Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Europa unter Modernisierungsdruck

Stabilisierung durch Restauration?

Um so größer war die Enttäuschung, als die Staatsmänner Europas nach dem Sturz Napoleons unter dem entscheidenden Einfluss des österreichischen Staatskanzlers Klemens Fürst von Metternich (1773-1859) auf dem Wiener Kongress 1814/15 andere Akzente setzten. Nach 25 Jahren voller Umwälzungen, Kriege und Bürgerkriege, von der Französischen Revolution 1789 bis zur Hegemonialpolitik Napoleons, waren Staaten und Völker erschöpft. Bestimmender Leitgedanke wurde die Errichtung eines europäischen Friedens- und Gleichgewichtssystems, das als fester Damm gegen neue Revolutionen und hegemoniale Bestrebungen einzelner Mächte wirken sollte und von fünf Großmächten mit unterschiedlichem inneren Aufbau getragen wurde. Die eher fortschrittlich und national strukturierten Westmächte England und Frankreich sollten mit den dynastisch und absolutistisch geleiteten Staaten Russland, Österreich und Preußen im Osten zusammenwirken.

Der Deutsche BundDer Deutsche Bund
In Deutschland ließ diese Konstruktion keinen Raum für die Verwirklichung eines National- und Verfassungsstaates. Statt dessen entstand mit dem "Deutschen Bund" ein föderativer Zusammenschluss von zunächst 41 souveränen deutschen Einzelstaaten. Darunter befanden sich zwei Großmächte, das Kaiserreich der Habsburger mit seiner Westhälfte und das Königreich Preußen ohne seine Ostprovinzen, dazu die vier Königreiche Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg sowie weitere Mittel- und Kleinstaaten. Die Könige von Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden gehörten beispielsweise als Landesfürsten von Hannover, Holstein und Limburg ebenfalls dem Deutschen Bund an. Als einziges gemeinsames Staatsorgan fungierte die "Bundesversammlung", ein Gesandtenkongress, der von den einzelstaatlichen Regierungen beschickt wurde und bis 1848 in Frankfurt am Main tagte.

Dieser Staatenverbund sollte als Puffer in der Mitte Europas zwischen den West- und Ostmächten wirken, der durch internationale Garantien vor äußeren Angriffen geschützt war. Er stellte aber nicht den von der National- und Freiheitsbewegung erhofften kraftvollen Einheitsstaat moderner Prägung dar.

Allerdings hatte schon auf dem Wiener Kongress alles andere als Einigkeit über diese Neugestaltung Deutschlands geherrscht, was sich darin widerspiegelte, dass der Deutsche Bund mit der "Deutschen Bundesakte" die Vorform einer Verfassung und damit die Perspektive erhielt, sich doch noch zu einem strafferen Zentralstaat zu entwickeln.

Für Metternich besaßen die Bestimmungen der Bundesakte, die nicht selten Formelkompromisse darstellten, lediglich den Charakter von Absichtserklärungen, deren Einlösung der Zukunft anheim gestellt wurde. Metternichs konzeptionellem Gegenspieler, dem inzwischen machtpolitisch weit zurückgedrängten vormaligen preußischen Reformer Stein, und mit ihm jenen Kräften, die in napoleonischer Zeit den nationalen und verfassungspolitischen Aufbruch in Deutschland getragen hatten, war es jedoch gelungen, solchen Absichtserklärungen eine deutliche Richtung und Dringlichkeit zu geben. So sprach die Bundesakte von der raschen Schaffung eines definitiven Grundgesetzes für den neuen deutschen Staatenbund mit Bundeskompetenzen für die "auswärtigen, militärischen und inneren Verhältnisse", von der Einführung von Verfassungen in den einzelnen Bundesstaaten und nicht zuletzt - zumindest ansatzweise - von Grundrechten für die deutschen Staatsbürger. Angesichts solch konkurrierender politischer Leitideen der Bundesakte war es eine Machtfrage, wie sich der Deutsche Bund in der Realität entwickeln würde.

Anfangs waren die Verfechter einer lockeren deutschen Föderation klar im Vorteil. Die beiden Großmächte Habsburgermonarchie und Preußen, die eine Verfassungspolitik strikt ablehnten, bildeten eine dualistische Führung des Deutschen Bundes, wobei sich Preußen Österreich unterordnete. Ihre Vorherrschaft wurde abgesichert durch das Interesse der übrigen europäischen Mächte, die Nutznießer des Machtvakuums in Mitteleuropa waren. Metternich gelang es auf dieser Basis, in den folgenden Jahren der Restauration (1815-1840) und des Vormärz (1840-1848), sein politisches System in Europa und Deutschland zu behaupten.

Gegenströmungen...

Ebenso zäh wie Metternich an seinen Prinzipien festhielt, beharrte jedoch die deutsche National- und Freiheitsbewegung auf einer Einlösung der in der Bundesakte festgelegten Bestimmungen und verlor den Ausbau Deutschlands zu einem Verfassungsstaat nicht aus den Augen. Mit ihrer wachsenden Stärke untergrub sie Schritt für Schritt das Metternichsche System und drängte so lange auf eine politische Kehrtwende, bis diese 1848 unausweichlich wurde.

Auch diese Entwicklung prägte Ausbruch und Verlauf der Revolution von 1848. Im Restaurationszeitalter, benannt nach dem Versuch, Grundelemente der politischen Struktur Europas aus der Zeit vor der Französischen Revolution zu "restaurieren", gaben sich zunächst die süddeutschen Staaten Bayern, Baden und Württemberg in den Jahren 1818 und 1819 Verfassungen. Dank erster Parlamente in diesen Einzelstaaten und einer sich ausweitenden politischen Öffentlichkeit begann in Deutschland unumkehrbar das Zeitalter des "Frühkonstitutionalismus", in dem die Monarchen der neuen Verfassungsstaaten als Staatsoberhäupter die Kontrolle über die Exekutive und Einfluss auf die Legislative behielten. Zukunftsweisend wurden bald auch Verfassungskämpfe, in denen die einzelstaatlichen Parlamente unter Berufung auf ihre Mitbestimmungsrechte in Gesetzgebungs- und Budgetfragen versuchten, zusätzlich die Kontrolle über Administration und Heer zu erlangen, die zunächst ganz den Monarchen unterstelltwaren. Zeitgleich organisierten sich Studenten in "Burschenschaften" und versuchten, insbesondere auf dem Wartburgfest 1817, die Ziele der Freiheits- und Nationalbewegung aus der Zeit der Kämpfe gegen Napoleon aufs Neue in den Vordergrund zu rücken.

...und ihre Unterdrückung

Metternich reagierte, indem er der bislang provisorischen "Verfassung" des Deutschen Bundes eine konkrete Gestalt gab. Entscheidende Bedeutung erhielten dabei die Karlsbader Beschlüsse von 1819 und die Wiener Schlussakte von 1820. Deren Rechtsnormen wurden zu neuen faktischen Grundgesetzen für alle Teile Deutschlands, welche dem Buchstaben nach die Bundesakte zwar nicht beseitigten, wohl aber deren zentrale Bestimmungen über eine Repräsentativverfassung außer Kraft setzten.

Mit den Karlsbader Beschlüssen wurden die Burschenschaften verboten, eine Pressezensur eingeführt und die Einzelstaaten zur Eindämmung der National- und Verfassungsbewegung angehalten. Diese Unterbindung "revolutionärer Umtriebe" definierte den Staatszweck des Deutschen Bundes für die Folgezeit. Fortan war dieser nicht mehr, wie 1815 vorgesehen, in weitem Sinne für die Wohlfahrt seiner Bürger zuständig, sondern erschöpfte sich darin, durch die Bundesversammlung über die "Sicherheit" Deutschlands zu wachen, womit eine Sicherheit vor den Gegnern des Metternichschen Systems gemeint war.

Quellentext

Aus den Karlsbader Beschlüssen

Aus dem Universitätsgesetz

[...] Die Bundesregierungen verpflichten sich gegeneinander, Universitäts- und andere öffentliche Lehrer, die durch erweisliche Abweichung von ihrer Pflicht oder Überschreitung der Grenzen ihres Berufes, durch Mißbrauch ihres rechtmäßigen Einflusses auf die Gemüter der Jugend, durch Verbreitung verderblicher, der öffentlichen Ordnung und Ruhe feindseliger oder die Grundlagen der bestehenden Staatseinrichtungen untergrabender Lehren ihre Unfähigkeit zur Verwaltung des ihnen anvertrauten wichtigen Amtes unverkennbar an den Tag gelegt haben, von den Universitäten und sonstigen Lehranstalten zu entfernen. [...] Die seit langer Zeit bestehenden Gesetze gegen geheime oder nicht autorisierte Verbindungen auf den Universitäten sollen in ihrer ganzen Kraft und Strenge aufrechterhalten, und insbesondere auf den seit einigen Jahren gestifteten, unter dem Namen der allgemeinen Burschenschaft bekannten Verein [...] ausgedehnt werden. [...]
Die Regierungen vereinigen sich darüber, daß Individuen, die nach Bekanntmachung des gegenwärtigen Beschlusses erweislich in geheimen oder nicht autorisierten Verbindungen geblieben oder in solche getreten sind, bei keinem öffentlichen Amte zugelassen werden sollen. [...]

Aus dem Preßgesetz
Solange der gegenwärtige Beschluß in Kraft bleiben wird, dürfen Schriften, die in der Form täglicher Blätter oder heftweise erscheinen, desgleichen solche, die nicht über 20 Bogen im Druck stark sind, in keinem deutschen Bundesstaate ohne Vorwissen und vorgängige Genehmhaltung der Landesbehörden zum Druck befördert werden. [...]
Die Bundesversammlung soll [...] befugt sein, die zu ihrer Kenntnis gelangenden [...] Schriften, [...] wenn solche [...] der Würde des Bundes, der Sicherheit einzelner Bundesstaaten oder der Erhaltung des Friedens und der Ruhe in Deutschland zuwiderlaufen, ohne vorhergegangene Aufforderung, aus eigener Autorität [...] zu unterdrücken [...].

Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen. Das bürgerliche Zeitalter 1815-1914, München 1980, S. 86 ff.

Nach der Wiener Schlussakte galt der Deutsche Bund vollends als Instrument zur "Erhaltung der Ruhe". Die Einzelstaaten wurden erneut unter Androhung von Sanktionen auf ein "monarchisches System" eingeschworen, in dem der Führungsanspruch von Fürsten und Dynastien resolut gewährleistet werden sollte. Die gerade in einigen Staaten erstrittenen Mitbestimmungsrechte des Volkes wurden hingegen eng begrenzt und unterdrückt. Infolgedessen vollzog die Gesellschaft für die Jahre der Restauration tatsächlich einen gewissen Rückzug in den privaten Bereich. Pressezensur und Polizeigewalt wurden zu charakteristischen Merkmalen der Zeit.

Interessen der Großmächte

Die von Metternich erzwungene politische "Ruhe" währte jedoch allenfalls ein Jahrzehnt, was vornehmlich auf außenpolitische Konstellationen und Entwicklungen zurückzuführen war, die nur eine begrenzte Stabilität der Mächte und ihrer Positionen zuließen. Eine "Heilige Allianz" konservativer Großmächte, die Russland angestrebt hatte, gewann in Restauration und im Vormärz nicht die Kontrolle über Europa, hier verfestigten sich vielmehr ideologische Fronten mit den liberalen Westmächten und dem konservativen Zarenreich als Exponenten.

Hinzu kamen Interessengegensätze der führenden Mächte, so dass selbst kleine oder mittlere Staaten an der neuen Ordnung Europas rütteln konnten. Je nach politischer Ausrichtung schreckten oder faszinierten die frühen Freiheitsbestrebungen und -kämpfe vor allem in Spanien (1820-1823), in Neapel und Piemont (1820-1821) und in Griechenland (1821-1829): Konservative trachteten nach deren Niederschlagung oder Eindämmung, liberale und nationale Kräfte erwärmten sich für leuchtende Vorbilder.

Am ehesten gelang es nach den napoleonischen Herausforderungen noch Großbritannien die Welt- und damit auch die Europapolitik zu dominieren. Im Sinne einer Pax Britannica errichtete es einen Schutzwall gegen große Kriege, der schließlich ein ganzes Jahrhundert funktionieren sollte. Der Historiker Klaus Hildebrand nennt den Hintergrund für diese Leistung der damaligen Welt-Vormacht: "Die Einmaligkeit seiner wirtschaftlichen und politischen Position" und ein "nur selten bezweifelter Glaube an die Überlegenheit britischer Institutionen" habe Großbritannien zu "einem Vorbild an politischer Kultur, industriellem Fortschritt, wirtschaftlichem Wachstum und freiheitlicher Zivilisation" gemacht. Gestützt auf seine überragende Flotte und seine Seestützpunkte baute Großbritannien zudem das Empire aus. Ferner resultierte aus dem industriellen Vorsprung des Landes, dass dieses zur "Werkstatt der Welt", zu dessen Bankier und dessen Handelspatron wurde.

Zu den Kehrseiten dieser Entwicklung gehörte es, dass in der Außenpolitik eine harte Interessenpolitik, bei der nicht selten andere Mächte gegeneinander ausgespielt wurden, liberale Prinzipien überlagerte. Auch herrschte in der Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik keineswegs ein "goldenes Zeitalter". Wie allenthalben brachte das frühindustrielle Zeitalter mit einer rapide anwachsenden Bevölkerung gewaltige Anpassungsprobleme und Krisen in rascher Folge. Kennzeichnend war die Ausbeutung der Arbeiter, wodurch im Zeitraum um 1848 der Chartismus entstand, eine erste Arbeiterbewegung, ausgerichtet vor allem darauf, ein demokratisches Wahlrecht zu erstreiten. Doch dies änderte nichts daran, dass ein ungemein stabiles Großbritannien im ganzen 19. Jahrhundert und darüber hinaus von keinem revolutionären Impuls erschüttert wurde. Ursache dafür waren auch die richtungweisenden "Großen Reformen" des Jahres 1832, mit denen die politische Elite Großbritanniens aufs Neue die Verfassung des Landes an die zunehmend pluralen und demokratischen Trends der Zeit anpasste. Die Liberalen ganz Europas sahen zu Recht in dieser von England praktizierten Politik einer stufenweisen Modernisierung und eines Peaceful Change ein nachahmenswertes Modell.

Von einer vergleichbaren Vorreiterrolle und kontinuierlichen Ausstrahlung Frankreichs konnte vor 1848 keine Rede sein. Hintergrund war, dass nur allzu rasch die restaurierte Herrschaft der Bourbonenkönige bei massiven Konfrontationen zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft als reaktionär galt; die "drei glorreichen Tage" der Julirevolution (1830) ließen sie wie ein Kartenhaus einstürzen. Auch der folgende "Bürgerkönig" Louis Philippe setzte schließlich keine bleibenden neuen Akzente. Korruption und Reformfeindlichkeit bewirkten schließlich, dass er in der Februarrevolution (1848) bereits nach zwei Tagen das Feld räumen musste.

Nach der großen Französischen Revolution (1789) wurde Frankreich also in rascher Folge von zwei weiteren Revolutionen erschüttert, mit dem Ergebnis, dass sich der Ruf Frankreichs als Mutterland von Revolution und Volksherrschaft in allen Staaten und Völkern unumkehrbar verfestigte. Bei Frontstellung der Konservativen und deutlicher Distanz der Liberalen bewunderten Republikaner und Sozialisten Frankreich, bei dem die Revolution selbst in Restaurationsphasen allenfalls zu schlummern schien. Erwachte diese aufs Neue, dann galt dies - auch wenn Frankreich anders als nach 1789 keine Führungsrolle mehr übernehmen sollte - europaweit als untrügliches Signal für eine allgemeine Dynamisierung der Politik und für einen Aufbruch in Richtung Fortschritt.

Russland verlor in Restauration und Vormärz rasch jenes hohe Ansehen, das es in den Kriegen gegen Napoleon gewonnen hatte, 1848 galt es bei allen fortschrittlichen Kräften als finstere Vormacht der Reaktion und gefürchteter wie verachteter "Gendarm Europas". Schon Zar Alexander (1801-1825), der sich mit einigem Recht auf dem Wiener Kongress als "Befreier Europas" gefühlt hatte und von Hause aus keineswegs ein prinzipieller Feind von liberalen Verfassungsstaaten war, begann rasch wie Metternich umstürzlerische Kräfte zu fürchten. Als "seine" Heilige Allianz (1815), eine moralisch erneuerte Völkergemeinschaft, ausgerichtet auf das Bündnis zwischen Thron und Altar, nach wenigen Jahren scheiterte, wurde er zum exponierten Feind von Volksbewegungen.

Auch sein Bruder und Nachfolger Nikolaj I. (1825-1855) schien nicht prädestiniert, zur Reizfigur für das fortschrittliche Europa zu werden. Vornehmlich interessiert an für Russland günstigen Entwicklungen im Orient sowie an Besitzerweiterungen in Mittelasien, Transkaukasien und Sibirien, wollte er in seinem noch absolut regierten Reich, dessen Rückständigkeit durch die kümmerliche Existenz von weiterhin leibeigenen Bauern offenbar wurde, paternalistisch für das Wohl seiner Untertanen sorgen. Auch war seine strikt konservative Innenpolitik immerhin von Diskussionen über eine Neugestaltung des Zarenreichs und moderate Veränderungen in der Gesellschaft begleitet. Doch schon mit dem Start seiner Herrschaft - er ließ den Dekabristenaufstand (1825), welcher auf eine Beseitigung der Autokratie zielte, blutig niederschlagen - und vollends mit der Niederschlagung eines Polenaufstands (1830/31) wurde er in der öffentlichen Meinung Europas zum notorischen Exponenten eines Polizei- undÜberwachungsstaates, zum Erzfeind von Reformern wie Revolutionären.

Europäische Freiheitsbewegungen

Vor dem Hintergrund dieser Großmächtekonstellation ist die revolutionäre Welle zu sehen, die sich von der Julirevolution in Frankreich ausgehend über Deutschland und andere Teile Europas ergoss. Einen bleibenden Erfolg, der fortan den Liberalen als Symbol dafür galt, dass für Reaktionäre die Uhr ablaufe, erstritt die Freiheitsbewegung in Belgien 1830/31. Vor allem dessen international garantierte Unabhängigkeit und eine deutlich demokratischere Verfassung als die Frankreichs von 1791 stärkten die Hoffnungen auf ein friedliches volksnahes Europa, bestehend aus konstitutionellen Monarchien, in denen die Parlamente gegenüber den Königen dominierten.

Noch nicht zum Ziel kam hingegen die schon kampferprobte, sich Risorgimento (Wiedergeburt) nennende italienische National- und Freiheitsbewegung; doch auch sie gehörte zu den Kräften, die 1848 ermöglichten. Italien wies bereits im frühen 19. Jahrhundert Strukturen auf, die auf das spätere Nord-Süd-Entwicklungsgefälle hindeuteten. Es verfügte nach dem Wiener Kongress nicht einmal über einen dem Deutschen Bund vergleichbaren losen staatlichen Zusammenschluss. Seine wichtigsten Teilbereiche waren neben dem der Habsburgermonarchie eingefügten Königreich Lombardo-Venetien (Hauptstadt Mailand) das Königreich Piemont-Sardinien (Hauptstadt Turin), die mittelitalienischen Herzogtümer, der Kirchenstaat und das Königreich Neapel-Sizilien.

Im Zuge der Julirevolution brachen 1831 Aufstände in Mittelitalien aus, die von Österreich, das Italien kontrollierte und als Antipode des Risorgimento galt, niedergeworfen wurden. Doch italienische Liberale und Demokraten, nunmehr auch in europaweit beachteten Zentren von Exilpolitikern wie in Brüssel, Paris oder London aktiv, sahen diesen Erfolg des "Erzfeindes" als nur temporär an und fanden sich bestärkt in ihrem Kampf gegen Fremdherrschaft, Partikularismus und absolutistisches Regieren.

Nicht zuletzt Publizisten unterschiedlicher politischer Ausrichtung bestimmten zunehmend das Geistesleben Italiens, rüsteten dabei in romantisierender und heroisierender Weise auf und unterminierten so die Ordnung des Wiener Kongresses. Über Italien hinaus wirkte vor allem der Genueser Advokat Giuseppe Mazzini (1805-1872), der 1834 einen internationalen republikanischen Geheimbund "Neues Europa" mit nationalen Sektionen gründete, darunter den Gruppen "Junges Deutschland" und "Junges Polen". Gerade dieser Führer des republikanischen Flügels des Risorgimento begeisterte fortschrittliche Kräfte mit dem farbenfrohen Bild eines jugendlichen Europas, bestehend aus liebenswerten Völkern, das alsbald ein besiegtes monarchisch-altes Europa auf den Schutthaufen der Geschichte befördern werde, wobei nicht selten derbe Überzeichnungen zu beobachten waren.

Tatsächlich erstarkte die italienische Freiheitsbewegung derart, dass in Italien schon 1846 mit der Wahl eines neuen Papstes, die vor dem Hintergrund angestauter Reformen als liberale Wende angesehen wurde, eine Art Revolution vor der Revolution einsetzte, die schon vor der Märzrevolution 1848 Österreichs führende Stellung jenseits der Alpen unterminierte.

In ihrer Wirkung als Katalysator für die 1848er Revolution wurde die italienische nur von der polnischen Freiheitsbewegung übertroffen. Beide Gruppierungen waren durch ihr Exil vernetzt und operierten gleichermaßen historisierend und kampfbetont, wobei das heroische Auftrumpfen nicht selten die inneren ideologischen Grabenkämpfe und die Realitätsferne der Vordenker überdeckten.

Auf polnischer Seite stand der konservativ-konstitutionelle Adam Czartoryski (1770-1861) im Vordergrund, verehrt wurden aber auch Dichter wie Adam Mickiewics (1798-1855), die nicht nur das Hohe Lied vom seelenvollen, liebenswürdigen und "edlen" Polen mit einer heiligen Mission für ganz Europa sangen; sie bestärkten zudem - bei einer europaweit aufblühenden politischen Lyrik und sich ausbreitenden Sangesfreude - die Freiheitskämpfer und lehrten Reaktionäre das Fürchten.

So fasste der zeitgenössische deutsche Historiker Karl von Rotteck (1775-1840) die Stimmung im liberalen Lager Europas drastisch zusammen, indem er von einer "Leidensgeschichte Polens" sprach, dem "traurigsten Schauspiel in der neuen Geschichte", "der entsetzlichsten Verletzung des heiligen Menschen- und Völkerrechts". Angesprochen war hiermit, dass im 18. Jahrhundert die drei "Ostmächte" Russland, Österreich und Preußen im Zuge einer drastischen Unrechtspolitik den polnischen Staat in Teile zerlegt, ihn seitdem als Pfand für eine gemeinsame Politik okkupiert und genutzt hatten. Schon zwischen 1789 und 1815 hatten polnisches Exil und polnische Legionen vergeblich die Uhr zurückzudrehen gesucht; der Wiener Kongress brachte eine neuerliche Teilung, die dem Zarenreich 82 Prozent des ursprünglichen Territoriums zusprach.

Als Kompensation für die Polen gab es eine durchaus ernst gemeinte, aber auch unklar formulierte völkerrechtliche Garantie der polnischen Nationalität, und im "Königreich Polen", das mit Russland in Realunion verbunden war, deuteten zunächst auch eine liberale Verfassung und ein eigenes Heer auf eine friedlich-autonome Entwicklung hin. Doch die lange Ruhepause, die für eine friedliche und respektvolle Einbindung der ihres Staates beraubten Polen in Europa notwendig gewesen wäre, blieb zunächst aus, sie sollte schließlich nie eintreten. Zunächst inszenierten Polen den Novemberaufstand 1830/31, den beeindruckendsten und weitaus heftigsten Freiheitskampf im Gefolge der Julirevolution, den das Zarenreich mit Einverständnis der anderen Teilungsmächte Österreich und Preußen schließlich niederschlagen und mit drastischer Härte bestrafen sollte; der Ausnahmezustand wurde bis 1856 aufrechterhalten. Das lange Durchhalten der kämpfenden Polen, die sich nun schon seit Jahrzehnten als machtpolitisch schwaches, moralisch aber starkes Gegenlager volksfeindlicher Dynastien stilisierten, führte dazu, dass das liberale und demokratische Europa die ins Exil fliehenden polnischen "Helden" in einem Triumphzug sondergleichen empfing. Das zujubelnde Süddeutschland lag dabei nicht nur zufällig an der Strecke, auch im übrigen Deutschland fanden sich die fortschrittlichen Kräfte, die vereint Polenlieder sangen und sich an entsprechender Dichtung erbauten, als "Polenfreunde" in neuem politischen Elan zusammen. 1846/47, bei einem neuerlichen, diesmal aber rasch zusammenbrechenden polnischen Komplott gegen die Teilungsmächte mit anschließendem politischen Prozess in Berlin, war in der reformorientierten deutschen Öffentlichkeit ein Anhalten der Sympathien für die Polen offenkundig.

Hambacher Fest

1830/31 gaben somit vor allem die Julirevolution in Frankreich, der Gewinn der Unabhängigkeit Belgiens und der polnische Freiheitskampf der deutschen National- und Verfassungsbewegung kräftige Impulse. Auch Staaten Mitteldeutschlands wie beispielsweise Kurhessen (1830) und Sachsen (1831) gaben sich Verfassungen, und es schien nur eine Frage der Zeit, bis auch die modernisierungsfeindlichen Großmächte Habsburgermonarchie und Preußen unter Druck geraten würden. Hiervon zeugte nicht zuletzt ein markantes Einzelereignis, das von über 30000 Menschen besuchte Hambacher Fest im Jahre 1832, faszinierend nicht zuletzt durch eine demonstrativ propagierte deutsch-polnische Brüderlichkeit. Die wichtigsten Forderungen dieser bedeutendsten, schon als liberal-demokratisch zu bezeichnenden Kundgebung der Zeit zielten auf ein freies und geeintes Deutschland, eine "Beseitigung der Fürstenherrschaft", auf "Vereinigte Freistaaten von Deutschland" und ein "konföderiertes republikanisches Europa", mitdessen Freiheitskämpfern man sich solidarisch erklärte.

Metternich hatte zu dieser Zeit noch die Kraft zurückzuschlagen. In den Jahren 1832 bis 1834 veranlasste er die Bundesversammlung, eine Flut von Maßnahmen zur Eindämmung solcher Bestrebungen zu erlassen. Die Initiatoren des Hambacher Festes wurden verfolgt, zum Teil verhaftet oder zur Flucht ins Ausland getrieben.

Obwohl diese Gesetze erhebliche Auswirkungen hatten, war mit Beginn der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts der Handlungsspielraum der auf politische Veränderungen drängenden Kräfte sprunghaft größer geworden, was auch daran lag, dass die Knebelungspolitik dieser Zeit nie die Ausmaße der Unterdrückung oppositioneller Regungen durch Diktaturen des 20. Jahrhunderts erreichte.

Teile des Bildungsbürgertums, vor allem "Germanisten" (gemeint waren damals Historiker, Juristen und Sprachwissenschaftler) verschrieben sich der Politik und kämpften, da dies in Parlamenten und in offenen politischen Bekundungen nicht möglich war, mit wissenschaftlichen Lehrbeispielen für die Einheit und Freiheit Deutschlands. So entwickelte der Historiker Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) eine politische Pädagogik und lehrte, dass der reformfreudige Verfassungsstaat England für Deutschland ein leuchtendes Beispiel darstelle. Deutschlands künftige staatliche Konturen wurden in dem 1834 begonnenen "Staatslexikon" der Freiburger Staatsrechtler Karl von Rotteck und Karl Theodor Welcker (1790-1869) vorgezeichnet. Mit Recht wiesen schon Zeitgenossen des Revolutionsjahres darauf hin, dass die 1848er diesen Vorgaben exakt folgten. Und als schließlich 1837 Professoren im Königreich Hannover, die so genannten "Göttinger Sieben", gegen die Aufhebung der dortigen Verfassung durch ihren Monarchen protestierten und aus ihren Ämtern entlassen wurden, brachte die Öffentlichkeit ihrer Zivilcourage nahezu einhellig Sympathie entgegen.