Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Global Player auf dem Musikmarkt

Von Peter Peetz

Spätestens seit dem Aufstieg der kolumbianischen Sängerin Shakira zum Superstar und zur Stilikone für Mädchen in der ganzen Welt kann man Musik wohl als den Kulturexport Lateinamerikas und der Karibik schlechthin bezeichnen. In den USA und Europa erreichen Gruppen und Einzelinterpreten wie Sepultura, Maná, Ricky Martin oder früher Celia Cruz und Bob Marley einen enormen Bekanntheitsgrad. Auch der deutlich hörbare Latino-Einfluss in vielen Songs des globalen Popmusik-Marktes (in "Let's get loud" von Jennifer López ebenso zu hören wie in "Fiesta Mexicana" von Rex Gildo oder in den Stücken der russischen Band Markscheider Kunst) zeigen die musikalische Präsenz Lateinamerikas in der Welt. Mainstream-Latino-Musik mag mit ihren europäischen (vor allem spanischen), afrikanischen und - oft nicht leicht herauszuhörenden - indigenen Wurzeln für "westliche" Ohren trotz ihrer Exotik eingängiger und vertrauter klingen als etwa ostasiatische. Mit Sicherheit liegt der Erfolg aberauch in der stetig steigenden Kaufkraft begründet, über die die in die USA zugewanderte Latinobevölkerung auf dem US-Kulturmarkt verfügt. Gloria Estefan, Thalía, Paulina Rubio und Co. erobern die globalen Märkte meist von New York und Los Angeles aus, anstatt von ihren Heimatländern Kuba und Mexiko. Viele Entwicklungen in der lateinamerikanischen Musikszene der letzten 50 Jahre nahmen ihren Ursprung in US-amerikanischen Plattenstudios und Konzerthallen und wirkten auf Lateinamerika selbst zurück. Die Salsa, für viele Inbegriff von lateinamerikanischer Musik und Tanz, entstand Anfang der 1970er Jahre in New York. Der Reggaeton wurde sozusagen im "transnationalen Raum" zwischen den USA und Puerto Rico geboren, in dem die entsprechenden Plattenfirmen und Künstler wie Daddy Yankee oder Don Omar angesiedelt sind.

Neben diesen "Exportschlagern" bietet Lateinamerika eine Fülle von Musikrichtungen, deren Protagonistinnen und Protagonisten südlich und nördlich des Río Grande viele Millionen Fans haben, aber in Europa nur in der entsprechenden Szene bekannt sind. Dies gilt etwa für den Brasilianer Caetano Veloso, der den Stil des "Tropicalismo" prägte, und für Daniela Mercury, ebenfalls aus Brasilien, die von Axé über Samba-Reggae bis hin zur MPB (Música Popular Brasileira) in ganz verschiedenen Musikrichtungen erfolgreich ist. Weitere Beispiele sind der Salsa-Sänger Oscar d'León aus Venezuela und der vor allem für seine Balladen bekannte Luis Miguel, der in Puerto Rico geboren und in Mexiko aufgewachsen ist. Der kommerzielle Erfolg so vieler lateinamerikanischer Musikinterpretinnen und -interpreten bedeutet keineswegs, dass es nicht auch Strömungen mit sozialkritischer Ausrichtung gäbe. Wurden in den 1970er Jahren noch Protestsongs gegen Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen zur Gitarre gesungen (etwa von Geraldo Vandré in Brasilien, Victor Jara in Chile, Mercedes Sosa in Argentinien oder von Kubas so genannter Nueva Trova mit Interpreten wie Silvio Rodríguez und Pablo Milanés), so hat sich heute eine alternative Szene gebildet, die häufig globalisierungskritische Texte mit einem Mix aus lateinamerikanischen und karibischen Rhythmen (Salsa, Merengue, Reggae, Ska, Cumbia) und westlichen Stilen (beispielsweise Hip Hop und Rock) kombiniert; Beispiele sind etwa die Gruppen Molotov, Panteón Rococó, Rabanes und Orishas.

Einen wichtigen Bestandteil in den CD-Regalen und mp3-Sammlungen vieler Lateinamerikaner stellt aber auch die traditionellere Musik dar, wie etwa der Tango in Argentinien und am Rio de la Plata. Hier sind die Unterschiede zwischen den Ländern und oft auch innerhalb eines Landes immens. In Peru beispielsweise kontrastiert der spanisch geprägte Vals Criollo mit afro-peruanischer Musik (beides in der Küstenregion beheimatet) und mit der indigenen chicha-Musik aus dem Hochland um den Titicaca-See. Auf dem Gebiet der klassischen Musik hat Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten etwa durch die brasilianische Weltklassepianistin Martha Argerich und den mexikanischen Startenor Rolando Villazzón von sich Reden gemacht. Mit dem 27-jährigen Dirigenten Gustavo Dudamel, den Musikkritiker derzeit als einen der besten Jungdirigenten der Welt loben, hat auch Venezuela seinen Klassik-Superstar.


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