Internationale Wirtschaftsbeziehungen

27.8.2008 | Von:
Klaus-Peter Kruber
Anna Lena Mees
Christian Meyer

Institutionen und Instrumente der internationalen Handelspolitik

Liberalisierung und regionale Integration

Der Abbau von Beschränkungen des Handels-, Kapital- und Personenverkehrs führt zu mehr Freihandel und wirtschaftlicher Integration. Ziel wirtschaftlicher Integration ist die Steigerung des Wohlstands der Bevölkerung durch eine bessere Verteilung der Ressourcen, vertiefte Arbeitsteilung und das Ausnutzen weiterer komparativer Vorteile, so etwa der Steigerung der produktiven Leistung der Gesamtheit durch einen vermehrten Wettbewerb und den dadurch verstärkten Zwang zu mehr Innovationen.

Wirtschaftliche Integration vollzieht sich in unterschiedlichen Dimensionen. Zum einen wird zwischen globaler und regionaler Integration unterschieden; zum anderen lassen sich verschiedene Integrationsstufen aufzeigen. Globale Integration bedeutet, dass alle Länder Hemmnisse abbauen. Bei einer regionalen Integration handelt es sich um die Vereinigung einer Gruppe von Volkswirtschaften zu einem Wirtschaftsraum mit binnenmarktähnlichem Charakter.

Wirtschaftliche ZusammenschlüsseWirtschaftliche Zusammenschlüsse
Da das Ziel "Freihandel" nie in einem Schritt erreichbar sein wird, wird wirtschaftliche Integration überwiegend als dynamischer Prozess verstanden, der sich stufenweise vollzieht. Den Integrationsstufen entsprechen verschiedene Integrationsformen. Unterschieden werden die Formen einerseits danach, wieweit sie die Barrieren für ökonomische Aktivitäten zwischen den beteiligten Staaten abbauen, und andererseits danach, in welchem Ausmaß sie koordinierende und kooperierende Elemente (Liberalisierungsinstrumente) einführen. Kooperieren nur zwei Länder miteinander, schließen sie bilaterale Handelsabkommen. Sie gelten als regionale Abkommen, welche zu Präferenzzonen führen. Schließen mehrere Länder untereinander Handelsverträge ab, kann es sich um bilaterale, plurilaterale oder multilaterale Abkommen handeln. Bilaterale Abkommen sind Handelsverträge zwischen zwei Staaten, zu den plurilateralen gehören regionale Integrationsabkommen (beispielsweise die EU oder die NAFTA).Beispiele für multilaterale Abkommen sind GATT und WTO.

Es werden folgende Integrationsstufen unterschieden:
  • Präferenzzone: Staaten vereinbaren in einem Handelsvertrag Vergünstigungen (z.B. Zollsenkungen, Abbau von Kontingenten) für den Handel mit bestimmten Produkten untereinander.
  • Freihandelszone: Zölle und andere Handelsschranken werden zwischen den Partnerländern aufgehoben. Gegenüber Drittländern setzt jedes Land weiterhin seine Zölle selbst fest. Um zu vermeiden, dass sich der Handel verstärkt über die Grenzen desjenigen Landes mit dem niedrigsten Zollsatz vollzieht, sind bei ungleichen Außenzöllen auch an den Binnengrenzen der Freihandelszone Zollkontrollen nötig. Ein Beispiel für eine Freihandelszone ist das 1994 in Kraft getretene Nordamerikanische Freihandelsabkommen (North American Free Trade Agreement, NAFTA) zwischen den USA, Kanada und Mexiko.
  • Zollunion: Zusammenschluss zweier oder mehrerer Staaten zur Liberalisierung des Handels untereinander und zur Festsetzung eines gemeinsamen Außenzolls gegenüber Drittländern. Beispiele sind der Deutsche Zollverein von 1834 und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) von 1957.
  • Gemeinsamer Markt: Über den freien Warenverkehr hinaus werden Freizügigkeit der Arbeitskräfte (Niederlassungsfreiheit) und Dienstleistungsfreiheit sowie freier Kapitalverkehr vereinbart ("Vier Freiheiten"). Ein gewisser Grad an wirtschaftlicher Harmonisierung (z.B. ein gemeinsamer Ordnungsrahmen der Wettbewerbspolitik) ist nötig, um zu verhindern, dass die Produktionsfaktoren nur in bestimmte Länder des Gemeinsamen Marktes abwandern. Ein Beispiel ist der Europäische Binnenmarkt (1993).
  • Wirtschaftsunion: In einer Wirtschaftsunion werden über den gemeinsamen Markt hinausgehend weitere Bereiche der Wirtschaftspolitiken zwischen den Staaten koordiniert oder auf gemeinsame Institutionen übertragen. Sie leitet über zur höchsten Stufe internationaler wirtschaftlicher Integration, in der die Mitgliedsländer ökonomisch gesehen nur noch Regionen der wirtschaftlichen Union sind.
  • Wirtschafts- und Währungsunion: Die Gemeinschaft führt eine gemeinsame Währung ein. Ein Beispiel ist dieEuropäische Wirtschafts- und Währungsunion (1999). Geld- und Währungspolitik werden auf Gemeinschaftsinstitutionen übertragen. Der damit verbundene Verzicht auf nationale Geldpolitik und Einschränkungen der Finanz- und wirtschaftspolitischen Souveränität erfordern eine politische Integration. Spätestens in dieser Phase sind so viele Bereiche von gemeinsamer Politik erfasst, dass sie langfristig nicht ohne politische Integration tragfähig ist.
Regionale wirtschaftliche Integration verhilft zum Abbau protektionistischer Maßnahmen und schafft Handelserleichterungen für die beteiligten Staaten. Sie kann jedoch Nachteile für die Länder bewirken, die nicht an der Integration beteiligt sind. Es lassen sich zwei Effekte beobachten: Zum einen zeigt sich ein Anstieg des Handels zwischen den beteiligten Staaten (handelsschaffender Effekt). Zum anderen kann es dazu kommen, dass bisher günstigere Handelspartner, die nun außerhalb der Gemeinschaft liegen, durch weniger günstige Handelpartner aus der Gemeinschaft ersetzt werden (handelsumlenkender Effekt). Daher sind Integrationen als problematisch zu betrachten, wenn nur wenige Länder von bilateralen Vereinbarungen und Handelserleichterungen profitieren und sie andererseits ihre Märkte vor Importen dritter Handelspartner abschotten. In diesem Fall überwiegen die handelsumlenkenden die handelsschaffenden Wirkungen.

Während regionale Handelsabkommen - etwa eine Zollunion oder ein bilateraler Handelsvertrag - in den 1970er und 1980er Jahren vor allem errichtet wurden, wenn multilaterale Handelsrunden ins Stocken gerieten, entwickelten sie sich in den 1990er Jahren zu einer eigenständigen, oftmals außenpolitisch motivierten Form der Marktöffnung. Dies führte dazu, dass sie in dieser Zeit immer häufiger kontinentübergreifend abgeschlossen wurden und dass die Anzahl dieser Abkommen in den 1990er Jahren stark anstieg; heute gibt es weltweit nur noch wenige Staaten, die keine regionalen Handelsabkommen abgeschlossen haben, zum Beispiel die Mongolei.

Ein Problem der starken Zunahme bilateraler und plurilateraler Handelsabkommen besteht vor allem darin, dass sie die von der WTO multilateral angestrebte Vereinheitlichung unterlaufen. Immer wieder neue Sonderregelungen, die nur für einzelne Länder oder Produkte gelten, machen die Marktzutrittsbedingungen unübersichtlich. Es besteht die Gefahr, dass so der Welthandel eher gebremst als gefördert wird.

Karikatur: Afrika, Asien, Lateinamerika nicht vergessen!Karikatur: Afrika, Asien, Lateinamerika nicht vergessen!
In den Augen vieler Ökonomen gerät die Konzentration der internationalen Wirtschaftsbeziehungen auf das Welthandelsdreieck (Westeuropa, Nordamerika sowie Japan und die entwickelten Länder Südostasiens) in Konflikt mit den Grundsätzen des Freihandels. Es haben sich asymmetrische Interdependenzen zwischen den Akteuren der internationalen Wirtschaftsbeziehungen entwickelt, die ein ordnungspolitisches Regelwerk für Verhaltensnormen und Sanktionen erfordern. Insbesondere wird das hartnäckige Festhalten der Industriestaaten an der Abschottung ihrer Agrar- und Textilmärkte gegenüber Einfuhren aus den Entwicklungsländern kritisiert. Wie beim Sport gute Regeln und ein fairer Schiedsrichter mit Sanktionsmöglichkeiten ein gutes Spiel garantieren, so wird auch eine kluge Wirtschaftspolitik hohe Wachstumsraten und allgemeine Wohlfahrtsgewinne aufweisen. Bei den internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist es vor allem die WTO, die auf globaler Ebene Regeln für die Handelspolitik setzt, die Liberalisierung des internationalen Handels vorantreibt und auf die Einhaltung des vereinbarten Regelwerks hinwirkt.



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