Artikel im

Parlamentswahl in Lettland 2022 | Hintergrund aktuell | bpb.de

Parlamentswahl in Lettland 2022

Redaktion

/ 4 Minuten zu lesen

Am 1. Oktober wählte die lettische Bevölkerung ein neues Parlament. Die Wahl stand unter dem Vorzeichen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Ein Eingang zum Gebäude des lettischen Parlaments in Riga. (© picture-alliance, Russian Look | Victor Lisitsyn)

Am 1. Oktober 2022 wählte Lettland ein neues Parlament. Zur Wahl aufgerufen waren rund 1,5 Millionen Wahlberechtigte. Ein zentrales Thema im Wahlkampf war der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Der Krieg löst bei vielen Lettinnen und Letten Sorgen um die nationale Sicherheit aus. Lettland ist direkter Nachbar Russlands.

Stärkste Kraft liberal-zentristischen Wahlbündnis "Neue Einigkeit" (JV) mit 19 Prozent der Stimmen. Dahinter folgte das Bündnis der Grünen und Bauern (ZZS) mit 12,4 Prozent. Drittstärkste Partei wurde die Vereinigte Liste (AS) mit 11 Prozent, ein Wahlbündnis aus Grünen, rechtskonservativen und regional ausgerichteten Parteien. Die nationalkonservative "Nationale Allianz" (NA) kam auf 9,3 Prozent. "Für Stabilität!" (S!) als Partei der russischen Minderheit, die populistische Lettland-Zuerst-Partei LPV und die grün-sozialdemokratische Progressive Partei P erhielten jeweils um die 6 Prozent der Stimmen. Die liberale, pro-europäische Partei AP! und die pro-russische Sozialdemokratische Partei „Harmonie“ SDPS verpassten knapp den Einzug ins Parlament.

Wer regierte bislang?

Die Interner Link: Parlamentswahl von 2018 brachte sieben Parteien ins lettische Parlament (Saeima). Nach mehrmonatiger Regierungsbildung wurde Krišjānis Kariņš von der liberal-konservativen Partei "Einigkeit" (V) zum lettischen Ministerpräsidenten gewählt – obwohl sein Bündnis bei der Wahl nur 6,7 Prozent erreicht hatte.

Er stand einer Mitte-rechts-Regierung vor, der außerdem noch die populistische und EU-skeptische Partei "Wem gehört die Macht in Lettland?" (KPV LV), die "Neue Konservative Partei" (JKP), das pro-europäische, liberale Wahlbündnis "Entwicklung/Dafür!" (AP!) sowie die nationalkonservative "Nationale Allianz" (NA) angehörten. Im Juni 2021 wurde die KPV LV nach Streitigkeiten aus der Regierung ausgeschlossen.

Wer trat zur Wahl an?

Insgesamt traten Externer Link: 19 Parteien oder Bündnisse zur Wahl an, davon schafften es acht ins Parlament.

Die Partei von Ministerpräsident Krišjānis Kariņš (V) trat wie 2018 zusammen mit einigen kleineren politischen Parteien im liberal-zentristischen Wahlbündnis "Neue Einigkeit" (JV) an. Die ehemaligen Koalitionspartner von der rechtspopulistischen Partei KPV LV, die im Jahr 2018 noch zweitstärkste politische Kraft in Lettland waren, traten bei dieser Wahl nicht noch einmal an.

Wichtigste Oppositionskraft war nach der vergangenen Wahl die pro-russische Sozialdemokratische Partei "Harmonie" (SDPS). Sie nimmt für sich in Anspruch, die Interessen der russischen Minderheit in Lettland zu vertreten – etwa ein Viertel der Menschen in Lettland sind russischstämmig. Seit 2018, als die SDPS abermals die stärkste Fraktion im Parlament stellte, hat die Partei jedoch massiv an Einfluss eingebüßt. Obwohl die Partei den russischen Angriffskrieg als völkerrechtswidrig verurteilt hatte, verlor sie an Zustimmung.

Aus dem Regierungsbündnis traten die konservative JKP und die nationalkonservative NA als eigenständige politische Parteien an, das liberale Wahlbündnis "AP!" ging in eine Neuauflage.

Aus dem Bereich der etablierten Oppositionsparteien ist das Bündnis der Grünen und Bauern (ZZS) eine der zuletzt wichtigsten politischen Kräfte Lettlands. Das ZZS bestand seit 2002 im Wesentlichen aus dem Lettischen Bauernbündnis und der Grünen Partei. Im Jahr 2004 stellte das ZZS mit Indulis Emsis den ersten grünen Regierungschef und elf Jahre später mit Raimonds Vējonis den ersten grünen Staatspräsidenten Europas. Im Juni 2022 verließen die Grünen nach zwei Jahrzehnten das ZZS und schlossen sich der Vereinigten Liste (AS) an, der auch rechtskonservative und regional ausgerichtete Parteien angehören. Das ZZS führt dennoch die Grünen weiterhin im Namen. Das Programm der Partei hat ihren landwirtschaftlichen Fokus beibehalten und ist liberalkonservativ ausgerichtet.

Im linken Spektrum sind die "Progressiven" (P) zu verorten. Außerdem gibt es eine neue pro-russische Kraft: "Für Stabilität!" (S!) ist 2021 entstanden und vertritt unter anderem die Anliegen der russischen Minderheit – etwa, wenn es um das Wahlrecht für Nichtbürgerinnen und -bürger oder Bildung geht. Außerdem ist "S!" europakritisch orientiert und fordert den Austritt aus der EU. Pro-russisch ist auch der Zusammenschluss "Lettlands Russische Union" (LKS).

Was waren die Themen im Wahlkampf?

Die Wahlen standen unter dem Vorzeichen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine. Lettland grenzt direkt an Russland und an Belarus. Bereits vor dem Beginn der Invasion am 24. Februar 2022 hatte die lettische Regierung klar Stellung für die Ukraine bezogen. Russlands Feldzug wird in Lettland als eine direkte Gefahr für die nationale Sicherheit und die territoriale Integrität des Landes wahrgenommen.

Direkt mit dem Krieg verbunden ist eine Debatte um die nationale Erinnerungskultur. Ende August wurde in einem Rigaer Park das größte aus der Sowjetzeit stammende Denkmal für den Zweiten Weltkrieg abgerissen. Laut einem Parlamentsbeschluss müssen Objekte, die totalitäre Regime verherrlichen, bis zum 15. November demontiert werden. Viele Lettinnen und Letten empfinden die sowjetisch geprägte Erinnerungskultur an den so genannten "Großen Vaterländischen Krieg" als Relikt der sowjetischen Annexionszeit und als Ausdruck des russischen Imperialismus.

Ein weiteres wichtiges Thema waren die Gasimporte aus Russland. Der russische Staatskonzern Gazprom hatte zum 30. Juli angekündigt, die Lieferungen nach Lettland einstellen zu wollen. Der lettische Versorger Latvijas Gāze erklärte indes, dass man nicht von Gazprom-Lieferungen abhängig sei. Ab 2023 will Lettland komplett auf russisches Gas verzichten.

Mehr zum Thema

Weitere Inhalte

Weitere Inhalte

Hintergrund aktuell

­­Parlamentswahl 2026 in Lettland

Bei der Parlamentswahl in Lettland hat das regierende Mitte-rechts-Bündnis einen deutlichen Sieg errungen. Der Wahlkampf war auch geprägt von Diskussionen über hybride Angriffe aus Russland und…

Länder-Analysen

Die polnische EU-Ratspräsidentschaft 2025

Im ersten Halbjahr 2025 hat Polen zum zweiten Mal in seiner Geschichte den Vorsitz im Rat der Europäischen Union inne. Die Ratspräsidentschaft steht unter dem Motto "Sicherheit, Europa!"

Bildstrecke

Litauen – Lettland – Estland

Litauen, Lettland und Estland wurden als Folge des Pakts von der Sowjetunion annektiert. Die Länder verloren ihre staatliche Unabhängigkeit, die neue Besatzungsmacht installierte gewaltsam ihre Macht.

19. Bensberger Gespräche 2024

Vortrag - Vergleich der Dienste an der Gesellschaft

In ihrem Vortrag verglich die Wissenschaftlerin Alexandra M. Friede die Dienste an der Gesellschaft in den Ostsee-Anrainerstaaten Finnland, Lettland und Deutschland sowie ihre unterschiedlichen…