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Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Lateinamerikanische Literaturen

Von Anika Oettler

Die lateinamerikanische Literatur bietet interessierten Leserinnen und Lesern durch alle ihre Epochen hindurch einen fast unerschöpflichen Reichtum unterschiedlichster Traditionen und Schreibstile - und eine lange Reihe von Autorinnen und Autoren, die zu Recht einen dauerhaften Platz im kulturellen Gedächtnis beanspruchen können.

Wäre der Literaturnobelpreis der alleinige Gradmesser für literarische Exzellenz, ließe sich der Kreis der herausragenden lateinamerikanischen Literaten leicht bestimmen. 1945 erhielt die chilenische Dichterin Gabriela Mistral (1889-1957) als "spirituelle Königin Lateinamerikas" - wie es in der Verleihungsrede hieß - den ersten "lateinamerikanischen" Literaturnobelpreis. 1967 folgte der guatemaltekische Autor Miguel Angel Asturias (1899-1974), der in seinen Werken (insbesondere in "Die Maismenschen") das indigene Erbe verarbeitete. Der Chilene Pablo Neruda (1904-1973) erhielt 1971 den Literaturnobelpreis für sein dichterisches Hauptwerk ("Canto General", dt.: "Der Große Gesang"), das als Spiegel der Hoffnungen eines ganzen Kontinents galt. 1982 folgte der Kolumbianer Gabriel García Márquez (geb. 1928), der einer der Hauptvertreter des "magischen Realismus" ist - einer Literaturströmung, die sich durch einen experimentellen Schreibstil und die Verknüpfung von magischen Elementen und westlicher Rationalität auszeichnet. Weitere Vertreter dieser Richtung sind der Argentinier Julio Cortázar, der Mexikaner Carlos Fuentes und der Peruaner Mario Vargas Llosa, deren Werke in den 1980er Jahren auch in Deutschland auf den Bestsellerlisten standen. 1990 erhielt schließlich mit dem Mexikaner Octavio Paz (1914-1998) bis dato zum letzten Mal ein Lateinamerikaner den Literaturnobelpreis: für ein breites Gesamtwerk, das immer wieder auch die Vielschichtigkeit kultureller Identität thematisiert.

Ein wichtiges Thema in der lateinamerikanischen Literatur ist die Geschlechterfrage. Auf der einen Seite stehen hier die Werke von Autoren, in denen Frauen ausschließlich als Sexualobjekte oder Heilige vorkommen. So beschreibt etwa Garcia Márquez in seiner Novelle "Erinnerung an meine traurigen Huren" (2004) einen 90-jährigen passionierten Bordellbesucher, der sich zum Geburtstag eine "liebestolle Nacht" mit einer Minderjährigen schenken will. Auf der anderen Seite jedoch hat sich in den letzten Jahrzehnten eine auch hierzulande bekannte Literaturströmung entwickelt, die - von Autorinnen getragen - die Geschlechterverhältnisse in den vom Machismo geprägten Gesellschaften in Frage stellen. Die bekannteste Vertreterin dieser Richtung ist die Chilenin Isabel Allende, die 1982 mit "Das Geisterhaus" ihren internationalen Durchbruch erzielte. Auch die Werke der Nicaraguanerin Giaconda Belli ("Die bewohnte Frau") und der Mexikanerin Laura Esquivel ("Bittersüße Schokolade", 1992 verfilmt)sind dem deutschsprachigen Publikum zugänglich.

Die Frage, welchen Beitrag Lateinamerika zur Weltliteratur geleistet hat und nach wie vor leistet, ist jedoch mit dem Verweis auf die Autorinnen und Autoren, denen der internationale Durchbruch gelungen ist, nur sehr unzureichend beantwortet. Hinter diesen Speerspitzen der lateinamerikanischen Kultur findet sich eine außerordentliche Vielfalt von Literaturen. Es gibt Ausrichtungen, die mehr oder weniger politisch sind, sich zu Schulen formen (magischer Realismus etwa oder auch emanzipatorische Literatur unter den Vorzeichen von Feminismus oder Transkulturalität) oder einen dezidiert lokalen Wirkungskreis haben. Außerdem - und dies wird oft übersehen - handelt es sich hier um ein breites sprachliches Feld, das weit über das Spanische und Portugiesische hinausgeht. Für die kulturelle Entwicklung in Lateinamerika war nicht nur die von den Eliten bevorzugte Literatur von Bedeutung, sondern auch das, was lange als Trivialliteratur angesehen wurde. Lateinamerika hat eine Reihe bedeutender Cartoonisten hervorgebracht, unter anderem den Mexikaner Rius (Eduardo del Río) und den Peruaner Juan Acevedo. Auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur hat sich vieles bewegt. Der Argentinier Jorge Luis Borges, der durch Werke wie "Die Bibliothek von Babel" (1941) bekannt geworden ist, hat eine Reihe von Werken vorgelegt, die sich an der Schnittstelle von phantastischer Literatur und Kriminalliteratur bewegen. Zu den bedeutendsten Kriminalautoren der Gegenwart gehören der Argentinier Pablo de Santis, der Mexikaner Paco Ignacio Taibo II und die Brasilianerin Patrícia Melo, die in "O Matador" die Karriere eines Auftragskillers in São Paulo beschreibt. In den Kriminalromanen der Gegenwart finden sich viele zentrale Versatzstücke lateinamerikanischer Literaturen: Dazu gehört die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und politischer Gewalt ebenso wie Machismo und die Frage der kulturellen Identität.


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