unter anderem Baptisten, Nazarener und Methodisten), Pfingstkirchen (beispielsweise die Asambleas de Dios) und politisch aktive Neopfingstkirchen (so die Universal Church of the Kingdom of God, El Shaddai, El Verbo). Im Zentrum der religiösen Praktiken der Pfingstbewegung steht die Erfüllung der Gläubigen mit dem Heiligen Geist. Angesichts des Zulaufs zu diesen "neuen" protestantischen Glaubensgemeinschaften ist der aus Europa eingeführte "historische" Protestantismus (unter anderem Lutheraner, Presbyterianer) demgegenüber mittlerweile relativ unbedeutend geworden und wird vor allem von den Mittelschichten getragen.

Für die Übertritte zum Protestantismus sind unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend. Während es zur Zeit der Bürgerkriege und Diktaturen für viele Gläubige darum ging, eine politisch unverfängliche Form des Glaubens zu praktizieren (katholische Gemeinden wurden vielerorts wegen ihres Engagements für die Befreiungstheologie als "subversiv" eingestuft), waren später vor allem die von den Kirchen angebotenen sozialen Dienstleistungen und die Form ihrer Gottesdienste attraktiv. Eine besondere Anziehungskraft entwickeln die auch innerhalb der katholischen Kirche zunehmenden charismatischen Strömungen. Sie bieten das Erleben der Gotteserfahrung, wobei die Glossolatie, die Zungenrede, mit der sich der Heilige Geist durch die Betenden ausdrückt, eine besondere Rolle spielt, und stärken den Zusammenhalt alkoholabstinenter Gläubiger. Letzteres zieht insbesondere Frauen an, die den Misshandlungen alkoholisierter Verwandter ausgesetzt sind. Das soziale Engagement von Evangelikalenund Pfingstkirchen hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel erfahren: Während innerhalb der katholischen Kirche charismatische Strömungen an Zulauf gewinnen, ähneln protestantische Sozialprogramme mehr und mehr den befreiungstheologischen Initiativen der katholischen Kirche.

In Lateinamerika sind nicht nur Wanderungsbewegungen zwischen Protestantismus und Katholizismus zu verzeichnen, sondern auch eine Öffnung hin zu "traditionellen" indigenen, asiatischen und "New Age"-Religionen.

Die afroamerikanischen Religionen gehen auf den transatlantischen Sklavenhandel zurück und sind daher vor allem in den Ländern verbreitet, in denen afrikanische Sklaven in der Plantagen- und Minenwirtschaft ausgebeutet wurden. Zu den zahlenmäßig bedeutendsten afroamerikanischen Religionen zählen Candomblé (Brasilien), Voodoo (Haiti) und Santería (Kuba). In ihnen leben Rituale und Glaubensinhalte aus den afrikanischen Herkunftsorten der Sklaven fort. Dabei handelt es sich sowohl um die westafrikanischen Religionen der Yoruba, Fon und Ewe als auch um zentralafrikanische Religionen aus dem Kongo und aus Angola. Candomblé, Voodoo und Santeria bestehen aus einer Vielzahl religiöser Praktiken und Glaubensinhalte. Ihr vielleicht wichtigstes gemeinsames Merkmal ist ihre Wandlungsfähigkeit und Formbarkeit, denn sie mussten sich jahrhundertelang unter Bedingungen entwickeln, die die religiöse Freiheit unterdrückten. Zusätzlich haben lokale Machtverhältnisse immer eine großeRolle bei der Neuformung von religiösen Praktiken gespielt.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal von Candomblé, Voodoo und Santería ist der Polytheismus - die Welt wird von einer Mehrzahl von Gottheiten bevölkert. Die afroamerikanischen Religionen kennen weder ein einheitliches System von allgemein akzeptierten Glaubenssätzen noch übergeordnete hierarchische Strukturen und Kontrollinstanzen. Frauen haben häufig zentrale Funktionen als Priesterinnen, Heilerinnen und Gemeindevorsteherinnen, religiöse Rituale werden in Gemeindehäusern oder im Familienzusammenhang gepflegt. Dazu gehören durch Trommeln herbeigeführte Trancezustände, komplexe Orakelsysteme, weitreichende Speise- und Kleidungsvorschriften, die Opferung von Tieren und, im Falle des Voodoo, Figuren, in die Nägel geschlagen werden, um Kräfte zu bündeln.

Der Prozess der Um- und Neuformung von religiösen Traditionen und Glaubensinhalten hat in Brasilien Anfang des 20. Jahrhunderts den Umbanda hervorgebracht, eine Religion, die katholische Elemente (insbesondere den Heiligenkult) mit indigenen und afrikanischen Momenten mischt. Im Pantheon des Umbanda gibt es sowohl Gottheiten indigenen als auch afrikanischen Ursprungs.


Dossier

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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