Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Bert Hoffmann
Detlef Nolte

Lateinamerika in der internationalen Politik

Beziehungen zur EU

Von Detlef Nolte

Zwischen Europa und Lateinamerika bestehen langfristige kulturelle, politische und wirtschaftliche Bindungen, die auf die spanische und portugiesische Kolonialvergangenheit sowie die massive europäische Emigration nach Lateinamerika vor allem in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgehen. In der jüngeren Vergangenheit war dabei Europa für Lateinamerika politisch und wirtschaftlich stets wesentlich bedeutender und als Partner interessanter als umgekehrt. So wickelte die EU in den vergangenen Jahren gerade einmal fünf bis sechs Prozent ihres Außenhandels mit Lateinamerika ab. Aber gegen Ende der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts ist auch das lateinamerikanische Interesse am "alten" Kontinent spürbar zurückgegangen. Wirtschaftlich ist mit Asien ein neuer Konkurrent erwachsen. In kultureller Hinsicht hat der Einfluss der USA weiter zugenommen, insbesondere auch bei den politischen und wirtschaftlichen Eliten, die häufig in den USA studiert haben. In den 1960er und 1970er Jahren und während der Militärdiktaturen, als viele lateinamerikanische Intellektuelle ins europäische Exil emigriert waren, war der kulturelle Einfluss Europas noch größer gewesen.

Grafik_Handel_420.jpgGrafik_Handel_420.jpg
In den 1990er Jahren bemühte sich die EU, die institutionelle Entwicklung der neuen lateinamerikanischen Integrationszusammenschlüsse von außen zu unterstützen und Kooperationsabkommen abzuschließen. Ein Hauptaugenmerk galt dabei dem MERCOSUR, da dort die EU im Vergleich zu den USA der wichtigere Handelspartner und Investor ist. Die 1999 begonnenen Verhandlungen zwischen der EU und dem MERCOSUR über ein Freihandels- und Assoziierungsabkommen kommen jedoch nur sehr langsam voran, nicht zuletzt wegen der europäischen Agrarpolitik, die ihre Landwirtschaft durch Subventionen und Einfuhrzölle vor der Konkurrenz durch Fremdimporte schützt. Mit dem Zentralamerikanischen Markt und der Andengemeinschaft wurden jeweils 2007 Verhandlungen über Assoziierungsabkommen eingeleitet. Vergleichbare Abkommen hatte die Europäische Union auf bilateraler Ebene bereits mit Mexiko (1997) und Chile (2002) abgeschlossen, was sich positiv auf die Handelsbeziehungen zu beiden Ländern auswirkte.

Im Juli 2007, gleich zu Beginn der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft, vereinbarte die EU eine umfassende strategische Partnerschaft mit Brasilien, die der südamerikanischen Führungsmacht einen mit China, Indien und Russland vergleichbaren Status einräumt. Darin zeichnet sich tendenziell ein Strategiewandel der EU ab, die zuvor stärker auf Integrationsbündnisse wie den MERCOSUR gesetzt und nur im Ausnahmefall bilaterale Assoziierungsabkommen abgeschlossen hatte.

Die Abkommen und Verhandlungen der EU mit Lateinamerika standen teilweise in direkter Konkurrenz zu den Freihandelsinitiativen der USA in der Region (NAFTA, FTAA, bilaterale Abkommen). Ähnlich den Gipfeltreffen der Amerikas gibt es seit 1999 (Rio de Janeiro) regelmäßige Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs Lateinamerikas (und der Karibik) und der EU-Mitgliedsländer (2002 in Madrid; 2004 in Guadalajara/Mexiko, 2006 in Wien, 2008 in Lima). Bereits zuvor war es zu regelmäßigen Treffen zwischen der EU und der Rio-Gruppe gekommen.

Historisch und durch die kulturellen Gemeinsamkeiten (Sprache) begründete Sonderbeziehungen bestehen darüber hinaus insbesondere zwischen Spanien und Lateinamerika. Dies zeigt sich beispielsweise in massiven Investitionen spanischer Unternehmen seit den 1990er Jahren, unter anderem im Telekommunikationssektor, aber auch in der großen Zahl lateinamerikanischer Migranten nach Spanien, die 2007 1,5 Millionen erreichte. Auf übergeordneter Ebene finden seit 1991 jährlich die Iberoamerikanischen Gipfeltreffen statt, an denen neben den lateinamerikanischen Regierungen auch Spanien und Portugal teilnehmen.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

Mehr lesen