Am 12. April sind rund 8,1 Millionen ungarische Wahlberechtigte dazu aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Seit 2010 wird Ungarn von der rechtspopulistischen Partei Fidesz (Ungarischer Bürgerbund) in einem Wählerbündnis mit der christdemokratischen KDNP (Christlich-Demokratische Volkspartei) regiert. Amtierender Ministerpräsident ist seither der Fidesz-Politiker Viktor Orbán. Die letzte Parlamentswahl wurde von der
In aktuellen Umfragen liegt die konservative, proeuropäische Partei Tisza (Respekt- und Freiheitspartei) unter dem Vorsitzenden Péter Magyar deutlich vor den Regierungsparteien. Magyar verspricht innenpolitische Reformen und will
Wahlsystem mehrfach zu Gunsten Fidesz verändert
Ungarns Wahlsystem kombiniert Elemente aus der
Mit einer weitreichenden Reform des Wahlgesetzes im Jahr 2011 wurden unter anderem die Sitze im Parlament nahezu halbiert (von 386 auf 199) und der zweite Wahlgang abgeschafft. Seitdem werden 106 Abgeordnete direkt nach dem Prinzip der einfachen Mehrheit gewählt. Zusätzlich werden 93 Mandate über die nationalen Parteilisten vergeben. Vor der Reform hatten kleinere Oppositionsparteien die Möglichkeit, in einer Stichwahl zwischen den Direktkandidierenden ihre Stimmen zu bündeln und so bessere Chancen auf einen Wahlsieg zu haben.
Mit der Wahlreform 2011 wurden zudem die Wahlkreise neu zugeschnitten, wobei viele zuvor rein städtische Wahlkreise um kleinere Städte und Dörfer erweitert wurden. Da die ländlichen Regionen als regierungsnah gelten, profitieren davon tendenziell die Direktkandidierenden der Fidesz-Partei. Bei der letzten Wahlreform 2024 wurden zudem zwei Direktmandate von der Hauptstadt Budapest auf das ländliche Umland verlagert.
Außerdem führte die Fidesz-Regierung neben der sogenannten „Verliererkompensation“ eine Kompensation für Gewinner von Direktmandaten ein: Die Stimmen des Direktkandidierenden, der einen Wahlkreis gewinnt bekommt die Differenz der Stimmen zum Zweitplatzierten auf der nationalen Parteiliste gutgeschrieben. Das bedeutet, dass die Partei, die besonders viele Direktmandate gewinnt einen Bonus bei den Wahlen der Parteiliste bekommt. Durch diese Regelung hat das Fidez-KDNP-Regierungsbündnis bei den Wahlen 2014 sechs Sitze sowie 2018 und 2022 jeweils fünf Sitze zusätzlich erhalten. Ohne diese Sitze hätte die Regierungskoalition keine Zweidrittelmehrheit im Parlament gehabt.
Bei der letzten Wahlrechtsreform 2024 wurde unter anderem eingeführt, dass Wahllokale keine Umschläge für Stimmzettel mehr ausgeben müssen. Kritikerinnen und Kritiker sehen mit dieser Neuerung das Wahlgeheimnis in Gefahr.
Diese Parteien treten an
Die regierende Fidesz-Partei tritt mit Ministerpräsident Viktor Orbán an. Dieser war von 1998 bis 2002 Regierungschef und ist es seit der Wiederwahl 2010.
Fidesz wird von Expertinnen und Experten als nationalkonservativ bis rechtspopulistisch eingeordnet. Professor Ulf Brunnbauer, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung, sieht in der Fidesz-Partei eine Mischung unterschiedlicher Ideologien, wie „Nationalismus, Populismus, christlich geprägter Konservativismus und Etatismus, das heißt eine starke Rolle des Staates, auch in Bezug auf den Sozialstaat, der sehr stark auf einem traditionellen Familienverständnis beruht.“
Seit 2006 tritt Fidesz zusammen in einem Wählerbündnis mit der christdemokratischen KDNP an. Auch bei dieser Wahl treten die Parteien gemeinsam an. In den vergangenen 16 Jahren hat die Fidesz-KDNP-Regierung unter Orbán
Tisza-Spitzenkandidat ist Péter Magyar. Er war früher selbst Mitglied bei Fidesz und übernahm 2024 den Vorsitz der damaligen Kleinstpartei Tisza. Die Partei steht, anders als Fidesz, für einen pro-europäischen Kurs und bekennt sich klar zur Westbindung und zur Nato-Mitgliedschaft. Die Partei wird wahlweise als konservativ oder liberal-konservativ eingeordnet. Sie vertritt zum Teil auch sozialpolitisch eher linke Positionen, will etwa die Sozialversicherung ausbauen, das Kindergeld erhöhen oder den Wohnungsbau besser fördern. Laut Umfragewerten hat mit Tisza das erste Mal seit 2010 eine Oppositionspartei eine realistische Chance, stärkste Kraft zu werden und einen Regierungswechsel herbeizuführen.
Umfragewerte zufolge könnte es auch die rechtsradikale bis rechtsextreme Partei Mi Hazánk Mozgalom (MHM, Unsere-Heimat-Bewegung) knapp über die Fünfprozenthürde schaffen. Sie ging aus dem radikalen Flügel der früheren Rechtsaußen-Partei Jobbik hervor und vertritt ein extrem nationalistisches Weltbild, steht für die kategorische Ablehnung von Multikulturalismus, Globalisierung und liberalen Werten. Nur geringe Aussichten auf den Einzug in das Parlament hat die sozial-liberale Demokratische Koalition (DK), die sich einst von den Sozialdemokraten abgespalten hat. Sie fordert unter anderem eine Reform des Bildungs- und Gesundheitssystems. Auch die Satirepartei Ungarische Partei der Zweischwänzigen Hunde (MKPP) liegt laut Umfragen unter der Fünf-Prozent-Hürde.
Das waren die Themen im Wahlkampf
Zentrale Themen im Wahlkampf sind der russische Angriffskrieg auf die benachbarte Ukraine und das Verhältnis Ungarns zur EU. Fidesz setzt auf aggressive Töne gegenüber der Ukraine und schürt Ängste vor einem Kriegseintritt, den die EU forcieren würde. Die EU hat seit 2022 Fördergelder aufgrund von Rechtsstaatsverstößen und Korruption eingefroren. Ungarn belegte 2025 innerhalb der EU erneut den ersten Platz im Externer Link: Korruptions-Index von Transparency International.
Ungarn steckt zudem in einer Wirtschaftskrise. Die Bevölkerung leidet unter gestiegenen Preisen für Lebensmittel und Benzin und ist nach wie vor in hohem Maße abhängig von russischen Energielieferungen. Zuletzt stritten Ungarn und die Ukraine über die Druschba-Pipeline, über die russisches Öl nach Ungarn gelangte. Diese wurde im Januar durch einen russischen Angriff beschädigt. Orbán beschuldigte die ukrainische Führung, die Pipeline aus politischen Gründen nicht zu reparieren und will daher die Gasexporte in die Ukraine einstellen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versicherte hingegen, dass die Reparaturarbeiten liefen und zeigte sich bereit alternative Routen für die Lieferung nicht russischen Öls nach Ungarn zu suchen. Die ungarische Regierung blockierte zuletzt eine 90 Milliardenhilfen der EU für die Ukraine mit Verweis auf die beschädigte Pipeline.
Orbáns Regierung setzte weiterhin auf russische Energie und erwirkte bei US-Präsident Donald Trump im vergangenen Jahr eine Ausnahmeregelung, die es Ungarn erlaubte, trotz Sanktionen Öl und Gas aus Russland zu kaufen.
Magyar, Oppositionskandidat der Tisza-Partei, möchte hingegen die Abhängigkeit von Russland stückweise bis 2035 reduzieren. Bleibt mit seinen Ambitionen aber weit hinter dem EU-Ziel, den Ausstieg aus russischen Erdgasimporten bis 2027 zu schaffen. Stattdessen setzt Magyar vor allem auf das Versprechen, die hohe Korruption im Land zu bekämpfen und Rechtsstaat und Demokratie wiederherzustellen. So will er unter anderem den Zugang zu blockierten EU-Fördergeldern wiederherstellen. Die Tisza spricht sich ebenfalls gegen eine schnelle EU-Integration der Ukraine aus und hält an der aktuellen Migrationspolitik fest. Tisza setzt außerdem auf sozialpolitische Themen. Magyar machte vor allem den schlechten Zustand des ungarischen Gesundheitswesens im Wahlkampf zum Thema. Außerdem verspricht er die teils marode Infrastruktur zu sanieren sowie eine bessere Armutsbekämpfung.
Zuletzt gab es Berichte über massive Desinformationskampagnen. Prorussische Akteure in sozialen Netzwerken versuchten demnach Orbán als einzigen Garanten ungarischer Souveränität zu inszenieren. Zudem ist die Rede von mutmaßlich diffamierenden Kampagnen gegen Kandidaten der Tisza-Partei, etwa mit KI-Videos und manipulierten Dokumenten.
Aussichten
Zahlreiche politische Beobachterinnen und Beobachter halten einen Sieg der Tisza für möglich. Aufgrund des Wahlrechts und etwa der umfassenden Medienkontrolle durch das Regierungslager erwarten manche Expertinnen und Experten ein knappes Ergebnis und schließen einen Sieg von Fidesz nicht aus. Ob Tisza-Chef Magyar letztlich eine Mehrheit im Parlament bekommt, hängt auch vom Abschneiden der kleinen Parteien ab. Auch wenn Tisza eine Mehrheit erringt, wird ihr Gestaltungsspielraum für große Reformen aufgrund einer wahrscheinlich fehlenden Zweidrittelmehrheit eingeschränkt sein.