Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Märzrevolution und Liberalisierung

Kapitulation des Preußenkönigs

Die Märzrevolution in Preußen hatte wiederum eine andere politische Konstellation zur Folge. Das Königreich war noch kein zusammenhängender Flächenstaat, seine Provinzen Rheinland und Westfalen im Westen waren vielmehr von denen im Osten - Brandenburg, Sachsen, Schlesien, Pommern, Preußen und Posen - durch die Staaten Hannover und Hessen getrennt; die Provinzen Posen und Preußen gehörten dem Deutschen Bund nicht an. In weiten Bereichen waren die Modernisierungen des Staates aus der Stein-Hardenbergschen Zeit in Rückständigkeit umgeschlagen.

Gegensätze zwischen den überwiegenden Agrarregionen - auf dem Lande und in den kleinen Städten lebten über 90 Prozent der Bevölkerung - und den Industriezonen Berlin/Schlesien und Westfalen/Rheinland waren ebenso augenfällig wie Unterschiede zwischen Osten und Westen, wo Modernisierungen aus napoleonischer Zeit beibehalten worden waren. Während vor allem im Rheinland ein selbstbewusstes Wirtschaftsbürgertum auf politische Mitbestimmung drängte, lebte in den alten Kernregionen Preußens, allen voran in Brandenburg, das Gros der ländlichen Bevölkerung unter dem dortigen Landadel in anhaltender politischer Stagnation; vor allem Rittergutsbesitzer bewahrten patrimoniale Strukturen. Nicht befriedigend abgeschlossen waren, vor allem in Schlesien, die Folgen der 1811 verfügten Bauernbefreiung. Da die Ablösung der bäuerlichen Lasten den frei gewordenen Bauern erhebliche Landabtretungen an die Gutsbesitzer auferlegt hatte und ihre Resthöfe häufig unrentabel wurden, bauten sich erhebliche Spannungen auf. Wie in Österreich Wien, so fiel auch in Preußen der Hauptstadt Berlin eine Sonderrolle zu. In ihr stießen die Interessen von Kräften des alten preußischen Beamten- und Militärstaates sowie die von Bürgertum, Handwerkern, Arbeitern und Unterschichten hart aufeinander.

Der Erhebung im Jahre 1848 gingen Reformanstrengungen des Königs voraus, die den nationalen und liberalen Kräften in letzter Minute zuvorkommen sollten. So hatte Friedrich Wilhelm IV. versucht, über einen Fürstenkongress deutschlandpolitisch die Initiative zu ergreifen und Reformen auf den Weg zu bringen, war aber an Metternich gescheitert. In der Innenpolitik hatte er dem Vereinigten Preußischen Landtag das Recht auf periodische Tagungen eingeräumt, womit dessen Weg hin zu einem modernen Parlament schon vor der eigentlichen Märzrevolution frei zu sein schien. Allerdings fand dies nur noch wenig Beachtung, da sich der Monarch erkennbar allein dem massiven Druck der sich auch in Preußen rasch ausweitenden Demonstrations- und Petitionsbewegung gebeugt hatte, die ihrerseits schon viel mehr, nämlich ein aus demokratischen Urwahlen hervorgehendes Parlament forderte.

Vom fortschrittlichen Westen aus erfassten die Unruhen alle Provinzen und die Hauptstadt. In Berlin formierte sich in den Tagen vom 6. bis 18. März die bürgerliche Protestbewegung, die Unterstützung aus den Arbeitervierteln erhielt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Protestierenden und eingesetzten Heerestruppen gewannen an Schärfe. Selbst Todesopfer waren zu beklagen. Für diese Entwicklung hatte letztlich der Monarch selbst gesorgt, der das Heer in dessen Herr-im-Haus-Haltung bestärkte. Erst als eine revolutionäre Erhebung in Berlin unausweichlich erschien, gab der König nach und entschied sich, die Märzforderungen zu bewilligen.

Barrikadenkämpfe in Berlin

Doch die Dankeskundgebung der begeisterten Volksmenge vor dem Schloss endete am 18. März im Desaster. Als in der Menge der Ruf nach einem Rückzug des Militärs laut wurde, gab der König den Soldaten den Befehl zur "Säuberung" des Schlossplatzes. Zwei Schüsse von militärischer Seite lösten ein allgemeines Entsetzen über diesen "Verrat" und blutige Barrikadenkämpfe aus. Als am Folgetag die Militärs einen Sieg "mit den vorhandenen Streitkräften" als nicht erreichbar erklärten, gab der König erneut nach und ließ das Heer nach Potsdam abziehen. Der Volkszorn richtete sich in dieser Situation weniger gegen den König, der lavierend und schauspielernd "seinen lieben Berlinern" schmeichelte und ausländischen Provokateuren alle Schuld zuwies, als gegen den Prinzen von Preußen. Prinz Wilhelm, Bruder des Königs, Thronfolger sowie später erster Kaiser des Deutschen Reiches, musste als prominentester Verfechter einer harten Linie fliehen.

Einer Übergangsregierung folgte am 29. März ein liberales Märzministerium unter Führung der rheinischen Wirtschaftsliberalen Ludolf Camphausen (1803-1890) und David Hansemann (1790-1864). Wahlen für ein Parlament, das für Preußen eine Verfassung ausarbeiten sollte, wurden für den 1. Mai festgesetzt. Da der König auch eine deutsche Nationalversammlung akzeptierte, endete die Märzrevolution in Preußen wie in den Klein- und Mittelstaaten mit einem Triumph der Aufständischen. Eine gleichzeitige Liberalisierung Preußens als Teil- und Deutschlands als Gesamtstaat schien auf den Weg gebracht.

Diese Sachlage war allerdings nicht eindeutig. Friedrich Wilhelm IV. lag zwar, wie er selbst plastisch formulierte, "auf dem Bauch". Symbolträchtig war das Geschehen vom 19. März: Der König musste sich vor den Opfern der Barrikadenkämpfe, den "Märzgefallenen", verbeugen. Aber schon seine eigene Ausdrucksweise ließ erkennen, dass er weder kapituliert hatte noch zu einem Liberalen bekehrt worden war. Dass ihm nach nur gut sieben Monaten ein politischer Wiederaufstieg als gegenrevolutionäre Schlüsselfigur des Revolutionsjahres in Deutschland insgesamt gelang, ruft Interesse an seiner Persönlichkeit wach.

Ziele und Taktik Friedrich Wilhelms IV.

Friedrich Wilhelm IV. wollte Deutschland macht- und verfassungspolitisch verändern. In romantischer Verklärung des Mittelalters erstrebte er ein mächtiges deutsches Reich, das altfränkisch, hierarchisch und paternalistisch sein sollte. Der sich selbst als abendländisch-christlicher Monarch von Gottes Gnaden verstehende Herrscher legte Wert auf "erneuerte" Stände in Deutschland und Preußen. Allerdings sollten diese Stände nur hin und wieder einberufen werden und strikt auf eine beratende und akklamierende Funktion beschränkt bleiben. Die Führungsmacht der Habsburgermonarchie wurde nicht in Frage gestellt, doch auch Preußen sollte an Macht gewinnen und bei einem möglichen Ausfall Österreichs deutschlandpolitisch die Führung übernehmen.

Trotz seines eher unmilitärischen und unbürokratischen Wesens beharrte er auf seinen Prinzipien mit doktrinärer Härte. In seiner Jugend war die Existenz Preußens bedroht gewesen, und sein Vater hatte den Kampf gegen die Revolutionäre im Westen sowie gegen Napoleon als heiligen Krieg gegen teuflische Kräfte geführt. Ganz in dieser Tradition sah sich Friedrich Wilhelm IV. gefordert für den Fall, dass aufs Neue Anarchie und Revolution drohten. Mit den Liberalen hatte er im Vormärz einen "Dialog" gesucht, doch allein mit dem Ziel, sie zur Umkehr zu bewegen. Im Grunde sah er diese bürgerlichen Kräfte in einer Linie mit Anarchisten, Sozialrevolutionären und Demokraten, die die Macht "usurpieren" wollten und seine Ziele gefährdeten.

Für die Zeitgenossen, allen voran die Liberalen, war dies schwer zu erkennen. Parallelen im programmatischen Ansatz, "Gesprächsbereitschaft" und sein vorübergehendes Nachgeben in kritischen Situationen - er wollte von seinem Volk geliebt werden - gaben immer wieder, so auch bei seinen weitreichenden Zusagen im März 1848, Anlass zu der Annahme, mit diesem König sei ein Aufbruch in ein liberales Preußen und Deutschland möglich. Dies galt in besonderem Maße für die nun in der Regierung federführenden rheinischen Liberalen, die Wirtschaftsreformen und einen ungestörten Wirtschaftsaufschwung als Grundbestandteil einer politischen Erneuerung ansahen, Revolution und sozial-revolutionäre Tendenzen daher besonders rasch ersticken wollten und ganz auf eine Zusammenarbeit mit dem König setzten.

Zumindest im historischen Rückblick aber ist nicht zu übersehen, dass Friedrich Wilhelm IV. sich schon in den Tagen der Märzrevolution Rechtsansprüche sichern konnte, die ihm später Veränderungen in seinem Sinn ermöglichten. So sprach das Wahlgesetz für die verfassunggebende Versammlung, die bald "preußische Nationalversammlung" genannt werden sollte, von einer Verfassung, die zu "vereinbaren" war, was Mitbestimmungsrechte des Königs festschrieb. Deutschlandpolitische Akzente setzte er am 21. März in einer schauspielerischen Höchstleistung mit einem als versöhnliche Geste wirkenden Umritt in Berlin. Er schmückte sich mit einer Schärpe in den deutschen Farben und sprach in einer Proklamation "An mein Volk und die deutsche Nation" davon, dass Preußen nunmehr "in Deutschland aufgehe", dass er "für die Tage der Gefahr" die Führung übernehme und dass nur eine "innigste Vereinigung der deutschen Fürsten und Völker" die Rettung Deutschlands bringen könne.

Quellentext

Gesinnungswandel?

Aus der Rede König Friedrich Wilhelms IV. bei der Eröffnung des Vereinigten Landtages am 11. April 1847:

Es ist Gottes Wohlgefallen gewesen, Preußen durch das Schwert groß zu machen, durch das Schwert des Krieges nach außen, durch das Schwert des Geistes nach innen. Aber wahrlich nicht des verneinenden Geistes der Zeit, sondern des Geistes der Ordnung und der Zucht. Ich spreche es aus, meine Herren: Wie im Feldlager ohne die allerdringendste Gefahr und größte Torheit nur ein Wille gebieten darf, so können dieses Landes Geschicke, soll es nicht augenblicklich von seiner Höhe fallen, nur von einem Willen geleitet werden. [...]
Es drängt mich zu der feierlichen Erklärung, daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche, gerade bei uns durch seine innere Wahrheit so mächtig machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles konstitutionelles zu wandeln, und daß ich es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unseren Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt, gleichsam als eine zweite Vorsehung, eindränge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte, heilige Treue zu ersetzen.

Aus der Proklamation des Königs von Preußen vom 21. März 1848:
An Mein Volk und an die deutsche Nation!
[...] Ich habe heute die alten deutschen Farben angenommen und Mich und Mein Volk unter das ehrwürdige Banner des deutschen Reiches gestellt. Preußen geht fortan in Deutschland auf. [...]
Gleichzeitig mit den Maßregeln zur Abwendung der augenblicklichen Gefahr wird die deutsche Stände-Versammlung (Einzuberufender Preußischer Landtag, Fürsten und Stände des Deutschen Bundesgebietes - Anm. d. Red.) über die Wiedergeburt und Gründung eines neuen Deutschlands berathen, eines einigen, nicht einförmigen Deutschlands, einer Einheit in der Verschiedenheit, einer Einheit mit Freiheit.
Allgemeine Einführung wahrer konstitutioneller Verfassungen, mit Verantwortlichkeit der Minister in allen Einzelstaaten, öffentliche und mündliche Rechtspflege, in Strafsachen auf Geschworenengerichte gestützt, gleiche politische und bürgerliche Rechte für alle religiösen Glaubensbekenntnisse und eine wahrhaft volksthümliche, freisinnige Verwaltung werden allein solche sichere und innere Einheit zu bewirken und zu befestigen im Stande sein.

Hans Jessen (Hg.), Die deutsche Revolution 1848/49 in Augenzeugenberichten, München 1973, S. 23 f. und 46 f.

Nach diesen Aktionen verfiel der Monarch, was die Führung des Landes anging, für Frühjahr und Sommer 1848 in Passivität. Er dachte nicht daran, seiner Regierung die Hand zur Zusammenarbeit beim Aufbau einer liberalen Ordnung zu reichen, im Gegenteil, er forderte immer neue Rücksichtnahmen und Konzessionen. Bei alledem umgab er sich seit Ende März verstärkt mit einer "Kamarilla", einem Freundes- und Beraterkreis wechselnder Zusammensetzung, bestehend aus Angehörigen des Hofes, des Landadels, der hohen Bürokratie und der Armee, der sich als Gegenregierung anbot und den König zu gegenrevolutionärem Handeln drängte. In Preußen schien zumindest Wachsamkeit am Platz, damit der Sieg der Liberalen nicht in Gefahr geriet.