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Welche Rolle spielt der Cyberkrieg beim Überfall auf die Ukraine?

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Welche Rolle spielt der Cyberkrieg beim Überfall auf die Ukraine? Interview mit Sandro Gaycken

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Russland verfügt nicht nur über ein großes Arsenal an konventionellen Waffen, sondern auch über umfassende Fähigkeiten zur Cyberkriegsführung. Diese kommen auch zum Einsatz, sagt Sandro Gaycken, Experte für Cyberverteidigung. Die Rolle von Freiwilligen, wie dem Anonymous-Kollektiv, sieht er dagegen kritisch.

Symbolbild Cyberangriff, Computerkriminalität, Internetkriminalität. Computerhacker greifen die IT-Infrastruktur einer Stadt an, hier Regierungsviertel Berlin mit Reichstag. (© picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack)

Externer Link: Sandro Gaycken ist Gründer und Leiter des Digital Society Instituts an der European School of Management and Technology in Berlin. Er forscht unter anderem zu Fragen des Cyberkriegs und der Cyberverteidigung.

bpb.de: Immer wieder war zu hören, dass Russlands Cyberstreitkräfte über sehr fortschrittliche Fähigkeiten verfügen. Welche Rolle spielen sie in diesem Krieg?

Sandro Gaycken: Wir hatten im Vorfeld ein paar Warnschüsse gesehen, die im Nachhinein als militärisches Signaling gesehen werden können, um die eigenen Fähigkeiten gegenüber dem Westen offen zu legen – zum Beispiel der Angriff auf die Colonial Pipeline in den USA oder auf europäische Ölterminals mit Hilfe der "Black Cats"- Ransomware, die von der russischen Regierung miteinwickelt wird. Außerdem hat Russland in der Ukraine "Pre-Positioning" betrieben – also vorpositionierte Angriffe, mit deren Hilfe Schadsoftware eingeschleust wird, die dazu dienen kann, später technische Anlagen abzuschalten. Zusätzlich gab es auch Informationskampagnen, hybride Operationen oder Medienzensur. Es ist also sehr umfassend. Was Russland bisher noch nicht getan hat, sind Cyber-Abschreckungsangriffe gegen den Westen. Ransomware-Angriffe sind in den vergangenen Wochen sogar seltener geworden. Es wird vermutet, dass Russland den Krieg derzeit sehr präzise eskalieren und den Konflikt auf die Ukraine fokussieren will. Ein massiver Angriff auf westliche Systeme könnte am Ende auch als Casus Belli gesehen werden, und das möchte man in Russland derzeit offenbar nicht.

Sie sprachen davon, dass im Rahmen des Pre-Positioning Ziele in der Ukraine markiert wurden – sind einige dieser Ziele schon aktiviert worden?

Ja, soweit wir das wissen. Das betrifft kritische Infrastrukturen in der Ukraine. Es handelt sich aber dabei vor allem um taktische Manöver, die man mit den Truppenbewegungen synchronisiert. Zum Beispiel kann man Anlagen ausschalten, um den Gegner zu demoralisieren. In der Breite findet das aber nicht statt.

Was für Ziele sind das?

Einige Banken haben zum Beispiel technische Probleme gehabt. Und es gab auch Angriffe auf Medienkanäle, aber das hat offenbar nicht allzu gut funktioniert.

Reden wir hier über Angriffe, die über die simple Blockade von Websites hinaus gehen?

Ja, das sind präzise, gezielte Angriffe gewesen, die über normale Störangriffe hinaus gehen. Was wir nun vermuten ist, dass Russland bald auch Cybermaßnahmen verwenden wird, um Sanktionen zu umgehen. Das kennt man aus Nordkorea ganz gut, dort wurde mit Ransomware-Erpressung das dortige Atomprogramm mitfinanziert. Die zu Nordkorea zugehörige Lazarus-Gruppe hat allein eine dreistellige Millionensumme erpresst. Wie solche Economic Operations seitens Russlands aussehen könnten, wissen wir aber noch nicht.

Was kann die Ukraine den russischen Cyberangriffen entgegensetzen?

Die Ukraine wurde ja bereits in der Vergangenheit oft Ziel von Cyberangriffen, daraus ist eine gewisse Resilienz entstanden. Man hat sehr viel Schadsoftware gefunden und entfernt, es ist gar nicht mehr so leicht für Russland, solche Angriffe durchzuführen. Nach dem Überfall auf die Krim war es überdies schon klar, dass Russland ein gesteigertes Interesse an solchen Angriffen hat. Es gab auch Kooperationen mit den EU-Staaten und der Nato im Cyberbereich. Aber über eigene offensive Cyberkräfte verfügt die Ukraine nicht.

Welche Rolle spielt in diesem Krieg die propagandistische Kriegsführung Russlands über die sozialen Netzwerke?

Eine sehr große. Wir sehen ja, dass in Russland ganz massiv das Internet zensiert wurde, technisch ist das sehr effektiv. Hier hat es offenbar auch in den eigenen Systemen Pre-Positioning gegeben – die Zensur wurde zu Friedenszeiten für den Fall eines Angriffs vorbereitet. Derweil läuft auch der russische Propaganda-Apparat auf Hochtouren. Ganz spannend ist der Fall Chinas. Offiziell hält sich das Land in diesem Konflikt zurück. Als die UN-Vollversammlung den Angriff auf die Ukraine mit großer Mehrheit verurteilte, hat sich China der Stimme enthalten. Aber in der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine wird häufig Russia Today zitiert. Es gibt also eine Art Propaganda-Allianz zwischen den anti-westlichen Kräften, die sich gegenseitig zitieren.

Russland hat ja auch die Nutzung von sozialen Medien eingeschränkt – etwa durch die Abschaltung von Facebook und Twitter. Entsprechende Kanäle können also auch von Kriegsbefürwortern in Russland nicht mehr genutzt werden. Ergeben sich dadurch strategische Nachteile in der propagandistischen Kriegsführung?

Es gibt immer noch genug Kanäle, mit der die russische Bevölkerung beeinflusst werden kann. Russland hat ein einfaches Prinzip: Medien, die infiltriert werden können, dürfen weiter genutzt werden. Alle anderen werden abgeschaltet. Das war in ähnlicher Form schon 2014 der Fall, als die Nutzung von bestimmten Smartphones eingeschränkt wurde. Alles, was erlaubt ist, ist nur erlaubt, weil Behörden mitlesen können.

Das Kollektiv Anonymous hat Russland den Cyberkrieg erklärt. Welche Rolle spielen solche Freiwilligen in der Auseinandersetzung?

Man weiß ja nicht, wer hinter Anonymous steckt und wer sich dort berufen fühlt, aktiv zu werden. Wenn es, wie üblich, vor allem Script-Kiddies sind , dann ist davon wenig zu erwarten. Das hat nicht die Qualität, um hochwertige Kritische Infrastruktur in Russland zu gefährden. Dort gibt es andere Betriebssysteme, andere Programmiersprachen, man muss kyrillische Schrift lesen können und Schwachstellen finden. Und es wäre darüber hinaus auch strategisch nicht ungefährlich, wenn die Gruppe Erfolg haben würde. Aufgrund der Anonymität des Kollektivs lassen sich die Aktivitäten auch beliebig ausdeuten: Russland könnte zum Beispiel behaupten, dass eigentlich die CIA hinter solchen Angriffen steckt. Dies würde massiv zur Kriegseskalation beitragen.

Deutschland und andere westliche Länder liefern Waffen an die Ukraine. Wie groß ist die Gefahr, dass es künftig hierzulande deswegen zu Cyberangriffen kommt?

Das hängt davon ab, wie es weitergeht. Die Interner Link: technische Option, wichtige technische Anlagen in Ländern wie Deutschland komplett lahmzulegen – vom Strom, über die Logistik, die Häfen die Banken – besteht zu 100 Prozent. Das können die russischen Cyberstreitkräfte. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen man das überhaupt will. Derzeit wäre das eine sehr harte Eskalation mit NATO-Staaten, zusätzlich zu einer sehr schwierigen Kriegslage in der Ukraine. Es wäre ein wenig selbstmörderisch, in dieser Situation noch einen großen Cyberangriff zu starten. Wenn Putin aber weiter in die Ecke gedrängt wird – falls der Krieg in der Ukraine beispielsweise für ihn aussichtlos wird – kann es sein, dass er zu härteren Abschreckungsmaßnahmen greift und sein Kalkül ändert.

Die NATO kann seit einiger Zeit auch den Cyber-Bündnisfall ausrufen. Was hätte das für Folgen?

Das ist rechtlich eine sehr enge Definition. Ein Cyberangriff, der zum Bündnisfall führt, müsste in seinen Auswirkungen ähnliche Auswirkungen haben wie ein konventioneller Angriff – wenn er zum Beispiel Menschenleben kostet. Es muss auch eindeutig nachweisbar sein, dass es ein militärischer Angriff war. Die USA haben zu erkennen gegeben, dass beispielsweise ein Angriff auf die Börsensysteme in diese Kategorie fallen würde, auch wenn ein solcher Angriff wohl eher mittelfristig zu harten Konsequenzen für die Menschen führen würde. Letztlich bleibt das aber ohnehin eine weitgehend politische Entscheidung.

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