bpb.de: Der Iran-Krieg hat für die Weltwirtschaft und die Lieferketten erhebliche Auswirkungen. Bekommen die Ärmsten die Folgen am stärksten zu spüren, weil Nahrungsmittel knapper werden?
Hendrik Mahlkow: Ja, das ist so. Die größten Verlierer dieser Krise sind die Entwicklungsländer.
bpb.de: 2024 war laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) jeder zwölfte Mensch von Hunger betroffen. Wie ist die Situation aktuell?
Hendrik Mahlkow: Es gibt Berechnungen, denen zufolge durch die Folgen des Iran-Kriegs die Zahl der von Hunger bedrohten Menschen bereits zugenommen hat. Bis zu 45 Millionen Menschen zusätzlich droht durch die Sperrung der Straße von Hormus Hunger. 32 Millionen könnten laut einer Analyse des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zusätzlich in Armut geraten oder sind es bereits. Die Betroffenen haben weniger als drei Dollar pro Tag zur Verfügung – das ist zu wenig Geld, um sich ausreichend ernähren zu können.
bpb.de: Warum nehmen Armut und Hunger durch die seit vielen Wochen anhaltende weitgehende Sperrung der Straße von Hormus zu?
Hendrik Mahlkow: Eine wichtige Ursache ist der deutliche Anstieg der Energiepreise. Denn diese betreffen nicht nur die Kosten, die Menschen etwa für das Heizen bezahlen müssen – sie haben auch eine Reihe sogenannter Sekundäreffekte zur Folge. Höhere Preise für Energie machen zum Beispiel Düngemittel und damit auch Nahrungsmittel deutlich teurer.
Ein großes Problem ist der in die Höhe geschossene Gaspreis. Etwa ein Sechstel der globalen Erdgasproduktion stammt aus der Golfregion. Das hat auf mehrere Weisen Folgen für die weltweite Düngemittelproduktion. Ein wichtiger Dünger für viele Landwirte ist Harnstoff. Das ist ein viel genutzter Stickstoffdünger. Doch dieser wird nun weniger produziert – denn Erdgas ist der primäre Rohstoff für die industrielle Herstellung von Harnstoff. Zudem ist die Golfregion auch selbst ein großer Düngemittelproduzent – und die Produktion leidet aktuell. Als Folge dieser beiden Entwicklungen werden Düngemittel weltweit knapper. Ohne diese können Bauern zwar Getreide anbauen, aber Qualität und Ertrag verringern sich – und ohne Getreide kann man kein Brot backen.
Hinzu kommt, dass auch der Anstieg der Ölpreise die Nahrungsmittelproduktion verteuert. Schließlich brauchen nicht nur die Traktoren Treibstoff. Auch andere Güter, die für den Nahrungsmittelanbau benötigt werden, müssen transportiert werden – ebenso müssen die Lebensmittel selbst zu den Verbrauchern gelangen.
Die vier Dimensionen der Ernährungssicherheit
Ernährungssicherheit kann laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) in vier Säulen eingeteilt werden: Die erste Säule ist die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Hier wird die Frage gestellt, ob in einer Region generell ausreichend Nahrungsmittel vorhanden sind. Es geht etwa darum, ob die Bäuerinnen und Bauern genug Lebensmittel produzieren, Märkte stabil sind und genügend Dünger und Saatgut vorhanden ist. Die Zweite Säule ist der Zugang – denn nur, weil genügend Nahrungsmittel vorhanden sind, heißt dies nicht, dass auch jede und jeder dazu ausreichend Zugang hat. So können sich die Ärmsten selbst in Ländern mit einer gut funktionierenden Landwirtschaft nicht automatisch die für ein menschenwürdiges Leben notwendigen Lebensmittel leisten. Soziale Sicherungssysteme spielen für die Ernährungssicherheit in der Praxis deshalb eine wesentliche Rolle. Eine weitere Säule ist die angemessene Nutzung von Nahrungsmitteln – dabei spielen etwa hygienische Bedingungen oder die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser eine Rolle. Die vierte Säule ist die Stabilität der Lebensmittelversorgung über einen längeren Zeitraum hinweg.
bpb.de: Gibt es Parallelen zwischen der aktuellen Krise als Folge des Iran-Kriegs und dem Beginn der vollständigen Invasion Russlands in die Ukraine im Jahr 2022?
Hendrik Mahlkow: Die Straße von Hormus ist eine kritische Versorgungslinie, die sehr wichtig ist für den Welthandel und die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs haben wir erlebt, wie die Energiepreise und dann nachgelagert die Lebensmittelpreise massiv in die Höhe geschossen sind. Noch gibt es durch den Iran-Krieg nicht dieselben Preissteigerungen wie im Frühjahr und Sommer 2022. Aber wir bewegen uns in eine ähnliche Richtung. Auch diesmal wird der Welthandel kräftig durcheinandergewirbelt.
Keiner weiß derzeit, wie lange es dauern wird, bis die immensen Mengen an Öl und Gas aus den Golfstaaten und deren Nachbarstaaten dem Weltmarkt wieder zur Verfügung stehen. Selbst wenn von einem Tag auf den anderen ein Friedensschluss gelingen sollte und die Straße von Hormus wieder verlässlich befahrbar wäre, wird nicht alles wieder so sein wie zuvor. Der Handel durch die Meerenge wird auch weiterhin teurer bleiben. Denn Händler, Reedereien und Versicherer werden höhere Preise verlangen – und Firmen verlagern ihre Produktion sowie ihre Lieferketten. Es wird deshalb auch weiterhin Preisaufschläge geben.
bpb.de: Warum trifft die Krise die ärmsten Länder härter?
Hendrik Mahlkow: Wenn sich in der Folge des Iran-Kriegs bei uns die Rohstoffpreise um zehn Prozent erhöhen, ist dies zwar spürbar: die Brezel beim Bäcker wird ein paar Prozentpunkte teurer. Der Bäcker gibt das aber nicht unbedingt weiter. Und selbst wenn er es tut, haben die meisten Menschen hier die Möglichkeit, die Preissteigerung auszugleichen. Die Haushalte geben hierzulande im Schnitt weniger als 15 Prozent für Lebensmittel aus. Eine Erhöhung um fünf Prozent bei den Lebensmittelpreisen ließe die Haushaltsausgaben der Deutschen im Schnitt gerade einmal um 0,75 Prozent steigen. In Entwicklungsländern geben die Menschen oft 50 bis 60 Prozent ihres Geldes für Lebensmittel aus, in Haushalten der untersten Einkommensgruppen sogar deutlich mehr. Wenn da die Preise steigen, kann das dramatische Folgen haben.
Hinzu kommt, dass die Preise in Ländern des Globalen Südens oft deutlich stärker steigen, weil diese meist viel weniger Möglichkeiten haben, die Preise zu diversifizieren. Sie haben zum Beispiel keine finanziellen Möglichkeiten im Vorfeld Lagerbestände aufzubauen, die als Puffer wirken, wenn die Preise steigen. Wir haben das hier in Kiel simuliert: In Subsahara-Afrika, Indien und Südostasien steigen die Lebensmittel um zehn bis 20 Prozent. Wenn jemand 80 Prozent seines Geldes für Lebensmittel ausgibt und die Preise um 20 oder auch 30 Prozent steigen, dann hat derjenige gar nicht die Möglichkeit so viele Lebensmittel zu konsumieren wie bislang, weil er sich das schlicht gar nicht leisten kann.
bpb.de: Inwieweit wirken sich auch die Kürzungen von Hilfsprogrammen durch die USA zusätzlich auf die Ernährungssituation im Globalen Süden aus?
Hendrik Mahlkow: Für viele Menschen in Entwicklungsländern sind internationale Hilfsprogramme essenziell. Die USA waren lange Zeit der größte Geldgeber für die Hilfen für den Globalen Süden. Ihr Rückzug erschwert den ärmsten Ländern wie Somalia, sich zu versorgen.
bpb.de: Welche Länder sind derzeit besonders betroffen vom erschwerten Zugang zu Nahrungsmitteln? Und warum?
Hendrik Mahlkow: Besonders betroffen sind etwa Sri Lanka, Pakistan und Indien – sowie auch Bangladesch, Somalia oder Sudan. Diese Länder sind dreifach abhängig von der Golfregion: Sie importieren gleichzeitig Energie, Dünger und Nahrungsmittel. Sie haben auch keine heimische Energieversorgung als Puffer oder eine strategische Reserve an Düngemitteln, weil sie dafür schlicht kein Budget haben. Und ihre Haushalte geben einen besonders hohen Anteil ihres Geldes für Lebensmittel aus.
bpb.de: Was können betroffene Länder und internationale Institutionen tun, um die Folgen der Krise abzufedern und wo liegen die Grenzen ihrer Möglichkeiten?
Hendrik Mahlkow: Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, was nicht getan werden sollte: Vor allem sollte man als betroffenes Land nicht seine Märkte schließen. So hatte etwa Indien während der Nahrungsmittelkrise als Folge des Ukraine-Kriegs einen Exportbann für Weizen erlassen. China hat gerade seine Exporte für Düngemittel stark begrenzt. Das trifft einige Länder wie Vietnam hart, und lässt die Lebensmittelpreise explodieren. Hier sollte die internationale Gemeinschaft Druck ausüben, damit Staaten keine solchen Maßnahmen ergreifen. Internationale Organisationen sowie Staaten können die die Bauern und Bäuerin des globalen Südens unterstützen, damit diese sich Dünger noch leisten können. Zudem müssen sich die betroffenen Länder für die Zukunft anders aufstellen: mehr bei den Importen von Düngemitteln diversifizieren und ihre eigene Energieversorgung stärken, indem sie auf erneuerbare Energien umstellen.
bpb.de: Herr Mahlkow, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.