Am 31. Mai 2026 sind rund 41 Millionen Wahlberechtigte in Kolumbien aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen – vier Jahre nach dem Amtsantritt von
Die Regierungszeit von Gustavo Petro
Nach zwei Jahrzehnten konservativer und wirtschaftsliberaler Regierungen bedeutete Petros Wahlsieg 2022 einen politischen Kurswechsel. Mit seinem Bündnis „Pacto Histórico“ war er für mehr soziale Gerechtigkeit, einen stärkeren Staat und eine neue Friedenspolitik angetreten. Außenpolitisch haben sich die Beziehungen zu den USA unter Petro verschlechtert; Petro hatte in der Vergangenheit US-Präsident Trump scharf kritisiert. Die beiden Länder pflegen traditionell eine strategische Partnerschaft, auch, um den Drogenhandel in Kolumbien einzudämmen. Kritik übte er außerdem an der EU, der NATO und Israel. Zu Beginn seiner Amtszeit versammelte Petro im Parlament noch eine breite Koalition hinter sich. Neben linken Parteien unterstützten Liberale und Konservative Teile seiner Agenda. Die Allianz zerbrach jedoch schnell. Viele Abgeordnete des Regierungsbündnisses wechselten in die Opposition.
Die Parlamentswahlen vom März 2026
2026 ist in Kolumbien ein Superwahljahr. Am 8. März wählten rund 20 Millionen Menschen, und damit nur knapp die Hälfte der Wahlberechtigten, bereits ein neues Parlament für die kommenden vier Jahre. Es zeigte sich die Polarisierung der politischen Landschaft: Sowohl das linke als auch das rechte Lager gewannen an Stimmen. Gleichzeitig nahm die Zersplitterung zu. Keine Partei ist allein regierungsfähig.
Im Senat wurde der „Pacto Histórico“ mit 25 von 103 Sitzen stärkste Kraft und konnte damit deutlich zulegen. Das konservative „Centro Democrático“ kam auf 17 Mandate, gefolgt von der liberalen Partei mit 13 Sitzen. Im Repräsentantenhaus, der zweiten Kammer des Parlaments, gewann der „Pacto Histórico“ 42 der 183 Sitze, das „Centro Democrático“ 27 und die Liberalen 26 Mandate. Die Nachfolgepartei der ehemaligen FARC-Guerilla Comunes konnte erstmals keinen einzigen Sitz gewinnen. Die FARC-Partei war nach dem Friedensabkommen 2016 bis zur jüngsten Wahl mit garantierten Sitzen ins Parlament eingezogen.
Die aussichtsreichsten Kandidatinnen und Kandidaten
Insgesamt haben die kolumbianischen Wählerinnen und Wähler die Wahl zwischen 14 Kandidaten bzw. Kandidatinnen mit ihren jeweiligen Vizepräsidentschaftskandidaten.
In den Umfragen verschiedener Meinungsforschungsinstitute führt der Kandidat des Regierungslagers, Iván Cepeda. Der Senator, der mit der Indigenen Aída Quilcué als Kandidatin für das Vizepräsidentschaftsamt antritt, gehört zu den bekanntesten linken Politikern des Landes.
Für das konservative Lager kandidiert Paloma Valencia vom „Centro Democrático“. Sie tritt gemeinsam mit Juan Daniel Oviedo als ihrem Vizepräsidentschaftskandidaten an, der ihr in den Vorwahlen unterlegen war. Sie rangierte in den Umfragen zuletzt zwischen 13 und knapp 23 Prozent deutlich hinter Cepeda. Die Senatorin gilt innerhalb der Rechten als dialogfähiger und integrativer als andere Vertreter des „Uribismo“, dem Lager des früheren Präsidenten Álvaro Uribe. Sie fordert ein härteres Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen. Außenpolitisch will sie enge Beziehungen zu den USA und Europa.
Zwischen 20,4 und 29,4 Prozent zwar ebenfalls hinter Cepeda, aber vor Valencia, sehen die Demoskopen den Anwalt und Unternehmer Abelardo de la Espriella, der im Wahlkampf als Anti-Establishment-Kandidat auftrat. De la Espriella geht mit dem ehemaligen Finanzminister José Manuel Restrepo ins Rennen und will ebenfalls „mit harter Hand“ regieren. Er fordert einen kompromisslosen Umgang mit bewaffneten Gruppen und orientiert sich an Politikern wie Donald Trump und dem argentinischen Präsidenten Javier Milei.
Wahlmodus und Stellung des Präsidenten im politischen System
Der Präsident oder die Präsidentin wird in Kolumbien direkt gewählt. Erreicht im ersten Wahlgang niemand die absolute Mehrheit, findet eine Stichwahl zwischen den beiden Erstplatzierten statt – in diesem Jahr wäre dies am 21. Juni.
Der Präsident oder die Präsidentin ist Staats- und Regierungschef zugleich und hat besonders in der Außen- und Sicherheitspolitik weitreichende Kompetenzen. Die Amtszeit des amtierenden Präsidenten, Gustavo Petro, zeigte aber, wie stark Präsidenten in Kolumbien auch vom Parlament abhängig sind – ohne stabile Mehrheiten lassen sich Reformen nicht durchsetzen.
Die Wahlkampfthemen
Die Sicherheitslage ist das zentrale Thema des Wahlkampfs. In vielen Regionen kontrollieren bewaffnete Gruppen weiterhin die informelle Wirtschaft, Schmuggelrouten und Kokaanbaugebiete. Um Konflikte einzudämmen,
Wirtschaftliche Fragen prägen den Wahlkampf ebenfalls. Kolumbien zählt zu den Ländern mit der höchsten sozialen Ungleichheit. Sehr viele Menschen arbeiten im informellen Sektor, z. B. als Straßenhändler. Dieser Teil der Wirtschaft wird weder reguliert noch geschützt und besteuert. Für das Jahr 2023 ist davon auszugehen, dass 56 Prozent der Menschen im informellen Sektor gearbeitet haben, in ländlichen Gebieten ist der Anteil noch höher als in der Stadt. Die Lebenshaltungskosten stiegen zuletzt wieder. Linke Kandidatinnen und Kandidaten setzen dabei stärker auf Umverteilung und Sozialprogramme, konservative Bewerberinnen und Bewerber werben mit Strategien für wirtschaftliches Wachstum, Investitionen und stabile Rahmenbedingungen für Unternehmen.
Herausforderungen vor, bei und nach den Wahlen
Theoretisch müssen kolumbianische Parteien alle Einnahmen und Ausgaben für ihren Wahlkampf über das Transparenzsystem „Cuentas Claras“ offenlegen. Nichtregierungsorganisationen bezweifeln allerdings, dass illegale Finanzströme wirksam kontrolliert werden. Besonders in Regionen mit schwacher staatlicher Präsenz ist der Einfluss krimineller Netzwerke schwer zu prüfen.
Die Wahlbeobachtungsorganisation MOE warnte zudem vor Sicherheitsrisiken. In 386 Gemeinden sieht die Organisation ein Risiko für Wahlbetrug oder politische Gewalt, in 139 sogar ein „extremes Risiko“. Damit sind mehr als ein Drittel aller Gemeinden des Landes betroffen. Die Wahl wird z. B. durch Stimmenkauf manipuliert, bewaffnete Gruppen nehmen auf den Wahlprozess Einfluss. Auch vor der Parlamentswahl beschlagnahmten Sicherheitsbehörden Bargeld, das mutmaßlich zum Stimmenkauf eingesetzt werden sollte. Als besonders sensibles geopolitisches Gebiet gilt die Grenzregion zu Venezuela. Organisierte Kriminalität und bewaffnete Gruppen kontrollieren dort Fluchtbewegungen und Schmuggel, der Staat kann grundlegende Versorgungsleistungen nicht garantieren. Daran hat auch