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Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Susan Steiner

Wirtschaft und soziale Lage

Armut und soziale Ungleichheit

Von Susan Steiner

Im Jahr 2006 waren 36,5 Prozent der lateinamerikanischen Bevölkerung (194 Millionen Menschen) von Armut und 13,4 Prozent (71 Millionen Menschen) von extremer Armut betroffen. Ein Haushalt ist nach Definition der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Comisión Económica para América Latina y el Caribe, CEPAL) arm, wenn er weniger Einkommen zur Verfügung hat, als für die Befriedigung von bestimmten, an die regionalen bzw. nationalen Gegebenheiten angepassten Grundbedürfnissen nötig wäre. Ein Haushalt gilt als extrem arm, wenn er nicht einmal seinen Grundbedarf an Nahrungsmitteln decken kann. Bolivien, Honduras, Nicaragua und Paraguay (Haiti ohne Daten) waren 2006 die ärmsten Länder der Region mit einer Armutsrate von über 60 Prozent und einer Rate der extremen Armut von über 30 Prozent. Chile und Uruguay wiesen hingegen die niedrigsten Armutsraten auf. Jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung galten dort als arm und weniger als fünf Prozentals extrem arm.

Im Jahr 2002 hatte die Armut in Lateinamerika nach Definition der CEPAL noch 44 Prozent und die extreme Armut 19,4 Prozent betragen, ein Niveau, das seit Beginn der 1990er Jahre fortbestanden hatte. Der Vergleich mit 2006 belegt also, dass jüngst Fortschritte in der Armutsbekämpfung erzielt werden konnten. Diese wurden überwiegend ermöglicht durch das vergleichsweise hohe Wirtschaftswachstum der letzten Jahre, teilweise sind sie aber auch Ergebnis gestiegener öffentlicher Sozialausgaben. Hält der positive Trend an, könnte Lateinamerika das erste Millenniumsziel der Vereinten Nationen, die Halbierung der Einkommensarmut zwischen 1990 und 2015, erreichen.

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Fairer Handel ("Fair Trade")

Als Alternative zum herkömmlichen Handel produzieren zahlreiche lateinamerikanische Erzeuger seit einigen Jahren für den fairen Handel. Damit wird ein kontrollierter Handel bezeichnet, in dem die Preise für die gehandelten Produkte höher angesetzt sind als ein festgelegter Mindestpreis bzw. der jeweilige Weltmarktpreis. Damit soll den Produzenten ein höheres und verlässlicheres Einkommen als im konventionellen Handel ermöglicht werden. Außerdem müssen in der Produktion internationale Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden. Fair gehandelt werden die unterschiedlichsten Produkte, angefangen von Bananen, Kakao, Tee und Gewürzen über Kunsthandwerk und Schmuck bis hin zu Fußbällen. Für Lateinamerika am bedeutendsten ist jedoch das Geschäft mit fair gehandeltem Kaffee, denn die Produktion konzentriert sich in der Region, vor allem in Mexiko, Kolumbien, Peru, Guatemala und Nicaragua. Der faire Handel nimmt zwar nur einen äußerst geringen Anteil (0,0002 Prozent) des gesamten Welthandels ein, verzeichnet aber ein kontinuierlich hohes Wachstum. So nahm er zwischen 2006 und 2007 um 47 Prozent zu. Die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland kauften 2006 fair gehandelte Waren in einem Wert von mehr als 155 Millionen Euro. Das entspricht einer Steigerung von circa 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und von 59 Prozent im Vergleich zu 2004.

Susan Steiner

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Bananen, bio und fair

[...] Johnnys Plantage liegt ein Stück abseits der Panamericana. Man biegt rechts ab. Der Weg wird schnell holperig. Anfangs flankiert von Kakaobäumen, dann kommen die Bananenpflanzen, drei, vier Meter hoch, sie stehen so dicht und ausladend [...].

Johnnys Plantage misst neun Hektar, so viel wie zwölf Fußballplätze und genug, um etwa ein Dutzend Menschen zu ernähren. [...] Das Büschel, bestehend aus etwa 150 bis 200 Bananen, hängt fast ganz oben, mit einer Hakenstange zieht ein Pflücker es zu sich, ein zweiter kappt mit einer schartigen Sense den Stiel, ein dritter fängt es auf, behutsam, mit einem Plastikkissen, um Druckstellen zu vermeiden. [...]
Johnnys Bananen sind Bio-Früchte, auf [ihnen] klebt [später] neben dem Transfair-Etikett auch ein Bio-Siegel. Das Zertifikat kriegt Johnny jedes Jahr von einer Genossenschaft verliehen. Etwa 800 Bauern in der Gegend um Machala sind in der Urocal, so heißt die Genossenschaft.
Die Urocal schickt ihre Kontrolleure unangemeldet zu den Bauern. Johnny muss alle Chemikalien angeben, die er verwendet, die leeren Flaschen muss er sammeln, und auf keinen Fall darf er Sprühkolonnen durch die Plantage schicken oder gar vom Flugzeug aus sprayen lassen. Er darf - noch am Baum - die Bananen mit Plastiksäcken gegen Insekten schützen, aber er darf die Umhüllungen nicht von innen mit Insektiziden bestreichen.
Sein Vater, erzählt einer der Pflücker, arbeitete in einer Plantage, wo die Männer von unten die Flugzeuge an den richtigen Ort dirigieren mussten. Sie seien alle krank geworden: Ausschlag, Allergien, Kindersterblichkeit, sie starben mit Mitte vierzig.
Der deutsche Importeur und Partner von Johnnys Genossenschaft heißt Banafair, ein Verein, aber mehr schon eine Firma, ansässig im hessischen Gelnhausen. Es ist eine Sechs-Mann-Truppe, entstanden vor 20 Jahren aus einer Nicaragua-AG, die sich zu einer Importfirma entwickelt hat. 112 996 Kartons im Jahr, rund zehn Millionen Bananen. 100 Bauernfamilien rund um Machala ernten für Banafair.
Gegen die Branchenriesen Dole und Chiquita ist Banafair, mit seinen 2040 Tonnen jährlich, nicht mal ein Zwerg. Ein Drittel, etwa fünf Millionen Tonnen, der auf dem Weltmarkt gehandelten Bananen stammt aus Ecuador, und wiederum ein Drittel kommt von den Plantagen um Machala.
Nach Schätzungen von Urocal verdienen die Tagelöhner auf den großen Plantagen etwa 220 bis 240 US-Dollar im Monat, während Johnny seinen Pflückern rund 30 Dollar mehr zahlt, über die Genossenschaft sind sie auch versichert. Aufs Ganze gesehen fällt das, was Banafair und Urocal veranstalten, nicht ins Gewicht, noch nicht jedenfalls - aber es ist ein Modell. [...]

Ralf Hoppe, "Der Kunde als Krieger", in: Der Spiegel Nr. 36 vom 1. September 2008

Lateinamerika ist seit jeher von einer hohen Einkommensungleichheit gekennzeichnet, die eine der größten Herausforderungen für die Region darstellt. Das Problem hat seinen Ursprung in der kolonialen Vergangenheit des Kontinents. Sie bewirkte eine Gesellschaftsstruktur, die einigen wenigen die Kontrolle über den Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten sicherte, der Mehrheit der Bevölkerung aber den Zugang zu Land, Bildung und politischer Einflussnahme verwehrte und sie vorwiegend in abhängigen Arbeitsverhältnissen in Bergbau und Landwirtschaft beschäftigte. Dass die resultierende ungleiche Verteilung bis heute fortbesteht, ist nicht einfach zu erklären. Verschiedentlich wird in diesem Zusammenhang die spezifische Bildungssituation auf dem Kontinent angeführt, die einem Großteil der Bevölkerung nur begrenzten Zugang zu obendrein qualitativ ungenügenden Bildungsmöglichkeiten gewährt.

Die soziale Ungleichheit ist heute nicht nur höher als in anderen Weltregionen; sie blieb zudem in den 1990er Jahren konstant und nahm zu Beginn des neuen Jahrtausends weiter zu. Wie im Falle der Armutsentwicklung konnten in den letzten Jahren in einigen Ländern jedoch Fortschritte in Richtung einer geringeren Einkommenskonzentration erzielt werden. In Peru, Brasilien, Paraguay, El Salvador, Ecuador, Mexiko, Panama und Chile hat der Einkommensanteil der armen Bevölkerungsgruppen am Gesamteinkommen zwischen 1999 und 2005 zugenommen, der Anteil der reichen Bevölkerungsgruppen hingegen abgenommen. Gemessen am Gini-Koeffizienten, der das Niveau der Einkommensungleichheit auf einer Skala von 0 bis 1 angibt, wobei höhere Werte auf eine höhere Ungleichheit hindeuten, weisen Uruguay, Costa Rica, Venezuela und El Salvador mit Werten unter 0,5 heute die geringste Ungleichheit der Region auf, Bolivien und Brasilien hingegen mit Werten über 0,6 die höchste Ungleichheit. Im Vergleich dazu verfügt Deutschland über einen Koeffizienten von 0,28.

Um der anhaltenden Armut und Ungleichheit entgegenzuwirken, wurden in den 1990er Jahren die öffentlichen Sozialausgaben (das heißt die Ausgaben für Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Sozialhilfe und sozialen Wohnungsbau) stark erhöht. Real sind sie zwischen 1990/91 und 2004/05 von jährlich 440 US-Dollar auf 660 US-Dollar pro Kopf gestiegen, wobei der Löwenanteil auf die erste Hälfte dieser Periode fällt. Diese Durchschnittswerte verdecken jedoch große Unterschiede innerhalb der Region; in etwa der Hälfte der Länder wendete der Staat noch 2004/05 weniger als 350 US-Dollar pro Kopf für Sozialausgaben auf. Betrachtet man die verschiedenen Arten von Sozialausgaben, so ist festzustellen, dass vor allem die Ausgaben für soziale Sicherung und Sozialhilfe sowie Bildung gestiegen sind.

Mit dem Ziel der Minderung von Armut und Ungleichheit sind höhere Ausgaben für Sozialhilfe und Bildung (vor allem wenn sie in den Primärbereich fließen, das heißt einem größeren Teil der Bevölkerung den Grundschulbesuch ermöglichen bzw. die Qualität des Schulunterrichts verbessern) zweifelsohne begrüßenswert. Wachsende Ausgaben für soziale Sicherheit sind hingegen als zwiespältig anzusehen. In Lateinamerika werden nur 27 Prozent der Beschäftigten vom sozialen Sicherungssystem abgedeckt, und nur 25 Prozent der über 65-Jährigen erhalten eine Altersrente. Dies sind gemeinhin die ehemals im formalen Wirtschaftssektor beschäftigten und damit meist ohnehin bessergestellten Bevölkerungsschichten. Beinhaltet die Erhöhung der Ausgaben also lediglich eine Erhöhung der Zahlungen an diese Zielgruppe und nicht eine Ausweitung des sozialen Sicherungssystems auf einen größeren Teil der Bevölkerung, kann von Armutsminderung bzw. einer Reduzierung der Ungleichheit keine Rede sein - eher ist das Gegenteil der Fall. In der Tat haben viele Regierungen den Anspruch, ihre sozialen Sicherungssysteme auszuweiten; in Ländern mit einem großen informellen Sektor ist das aber nur schwer möglich.

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Kleinkreditprogramme in Argentinien

[...] Das Team des "Proyecto Sur", einem Mikrokreditprogramm finanziert von der Fundación Temas, fährt jeden Samstag in die Villa 21. Etwa 30.000 bis 35.000 Menschen leben in dem Armenviertel, genaue Zahlen gibt es nicht. Es liegt am durch Chemikalien verschmutzten, faulig stinkenden Fluss Riachuelo, in der Nachbarschaft zur Petroindustrie. Die meisten im Viertel sind arbeitslos, viele leben davon, Abfälle zu sammeln und zu verkaufen.

Das Mikrokreditprogramm in der Villa 21 gibt es seit zwei Jahren; es funktioniert im Sinne von Muhammad Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis gewonnen hat: Projektbezogene Kredite für die, denen normalerweise keine Bank Geld geben würde. "Wir prüfen, ob die Geschäftsideen Chancen haben. Aber die Frauen müssen nicht wie bei einer Bank Sicherheiten mitbringen", sagt Paz Ochoteco von der Fundación Temas. 67 Kredite hat die Stiftung bisher bewilligt.
Im Vergleich zu anderen Mikrokredit-Programmen ist der Zinssatz im Proyecto Sur niedrig, er liegt bei 15 Prozent. 48 Wochen lang zahlen die Frauen den Kredit in kleinen Raten zurück. Die Rückzahlquote ist hoch: Bisher sind 94 Prozent der Gelder zurückgekommen.
Warum die Kredite nur an Frauen gehen? "Weil die besser mit Geld umgehen und zuverlässiger zurückzahlen", sagt Ochoteco. "Sie setzen das Geld intelligenter ein, haben im Blick, was die Familie wirklich braucht. " [...]
Der Bewerbungsprozess ist gestaffelt: Beim ersten Treffen erklären die Helfer, wie das Programm funktioniert. Ab dem zweiten Treffen erarbeiten sie mit der Bewerberin das Geschäftskonzept. [...]
"Ob ein Kredit bewilligt wird, entscheiden nicht wir", sagt Ochoteco. [...] Die Umweltwissenschaftlerin und ihre Kolleginnen präsentieren die Kreditanträge einer Expertenkommission aus Frauen. Wird der Kredit bewilligt, muss die Frau mit anderen zusammen eine Fünfergruppe bilden. Erst dann wird das Geld ausgezahlt und die wöchentlichen Gruppentreffen beginnen. [...] "Durch den persönlichen Bezug fühlen die Frauen sich verpflichtet, das Geld zurückzuzahlen, sagt Ochoteco. Damit eine andere Frau es als Kredit bekommen kann." [...]
"Ich war die erste, die einen Mikrokredit bekommen hat", sagt Olga Nilda Lencina, 45 [...]. Sie kaufte sich von dem Geld eine Nähmaschine. "Komm, ich zeig sie dir!" Vorsichtig sucht sie mit den Füßen den festen Boden zwischen den Pfützen. "Ich habe kein Haus, es ist eine Hütte", sagt sie entschuldigend, bevor sie die Gittertür öffnet, die der Eingang der Holzhütte ist. "Von dem Geld, das ich im vergangenen Jahr verdient habe, haben wir einen Zementboden gießen lassen. Aber durch das Wellblech regnet es rein", sagt Olga. Die Nähmaschine steht in einer regensicheren Ecke, mit einem Tuch vor Staub geschützt. Es ist ein guter Tag für sie, morgens um halb acht klopfte schon jemand und bestellte drei Hosen. Olga hat fünf Kinder und ist als alleinerziehende Mutter die einzige in der Familie, die Geld verdient - rund 100 Pesos, das sind 25 Euro, in der Woche. Weit weniger als das Mindesteinkommen von 200 Euro, die eine Familie in Argentinien laut Statistik zum Überleben braucht. [...]

Karen Naudorf, "Wo wenig genug ist", in: Das Parlament vom 12. Februar 2007

In vielen Ländern Lateinamerikas wurden in den letzten zehn Jahren so genannte konditionierte Transferprogramme eingeführt, deren ausdrückliches Ziel die Bekämpfung der Armut heutiger und zukünftiger Generationen ist. Die ersten Programme entstanden in Ländern mit mittlerem Einkommen, wie Mexiko ("Oportunidades") und Brasilien ("Bolsa Escola"); heute sind sie aber auch in deutlich ärmeren Ländern, wie El Salvador ("Red Solidaria") und Paraguay ("Tekoporã"), zu finden. Im Allgemeinen funktionieren diese Programme so, dass armen Familien finanzielle Unterstützung zukommt, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen, zum Beispiel ihre Kinder in die Schule schicken oder regelmäßig Gesundheitszentren besuchen. Durch diese Bedingungen soll sichergestellt werden, dass junge Familienmitglieder nicht automatisch ein Leben in Armut führen müssen, sondern sich aus dem Armutskreislauf befreien können.

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Sozialprogramme in Brasilien

Für Rosalina da Luis Rodrigues ist heute Zahltag. Geduldig steht die junge Frau vor dem kleinen düsteren Tante-Emma-Laden in Acau, einer kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens. Etwa zwei Dutzend andere Frauen warten auch noch in der Reihe, ihr Ziel ist der Geldautomat der staatlichen Bank Caixa Econômica am Eingang.

Hier wird die "Bolsa Familia" ausgezahlt, was übersetzt so viel wie Familienstipendium heißt und der Name des größten Sozialprogramms in Südamerika ist. In Brasilien profitieren elf Millionen Familien davon, etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Vor allem dank Bolsa Familia, lobte kürzlich eine Studie der Stiftung Getulio Vargas, ist der Anteil der brasilianischen Bevölkerung in extremer Armut in den Jahren 2003 bis 2005 von gut 28 Prozent auf 22,7 Prozent gefallen. Und das, obwohl dieses Vorzeigeprogramm des Präsidenten Lula da Silva spektakulär billig erscheint: Die Kosten betragen nur etwas mehr als ein Prozent des nationalen Staatshaushalts und nur 0,4 Prozent des Bruttosozialprodukts.
[...] Rosalina und ihre Familie haben einen Hektar Land, ein paar Hühner, sie bauen Mais, Wassermelonen und Bohnen an. Durch den Verkauf der Eier und ab und zu etwas Mais verdient die Familie durchschnittlich 40 Real im Monat, "mal mehr und mal weniger, das hängt vom Regen ab", erklärt sie und lächelt schüchtern. Behutsam steckt Rosalina ihre Karte in den Geldautomaten, und das Einkommen ihrer Familie verdreifacht sich: 80 Real, umgerechnet 28 Euro, bekommt sie ausgezahlt.
Bolsa Familia ist ein klassisches Programm zum Einkommenstransfer: Die Ärmsten im Lande bekommen Geld. Familien mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von weniger als 120 Real (gut 40 Euro) pro Kopf erhalten je nach wirtschaftlicher Lage und Kinderzahl einen Zuschuss von 15 bis 95 Real. Was so einfach klingt, ist in einem riesigen Land wie Brasilien aber ein logistisches Mammutunternehmen. Eigens für das Programm wurde ein einheitliches landesweites Personenregister geschaffen. Der Verwaltungsaufwand ist groß, zumal die Auszahlung nach dem Vorbild einer neuen Generation südamerikanischer Sozialprogramme wie Progresa in Mexiko und Familias en Acción in Kolumbien an Bedingungen geknüpft ist: Die Empfänger müssen sicherstellen, dass die Kinder ihre Schutzimpfungen bekommen und 85 Prozent Anwesenheit in der Schule zeigen. [...]
Trotzdem stößt das Programm bei einigen Experten auf erhebliche Kritik. "Bolsa Familia ist eine Übergangslösung, um die größte Not zu lindern", sagt zum Beispiel Oded Grajew, ein ehemaliger Berater Lulas. "Bisher hat die Regierung kein zufriedenstellendes Konzept dafür entwickelt, wie die Leute einmal unabhängig von Bolsa Familia werden sollen." Wenn nämlich mal wieder länger kein Regen fällt oder wenn Bolsa Familia eines Tages wieder abgeschafft wird, wären Leute wie [...] Rosalina im besten Fall wieder genau dort, wo sie vor Lula da Silvas Regierungsantritt waren. [...]
Marcelo Neri von der Getulio-Vargas-Stiftung hält das zwar nicht für sinnvoll, einen Ausbau in anderer Weise aber schon. "Es muss jetzt darum gehen, Bolsa Familia zu verbessern und den Leuten verstärkt Auswege aus der Armut aufzuzeigen", sagt Marcelo Neri von der Getulio-Vargas-Stiftung. Vielleicht gelingt das in der nächsten Überarbeitung des Programms.

Anne Grüttner, "Hilfe für den Augenblick", in: Die Zeit vom 14. Dezember 2006



Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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