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Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Susan Steiner

Wirtschaft und soziale Lage

Charakteristika der Wirtschaftsstruktur

Von Wolfgang Hein

Die nun bereits ein gutes halbes Jahrhundert zurückreichenden Strategien der Industrieförderung haben vor allem in den größeren lateinamerikanischen Staaten einen nicht unbedeutenden industriellen Sektor entstehen lassen. Auch sind gewisse makroökonomische Erfolge der Strukturanpassungsprozesse und der regionalen Integration erkennbar. Dennoch ist es selbst diesen Ländern nicht gelungen, sich von der Abhängigkeit von Primärgüterexporten zu lösen. Landwirtschaftliche und mineralische Produkte machten im Jahre 2006 wieder 50 Prozent der Gesamtexporte des Kontinents aus. Aufgrund der steigenden Rohstoffpreise stiegen die Exporterlöse in den drei Jahren zwischen 2002 und 2005 (61,5 Prozent) mehr als in den sieben Jahren zuvor (51,3 Prozent). Einige Ökonomien sind weiterhin fast vollständig von Rohstoffexporten abhängig, aber auch Länder wie Mexiko werden immer noch spürbar von den Geschehnissen auf den Rohstoffmärkten beeinflusst. Dass ein sehr großer Teil derIndustriegüterausfuhren der relativ technologieintensiven Kategorie "Metallwaren und Maschinen" zuzurechnen ist, verweist auf die besondere Situation der größeren lateinamerikanischen Ökonomien: Sie haben für eine Region des Südens ein relativ hohes Niveau industrieller Entwicklung erreicht, sind aber weiterhin in hohem Maße Rohstoffexporteure.

Exportstruktur 1995-2006Exportstruktur 1995-2006
Typisch für die Globalisierung ist die Tendenz, dass hoch entwickelte Industrieländer einzelne, meist arbeitsintensive Produktionsprozesse in Entwicklungsländer verlagern (so genannte Lohnveredlung). Auch hier kommt in der Position Lateinamerikas ein relativ fortgeschrittenes Niveau industrieller Entwicklung zum Ausdruck. Zwar finden sich die typischen Prozesse der Lohnveredlung in der Bekleidungsindustrie auch in Lateinamerika (vor allem in Zentralamerika und Mexiko), doch spielt der Bereich der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus (Automobilteile sowie Computerkomponenten) in lateinamerikanischen Ländern eine größere Rolle, insbesondere aufgrund von Investitionen transnationaler Unternehmen. Der erstaunliche Strukturwandel der costaricanischen Exporte ist beispielsweise weitgehend auf eine umfangreiche Investition der Firma Intel zurückzuführen, die in diesem zentralamerikanischen Land Computerprozessoren für den Weltmarkt herstellt.

Anteil der Wirtschaftssektoren am BruttoinlandsproduktAnteil der Wirtschaftssektoren am Bruttoinlandsprodukt
Trotz ihrer großen Bedeutung für die Exporterlöse des Kontinents ist der Anteil der Rohstoffproduktion an der Wertschöpfung vergleichsweise gering. Auch der Anteil der verarbeitenden Industrie am Bruttoinlandsprodukt bleibt mit im Schnitt unter 20 Prozent relativ niedrig (im Vergleich zu den Industrieländern in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg oder auch zur aktuellen Wirtschaftsstruktur der asiatischen Entwicklungsländer, beispielsweise Thailand, das im Hinblick auf viele Entwicklungsindikatoren mit Ländern wie Brasilien und Mexiko vergleichbar ist). An der traditionell hohen sozialen Ungleichheit hat sich wenig geändert, da weiterhin vor allem eine begrenzte Elite von den modernen wirtschaftlichen Aktivitäten profitiert. Die große Bedeutung ausländischer Unternehmen in der Exportproduktion hat darüber hinaus zum Abfluss von Gewinnen geführt. Die modernen Wirtschaftszweige sowohl in der Landwirtschaft (Sojaanbau, Viehzucht) als auch in der verarbeitenden Industrie sind eher kapitalintensiv; eine Spezialisierung auf arbeitsintensive Industrieprodukte (etwa: Bekleidungsindustrie, Haushaltselektronik) wie in Südostasien hat nur in wenigen Regionen stattgefunden (etwa im Norden Mexikos). Dies hat auch dazu beigetragen, dass die Entwicklung der Binnennachfrage sehr schleppend verlaufen ist und keinen dynamischen Industrialisierungsprozess hat tragen können.

Die von populistischen Modernisierungsversprechen begleitete Politik der Importsubstitution hatte die Hoffnung auf eine moderne Zukunft im urbanen Raum und damit eine starke Land-Stadt-Migration gefördert. Trotz der relativ geringen Ausweitung der industriellen Beschäftigung (etwa 20-25 Prozent der Beschäftigten in den Bereichen Industrie einschließlich Bauindustrie, Elektrizität, Wasser- und Gasversorgung und Bergbau, die 30,7 Prozent des BIP erwirtschaften) hat Lateinamerika den höchsten Urbanisierungsgrad in allen Regionen des Südens. Laut World Population Report 2007 leben 78 Prozent der Bevölkerung in Lateinamerika und der Karibik in urbanen Regionen; das übertrifft sogar den Durchschnittswert der Industrieländer.

Die Daten zur Beschäftigungsstruktur weisen auf folgende Aspekte hin:
  • Der Anteil der Landwirtschaft an der Beschäftigung ist erheblich höher als deren Beitrag zur Wertschöpfung. Neben der Exportproduktion mit einer meist relativ hohen Produktivität existiert weiterhin in praktisch allen Ländern eine ausgedehnte, wenig produktive Subsistenzlandwirtschaft.
  • In der Industrie dagegen ist der Anteil an der Wertschöpfung meist deutlich höher als derjenige an der Beschäftigung, das heißt, es werden relativ wenig Arbeitsplätze geschaffen. Auch die industrielle Entwicklung hat daher nicht zu einer größeren Dynamik der Binnennachfrage geführt.
  • Der Dienstleistungssektor hat dagegen ein überproportionales Gewicht, sowohl was seinen Anteil an der Wertschöpfung (62,8 Prozent) als auch seinen Anteil an der Beschäftigung betrifft. Dieses Gewicht ergibt sich durch den - trotz der Strukturanpassungsmaßnahmen zu seiner Eindämmung - weiterhin umfangreichen staatlichen Sektor und eine doppelte Auswirkung der extrem starken Urbanisierung (78 Prozent): Sie ermöglichte die Entwicklung eines modernen und produktiven Dienstleistungsbereichs, der allerdings nicht so viele Arbeitsplätze bietet, wie angesichts des Zustroms nötig wären. Daher müssen große Teile der Land-Stadt-Migranten in einem sehr großen informellen Sektor, also in rechtlich nicht geregelten Arbeitsverhältnissen, mehr oder weniger erfolgreich ihr Überleben sichern. Der Vergleich mit Thailand ist auch hier interessant: Ein Urbanisierungsgrad von lediglich 33 Prozent und eine sicherlich im Schnitt auch wenig produktive Landwirtschaft, die noch 42,5 Prozent derBeschäftigten absorbiert, deuten darauf hin, dass in Thailand die räumliche Verteilung der Bevölkerung sehr viel stärker der Dynamik der Industrialisierung angepasst ist und damit ein erheblich geringerer sozialer Entwurzelungsprozess stattfindet als in Lateinamerika.


Anteil der Sektoren an der BeschäftigungAnteil der Sektoren an der Beschäftigung
Festhalten lässt sich, dass Lateinamerika noch immer mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat, die letztlich bis in die Kolonialzeit zurückweisen und mit der Bedeutung des Rohstoffsektors zusammenhängen. Die lateinamerikanischen Regierungen haben sich zwar bemüht, diese ungünstigen Strukturen durch vielfältige Reformen und strategische Neuansätze zu verändern, doch wirken sie aufgrund der gesellschaftlichen Einkommens- und Machtverteilung bis in die Gegenwart nach.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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