Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Sport-Weltmacht Lateinamerika

Von Bert Hoffmann

Was wären Europas Fußball-Clubs ohne ihre Stars aus Lateinamerika? Allein Brasilien exportiert etwa 500 Fußballprofis pro Saison. Bei der WM 2006 spielten ganze zwei Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft noch in heimischen Vereinen, bei Argentinien waren es drei. Doch während Ronaldinho, Messi, Diego und Co. das Publikum in Europa verzücken, steckt der Fußball in Lateinamerika selbst in der Krise. War der Sport lange Zeit ein wichtiger sozialer Kitt in den Einwanderergesellschaften Südamerikas, so ist es ein Alarmsignal, dass etwa Argentiniens erste Liga nur noch durchschnittlich 6000 Besucher pro Spiel ins Stadion lockt. Die Fans werden offenbar müde, wenn sie in den riesigen Stadien, die einst das emotionale Herz des Weltfußballs verkörperten, heute nur noch die dritte Garnitur ihrer Landsleute sehen. Und sobald eine junge Neuentdeckung die Herzen der Fans erobert, wird auch er mit Sicherheit in der nächsten Saison von den Scouts der reichen Clubs zwischen Mailand und Madrid, London und München abgeworben.

Auch für die großen Traditionsvereine, in denen einst Pelé und Maradona spielten, sind weder die Stadioneinnahmen noch die Fernsehrechte oder die Produktvermarktung die Haupteinnahmequellen, wie es in Europa der Fall ist, sondern der Verkauf von Spielern. Die große Ausnahme ist Mexiko - nicht zuletzt wegen der benachbarten USA, die sonst so übermächtig, beim Fußball jedoch vergleichsweise schwach sind. Mexikos erste Liga steht finanziell so gut da, dass sie auch den einheimischen Stars entsprechende Gehälter zahlen kann. Und Mexikos Fußball "kolonisiert" inzwischen sogar die US-Liga: Die "Chivas" (Ziegen) aus der Stadt Guadalajara, eine der Top-Mannschaften Mexikos, haben inzwischen einen Tochterverein in Los Angeles gegründet: die "Chivas USA" spielen in der U.S. Major League - in der Immigrantenmetropole Los Angeles, selbstverständlich vor weitgehend mexikanischem Publikum.

Doch nicht überall auf dem Kontinent ist Fußball der Nationalsport. In einigen Ländern Zentralamerikas und der Karibik, die in der Vergangenheit eine Zeit der militärischen Besetzung durch die USA erlebt hatten, ist der Sport Nummer Eins bis heute Baseball - unter anderem auch in Kuba, woran auch ein halbes Jahrhundert Sozialismus und Anti-Imperialismus nichts geändert haben. (Fidel Castro selbst war in seiner Jugend übrigens ein herausragender Baseball-Spieler, der wegen seiner gefürchteten Curveballs fast ein Angebot aus der US-Profi-Liga erhalten hätte.) Auf den einst britischen Inseln der Karibik spielt man bis heute mit großer Leidenschaft Cricket und - zum Leidwesen des Mutterlandes - inzwischen oft mit mehr Erfolg. Doch das ist selbst bei dem elitärsten Sport der englischen Aristokratie der Fall: Im Polosport hat Argentinien dem britischen Adel seit vielen Jahren den Rang abgelaufen.


Dossier

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Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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