30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Lateinamerika
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

14.11.2008 | Von:
Anika Oettler
Peter Peetz
Bert Hoffmann

Gesellschaft und Kultur

Lateinamerika ist reich an Ethnien, Kulturen und Religionen und genießt immense Bedeutung in Literatur, Musik und Sport. Doch breite, sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen bleiben ohne Bildungschancen.
La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder.La Paz, Bolivien: Ein 11-jähriger Junge verstaut seine Werkzeuge, mit denen er Passanten die Schuhe putzt. Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten in Bolivien circa 800.000 Kinder. (© AP)

Die lateinamerikanische Bevölkerung

Von Anika Oettler

Gegenwärtig (2007) leben 6671 Millionen Menschen auf der Erde. Auf Lateinamerika und die Karibik entfallen 572 Millionen, also 8,6 Prozent der Erdbevölkerung. Die demographischen Wachstumsraten sinken zwar seit den 1960er Jahren kontinuierlich, doch die absoluten Bevölkerungszahlen steigen. Es wird geschätzt, dass 2050 775 Millionen Menschen in Lateinamerika leben werden. Dennoch kann dort von einer "entwicklungsländertypischen" Bevölkerungsexplosion nicht die Rede sein. Während die öffentliche Wahrnehmung vom Bild eines jugendlichen "Kontinents der Zukunft" geprägt ist, steht die zunehmende Alterung der lateinamerikanischen Bevölkerung im Zentrum von bevölkerungswissenschaftlichen und -politischen Debatten.

Die Bevölkerungsentwicklung hängt grundsätzlich von der Fertilitätsrate ab, der durchschnittlichen Zahl der Kinder, die zur Welt gebracht werden. Grundsätzlich sind die Zeiten des Baby-Booms vorbei. Hatten lateinamerikanische Frauen im Zeitraum 1970-1975 noch durchschnittlich 5,04 Kinder zur Welt gebracht, wird diese Zahl für 2005-2010 auf 2,37 geschätzt. Es bestehen starke nationale Unterschiede. Die Fertilitätsrate ist in Kuba sowie Trinidad und Tobago mit durchschnittlich 1,6 Kindern sehr gering, in Guatemala mit durchschnittlich 4,6 Kindern sehr hoch. In den Ländern selbst bestehen gravierende Differenzen, die vor allem soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen widerspiegeln. So bringen indigene Frauen aus ländlichen Regionen in der Regel deutlich mehr Kinder zur Welt als weibliche Angehörige der Oberschichten.

Die Müttersterblichkeit ist in den vergangenen Jahrzehnten zwar deutlich zurückgegangen, bleibt aber in einigen Ländern und abgelegenen Gegenden ein gravierendes Gesundheitsproblem. Haiti, das "Armenhaus" der Region, weist mit 600/100 000 die höchste Müttersterblichkeitsrate auf. In einigen Ländern (Bolivien, Ecuador, Peru) ist die Müttersterblichkeit eine Folge des fehlenden Zugangs zum Gesundheitssystem, in anderen (etwa in El Salvador und in der Dominikanischen Republik) eher ein Ausdruck der miserablen Qualität des Gesundheitssektors. Auf dem gesamten Kontinent trägt eine Reihe von Faktoren zur Müttersterblichkeit bei, die oftmals eng mit dem Machismo - dem übersteigerten Ausleben dominanter männlicher Heterosexualität - verbunden sind. Dazu zählen Vergewaltigungen, ungewollte Schwangerschaften und physische Gewalt gegen Schwangere. Aufgrund der geringen Verbreitung und Akzeptanz von Verhütungsmitteln zählen Nicaragua, Guatemala, Honduras und El Salvador zuden Ländern, in denen die meisten Schwangerschaften von Minderjährigen registriert werden. Zugleich sind Nicaragua und El Salvador zusammen mit Chile die Länder, in denen ein totales Abtreibungsverbot in Kraft ist.

Diese Situation bietet Angriffsflächen für die Immunschwächekrankheit HIV/AIDS. Die Karibik ist die Weltregion, die von ihr am zweitstärksten betroffen ist. AIDS ist hier die führende Todesursache bei Erwachsenen zwischen 15 und 44 Jahren und hat 2005 schätzungsweise 27 000 Menschenleben gefordert.

Von den 39 Millionen Menschen, die weltweit mit HIV infiziert sind, leben etwa 1,6 Millionen in lateinamerikanischen Ländern (ohne Karibik). Damit stellt die Region zwar nicht einen der Brennpunkte der Epidemie dar, aber durchaus ein Gebiet, in dem die Krankheit immer stärker um sich greift. Während in einigen Ländern (unter anderem Brasilien, Chile, Costa Rica) deutliche Maßnahmen eingeleitet wurden, um die Epidemie einzugrenzen und Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen, sind staatliche Initiativen im Andenraum und in den ärmeren zentralamerikanischen Ländern bis dato weitgehend ausgeblieben.

Die bevölkerungsreichsten Länder sind Brasilien (2007:191 Millionen) und Mexiko (110 Millionen), zu den bevölkerungsärmsten - und auch flächenmäßig kleinsten - Ländern gehören, neben den meisten karibischen und zentralamerikanischen Staaten, Paraguay (6,4 Millionen) und Uruguay (3,5 Millionen). Vier lateinamerikanische Städte haben die 10-Millionen-Grenze längst überschritten und sind damit bevölkerungsreicher als viele der letztgenannten Länder: Buenos Aires (13,8 Millionen), Mexiko-Stadt (19,3 Millionen), Rio de Janeiro (15,4 Millionen) und São Paulo (17,9 Millionen) gehören zu den Mega-Cities der Welt.

Zählte Lateinamerika im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch zu den Einwanderungsregionen, so hat sich dieser Trend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich umgekehrt. Aus wirtschaftlichen und politischen Gründen wandern viele Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner vor allem in die USA, aber auch nach Europa und Asien ab. In den jüngsten Schätzungen des US-Zensus (2007) wird die Zahl der Einwohnerschaft lateinamerikanischer Herkunft mit 45,5 Millionen angegeben. Eine große Bedeutung haben dabei die Migrationsbewegungen zwischen Mexiko und den USA. Die Weltbank geht davon aus, dass 11,5 Millionen Menschen - oder 10,7 Prozent der mexikanischen Bevölkerung - das Land für einen begrenzten Zeitraum oder aber mit offenem Ende verlassen haben.

Das relative Gewicht der Migration ist von Land zu Land sehr verschieden. Während die 250 628 Surinamesen, die ihr Wohl im Ausland suchen, 56 Prozent der Bevölkerung Surinams ausmachen, entsprechen die 1 135 060 brasilianischen Migrant(inn)en einem Bevölkerungsanteil von 0,6 Prozent. Damit schwankt auch das Ausmaß, in dem die lateinamerikanischen Gesellschaften kulturell und sozial von Migration geprägt sind. Dies ist einerseits ein Verlust - so wandern etwa 89 Prozent der Surinamesen mit tertiärer Bildung ("higher education") ins Ausland ab - und andererseits eine Bereicherung im Sinne einer Einbindung in globale Kulturräume.

Alle lateinamerikanischen Gesellschaften sind mehr oder weniger multikulturell, wobei es jedoch deutliche Differenzen in der Bevölkerungsstruktur gibt, die auf die unterschiedliche historische Entwicklung der einzelnen Regionen und Länder zurückgehen. Eine entscheidende Weichenstellung wurde durch die Kolonialherrschaft gelegt, die in den verschiedenen Regionen mit einem unterschiedlichen Grad der Ausrottung der prähispanischen Bevölkerung und des "Imports" von afrikanischen Sklaven verbunden war. In der Folgezeit brachten die Erfordernisse der Plantagen-, Minen-, Kaffee- und Viehwirtschaftsökonomien, aber auch politische Kämpfe, eine Bevölkerungsstruktur hervor, die von Land zu Land und von Region zu Region unterschiedlich ist. Während etwa der Nordosten Brasiliens als ehemalige Sklavenhaltergesellschaft von einer afrobrasilianischen Mehrheitsbevölkerung geprägt ist, stand die argentinische Bevölkerungsentwicklung unter dem Vorzeichen der europäischen Auswanderung.

Für die wirtschaftlichen und politischen Eliten der meisten Länder sind der US-amerikanische Lebensstil und eine bisweilen imaginäre "europäische" Vergangenheit prägend. Insgesamt zählen christliche Religionen und die spanische Sprache zu den dominanten kulturellen Merkmalen Lateinamerikas, während die Karibik als ehemaliges britisches Kolonialgebiet englischsprachig ist und sich die brasilianische Bevölkerung weltweit zur bedeutendsten Sprachträgerin des Portugiesischen entwickelt hat. Daneben weist Lateinamerika jedoch eine große Vielfalt an indigenen Sprachen, religiösen Zugehörigkeiten und kulturellen Traditionen auf. Auch jüdische, islamische und asiatische Einflüsse haben Eingang in den Bestand an Normen und kulturellen Traditionen gefunden.

Spätestens seit der Eroberung durch die spanischen Konquistadoren zeichnen sich die lateinamerikanischen Gesellschaften durch Herrschaftsverhältnisse aus, die auch, aber nicht nur, auf ethnischen Merkmalen beruhen. Wenn in Lateinamerika von "Mulatten", "Mestizen" und "Indios" die Rede ist, so handelt es sich um tradierte Bevölkerungskategorien aus dem Arsenal der Rassenideologie. "Mulatten" entstehen demzufolge aus einem weißen und einem schwarzen Elternteil und "Mestizen" aus Indigenen und Weißen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind diese Begriffe, wie auch der Begriff "Indios", im deutschen Sprachraum überkommen. Der in Lateinamerika als abwertend aufgefasste Begriff "Indios" wurde in den vergangenen Jahrzehnten von "Indigene" (indígenas) abgelöst. Indigene politische Aktivisten bedienen sich neben der Begriffe der indígenas und originarios auch des Begriffes indio, den sie jedoch in einer kritischen Anlehnung an die Herrschaftsverhältnisse verwenden, die sie überwinden wollen.

Quellentext

Indigene Bevölkerung

[...] Die Bezeichnungen Indio und Indígena (deutsch: Indianer) entstammen der kolonialen Herrschaftsideologie. Sie sind keine präzise Kennzeichnung für bestimmte Kulturen, sondern charakterisieren vielmehr ein politisches und soziales Konstrukt seitens der europäischen Eroberer, mit dem diese die unterworfenen Völker auf dem Subkontinent rechtlich und ideologisch zu einer Gruppe zusammenfassten und in die strenge Gesellschaftshierarchie einordneten, der eine Aufspaltung zwischen den europäischen Kolonialherrn bzw. ihren Nachfahren einerseits und den Eroberten andererseits zugrunde lag. Der indigenen Landbevölkerung wurde der niedrigste Status zugewiesen. [...]

In der Praxis blieben sie Bürger dritter Klasse. In den meisten Ländern unterlag die Indio-Bevölkerung einem gesonderten rechtlichen Status, der sie auf allen gesellschaftlichen Ebenen benachteiligte. So waren noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in zahlreichen Staaten Analphabeten - und damit ein Großteil der indigenen Landbevölkerung - vom Wahlrecht ausgeschlossen. Auf dem Land gab es kaum Schulen, vielfach unterdrückten Grundherren und Kirche gewaltsam Initiativen der Indios. Zur Legitimierung der Benachteiligung, sozialen Ausgrenzung und Ausbeutung wurde den Indios mit rassistischen Argumenten eine biologische und soziale Minderwertigkeit zugeschrieben. [...]
Die indigene Bevölkerung Lateinamerikas umfasst ca. acht bis zwölf Prozent, das entspricht etwa 40 bis 50 Millionen Menschen. Es gibt über 400 ethnische Gruppen und Völker und 917 gesprochene indigene Sprachen, ein Zeichen der großen kulturellen Vielfalt. Die Anzahl der indigenen Bevölkerung nimmt erkennbar zu. Allerdings sind zahlreiche kleine Gemeinschaften, insbesondere in ökologisch sensiblen Regionen mit wertvollen Naturressourcen, vom Aussterben bedroht, weil ihre Lebensgrundlagen zerstört werden. [...]
Armut und extreme Armut kennzeichnen die Lebensumstände der Mehrheit der indigenen Völker Lateinamerikas, wie Studien, z.B. der Interamerikanischen Entwicklungsbank, belegen. Das gilt für die städtische, mehr noch für die ländliche Bevölkerung. Armut ist zudem nicht nur am Einkommen zu messen. Sie bedeutet auch mangelnde Schulbildung und Gesundheitsversorgung, weitgehenden Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe an Entscheidungen über Ressourcenverteilung und -nutzung. Die jeweiligen nationalen Gesellschaften haben bisher wenig für die grundlegende, reale Verbesserung der Lebensumstände getan - trotz Rechtsreformen, die mehrere Staaten in den 1980er Jahren zugunsten der indigenen Bevölkerung verabschiedet haben. [...]
In verschiedenen Ländern mobilisieren lokale, regionale und nationale Verbände zu Protestmärschen, organisieren Blockaden von strategischen Straßen oder Besetzungen von Erdöl- bzw. Gasbohrstellen und Staudamm-Großprojekten. Mit Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen (NROs) klagen sie öffentlich Umweltzerstörungen, die sozialen Folgen von Großprojekten, illegalen Holzschlag oder Biopiraterie sowie die Komplizenschaft staatlicher Institutionen bei solchen Unternehmungen an. Sie fordern Land- und Ernährungssicherheit, Agrarreformen, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sowie selbstverwaltete Territorien. Die Forderung nach Autonomie im Sinne des Rechts auf eine selbstbestimmte Entwicklung, die auf den eigenen kulturellen Werten basiert ("desarrollo con identidad"), nimmt zu. Das schließt ein eigenes Bildungs-, Rechts- und Gesundheitswesen sowie die ökonomische Entwicklung ein. Dabei berufen sich die indigenen Völker auf die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO über "Rechte indigener und in Stämmen lebender Völker", die von 13 lateinamerikanischen Staaten unterzeichnet, aber kaum umgesetzt wurde. [...]
Im letzten Jahrzehnt hat sich das Spektrum ihrer ganz an den praktischen Bedürfnissen der Bevölkerung ausgerichteten Aktivitäten, die selbstständig oder mit Unterstützung externer Partner - Kirchen, NROs oder entwicklungspolitischen Agenturen - durchgeführt werden, immer weiter ausgedehnt. Es reicht von Bildungsprogrammen der zweisprachigen interkulturellen Erziehung, kulturell angepasster Gesundheitsversorgung oder nachhaltiger Landwirtschaft bis hin zu Rechtshilfe, Förderprogrammen, die sich speziell an Frauen richten, oder Projekten zur Pflege des eigenen kulturellen Erbes, wie etwa die Dorfmuseen. Es geht stets um zwei Ziele: Zum einen will man das eigene kulturelle Wissen erhalten und in der Gemeinschaft weitergeben, um sich innerhalb der nationalen Gesellschaft der eigenen Wurzeln zu vergewissern und das Selbstbewusstsein - die eigene Identität - zu stärken. Zum anderen geht es um die Organisation von Selbsthilfe. [...]

Juliana Ströbele-Gregor, "Indigene Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika", in: Aus Politik und Zeitgeschichte 51-52/2006 vom 18. Dezember 2006

Die Zahl der in Lateinamerika gesprochenen indigenen Sprachen wird auf über 900 geschätzt, wobei Aymara, Guaraní, Quechua und Nahuatl zu den meistgesprochenen gehören. In Bolivien, Ecuador, Guatemala und Peru ist der Anteil der indigenen Bevölkerung mit 30 bis 80 Prozent sehr hoch, wobei die Schätzungen je nach Definitionsmerkmal (Muttersprache, Selbstidentifikation) und Quelle (staatliche/nicht-staatliche Institutionen) stark auseinandergehen. In anderen Ländern ist die indigene Bevölkerung weit weniger sichtbar: Sie ist numerisch weniger gewichtig und/oder lebt vornehmlich in einzelnen Regionen des Landes. Beispielsweise siedeln die Kuna in einer autonomen Region Panamas an der Atlantikküste, der Kuna Yala. In Mexikos südlichen Landesteilen sind zahlreiche indigene Bevölkerungsgruppen (Nuahua, Maya, Zapoteco, Mixteco, Otamí) beheimatet. Aber die nicht-indigenen Bevölkerungsgruppen stellen schätzungsweise 85 Prozent der Bevölkerung und dominieren sowohl die Herrschaftsverhältnisse als auch die Kultur des Landes. Der Amazonasraum zeichnet sich durch eine große kulturelle Vielfalt aus, allein in Brasilien sind über 170 indigene Sprachgruppen registriert.

Insgesamt ist Lateinamerika reich an Kulturen und ethnischen Identitäten, es herrscht ein Gemisch von kulturellen Zuschreibungen, die im Miteinander mit anderen Gruppen entstehen und sich im Laufe der Zeit wandeln. Ethnische Grenzziehungen haben zwar in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einigen Ländern (Peru, Guatemala, Mexiko/Chiapas) eine Bedeutung für die Interpretation von politischen Konflikten gespielt, insgesamt jedoch wird politische Gewalt eher im Kontext von politisch-ideologischen Auseinandersetzungen und sozialen Ungleichheiten ausgeübt.

Bildung als öffentliches Gut?

Von Anika Oettler

Das durchschnittliche Bildungsniveau Lateinamerikas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gehoben. Der Analphabetismus gehört weitgehend der Vergangenheit an. Laut UNESCO liegt die Alphabetisierungsrate der erwachsenen Bevölkerung bei 90 Prozent, und 96 Prozent aller Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren sind lesefähig. Zwar darf - wie auch in Bezug auf andere Sozialindikatoren - bezweifelt werden, dass die Daten zuverlässig und vollständig erhoben werden, doch tendenziell werden immer mehr Kinder eingeschult und vollenden auch das fünfte Schuljahr. Gleichwohl bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Während etwa in Chile, Mexiko und Venezuela über 90 Prozent der Eingeschulten das fünfte Schuljahr erreichen, scheiden in Zentralamerika und der Karibik fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler vor dem Abschluss der fünften Klasse aus dem Schulsystem aus. Nicaragua bildet derzeit das Schlusslicht in den offiziellen Statistiken: Nur 54Prozent aller eingeschulten Kinder vollenden das fünfte Schuljahr.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Ungleichheiten, die in manchen Ländern extreme Ausmaße annehmen. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist vielen Kindern aus abgelegenen ländlichen Regionen, städtischen Armutsvierteln oder indigenen Herkunftsfamilien der Zugang zum Bildungssystem de facto versperrt. Das staatliche Schulwesen ist vielerorts katastrophal. Lehrerinnen und Lehrer, die sich und ihre Familien mit ihren Gehältern nicht über Wasser halten können, unterrichten Schülerinnen und Schüler, die vor oder nach dem Unterricht bezahlten oder unbezahlten Arbeiten nachgehen. Die Ausstattung der staatlichen Schulen spottet vielfach jeder Beschreibung, der Unterricht findet in maroden, unzureichend mit Lernmaterial und Mobiliar ausgestatteten Häusern statt. Die Schülerinnen und Schüler haben häufig sehr lange Schulwege und erscheinen hungrig zum Unterricht. Der Zugang zum Bildungswesen ist in der Regel frei, doch können sich viele Eltern die Anschaffung von Schuluniformen und Unterrichtsmaterialen ebenso wenig leisten wie den Einkommensausfall, der mit dem Schulbesuch von arbeitenden Kindern verbunden ist.

Bildungssektor in lateinameikanischen LändernBildungssektor in lateinameikanischen Ländern
Auf der anderen Seite gibt es in allen lateinamerikanischen Ländern die exklusive Welt der Privatschulen, in denen die Eliten - und zunehmend auch die Mittelschichten - ihren Nachwuchs betreuen lassen. Der Anteil an Privatschulen variiert von Land zu Land, und für die meisten lateinamerikanischen Länder gilt, dass der Privatisierungsgrad an der Spitze der Bildungspyramide weit ausgeprägter ist als an der Basis.

Das Recht auf Bildung im Sinne von Alphabetisierung konnte zwar in Lateinamerika inzwischen weitgehend durchgesetzt werden, von einem guten durchschnittlichen Bildungsniveau ist der Kontinent jedoch noch weit entfernt. Im Bereich der weiterführenden Schulen und Hochschulen wurden in den vergangenen Jahren nur bedingt Anstrengungen unternommen, um die Schülerinnen und Schüler für die Herausforderungen der Wissensgesellschaft zu rüsten. Dies belegt die internationale Schulleistungsstudie PISA, in die auch drei lateinamerikanische Länder (Uruguay, Brasilien und Mexiko) einbezogen wurden. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die bei Lesekompetenzaufgaben lediglich die unterste Leistungsstufe erreichten, lag in Uruguay bei 20 Prozent, in Brasilien bei 27 Prozent und in Mexiko bei 25 Prozent (zum Vergleich: Deutschland 6,7 Prozent). Bei der Problemlösungsfähigkeit wird das relativ schlechte Abschneiden der lateinamerikanischen Länder noch deutlicher. Hier erreichten in Brasilien64 Prozent, in Mexiko 58 Prozent und in Uruguay 47 Prozent der Schülerinnen und Schüler lediglich die unterste Leistungsstufe (zum Vergleich: Deutschland 14 Prozent). Diese Ergebnisse deuten an, dass der in Lateinamerika stark verbreitete Stil des Frontalunterrichts nur bedingt jene Kompetenzen hervorbringt, die in einer globalisierten Welt benötigt werden.

Quellentext

Internet&Co.: Zugang für Alle?

Eine typische Internet-Nutzerin ist die 56-jährige Julita Martínez sicher nicht. Sie lebt in einem Dorf in den peruanischen Anden, spricht Quechua und stockend Spanisch. Strom gibt es, aber Telefonleitungen haben den Weg bis hier nie gefunden. Die Straßen sind holprig, der Bus in die nächste Kleinstadt braucht anderthalb Stunden. Julitas ältester Sohn lebt in Los Angeles, die Tochter seit ein paar Jahren in Madrid. Die Armut daheim und die Aussicht, im Ausland Geld zu verdienen, hat ihre Familie globalisiert, wie so viele in Lateinamerika. Und wie für so viele sind für Julita die Geldsendungen der Ausgewanderten unverzichtbar, um daheim sich und die Enkel über die Runden zu bringen. "Transnationale soziale Netzwerke" nennen das die Soziologen. Grundlage dafür sind starke Familienbande, der enge Kontakt zwischen neuer und alter Heimat. Um diesen Kontakt zu halten, ist für Julita das Internet kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Wenn Julita in die Kleinstadt kommt, geht sie immer auch zur cábina pública, der von engagierten Informatikern des "Peruanischen Wissenschaftsnetz" etablierten öffentlichen "Internet-Kabine". Dortruft sie die Mails von Sohn und Tochter aus der Ferne ab oder telefoniert mit ihnen via Internet, um zu berichten, wie dank der letzten Geldsendung das Dach repariert wurde oder wie sich der kleine Diego über das Foto seiner Tante in den USA gefreut hat. Alltagsdinge halt, aber ein Alltag über Entfernungen hinweg, wie er nicht denkbar war, als die Minute Ferngespräch noch zwei Tageslöhne gekostet und ein Brief vier Wochen gedauert hat - wenn er denn ankam.
Nahezu 95 Prozent der Lateinamerikaner haben Zugang zum Fernsehen, und das rasche Wachstum der Mobiltelefonie hat vielfach die Zahl der Festnetzanschlüsse überflügelt. Als Internet-User zählen die Statistiken in Lateinamerika bereits über 120 Millionen Menschen, ein knappes Viertel der Bevölkerung. Weniger als in Europa oder Nordamerika, aber längst keine Angelegenheit mehr nur der Reichen und Gebildeten. Doch auch wenn die Zahl der Nutzer wächst: Die Ungleichheiten in der Qualität des Anschlusses wachsen mit. Ein Land wie Belgien "konsumiert" zig mal mehr internationale Internet-Bandbreite als Brasilien. Die "digitale Kluft", wie sie genannt wird, ist Teil der generellen Entwicklungsunterschiede - zwischen Nord und Süd, aber auch innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften.
Auf zwei "Weltgipfeln zur Informationsgesellschaft" hat die UNO diese Probleme 2003 und 2005 diskutiert, und in Lateinamerika haben sich zahllose NGOs mit der Forderung nach "Zugang für alle!" in die Debatte eingemischt. Von diesem Ziel ist man noch weit entfernt. Und es bedarf dafür auch sehr viel mehr als nur flächendeckend Computer zu verteilen und zu vernetzen, wie es sich manche technologie-fixierten Helfer aus dem Norden gerne vorstellen. Alle neuen Technologien müssen dem Wissen und den Bedürfnissen der Nutzer angepasst werden. Oft sind dabei Low-Tech-Lösungen, die gut sozial integriert sind, nützlicher als ein eindrucksvoller Maschinenpark. Der Computer, an dem Julita Martínez sitzt, ist für YouTube-Videos zu langsam. Doch die Informatiker vom Peruanischen Wissenschaftsnetz haben sich die Mühe gemacht, E-Mail-Programm und Web-Browser in eine Quechua-sprachige Fassung umzuprogrammieren. Wer weiß, ob Julita Martínez sonst heute am Computer sitzen würde.

Bert Hoffmann

Katholizismus und neue religiöse Vielfalt

Von Anika Oettler

Obwohl das Spektrum der Religionen sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat, bleibt der Katholizismus die dominante Glaubensrichtung in Lateinamerika. Hinter der katholischen Kirche verbirgt sich ein breites Panorama religiöser Identitäten und Praktiken, in dem sich Elemente verschiedenster lokaler Glaubensinhalte vermischen. Die gewaltsame Eroberung des Kontinents seit 1492 war, wie auch die Sklavenwirtschaft, eng mit der christlichen Missionierung verbunden. In der Folge entstand eine Sakrallandschaft, die von der Vermischung von katholischen, indigenen und afrikanischen Glaubensinhalten geprägt ist. Dieser Synkretismus (die Vermischung vieler Religionen) zeigt sich unter anderem darin, dass viele der angebeteten Heiligen und der bereisten Wallfahrtsorte lokale Glaubensvorstellungen repräsentieren.

Die katholische Kirche hat in Lateinamerika immer eine große politische Bedeutung gehabt. Lange Zeit war sie eher konservativ, wenn man von einigen Persönlichkeiten wie Bartolomé de las Casas (1484-1566) absieht. Er gilt als Vorläufer der Befreiungstheologen, die sich in den 1960er und 1970er Jahren für eine neue Gesellschaftsordnung im Interesse der Armen engagierten. Auf den Bischofskonferenzen in Medellín (1968) und Puebla (1979) wurde diese "Option für die Armen" zur offiziellen Leitlinie der katholischen Kirche in Lateinamerika erklärt - sehr zum Missfallen der päpstlichen Glaubenskongregation und ihres damaligen Präfekten, Josef Ratzinger. Tatsächlich jedoch war und blieb die katholische Kirche auf dem lateinamerikanischen Kontinent stark polarisiert. Der befreiungstheologischen Strömung, die sowohl von Bischöfen als auch und vor allem von Priestern und Laienpredigern unterstützt wurde, stand eine Fraktion gegenüber, die die Militärdiktaturen und den Kampf gegen den atheistischen Marxismus unterstützte. Nach dem Ende des Kalten Krieges hat diese Polarisierung zwar abgenommen, ist aber nach wie vor vorhanden. Als Papst Benedikt XVI. im Mai 2007 die lateinamerikanische Bischofskonferenz in Brasilien eröffnete, kritisierte er sowohl Kapitalismus als auch Marxismus und forderte, die Kirche als unabhängige Kraft zu verstehen, die die Option eines über das Politische hinausgehenden Lebens anbiete.

Quellentext

Befreiungstheologie in Lateinamerika

[...] Die Theologie der Befreiung, die sich seit Beginn der 1960er Jahre vor allem in den armen Landstrichen Lateinamerikas entwickelt hatte, ist stets angefeindet worden. Gegner warfen ihr vor, sie sei gar keine Theologie, sondern wegen ihrer sozialkritischen bis sozialistischen Tendenzen eher eine kommunistische Ideologie in christlichem Gewande. Dabei war der zündende Funke für diese Bewegung von Rom selbst ausgegangen: Das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1962, eine der wichtigsten Versammlungen der katholischen Welt seit etwa hundert Jahren, hob zum ersten Mal viele Unterschiede zwischen Klerikern und Laien auf, es war die Rede vom "Volk Gottes" und einer Kirche, in der die vermeintlichen schwachen Glieder die stärksten seien.

Nach dem Konzil organisierten sich in der gesamten katholischen Welt Gläubige an der Basis. In Lateinamerika hatte dies einen politischeren Charakter als in Afrika, Asien oder Europa. Denn ab 1964, als in Brasilien die Militärs putschten, installierten sich in fast allen Ländern des Kontinents rechtsautoritäre Regimes, die in der Regel von den USA unterstützt wurden. Die Befreiungstheologie wurde nun zum Staatsfeind gestempelt, die Basisgemeinden in die Illegalität gedrängt. Während der Bürgerkriege Lateinamerikas gingen nicht wenige Geistliche mit den Guerilleros in die Berge.
Aber gerade weil sie mit ihrem neuen Denken zwischen die Fronten des Kalten Krieges gerieten, fühlten sich viele Befreiungstheologen dazu gedrängt, ihre Option für die Armen auch theologisch zu begründen. Theologen wie Ernesto Cardenal, Leonardo Boff oder Enrique Dussel verwiesen auf diejenigen Stellen der Bibel, in der Gott durch seine Propheten oder höchstpersönlich für die Armen Partei ergreift. Und Armut wird von den Befreiungstheologen materiell und konkret verstanden, und nicht, wie zuvor üblich in der katholischen Kirche, als geistliche Armut. Gleichzeitig förderte die Theologie der Befreiung aber auch das Subsidiaritätsprinzip - das besagt, dass Arme nicht nur Almosenempfänger sind, sondern in die Lage versetzt werden sollen, auf eigenen Beinen zu stehen. Den Reichen wird von diesem Prinzip der christlichen Soziallehre verboten, die Abhängigkeit der Armen durch Almosen zu vergrößern. Diese Lehre brachte die Sozialordnung der lateinamerikanischen Länder, dieseit der Conquista auf der Ausbeutung der Ärmsten beruhte, bedenklich ins Wackeln. Vielen Befreiungstheologen wurde vom Vatikan ein Lehrverbot erteilt, darüber hinaus wurden sie von den - ebenfalls katholischen - Militärdiktatoren und Großgrundbesitzern verfolgt.
Eines der bekanntesten Opfer ist Oscar Romero, Erzbischof von El Salvador, der sich nicht nur offen gegen Papst Johannes Paul II., sondern auch gegen die Militärdiktatur im eigenen Lande stellte. Im März 1980 wurde er von einem staatlich beauftragten Killer erschossen - der Auftakt zu einem Jahre dauernden Bürgerkrieg in El Salvador.
Seit den 90er Jahren muss sich die Befreiungstheologie den Vorwurf gefallen lassen, zahnlos geworden zu sein. Mit dem Verschwinden der Diktaturen südlich des Rio Bravo sind auch die Befreiungstheologen versöhnlicher geworden. Sie haben sich mit dem Kapitalismus als Faktum abgefunden - und streiten heute in Lateinamerika dafür, ihm ein menschliches Antlitz zu verleihen.

Andreas Baum, "Vom Aufstieg und Fall der ,Kirche der Armen'", in: Frankfurter Rundschau vom 28. Februar 2007

Während in einigen Ländern Vertreter der katholischen Kirche im politischen Tagesgeschäft engagiert sind (dazu gehört neben den venezolanischen Bischöfen etwa der nicaraguanische Kardinal Obando y Bravo), hat es immer Zeiten gegeben, in denen sich die Kirche tatsächlich als unabhängige Kraft und moralische Autorität verstand. So spielte die katholische Kirche eine tragende Rolle in den Friedensprozessen nach Beendigung der Bürgerkriege. Auch protestantische Kirchen werden - wie etwa die Erfahrungen mit den Wahrheitskommissionen in Panama und Peru zeigen - zunehmend in nationale politische Prozesse eingebunden. Eine große Bedeutung hat die katholische Kirche nach wie vor im Bereich des Sozialen und im Bildungssektor. Vor dem Hintergrund maroder und lückenhafter staatlicher Sozialsysteme sorgen die Kirchen, unter anderem über die Caritas, traditionell für die Linderung sozialer Notlagen.

In der Zeit der Diktaturen und Bürgerkriege im Mittelamerika der 1970er und 1980er Jahre, später im Sog der Globalisierung vollzog sich eine fast schon explosionsartige Ausbreitung protestantischer Kirchen, die inzwischen schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung um sich scharen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Evangelikale (unter anderem Baptisten, Nazarener und Methodisten), Pfingstkirchen (beispielsweise die Asambleas de Dios) und politisch aktive Neopfingstkirchen (so die Universal Church of the Kingdom of God, El Shaddai, El Verbo). Im Zentrum der religiösen Praktiken der Pfingstbewegung steht die Erfüllung der Gläubigen mit dem Heiligen Geist. Angesichts des Zulaufs zu diesen "neuen" protestantischen Glaubensgemeinschaften ist der aus Europa eingeführte "historische" Protestantismus (unter anderem Lutheraner, Presbyterianer) demgegenüber mittlerweile relativ unbedeutend geworden und wird vor allem von den Mittelschichten getragen.

Für die Übertritte zum Protestantismus sind unterschiedliche Faktoren ausschlaggebend. Während es zur Zeit der Bürgerkriege und Diktaturen für viele Gläubige darum ging, eine politisch unverfängliche Form des Glaubens zu praktizieren (katholische Gemeinden wurden vielerorts wegen ihres Engagements für die Befreiungstheologie als "subversiv" eingestuft), waren später vor allem die von den Kirchen angebotenen sozialen Dienstleistungen und die Form ihrer Gottesdienste attraktiv. Eine besondere Anziehungskraft entwickeln die auch innerhalb der katholischen Kirche zunehmenden charismatischen Strömungen. Sie bieten das Erleben der Gotteserfahrung, wobei die Glossolatie, die Zungenrede, mit der sich der Heilige Geist durch die Betenden ausdrückt, eine besondere Rolle spielt, und stärken den Zusammenhalt alkoholabstinenter Gläubiger. Letzteres zieht insbesondere Frauen an, die den Misshandlungen alkoholisierter Verwandter ausgesetzt sind. Das soziale Engagement von Evangelikalenund Pfingstkirchen hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel erfahren: Während innerhalb der katholischen Kirche charismatische Strömungen an Zulauf gewinnen, ähneln protestantische Sozialprogramme mehr und mehr den befreiungstheologischen Initiativen der katholischen Kirche.

In Lateinamerika sind nicht nur Wanderungsbewegungen zwischen Protestantismus und Katholizismus zu verzeichnen, sondern auch eine Öffnung hin zu "traditionellen" indigenen, asiatischen und "New Age"-Religionen.

Die afroamerikanischen Religionen gehen auf den transatlantischen Sklavenhandel zurück und sind daher vor allem in den Ländern verbreitet, in denen afrikanische Sklaven in der Plantagen- und Minenwirtschaft ausgebeutet wurden. Zu den zahlenmäßig bedeutendsten afroamerikanischen Religionen zählen Candomblé (Brasilien), Voodoo (Haiti) und Santería (Kuba). In ihnen leben Rituale und Glaubensinhalte aus den afrikanischen Herkunftsorten der Sklaven fort. Dabei handelt es sich sowohl um die westafrikanischen Religionen der Yoruba, Fon und Ewe als auch um zentralafrikanische Religionen aus dem Kongo und aus Angola. Candomblé, Voodoo und Santeria bestehen aus einer Vielzahl religiöser Praktiken und Glaubensinhalte. Ihr vielleicht wichtigstes gemeinsames Merkmal ist ihre Wandlungsfähigkeit und Formbarkeit, denn sie mussten sich jahrhundertelang unter Bedingungen entwickeln, die die religiöse Freiheit unterdrückten. Zusätzlich haben lokale Machtverhältnisse immer eine großeRolle bei der Neuformung von religiösen Praktiken gespielt.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal von Candomblé, Voodoo und Santería ist der Polytheismus - die Welt wird von einer Mehrzahl von Gottheiten bevölkert. Die afroamerikanischen Religionen kennen weder ein einheitliches System von allgemein akzeptierten Glaubenssätzen noch übergeordnete hierarchische Strukturen und Kontrollinstanzen. Frauen haben häufig zentrale Funktionen als Priesterinnen, Heilerinnen und Gemeindevorsteherinnen, religiöse Rituale werden in Gemeindehäusern oder im Familienzusammenhang gepflegt. Dazu gehören durch Trommeln herbeigeführte Trancezustände, komplexe Orakelsysteme, weitreichende Speise- und Kleidungsvorschriften, die Opferung von Tieren und, im Falle des Voodoo, Figuren, in die Nägel geschlagen werden, um Kräfte zu bündeln.

Der Prozess der Um- und Neuformung von religiösen Traditionen und Glaubensinhalten hat in Brasilien Anfang des 20. Jahrhunderts den Umbanda hervorgebracht, eine Religion, die katholische Elemente (insbesondere den Heiligenkult) mit indigenen und afrikanischen Momenten mischt. Im Pantheon des Umbanda gibt es sowohl Gottheiten indigenen als auch afrikanischen Ursprungs.

Lateinamerikanische Literaturen

Von Anika Oettler

Die lateinamerikanische Literatur bietet interessierten Leserinnen und Lesern durch alle ihre Epochen hindurch einen fast unerschöpflichen Reichtum unterschiedlichster Traditionen und Schreibstile - und eine lange Reihe von Autorinnen und Autoren, die zu Recht einen dauerhaften Platz im kulturellen Gedächtnis beanspruchen können.

Wäre der Literaturnobelpreis der alleinige Gradmesser für literarische Exzellenz, ließe sich der Kreis der herausragenden lateinamerikanischen Literaten leicht bestimmen. 1945 erhielt die chilenische Dichterin Gabriela Mistral (1889-1957) als "spirituelle Königin Lateinamerikas" - wie es in der Verleihungsrede hieß - den ersten "lateinamerikanischen" Literaturnobelpreis. 1967 folgte der guatemaltekische Autor Miguel Angel Asturias (1899-1974), der in seinen Werken (insbesondere in "Die Maismenschen") das indigene Erbe verarbeitete. Der Chilene Pablo Neruda (1904-1973) erhielt 1971 den Literaturnobelpreis für sein dichterisches Hauptwerk ("Canto General", dt.: "Der Große Gesang"), das als Spiegel der Hoffnungen eines ganzen Kontinents galt. 1982 folgte der Kolumbianer Gabriel García Márquez (geb. 1928), der einer der Hauptvertreter des "magischen Realismus" ist - einer Literaturströmung, die sich durch einen experimentellen Schreibstil und die Verknüpfung von magischen Elementen und westlicher Rationalität auszeichnet. Weitere Vertreter dieser Richtung sind der Argentinier Julio Cortázar, der Mexikaner Carlos Fuentes und der Peruaner Mario Vargas Llosa, deren Werke in den 1980er Jahren auch in Deutschland auf den Bestsellerlisten standen. 1990 erhielt schließlich mit dem Mexikaner Octavio Paz (1914-1998) bis dato zum letzten Mal ein Lateinamerikaner den Literaturnobelpreis: für ein breites Gesamtwerk, das immer wieder auch die Vielschichtigkeit kultureller Identität thematisiert.

Ein wichtiges Thema in der lateinamerikanischen Literatur ist die Geschlechterfrage. Auf der einen Seite stehen hier die Werke von Autoren, in denen Frauen ausschließlich als Sexualobjekte oder Heilige vorkommen. So beschreibt etwa Garcia Márquez in seiner Novelle "Erinnerung an meine traurigen Huren" (2004) einen 90-jährigen passionierten Bordellbesucher, der sich zum Geburtstag eine "liebestolle Nacht" mit einer Minderjährigen schenken will. Auf der anderen Seite jedoch hat sich in den letzten Jahrzehnten eine auch hierzulande bekannte Literaturströmung entwickelt, die - von Autorinnen getragen - die Geschlechterverhältnisse in den vom Machismo geprägten Gesellschaften in Frage stellen. Die bekannteste Vertreterin dieser Richtung ist die Chilenin Isabel Allende, die 1982 mit "Das Geisterhaus" ihren internationalen Durchbruch erzielte. Auch die Werke der Nicaraguanerin Giaconda Belli ("Die bewohnte Frau") und der Mexikanerin Laura Esquivel ("Bittersüße Schokolade", 1992 verfilmt)sind dem deutschsprachigen Publikum zugänglich.

Die Frage, welchen Beitrag Lateinamerika zur Weltliteratur geleistet hat und nach wie vor leistet, ist jedoch mit dem Verweis auf die Autorinnen und Autoren, denen der internationale Durchbruch gelungen ist, nur sehr unzureichend beantwortet. Hinter diesen Speerspitzen der lateinamerikanischen Kultur findet sich eine außerordentliche Vielfalt von Literaturen. Es gibt Ausrichtungen, die mehr oder weniger politisch sind, sich zu Schulen formen (magischer Realismus etwa oder auch emanzipatorische Literatur unter den Vorzeichen von Feminismus oder Transkulturalität) oder einen dezidiert lokalen Wirkungskreis haben. Außerdem - und dies wird oft übersehen - handelt es sich hier um ein breites sprachliches Feld, das weit über das Spanische und Portugiesische hinausgeht. Für die kulturelle Entwicklung in Lateinamerika war nicht nur die von den Eliten bevorzugte Literatur von Bedeutung, sondern auch das, was lange als Trivialliteratur angesehen wurde. Lateinamerika hat eine Reihe bedeutender Cartoonisten hervorgebracht, unter anderem den Mexikaner Rius (Eduardo del Río) und den Peruaner Juan Acevedo. Auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur hat sich vieles bewegt. Der Argentinier Jorge Luis Borges, der durch Werke wie "Die Bibliothek von Babel" (1941) bekannt geworden ist, hat eine Reihe von Werken vorgelegt, die sich an der Schnittstelle von phantastischer Literatur und Kriminalliteratur bewegen. Zu den bedeutendsten Kriminalautoren der Gegenwart gehören der Argentinier Pablo de Santis, der Mexikaner Paco Ignacio Taibo II und die Brasilianerin Patrícia Melo, die in "O Matador" die Karriere eines Auftragskillers in São Paulo beschreibt. In den Kriminalromanen der Gegenwart finden sich viele zentrale Versatzstücke lateinamerikanischer Literaturen: Dazu gehört die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und politischer Gewalt ebenso wie Machismo und die Frage der kulturellen Identität.

Global Player auf dem Musikmarkt

Von Peter Peetz

Spätestens seit dem Aufstieg der kolumbianischen Sängerin Shakira zum Superstar und zur Stilikone für Mädchen in der ganzen Welt kann man Musik wohl als den Kulturexport Lateinamerikas und der Karibik schlechthin bezeichnen. In den USA und Europa erreichen Gruppen und Einzelinterpreten wie Sepultura, Maná, Ricky Martin oder früher Celia Cruz und Bob Marley einen enormen Bekanntheitsgrad. Auch der deutlich hörbare Latino-Einfluss in vielen Songs des globalen Popmusik-Marktes (in "Let's get loud" von Jennifer López ebenso zu hören wie in "Fiesta Mexicana" von Rex Gildo oder in den Stücken der russischen Band Markscheider Kunst) zeigen die musikalische Präsenz Lateinamerikas in der Welt. Mainstream-Latino-Musik mag mit ihren europäischen (vor allem spanischen), afrikanischen und - oft nicht leicht herauszuhörenden - indigenen Wurzeln für "westliche" Ohren trotz ihrer Exotik eingängiger und vertrauter klingen als etwa ostasiatische. Mit Sicherheit liegt der Erfolg aberauch in der stetig steigenden Kaufkraft begründet, über die die in die USA zugewanderte Latinobevölkerung auf dem US-Kulturmarkt verfügt. Gloria Estefan, Thalía, Paulina Rubio und Co. erobern die globalen Märkte meist von New York und Los Angeles aus, anstatt von ihren Heimatländern Kuba und Mexiko. Viele Entwicklungen in der lateinamerikanischen Musikszene der letzten 50 Jahre nahmen ihren Ursprung in US-amerikanischen Plattenstudios und Konzerthallen und wirkten auf Lateinamerika selbst zurück. Die Salsa, für viele Inbegriff von lateinamerikanischer Musik und Tanz, entstand Anfang der 1970er Jahre in New York. Der Reggaeton wurde sozusagen im "transnationalen Raum" zwischen den USA und Puerto Rico geboren, in dem die entsprechenden Plattenfirmen und Künstler wie Daddy Yankee oder Don Omar angesiedelt sind.

Neben diesen "Exportschlagern" bietet Lateinamerika eine Fülle von Musikrichtungen, deren Protagonistinnen und Protagonisten südlich und nördlich des Río Grande viele Millionen Fans haben, aber in Europa nur in der entsprechenden Szene bekannt sind. Dies gilt etwa für den Brasilianer Caetano Veloso, der den Stil des "Tropicalismo" prägte, und für Daniela Mercury, ebenfalls aus Brasilien, die von Axé über Samba-Reggae bis hin zur MPB (Música Popular Brasileira) in ganz verschiedenen Musikrichtungen erfolgreich ist. Weitere Beispiele sind der Salsa-Sänger Oscar d'León aus Venezuela und der vor allem für seine Balladen bekannte Luis Miguel, der in Puerto Rico geboren und in Mexiko aufgewachsen ist. Der kommerzielle Erfolg so vieler lateinamerikanischer Musikinterpretinnen und -interpreten bedeutet keineswegs, dass es nicht auch Strömungen mit sozialkritischer Ausrichtung gäbe. Wurden in den 1970er Jahren noch Protestsongs gegen Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen zur Gitarre gesungen (etwa von Geraldo Vandré in Brasilien, Victor Jara in Chile, Mercedes Sosa in Argentinien oder von Kubas so genannter Nueva Trova mit Interpreten wie Silvio Rodríguez und Pablo Milanés), so hat sich heute eine alternative Szene gebildet, die häufig globalisierungskritische Texte mit einem Mix aus lateinamerikanischen und karibischen Rhythmen (Salsa, Merengue, Reggae, Ska, Cumbia) und westlichen Stilen (beispielsweise Hip Hop und Rock) kombiniert; Beispiele sind etwa die Gruppen Molotov, Panteón Rococó, Rabanes und Orishas.

Einen wichtigen Bestandteil in den CD-Regalen und mp3-Sammlungen vieler Lateinamerikaner stellt aber auch die traditionellere Musik dar, wie etwa der Tango in Argentinien und am Rio de la Plata. Hier sind die Unterschiede zwischen den Ländern und oft auch innerhalb eines Landes immens. In Peru beispielsweise kontrastiert der spanisch geprägte Vals Criollo mit afro-peruanischer Musik (beides in der Küstenregion beheimatet) und mit der indigenen chicha-Musik aus dem Hochland um den Titicaca-See. Auf dem Gebiet der klassischen Musik hat Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten etwa durch die brasilianische Weltklassepianistin Martha Argerich und den mexikanischen Startenor Rolando Villazzón von sich Reden gemacht. Mit dem 27-jährigen Dirigenten Gustavo Dudamel, den Musikkritiker derzeit als einen der besten Jungdirigenten der Welt loben, hat auch Venezuela seinen Klassik-Superstar.

Sport-Weltmacht Lateinamerika

Von Bert Hoffmann

Was wären Europas Fußball-Clubs ohne ihre Stars aus Lateinamerika? Allein Brasilien exportiert etwa 500 Fußballprofis pro Saison. Bei der WM 2006 spielten ganze zwei Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft noch in heimischen Vereinen, bei Argentinien waren es drei. Doch während Ronaldinho, Messi, Diego und Co. das Publikum in Europa verzücken, steckt der Fußball in Lateinamerika selbst in der Krise. War der Sport lange Zeit ein wichtiger sozialer Kitt in den Einwanderergesellschaften Südamerikas, so ist es ein Alarmsignal, dass etwa Argentiniens erste Liga nur noch durchschnittlich 6000 Besucher pro Spiel ins Stadion lockt. Die Fans werden offenbar müde, wenn sie in den riesigen Stadien, die einst das emotionale Herz des Weltfußballs verkörperten, heute nur noch die dritte Garnitur ihrer Landsleute sehen. Und sobald eine junge Neuentdeckung die Herzen der Fans erobert, wird auch er mit Sicherheit in der nächsten Saison von den Scouts der reichen Clubs zwischen Mailand und Madrid, London und München abgeworben.

Auch für die großen Traditionsvereine, in denen einst Pelé und Maradona spielten, sind weder die Stadioneinnahmen noch die Fernsehrechte oder die Produktvermarktung die Haupteinnahmequellen, wie es in Europa der Fall ist, sondern der Verkauf von Spielern. Die große Ausnahme ist Mexiko - nicht zuletzt wegen der benachbarten USA, die sonst so übermächtig, beim Fußball jedoch vergleichsweise schwach sind. Mexikos erste Liga steht finanziell so gut da, dass sie auch den einheimischen Stars entsprechende Gehälter zahlen kann. Und Mexikos Fußball "kolonisiert" inzwischen sogar die US-Liga: Die "Chivas" (Ziegen) aus der Stadt Guadalajara, eine der Top-Mannschaften Mexikos, haben inzwischen einen Tochterverein in Los Angeles gegründet: die "Chivas USA" spielen in der U.S. Major League - in der Immigrantenmetropole Los Angeles, selbstverständlich vor weitgehend mexikanischem Publikum.

Doch nicht überall auf dem Kontinent ist Fußball der Nationalsport. In einigen Ländern Zentralamerikas und der Karibik, die in der Vergangenheit eine Zeit der militärischen Besetzung durch die USA erlebt hatten, ist der Sport Nummer Eins bis heute Baseball - unter anderem auch in Kuba, woran auch ein halbes Jahrhundert Sozialismus und Anti-Imperialismus nichts geändert haben. (Fidel Castro selbst war in seiner Jugend übrigens ein herausragender Baseball-Spieler, der wegen seiner gefürchteten Curveballs fast ein Angebot aus der US-Profi-Liga erhalten hätte.) Auf den einst britischen Inseln der Karibik spielt man bis heute mit großer Leidenschaft Cricket und - zum Leidwesen des Mutterlandes - inzwischen oft mit mehr Erfolg. Doch das ist selbst bei dem elitärsten Sport der englischen Aristokratie der Fall: Im Polosport hat Argentinien dem britischen Adel seit vielen Jahren den Rang abgelaufen.
1|2|3|4|5|6 Auf einer Seite lesen

Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

Mehr lesen