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Abgeordnetenhauswahl in Tschechien

Redaktion

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Am 8. und am 9. Oktober fanden in Tschechien die Wahlen zum Unterhaus des Parlaments statt. Ministerpräsident Andrej Babiš sah sich im Wahlkampf neuen Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Seine Partei ANO verlor knapp die Wahl. Das SPOLU-Bündnis wurde stärkste Kraft, doch der Fortgang zur Regierungsbildung ist derzeit unklar.

Petr Fiala, Marketa Pekarova Adamova und Marian Jurecka (v.l.n.r.) vom SPOLU-Bündnis feiern ihren Sieg bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus des tschechischen Parlaments. (© picture alliance/dpa/CTK | Vit Simanek)

Am 8. und 9. Oktober haben die Bürgerinnen und Bürger der Tschechischen Republik ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Tschechien ist eine parlamentarische Republik. Staatsoberhaupt des Landes ist der derzeit amtierende Staatspräsident Miloš Zeman. Die legislativen Funktionen hat das Parlament inne, das aus dem Abgeordnetenhaus und dem Senat besteht.

Andrej Babiš von der Partei ANO wurde 2017 in das Amt des Ministerpräsidenten gewählt. Mit 27,1 Prozent der Stimmen verlor ANO knapp die Abgeordnetenhauswahl 2021. Stärkste Kraft wurde das Mitte-Rechts-Bündnis SPOLU mit 27,8 Prozent der Stimmen. SPOLU will mit dem drittplatzierten Mitte-links-Bündnis aus Piraten und Stan eine Koalitionsregierung stellen. Allerdings ist der Fortgang der Regierungsbildung derzeit unklar. Staatspräsident Zeman muss den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen. Dieser wurde jedoch nach der Wahl in ein Krankenhaus eingeliefert. Im Vorfeld kündigte Zeman an, den Parteichef mit dem stärksten Einzelergebnis zu beauftragen und nicht den des stärksten Bündnisses. Somit würde ANO trotz knapper Niederlage im Rennen bleiben. Wem Zeman den Auftrag zur Regierungsbildung tatsächlich erteilt, ist derzeit unklar.

Bei der Abgeordnetenhauswahl 2017 ging die Bewegung "Aktion unzufriedener Bürger" (Akce nespokojených občanů, ANO – das Kürzel bedeutet auf Tschechisch "Ja") des Unternehmers Andrej Babiš mit 29,64 Prozent der Stimmen als stärkste Kraft hervor. Nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen bildete die ANO zunächst eine Minderheitsregierung, die jedoch bald eine Vertrauensabstimmung verlor und zunächst nur kommissarisch im Amt blieb. Im Sommer 2018 formte Babiš eine weitere Minderheitsregierung, dieses Mal mit der Tschechischen Sozialdemokratischen Partei (Česká strana sociálně demokratická, ČSSD). Toleriert wurde das Bündnis bis zum Frühjahr 2021 von der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens (Komunistická strana Čech a Moravy, KSČM).

Wer tritt zur Wahl an?

Der Wahlverlierer Andrej Babiš und seine Konkurrentinnen und Konkurrenten am 6. Oktober 2021 während einer Fernsehdebatte. (© picture-alliance/dpa, CTK/Ondrej Deml)

Die Bewegung ANO trat als stärkste politische Kraft in Tschechien zu den Parlamentswahlen 2021 an. Ihr Anführer Andrej Babiš ist mit einem geschätzten Vermögen von mehreren Milliarden Euro einer der reichsten Menschen des Landes. Immer wieder war er in der Vergangenheit mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Die Anti-Korruptions-Behörde der EU, das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (OLAF), ermittelte gegen ihn wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug. Er selbst behauptet von sich, in die Politik gegangen zu sein, um Korruption zu bekämpfen. Als Partei ist ANO politisch schwer zu verorten. Einerseits inszeniert sich Babiš als ein vermeintlich unabhängiger Anwalt des Volkes. Auch sympathisierte Babiš ideologisch mit dem früheren US-Präsidenten Donald Trump. Andererseits versteht sich ANO als liberal. Zudem trägt die Politik der Partei auch soziale Züge: So erhöhte die Regierung in der vergangenen Legislaturperiode die Renten und beschloss ÖPNV-Zuschüsse für Seniorinnen und Senioren sowie für Studierende.

Als wichtigste Oppositionskraft trat das Mitte-Rechts-Bündnis SPOLU zur Wahl an. Es besteht aus drei Parteien: Die liberal-konservative Demokratische Bürgerpartei (Občanská demokratická strana, ODS), die viele Jahre die Regierung anführte, der Christlichen und Demokratischen Union – Tschechoslowakische Volkspartei (Křesťanská a demokratická unie – Československá strana lidová, KDU-ČSL) und die bürgerlich-konservative Partei Tradice (odpovědnost, prosperita, Top 09). Die SPOLU-Koalition will unter anderem die Neuverschuldung begrenzen, Steuererhöhungen stoppen, Bürokratie abbauen und die Digitalisierung des Staates vorantreiben.

Bei der Abgeordnetenhauswahl 2017 zog die tschechische Piratenpartei (Česká pirátská strana) als damals drittstärkste Partei ins tschechische Abgeordnetenhaus ein. Sie tratt in diesem Jahr im Bündnis mit der liberal-konservativen Bewegung "Bürgermeister und Unabhängige" (Starostové a nezávislí, STAN) an und ist vor allem bei jungen urbanen Wählerinnen und Wählern beliebt. Sowohl SPOLU als auch das aus Piraten und STAN bestehende Bündnis galten im Vorfeld der Wahlen als die wichtigsten Herausforderer von ANO.

Eine verhältnismäßig starke Stellung im Abgeordnetenhaus hat die rechtsextreme Partei "Freiheit und direkte Demokratie" (Svoboda a přímá demokracie, SPD), die bei der Wahl 2017 mehr als zehn Prozent der Stimmen erhielt. Angeführt wird die SPD von dem japanischstämmigen Tschechen Tomio Okamura. Die Partei fordert unter anderem ein Referendum über den EU-Austritt. Die linkspopulistische KSČM darf sich Hoffnungen auf einen Wiedereinzug ins Parlament machen. Die langjährige sozialdemokratische Regierungspartei ČSSD ist dagegen auf den Status einer Kleinpartei zusammengeschrumpft und scheiterte bei der Wahl 2021 an der Fünf-Prozent-Hürde.

Auch die in diesem Jahr neu gegründete Partei "Schwur" (Přísaha) des ehemaligen Polizisten Róbert Šlachta, der bis 2016 die "Abteilung zum Kampf gegen das organisierte Verbrechen" leitete, tritt zur diesjährigen Abgeordnetenhauswahl an. Sie setzt sich insbesondere für Korruptionsbekämpfung ein.

Wahlkampf

Weniger als eine Woche vor der Wahl veröffentlichte ein internationales Recherchekonsortium aus verschiedenen europäischen Medien die sogenannten "Pandora-Papers". Aus diesen geht unter anderem hervor, dass Ministerpräsident Babiš im Jahr 2009 mittels einer Briefkastenfirma für 15 Millionen Euro ein Anwesen in Südfrankreich sowie andere Immobilien erworben haben soll. Expertinnen und Experten sehen darin Anzeichen für ein Geldwäschegeschäft - die Opposition wirft dem Ministerpräsidenten Korruption vor. Die 2016 neu gegründete "Nationale Zentrale gegen das organisierte Verbrechen" der tschechischen Polizei kündigte Ermittlungen an.

Auch wegen seiner Pandemiepolitik stand Babiš heftig in der Kritik. Gemessen an der Einwohnerzahl verzeichnete Tschechien die meisten Todesfälle durch Coronainfektionen in der EU. Der Ministerpräsident räumte im Februar ein, dass sein Kabinett Fehler gemacht habe. Ein weiteres bestimmendes Wahlkampfthema ist die Migrationspolitik. Babiš kündigte bei seinem Wahlkampfauftakt an, keinen einzigen "illegalen Migranten" in Tschechien aufnehmen zu wollen. Auch die Einführung des Euros lehnt er ab.

Wahlumfragen

Vor der Veröffentlichung der Pandora-Papers führte ANO in den Umfragen mit etwa 25 Prozent. Die SPOLU-Koalition kommt in Umfragen Anfang Oktober auf etwa 20 Prozent. Das Bündnis aus Piratenpartei und STAN liegt laut aktueller Umfragen ebenfalls bei rund 20 Prozent. Als unsicher gilt, ob die Partei "Schwur" und die Kommunisten den Einzug ins Abgeordnetenhaus schaffen können.

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