Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Märzrevolution und Liberalisierung

Umsturz in Österreich

So spannend und richtungweisend der machtpolitische Sturz der "Zaunkönige" von Mittel- und Kleinstaaten auch sein mochte, das Schicksal der Revolution entschied sich in Preußen und vor allem in Österreich. Letzteres bestand aus höchst unterschiedlichen Landesteilen mit vielfach ständestaatlichen Einrichtungen; nirgends gab es Repräsentativverfassungen. Nicht zum Deutschen Bund gehörten die Habsburger Königreiche Galizien und Ungarn im Osten sowie das Lombardisch-Venetianische Königreich im Süden. In allen Regionen lebten verschiedene Nationalitäten nebeneinander, wobei die kroatische Minderheit in Ungarn und die deutsche Minderheit im zum Deutschen Bund gehörenden Königreich Böhmen-Mähren für 1848 besonders wichtig waren.

Dieser für eine Umgestaltung Europas im Sinne von nationalen Verfassungsstaaten denkbar ungeeignete Vielvölkerstaat wurde durch die Dynastie der Habsburger zusammengehalten. An der Spitze Österreichs stand mit Ferdinand I. ein an Epilepsie leidender, regierungsunfähiger Kaiser. Eine "Staatskonferenz" traf alle wichtigen Entscheidungen. Dieser gehörten Erzherzöge des Hauses Habsburg und hohe Regierungsvertreter an, wobei Metternich, obwohl seit 40 Jahren Staatskanzler, längst keine Integrationsfigur mehr darstellte. Die dem ganzen Deutschen Bund verordnete Politik der Unterdrückung fortschrittlicher Kräfte funktionierte selbst in der Hauptstadt Wien nur noch unvollkommen. Verlass war höchstens noch auf das Militär und die Bürokratie, während zur Erhaltung des Status quo Nationen, Parteien und Klassen geschickt gegeneinander ausgespielt wurden.

Für den Offenbarungseid des Systems Metternich sorgte 1848 das Nationalitätenproblem des Vielvölkerstaates. Gewaltsam erstritt in Italien schon Anfang Februar das Risorgimento für Neapel-Sizilien eine Verfassung, während fast zeitgleich und für die italienische Geschichte richtungweisend auch der neue König Karl Albert in Sardinien-Piemont eine Konstitution erließ. Daneben stellte die italienische Nationalbewegung die österreichische Herrschaft in der Lombardei und in Venetien grundlegend in Frage, was nach Metternichs Auffassung eine militärische Intervention nötig machte. Das von massiven wirtschaftlichen und sozialen Nöten betroffene Österreich war hierzu vor allem finanziell nicht in der Lage, ein Staatsbankrott und eine Staatskrise drohten. Zur Abwehr dieser Krise sammelten sich bei eher unklaren Fronten "Reformer" aus den alten Eliten im Umfeld von Regierung und Bürokratie sowie in Adel und ständischen Zirkeln. Diese empfingen von Liberalen in Niederösterreich, Böhmen und Ungarn Reformideen, verfügten aber dennoch über keine klaren Vorstellungen, wie ein modernisiertes Österreich aussehen sollte.

Aufstand in Wien

Über Böhmen und vor allem Ungarn, wo der Revolutionsführer Lajos Kossuth am 3. März in der "Taufrede" der Revolution konstitutionelle Regierungen für alle Länder Österreichs und weitgehende Selbstständigkeit für das eigene Land forderte, drang die revolutionäre Welle in das ohnehin handlungsunfähige Österreich ein. Am 13. März traten die nieder-österreichischen Stände mit dem Ziel zusammen, eine Eingabe an die Regierung zu erstellen. Um dem Anliegen der Stände mehr Nachdruck zu verleihen, förderten die "Reformer" aus den alten Eliten Demonstrationen, an denen sich Handwerker, Arbeiter und Studenten beteiligten.

Als sich die Ständeversammlung aber die nun auch in Wien erhobenen Märzforderungen zu eigen machte, kam es prompt zu denselben Turbulenzen wie in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten. Gewalttätigkeiten der Demonstranten trafen auf eine übermäßig harte Reaktion der Soldaten und lösten einen regelrechten Aufstand aus. Die bürgerlichen Kräfte, die in einem "Juridisch politischen Leseverein", im Gewerbeverein und in der Universität ihre Zentren hatten, waren in Wien relativ schwach und konnten sich nicht wie in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten an die Spitze der Bewegung stellen. Die Stoßkraft der Aufstandsbewegung resultierte folglich aus dem Bankrott der alten Führungskräfte sowie massiven Demonstrationen von Handwerkern und Arbeitern, die durch Studentenproteste wirksam ergänzt wurden. Der Wiener Aufstand schuf den Mythos von einer Achse zwischen Arbeitern und Studenten.

Überstürzt wurde Metternich am 13. März entlassen, als er einen massiven Einsatz des Heeres forderte. Dieses sollte jedoch, da es für äußere Kriege wie in Italien gebraucht wurde, nicht in einem inneren Konflikt aufgerieben werden. Nach der in ganz Europa Aufsehen erregenden Flucht Metternichs sah sich die Staatskonferenz Zug um Zug zu weiteren Teilkapitulationen vor der Volksbewegung gezwungen, bis sie schließlich am 15. März ein konstitutionelles Regime zusicherte, womit die Unruhen zunächst ein Ende fanden.

In der Habsburgermonarchie konnte eine solche Zusicherung zunächst nicht mehr als die Verwendung einer beschwichtigenden magischen Zauberformel bedeuten. Die Nationalitätenprobleme, allen voran Unabhängigkeitsbestrebungen in Italien, Ungarn und Böhmen, entwickelten erhebliche Sprengkraft innerhalb des bislang dynastischen Staates. Dem allzu schwachen liberalen Bürgertum, das allein als Träger einer Verfassungspolitik in Frage kam, war es nicht gelungen, die Macht zu erobern. Immerhin wurde im Zuge der von der Staatskonferenz zugesagten "Volksbewaffnung" eine Wiener Nationalgarde aufgestellt, die mit der akademischen Legion als Kerntruppe die Ruhe in der Stadt wieder herstellte. Doch das stärkte die den Problemen nicht gewachsene und von keiner Seite gestützte Regierung nicht dauerhaft. Die Habsburgermonarchie schien als Führungsmacht am Ende zu sein, ihre Konsolidierung lag im Ungewissen.