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Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Susan Steiner

Wirtschaft und soziale Lage

Umwelt und nachhaltige Entwicklung

Von Wolfgang Hein

Die Umweltdebatte über, aber auch in Lateinamerika entzündete sich zunächst vor allem an der Zerstörung des Regenwaldes. Meist stand das Amazonasgebiet im Mittelpunkt der Diskussion, aber auch die Zerstörung der Regenwälder in Zentralamerika und der Karibik, der Reste des atlantischen Regenwalds entlang der brasilianischen Küste sowie der Regenwälder der gemäßigten Zone im Süden Chiles sind ähnlich problematisch. Vor allem seit den 1950er Jahren ist eine rasche Abnahme der Regenwaldflächen zu beobachten (zwischen 1990 und 2005 etwa 43000 Quadratkilometer/Jahr). Bei genauerer Betrachtung erschließt sich schnell, dass die "Abholzung" zur wirtschaftlichen Nutzung tropischer Edelhölzer bei Weitem nicht das Hauptproblem darstellt. Noch weniger gilt das für die häufig kritisierte Brandrodungswirtschaft, die in traditioneller kleinräumiger Form eine Regeneration des Regenwaldes auf den entsprechenden Flächen ermöglicht und damit durchaus nachhaltigen Charakter haben kann. Die Umwandlung in Weideland für eine extensive Viehwirtschaft, aber auch für ausgedehnte Siedlungsgebiete von Kleinbauern und für den zunehmend großflächigen Anbau von Feldfrüchten (vor allem Soja) fördern die Erosion (übermäßige Abtragung), reduzieren die Wasserspeicherungskapazität und schließlich die Regenerationsfähigkeit des Bodens. Schon in mittelfristiger Perspektive handelt es sich dabei auch um eine enorme ökonomische Verschwendung, da die Nachhaltigkeit der neuen Nutzungsformen sehr zweifelhaft ist. Gravierender noch ist die grundlegende Veränderung der Ökosysteme. Mit der Vernichtung der Regenwälder wird einer der großen Speicher von Kohlendioxid zerstört, und es gehen die - teilweise noch unbekannten - genetischen Ressourcen verloren, die in der hohen biologischen Artenvielfalt der Regenwälder enthalten sind. Lateinamerika ist der artenreichste Kontinent überhaupt. Eine neue Gefahr stellt die rasch wachsende Nachfrage nach Biotreibstoffen dar.

Quellentext

Ethanol statt Öl

Schon in den 1970er Jahren, angeregt durch die erste Ölkrise 1973, begann Brasilien nach Alternativen für den fossilen Energieträger zu suchen. Das im Jahr 1975 gestartete Programm PRO-ÁLCOOL verfolgte jedoch nicht nur das Ziel, die Ölabhängigkeit des Landes zu verringern, sondern versuchte gleichzeitig, der durch den Preisverfall bedrohten Zuckerrohrproduktion eine Perspektive für die Zukunft zu geben. Der brasilianischen Bevölkerung wurde das Ethanolprogramm vor allem als soziales Entwicklungsprogramm für die ländlichen Räume nahegebracht.

Zwei Entwicklungen bewirkten eine Renaissance des brasilianischen Ethanolprogramms seit dem Jahr 2003: Zum einen waren die Preise für Erdöl zu diesem Zeitpunkt wieder stark angestiegen, während die Zuckerpreise auf dem Weltmarkt einen historischen Tiefstand erreicht hatten. Für die Zuckerrohrproduzenten wurde die Ethanolherstellung daher wieder gewinnbringender als die Produktion von Zucker. Zum anderen bedeutete die Entwicklung des "Flex-Fuel"-Autos, das mit einer beliebigen Mischung aus herkömmlichem Treibstoff und Ethanol fahren kann, den Durchbruch für die Wiederaufnahme des Ethanolprogramms. Je nach Preisentwicklung können sich die brasilianischen Autofahrer für einen der beiden Treibstoffe oder eine Mischung entscheiden und sind damit besser gegen Preisschwankungen auf den Rohstoffmärkten abgesichert. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung verzeichnete der Zuckerrohr-Treibstoff wieder eine verstärkte Nachfrage bei den Autofahrern und deckt mittlerweile circa 40 Prozent desgesamten Kraftstoffverbrauchs.
Nachdem die Produktion von alkoholbetriebenen Fahrzeugen Ende der 1990er Jahre fast zum Erliegen gekommen war, stellten die "Flex-Fuel"-Autos schon zwei Jahre nach ihrer Einführung mehr als die Hälfte aller Neuwagen. Doch die Motoren der neuen alkoholbetriebenen Autogeneration erlauben nicht nur, den Treibstoff nach der Entwicklung der Rohstoffpreise auszuwählen, auch die Zuckerrohrproduzenten können ihre Produktion je nach Preisverhältnis innerhalb weniger Tage von Ethanol auf Zucker umstellen.
Neben dem internen Markt sieht Brasilien vor allem im Export seines Ethanols ein großes Potenzial für die Zukunft. Schon jetzt exportiert das lateinamerikanische Land sein Zuckerrohrethanol in die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und nach Japan. Eine große Chance für den Export des brasilianischen Ethanols bieten die neuen Richtwerte zur Ethanolbeimischung, die in diesen Ländern in den nächsten Jahren in Kraft treten werden. Der weltweit größte Ethanolexporteur kann den Biotreibstoff um ein Vielfaches günstiger produzieren als die USA und Europa und rechnet deshalb in Zukunft mit neuen Märkten in Übersee. Die Produktion von Biokraftstoff, von der bisher nur etwa 15 Prozent in den Export gehen, soll daher stark ausgeweitet werden.
So soll die brasilianische Ethanolproduktion in den nächsten zehn Jahren auf jährlich 30 Mrd. Liter erhöht und damit praktisch verdoppelt werden. Momentan nimmt die für die Treibstoffproduktion genutzte Anbaufläche zwar erst 3,5 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Brasiliens ein, doch der Anbau wird schon jetzt um 20 Prozent pro Jahr ausgeweitet. Eine Ausdehnung der Produktion in dieser Größenordnung setzt jedoch voraus, dass andere landwirtschaftliche Produktionszweige, beispielsweise der Anbau von Nahrungsmitteln, eingeschränkt werden oder Flächen herangezogen werden, die bisher nicht landwirtschaftlich genutzt wurden. Zu diesen bisher nicht erschlossenen Flächen gehört, wie die Erfahrung zeigt, häufig der ohnehin schon bedrohte Amazonasregenwald. [...] Aus diesem Grund sollte das Entwicklungspotenzial einer exportorientierten Biokraftstoffproduktion in Lateinamerika kritisch beurteilt werden. Wenn die Produktion von erneuerbaren Energieträgern nur dazu beiträgt, das alte Entwicklungsmuster der extensiven und stark mechanisierten Rohstoffproduktion zu verstärken, und dabei die Umwelt extrem belastet wird, ist es fraglich, ob "alternative Energien" einen alternativen Entwicklungsweg für Lateinamerika ebnen.

Detlef Nolte / Christina Stolte, Machtressource Bioenergie, GIGA Focus Lateinamerika 3/2007

Die letztlich irrationale Nutzung und Zerstörung von Regenwaldregionen wurde zu einem beträchtlichen Teil forciert durch die Strukturanpassungsprozesse infolge der Verschuldungskrise,die auf eine kurzfristige Steigerung der Exporterlöse abzielten. Aufgrund der gewachsenen Wirtschaftsstruktur Lateinamerikas und der internationalen Nachfrage ließen sich diese Exporterlöse am ehesten erzielen, indem Rohstoffe ausgeführt, Kapazitäten im Bereich von Holz- und Fleischproduktion ausgeschöpft und mineralische Rohstoffvorkommen wie Öl und Gold in den Wäldern abgebaut wurden. Bei gleichzeitig herrschender extremer sozialer Ungleichheit ergab sich eine für die Regenwälder fatale Kombination aus armutsbedingter Gewinnung von Siedlungsland und profitorientierten Investitionen.

Eine armuts- bzw. knappheitsbedingte Zerstörung von natürlichen Ressourcen und Lebensräumen gefährdet allerdings nicht nur die Regenwälder. Armut hat dazu geführt, dass verbreitet Böden landwirtschaftlich genutzt werden, die zwar kurzfristig Erträge zum Überleben erlauben, aber extrem nährstoffarm und erosionsgefährdet sind. 15,7 Prozent der Fläche Lateinamerikas werden bereits als "degradiert" bezeichnet - eine Folge von Entwaldung und Fehl- bzw. Übernutzung von Böden. Die Besiedlung von Hanglagen in urbanen Regionen, meist in Form von Landbesetzungen, hat bereits häufig nach starken Regenfällen zu fälschlicherweise so genannten "Natur"-Katastrophen geführt.

Die Modernisierung der Landwirtschaft hat wiederum ganz andere Umweltprobleme mit sich gebracht: einen übermäßigen Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden insbesondere in der Plantagenwirtschaft (Bananen, Baumwolle), aber auch beim Anbau neuer Exportprodukte wie Blumen und Zierpflanzen und beim intensiven Gemüseanbau für den urbanen Konsum. Dies führt sowohl zu gesundheitlichen Risiken für die landwirtschaftlichen Produzenten (Vergiftungen, hohe Raten von Magenkrebs in Regionen des Intensivanbaus), als auch zu hohen Belastungen der produzierten Nahrungsmittel und der Gewässer. Viele Flüsse sind durch die Entsorgung organischer Abfälle (etwa bei der Kaffeeaufbereitung und Verarbeitung von Zuckerrohr) stark belastet. Dazu entstehen Probleme durch Bewässerungssysteme, die mit ihrem hohen Wasserbedarf den Wasserhaushalt gefährden und unter ungünstigen Bedingungen auch zur Versalzung der Bewässerungsanlagen selbst geführt haben.

Negative Auswirkungen auf die Ökosysteme ländlicher Regionen gehen auch von der Fischwirtschaft (Zerstörung von Mangroven durch die Krabbenzucht, Belastung von Küstengewässern durch Nährstoffzufuhr bei der Lachszucht) sowie zunehmend auch vom Tourismus aus. Letzterer kann vor allem Küstenökosysteme in vielfältiger Weise gefährden, und zwar durch die Hotel- und Vergnügungsanlagen selbst, durch die unsachgemäße Entsorgung von Müll und Fäkalien, aber auch durch problematische Formen der Naturbeobachtung (etwa: Störung der Eiablage von Schildkröten an Stränden).

Der hohe Urbanisierungsgrad bringt es mit sich, dass die typischen Umweltprobleme der Industrieländer auch in Lateinamerika zu finden sind - im Allgemeinen in sehr viel extremerer Form, da eine korrigierende umweltpolitische Regulierung entweder nicht existiert oder (noch) nicht konsequent durchgesetzt wurde. Als urbane Umweltbelastungen erweisen sich vor allem die Luftverschmutzung durch Industrie und Verkehr sowie Entsorgungsprobleme. LETZTERE haben verschiedene Dimensionen: Zum einen gibt es vor allem in ärmeren Stadtteilen häufig keine funktionierende Infrastruktur für die Abwasserbeseitigung und für die Sammlung von festen Abfällen, was sowohl die Gewässer als auch die Böden belastet. Zum anderen wird jedoch auch der eingesammelte Müll nur unzureichend behandelt. Überquellende Mülldeponien belasten ebenfalls Grundwasser und offene Gewässer und verstärken die Luftverschmutzung durch kontinuierliche Emissionen, aber auch durch ihr unkontrolliertes Abbrennen. Moderne Müllverbrennungs- und Kläranlagen sind nur vereinzelt zu finden. Darüber hinaus hat auch eine wenig effiziente Versorgung gravierende ökologische Folgen. Hier ist vor allem an Defizite der Wasserversorgung zu denken, da defekte Leitungssysteme zu einem erheblichen Ressourcenverlust führen. Auch in allen Bereichen der Energienutzung gibt es außer tendenziell steigenden Preisen kaum effektive Regulierungen zur Steigerung der Effizienz (zum Beispiel Anreize zur Nutzung von Solarenergie oder zu energieeffizientem Bauen mit dem Ziel, etwa den Einsatz von Klimaanlagen zu reduzieren).

Seit den 1990er Jahren sind allerdings in vielen lateinamerikanischen Ländern eine zunehmende Umweltdiskussion und stärker werdende Umweltbewegungen zu beobachten. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 hat auch zu verstärkten staatlichen Aktivitäten im Umweltbereich geführt - wenngleich sie auch nur langsam Ergebnisse erzielen. Immerhin gibt es in allen Ländern inzwischen eine umfassende, mehr oder weniger wirksame Umweltgesetzgebung.

Unter anderem haben neue Vorschriften zur technischen Überwachung und Investitionen bei öffentlichen Verkehrsmitteln dazu geführt, dass der Fahrzeugpark in den letzten Jahren erheblich modernisiert wurde und schadstoffärmere Autos häufiger anzutreffen sind als früher. Die Systeme öffentlicher Verkehrsmittel wurden in vielen Städten verbessert, und auch die Benutzung von Fahrrädern hat erheblich zugenommen; so wurde zum Beispiel in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá ein Netz von Fahrradwegen ausgebaut. Auch die Luftverschmutzung durch Industriebetriebe wird zunehmend kontrolliert, und die Abfallbeseitigung steht im Mittelpunkt vieler Projekte.

Als Beispiele für internationale Zusammenarbeit seien das Projekt eines zentralamerikanischen biologischen Korridors (zentralamerikanische Kooperation zum Schutz der natürlichen Ressourcen und der Biodiversität) und die Organisation der Amazonas-Anrainerstaaten (Organização do Tratado de Cooperação Amazônica) mit einem strategischen Plan für nachhaltige Entwicklung im Amazonasbecken genannt. Die steigende Nachfrage in den Industrieländern nach Produkten aus ökologischem Anbau hat Anreize für eine langsame Umorientierung der land- und forstwirtschaftlichen Exportproduktion hin zu nachhaltigeren Anbaumethoden gegeben (so etwa Zertifizierungsprogramme für Tropenhölzer). Das Kyoto-Abkommen ermöglicht den Industrieländern darüber hinaus mit dem so genannten Clean Development Mechanism, Verpflichtungen zur Reduktion von CO2-Emissionen nachzukommen, indem sie zum Beispiel Wiederaufforstungsprojekte in den Entwicklungsländern finanzieren.

Quellentext

Wer schützt den Regenwald?

[...] Matamoros - eine Siedlung [...] mitten im Nationalpark Patuca im Osten Honduras. [...] Mehr als 3700 Hektar Regenwald. Von der Hauptstadt Tegucigalpa in das Dschungeldorf ist es eine Reise von zwei Tagen. [...]

Seit 1997 ist die Region entlang dem Fluss als Nationalpark vom honduranischen Staat ausgewiesen und dennoch seit Jahren von massiver Abholzung bedroht. Immer mehr Siedler drängen aus dem verarmten Süden des Landes in den Nationalpark, schlagen die Bäume und bauen Mais, Bohnen und Bananen an. [...] Das Prinzip ist so einfach wie zerstörerisch: Die Siedler, die sogenannten Campesinos, kommen in den Wald, roden das Land und beackern es lediglich für den Eigenbedarf. Geld verdienen sie erst nach Jahren, dann, wenn sie das Land an Viehzüchter aus den honduranischen Metropolen verkaufen. Die Siedler ziehen immer weiter, die Großgrundbesitzer rücken nach.
Don Chico ist kein Siedler. Seit fünf Jahren lebt und arbeitet er als Verwalter für die Asociación Patuca in Matamoros auf einer sogenannten Modellfinca. Die Asociación mit Sitz in Tegucigalpa wurde maßgeblich gegründet von Hauke Hoops, einem deutschen Biologen. [...] Hoops ist [...] Präsident der deutschen Sektion des Patuca-Vereins, der vor allem versucht, Gelder für die Arbeit in Honduras einzuwerben und Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Regenwaldschutz zu betreiben. In Deutschland nahezu unbekannt, genießt Patuca in Honduras großes Ansehen: Im vergangenen Jahr wurde der kleinen Organisation der staatliche Umweltpreis verliehen und bereits 2005 offiziell das Umweltmanagement für den Park übertragen - letztendlich mehr Bürde als Ehre.
Begonnen hat Hoops mit der Arbeit im Park in Matamoros. Dort hat die Asociación zunächst Land erworben, um es vor dem Kahlschlag zu bewahren. In der Szene ist der Kauf von Land zu Umweltschutzzwecken umstritten, Patuca behält es sich dennoch als "letzte Lösung" vor. In Matamoros entstanden ein Wohnhaus, eine Schule und ein Mustergarten: Edelhölzer neben Bananen und Kakao. Die Finca soll zeigen, wie es gehen könnte mit der Wirtschaft und dem Umweltschutz. [...]
Viele der Siedler sind erst in den vergangenen zehn Jahren in die Region gelangt. Die wenigsten können lesen und schreiben, deshalb hat die Asociación zunächst auf den Bau von Schulen gesetzt. Ziel ist es letztlich, die Siedler möglichst an einem Ort zu halten. Das allerdings widerspricht den Interessen der Viehzüchter, die auf die Vorarbeit der Siedler angewiesen sind und ihnen dafür regelmäßig viel Geld bieten. [...]
Die Folgen der Rodungen sind gravierend: Der Grundwasserspiegel sinkt, Frischwasserquellen versiegen, bei starken saisonalen Regenfällen im Winter rutschen immer wieder ganze Hänge ab. Zurück bleibt baumloses Ödland. "Die Böden sind für immer zerstört", betont [Edgar] Castro [studierter Forstwissenschaftler und so genannter Techniker der Asociación Patuca - Anm. d. Red.]. Irgendwann seien die Rodung und die Austrocknung der Fläche zu weit fortschritten, als dass sich der Wald von selbst regenerieren könnte.
Die Region entlang dem Rio Patuca ist nur eine von drei großen Regenwaldschutzzonen in Honduras, die wiederum im Verbund mit Zonen in Nicaragua und Guatemala den mesoamerikanischen Biokorridor bilden. Herzstück dessen ist das Biosphärenreservat Rio Platano - ebenfalls in Honduras Nordosten. Während der Patuca-Park nur nationalen Schutz genießt, steht das benachbarte Rio-Platano-Reservat unter internationaler Beobachtung. Dort wird der honduranische Staat in die Pflicht genommen - Gelder für das aufwendige Protektorat kommen vor allem aus Deutschland. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wurden seit 1996 rund 20 Millionen Euro Fördermittel bereitgestellt, in den kommenden Jahren sollen 6,7 Millionen folgen. Die Strukturen der internationalen Gebergemeinschaft einschließlich der Vereinten Nationen sind gewaltig. Selbst im Reservat hat die Umsetzungsorganisation des Bundesministeriums, die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), ein aufwendiges Bürogebäude gebaut, wie es im gesamten Biosphärenkorridor seinesgleichen sucht. [...]
Eines jedenfalls hat die internationale Beharrlichkeit [...] für Gesamthonduras bewirkt: Im September vergangenen Jahres hat die Regierung nach zähem Ringen ein neues Forstgesetz verabschiedet. Jetzt, im März, ist es in Kraft getreten. Ob der Versuch der Politik Früchte tragen wird, das illegale Holz- und Siedelgeschäft einzudämmen, bleibt indes abzuwarten. Bislang wird rund 200 Prozent mehr Geld mit illegalem als mit legalem Holz verdient, Hauptabnehmer sind unter anderem die USA, Spanien und Großbritannien.
[...] Die staatliche schwedische Entwicklungszusammenarbeit hat sich in diesem Jahr nahezu komplett aus Honduras verabschiedet. Die Politik sei zu korrupt, eine sinnvolle und nachhaltige Umsetzung der Entwicklungshilfegelder könne nicht länger gewährleistet werden, hieß es dazu aus Stockholm. Das BMZ will bleiben, Honduras ist nach wie vor eines der Schwerpunktländer der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. [...]
Wer an Holzhandel und Viehzucht tatsächlich verdient, wird öffentlich nicht gesagt. Für Edgar Castro ist aber klar: Auch wenn seine Organisation vom Staat den Managementauftrag für den Park bekommen hat, ist tatsächlicher Umweltschutz nur mit staatlicher Hilfe möglich. Das neue Gesetz verspricht zwar eine härtere Gangart gegenüber Umweltsündern, "aber wer soll das kontrollieren?", fragt Castro. Bislang fehlt es an geeigneten Konzepten - vor allem von staatlicher Seite aus. Aber im Dschungel spielt der Staat nach wie vor keine Rolle. [...] "Hier im Park gilt nur ein Recht", so Castro. "Das Recht des Stärkeren." Law and Order - im Zweifel gegen die Natur.

Gunnar Rechenburg, "Das Gesetz des Dschungels", in: Die Welt vom 19. Juni 2008



Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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