Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Europa unter Modernisierungsdruck

Deutschland im Vormärz

In dem Epochenjahr 1840 fand das Restaurationszeitalter dann unwiderruflich sein Ende. Es begann die in die Märzrevolution des Jahres 1848 einmündende Phase des "Vormärz", die durch neue Entwicklungen in der Außen- und Innenpolitik gekennzeichnet war. Die Orientkrise, in der - bei starkem Engagement der europäischen Mächte - die Türkei ägyptischen Unabhängigkeitsbestrebungen entgegentrat, demonstrierte nun, dass in den internationalen Beziehungen insgesamt ein grundlegender Wandel eingetreten war. Die längst bröckelnde Solidarität der Großmächte war zunehmend gefährdet, und die europäischen Staaten begannen bei Vorreiterrolle Englands sich an weltpolitischen Maßstäben zu orientieren. Kolonien, Welthandel und Flotten rückten mehr und mehr ins Interesse der Politik, das imperialistische Zeitalter hatte begonnen.

Erstarken des Einigungsgedankens

Die deutsche Nationalbewegung mit ihrem stets großen Interesse am internationalen Geschehen nahm regen Anteil an dieser Entwicklung. Umgehend gab es Befürchtungen, dass Deutschland aufgrund seiner staatlichen Zersplitterung als Kolonial- und Seemacht zu spät kommen und aufgrund außen- und innenpolitischer Rückständigkeit zudem seiner ökonomischen und sozialen Probleme nicht Herr werden könne. Der Ruf nach Einigkeit und Recht und Freiheit wurde ergänzt durch eine entschiedene Forderung nach Macht und Weltgeltung. Als Frankreich zur Kompensation seines Machtverlustes im Zuge der Orientkrise den Rhein als Ostgrenze forderte und damit das linke Rheinufer für sich beanspruchte, stärkte dies den Abwehrwillen und das Ansehen der protestierenden deutschen Nationalbewegung. Von nun an herrschte in Deutschland die Überzeugung, dass die Ordnungsvorstellungen des Wiener Kongresses nicht mehr griffen und nur ein starker Nationalstaat für äußeren Schutz sorgen könne. Mit seiner Errichtung würde auch die Fürstenherrschaft in den Einzelstaaten verschwinden.

Innenpolitisch entscheidend waren neue Impulse in der preußischen Politik. 1840 trat Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) die Nachfolge seines Vaters an, der noch als bürokratischer Absolutist geherrscht hatte. Der neue Monarch verfolgte parallel zur deutschen Nationalbewegung, allerdings mit ganz anderen Leitideen, politische Veränderungen großen Stils. Damit wurde umgehend der bisherige Gleichschritt der deutschen Großmächte Preußen und Österreich in Frage gestellt, ohne dass der inzwischen an Einfluss verlierende Metternich dies wirksam unterbinden konnte. Konkret wollte Friedrich Wilhelm IV. Deutschland und Preußen eine christlich-ständestaatliche Struktur geben und begann bald mit Verfassungsexperimenten. Da er eine moderne Repräsentativverfassung strikt ablehnte, versuchte er, bei heftigem Widerspruch Metternichs, mit den ständischen Landtagen der Provinzen Preußens zusammenzuarbeiten. Diese ließ er 1847 schließlich als "Vereinigten Landtag" gemeinsam tagen, schickte das Gremium jedoch, als es eine effektive Mitbestimmung und Gewaltenteilung anstrebte, unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Damit war Preußen am Vorabend der 1848er-Revolution zwar noch nicht definitiv in den Kreis der Verfassungsstaaten eingetreten, doch war der Druck der Öffentlichkeit auf den Preußenkönig immens, die seit Jahrzehnten ausstehenden Verfassungsversprechen seines Vaters einzulösen.

Verschiedene Bestrebungen, besonders eine mündig gewordene Freiheits- und Nationalbewegung, hatten somit seit 1840 in verstärktem Maße den föderativen Deutschen Bund untergraben, um der demütigenden Rolle Deutschlands als Pufferzone in der Mitte Europas ein Ende zu bereiten. Der Wunsch der Reformkräfte nach Freiheit und nationalstaatlicher Einigung Deutschlands erscheint heute legitim, doch er war zur damaligen Zeit mit immensen Problemen und Risiken verbunden. Die angestrebte Umkehr der Machtverhältnisse in Mitteleuropa, die von anderen Staaten allzu leicht als Gefährdung des europäischen Gleichgewichts gesehen werden musste, war ohne Gewalt kaum durchsetzbar. Dies galt um so mehr, als von der Mitte bis zum Osten Europas keine klaren Sprachgrenzen bestanden, die vorwegbestimmten, wo die Grenzen des künftigen Deutschlands zu ziehen seien. Das deutsche Volk war bei exponierter Lage in Mitteleuropa zudem im Vergleich zu seinen Nachbarvölkern so groß, dass ein deutscher Nationalstaat leicht nach Vorherrschaft hätte streben können. Schließlich stand auch ein Ende der Teilung Europas in einen politisch fortschrittlichen Westen und einen politisch stagnierenden Osten auf dem Programm. Was sich über die Entwicklung in Deutschland im Vorfeld der Revolution von 1848 anbahnte, war demnach eine fundamentale Umgestaltung ganz Europas, deren Tragweite die Zeitgenossen vielfach unterschätzten.

Wirtschaftliche Umwälzungen

Auch die gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse verlangten zwingend einen Neuanfang. Die Epoche war durch einschneidende Veränderungen im Agrarsektor sowie durch den Beginn des industriellen Zeitalters gekennzeichnet. Die Bevölkerung hatte sich im Gebiet des Deutschen Bundes - ohne Einrechnung der österreichischen Bundesgebiete - seit 1815 auf rund 35 Millionen Menschen fast verdoppelt. Ein Überangebot an Arbeitskräften stand einem - auch durch ersten arbeitskräftesparenden Maschineneinsatz - verringerten Arbeitsplatzangebot gegenüber.

Im Vergleich zur führenden Industriemacht England war Deutschland immer noch weitgehend agrarisch strukturiert. Im Deutschen Bund arbeiteten zur Jahrhundertmitte 60 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft, 25 Prozent im Gewerbe und 15 Prozent im Dienstleistungssektor. Die Leibeigenschaft war zwar überall abgeschafft, nicht selten waren aber ungeachtet einer fortschreitenden Auflösung patriarchalischer Verhältnisse noch feudale Abhängigkeiten und Dienstleistungsverpflichtungen zu beobachten.

Das Zentralproblem war, dass die Reformen in der Landwirtschaft wie neue Düngemethoden und erste Maschineneinsätze zwar steigende Erträge erbrachten, aber längst nicht mehr allen Menschen auf dem Lande den Broterwerb sicherten. Während viele - oft vergeblich - durch Emigration vorwiegend in die USA der Armut zu entgehen suchten, löste die Not auf dem Lande zunächst und vor allem eine Binnenwanderung in die Städte aus. Wien, Berlin, Hamburg, Breslau und München wurden zu ersten Großstädten. Hier verstärkten die Ankömmlinge das sprunghaft anwachsende arbeitslose Proletariat in den Vorstädten. Statistiken besagen, dass annähernd 60 Prozent der Stadtbewohner nicht einmal über das Existenzminimum verfügten.

Das selbstbewusste städtische Bürgertum beobachtete diese Entwicklung mit Sorge, schon die damalige Öffentlichkeit diskutierte über die neue Armut, den "Pauperismus". Von wachsender Not betroffen waren aber auch als zahlenmäßig stärkste Gruppe die Handwerker, die keine Arbeit mehr fanden. Die Industrie war noch zu schwach entwickelt und nicht effektiv genug, um notwendige Arbeitsplätze, soziale Erleichterungen oder gar Wohlstand zu schaffen.

Dennoch winkte - jedenfalls mittelfristig gesehen - gerade von dieser Seite Abhilfe. Vor allem der die Eisen- und Kohleproduktion fördernde Eisenbahnbau als neuer Leitsektor leistete in den frühen 1840er Jahren einen großen Beitrag zur Arbeitsbeschaffung. Darüber hinaus schuf er Zukunftsperspektiven, bewirkte eine ganz neue Mobilität der Menschen und ließ die Einzelstaaten, aber auch Stadt und Land, näher zusammenrücken.

Die Anfänge der Industrialisierung und die Schaffung eines großflächigen Wirtschafts- und Handelsraums mit dem "Deutschen Zollverein" von 1834 (dem allerdings die Habsburgermonarchie nicht angehörte) stärkten auch den Willen zum politischen Aufbruch. Als über Deutschland, vor allem durch die Missernten von 1842, 1845 und 1846 bedingt, Hungersnöte, Massenarbeitslosigkeit, Teuerung und Depression hereinbrachen und zu lokalen Revolten führten, erwies sich die alte Führungsschicht als unfähig, dem heraufziehenden industriellen Zeitalter neue Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen. Gerade die entscheidenden Mächte Habsburgermonarchie und Preußen waren bei Bankenkrisen, die auch andere Staaten erschütterten, von einem Staatsbankrott bedroht und hatten einen Kollaps ihrer Wirtschaften zu befürchten. Unwiderlegbar war der Vorwurf der National- und Freiheitsbewegung, eine modernisierungsfeindliche Politik habe es seit dem Wiener Kongress versäumt, sich auftragsgemäßum das Wohl des Volkes zu kümmern.

Neue politische Gruppierungen

Gleichzeitig begannen sich die noch vielfach an das 18. Jahrhundert erinnernden Milieus ständischer, regionaler oder konfessioneller Art mit ihren starken Bindungen aufzulösen. Die Zeit war reif für einen Aufbruch unter neuer politischer Führung zu einer modernen pluralistischen Gesellschaft mit neuen politischen Strukturen.

Die Richtung für diesen Neubeginn hatte schon die Freiheits- und Nationalbewegung zur Zeit der Kämpfe gegen Napoleon vorgezeichnet, doch hatte diese sich im Vormärz grundlegend weiterentwickelt. In langer Tradition seit 1812 standen die alten, durch Unterdrückung keineswegs beseitigten Burschenschaften und aus diesen rekrutierte neue Führungskader. Ebenfalls in traditioneller Weise wirkten die von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) 1811 gegründeten und politisch engagierten Turnvereine und die entsprechend motivierten Gesangvereine. Diese breiten Gruppen konnten sich zwar immer noch nicht direkt politisch artikulieren, pflegten aber eine politische, das gesellschaftliche Leben prägende Festkultur, in der die Verherrlichung eines freien und starken Deutschland eine kaum verhüllte Kampfansage an das herrschende System darstellte.

Hauptbezugspunkte waren das in verklärtem Licht gesehene alte Reich, die vielfach gleichfalls mythologisierten Befreiungskriege gegen Napoleon und der Abwehrwille gegen Frankreichs Ambitionen 1840 auf den Rhein, der in romantischen und trotzigen Rheinliedern popularisiert wurde. In gleicher Intention wirkten nicht nur die genannten Professoren (s. Seite 11), sondern auch Publizisten und Künstler verschiedenster Richtungen, allen voran politische Dichter wie Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874), der 1841 die spätere Deutsche Nationalhymne schrieb, Ferdinand Freiligrath (1810-1876) oder Georg Herwegh (1817-1875). Dank neuer Druck- und Kommunikationsverfahren erreichten Wort und Bild in Salons und Lesezirkeln ein immer größeres Publikum. Dadurch erhielt die politische Öffentlichkeit, Grundvoraussetzung für einen Verfassungsstaat mit politisch mitverantwortlichen Staatsbürgern, eine vormals nicht denkbare Breite.

Auf dieser Basis entstanden allmählich Gruppierungen mit gemeinsamen, auf Mitgestaltung des politischen Lebens ausgerichteten Zielvorgaben, die das im späteren 19. Jahrhundert für Deutschland charakteristische Fünfparteiensystem vorprägten. Zu diesem Zeitpunkt waren Einfluss und Bedeutung von Sozialisten und Katholiken noch begrenzt, und auf konservativer Seite widersprach eine Mobilisierung dem Zeittrend. Verfolgungsmaßnahmen bedingten, dass das Wirken von Sozialisten weitgehend auf Emigrantenbünde beschränkt blieb. Katholiken fanden bei Frontstellung gegen säkularisierende Maßnahmen vor allem im Kampf um kirchliche Selbstverwaltung zusammen. Die verfassungsfeindliche Politik der deutschen Großmächte förderte eher Hochkonservative, die entweder die bürokratisch-absolutistischen Regime trugen oder aber an vorabsolutistische ständestaatliche Staatsmodelle anknüpfen wollten. Für Reformkonservative, die sich dem Zeittrend in Richtung von Verfassungsstaaten nichtverschlossen, gab es zunächst kaum Entfaltungsmöglichkeiten. Daher fiel den Liberalen und den Demokraten als Erben und Fortführern der Einheits- und Freiheitsbewegung das entscheidende Gewicht zu.

Die letztgenannten beiden Gruppierungen, die wie die anderen verschiedene Flügel aufwiesen, waren anfangs noch nicht klar voneinander getrennt. Die Liberalen, vielfach Konstitutionell-Liberale genannt, strebten in Anlehnung an die Deutsche Bundesakte und an Erfolge des Frühkonstitutionalismus eine eher sanfte Umwandlung des Deutschen Bundes in eine "konstitutionelle Monarchie" an. Darunter verstanden sie einen Verfassungsstaat mit einem starken liberalen Monarchen, parlamentarischer Mitverantwortung in Gesetzgebungs- und Budgetfragen und geschützten staatsfreien Sphären der Staatsbürger. Die mehrheitlich republikanischen Demokraten wollten das Metternichsche System mit einem klaren Schnitt durch eine parlamentarische Republik ersetzen; zeitgenössisch wurden sie oder ihr linker Flügel daher vielfach als "Radikale" gekennzeichnet. Beide Gruppierungen wurden im Vormärz noch weitgehend von Honoratioren getragen, von einzelnen bekannten Persönlichkeiten, die zumeist dem städtischen Bildungsbürgertum angehörten. Bei den Liberalen, vor allem im Rheinland, begann aber auch das wirtschaftlich zu Erfolg gekommene Besitzbürgertum eine Rolle zu spielen.

Am Vorabend der Revolution von 1848 meldeten sich schließlich im Windschatten der preußischen Verfassungsexperimente vor allem im Südwesten Deutschlands Liberale und Demokraten mit direkten und offenen Forderungen nach einer Umgestaltung Deutschlands zu Wort. In Baden verlangte beispielsweise der Liberale Friedrich Bassermann (1811-1855) für Deutschland ein Nationalparlament, während die Demokraten Friedrich Hecker (1811-1881) und Gustav von Struve (1805-1870) im dortigen Parlament den Deutschen Bund als Unrechtsregime anprangerten. Als schließlich an allen Parteiverboten vorbei die Demokraten im September 1847 in Offenburg und einen Monat später die Liberalen in Heppenheim öffentlich politische Programme aufstellten, war dies der Schlussstein einer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung, die eine fundamentale Umgestaltung Deutschlands endgültig unausweichlich werden ließ. Zur Auslösung der "Märzrevolution" fehlte lediglich der zündende Funke.