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„Ich halte es für historisch unproblematisch, sich für die Olympischen Spiele 2036 zu bewerben“ | Hintergrund aktuell | bpb.de

„Ich halte es für historisch unproblematisch, sich für die Olympischen Spiele 2036 zu bewerben“ Interview mit Sporthistoriker Dr. Berno Bahro

Redaktion

/ 7 Minuten zu lesen

Der Sporthistoriker Berno Bahro sieht die Olympischen Spiele in Deutschland 100 Jahre nach den für die NS-Propaganda missbrauchten Spielen in Berlin 1936 als Chance, das demokratische Deutschland positiv darzustellen. Er kritisiert, dass das Internationale Olympische Komitee bis zuletzt immer wieder Diktaturen die Möglichkeit gab, sich mit der Ausrichtung der Spiele zu inszenieren. Die Spiele von 1936 dienten bis heute als „eine Art Blaupause“.

Postkarte des Olympiastadions in Berlin 1936. Im Stadion wurden am 1. August 1936 die XI. Olympischen Sommerspiele eröffnet. (© picture-alliance/akg)

bpb.de: Herr Dr. Bahro, geht es nach dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem DOSB, soll die Bundesrepublik die Olympischen Spiele 2036 austragen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner bezeichnete die Ausrichtung von Olympia 100 Jahre nach den von der NS-Propaganda instrumentalisierten Spielen 1936 zunächst als „historisch problematisch“. Inzwischen kann er sich eine Austragung aber vorstellen. Was denken Sie?

Berno Bahro: Ich halte es für historisch unproblematisch, sich für die Olympischen Spiele 2036 zu bewerben. Egal, ob man letztlich mit Berlin, München oder der Region Köln-Rhein-Ruhr ins Rennen geht: Es ist gut, dass Deutschland den Mut hat, sich wieder zu bewerben. Wir hatten seit den Olympischen Sommerspielen 1972 genug gescheiterte Bewerbungen.

bpb.de: Warum sind Sie dafür? Böten die Spiele Deutschland die Chance, sich als ein demokratisches, weltoffenes Land zu präsentieren?

Berno Bahro: Die Ausrichtung von Olympischen Spielen bietet für ein Land sowie eine Stadt oder Region sehr viel Potenzial, sich positiv darzustellen. Frankreich hat vor zwei Jahren mit Paris gezeigt, wie man das sehr gut machen kann. Wir haben das Potenzial ähnlich tolle Spiele auszurichten.

bpb.de: Bieten Spiele 2036 in Deutschland die Möglichkeit zur weiteren kritischen Aufarbeitung der Berliner Spiele von 1936?

Berno Bahro: Als Sporthistoriker kann ich sagen: Wir haben da schon sehr viel aufgearbeitet. Es gibt natürlich immer einzelne Aspekte wie Einzelpersonen oder Sportstätten, die man sich noch einmal weiter anschauen könnte. Doch generell sind die Spiele von 1936 in Berlin von sporthistorischer Seite aus besonders gut aufgearbeitet.

bpb.de: Bleiben wir in der Vergangenheit: Wie konnte es den Nationalsozialisten 1936 gelingen, Olympia in einem solch großen Ausmaß für ihre Propaganda zu nutzen?

Berno Bahro: Den Nationalsozialisten war bewusst, was für ein Potenzial ein so großes Sportevent hat. Sie wussten, wie sehr man damit das eigene Regime und die eigene Nation inszenieren und sich als stolzes und wirtschaftlich leistungsfähiges Land präsentieren kann. Eine Diktatur ist in der Lage, besonders viele Ressourcen in ein solches Großereignis zu stecken. Nicht nur die Filme von Leni Riefenstahl zeigen, mit was für einem Aufwand die Nationalsozialisten diese Spiele inszeniert haben – das fängt bei den teuren Bauten oder dem Olympischen Fackellauf nach Berlin an. Auch in das Olympische Dorf und für die Betreuung der ausländischen Sportler hat man viel Geld investiert. Natürlich hat das Regime so versucht, politische Ziele zu erreichen.

bpb.de: Die Nationalsozialisten wollten Deutschland durch die Spiele als weltoffen und friedlich inszenieren – doch die Realität war außerhalb der Spielstätten und des Olympischen Dorfs eine andere. Oft ist zu lesen, die Weltöffentlichkeit habe nichts oder kaum etwas davon mitbekommen. Während der Spiele wurde beispielsweise wenige Kilometer entfernt das Interner Link: Konzentrationslager Sachsenhausen gebaut.

Berno Bahro: Man muss da differenzieren. Es ist nicht so, dass die ganze Weltöffentlichkeit nichts bemerkt hat. Es gab natürlich viele Besucher der Spiele aus dem Ausland, die sich von der Inszenierung der Spiele mitreißen ließen und das Sportfest als Gäste euphorisch wahrgenommen haben. Aber es gab auch eine kritische Berichterstattung im Ausland. Im Inland wurde diese jedoch wegen der Gleichschaltung und Zensur nicht wahrgenommen. Hier wurde sehr positiv berichtet. In Frankreich, Großbritannien und den USA wurde hingegen sehr wohl kritisch berichtet und die friedliche und charmante Inszenierung auch hinterfragt.

bpb.de: Ging der Plan des NS-Regimes, mithilfe der Spiele für ein besseres Image im Ausland zu sorgen, also letztlich nicht auf?

Berno Bahro: Es wird oft so dargestellt, dass die Inszenierung von den friedlichen Spielen durch die Propaganda überall so verfangen hat, aber das ist in der Tat nicht so. In Deutschland war die Propaganda aufgrund der Rahmenbedingungen zum Großteil erfolgreich. Im Ausland war es so, dass die Länder, die bereits zuvor dem NS-Regime kritisch gegenüberstanden – darunter beispielsweise die skandinavischen Länder oder die Niederlande –, die Spiele in Berlin sehr kritisch begleiteten. Sehr positiv von den Spielen 1936 berichteten dagegen die Medien in Diktaturen wie Italien, Ungarn oder Japan. Das muss man differenziert betrachten.

bpb.de: Aus den Ländern, in denen kritisch berichtet wurde, reisten allerdings auch viele Sportlerinnen und Sportler und Persönlichkeiten nach Deutschland – trotz massiver Boykottforderungen in ihren Ländern. Anders als die Spiele 1980 in Moskau boykottierte fast kein Land die Spiele in Berlin 1936.

Berno Bahro: Die Spiele wurden bereits 1931 – an ein damals noch demokratisches Deutschland – vergeben. Seit dem Regimewechsel Anfang 1933 wurde über einen Boykott diskutiert. Aufgrund autoritärer und antisemitischer Maßnahmen wie dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 wurde bereits frühzeitig darüber debattiert, ob das Internationale Olympische Komitee, kurz IOC, Berlin die Spiele nicht besser wegnehmen müsse. Das IOC hielt dennoch daran fest. Es hatte wenig Interesse, innenpolitische Prozesse mit der Ausrichtung der Spiele zu vermengen und hatte vor allem ein Interesse daran, dass die Spiele funktionierten, viel Aufmerksamkeit erhielten und insgesamt ein großer Erfolg wurden. Und man muss natürlich sagen, dass dadurch, dass das NS-Regime die Möglichkeit hatte so große Mittel in die Organisation der Spiele zu stecken, Olympia 1936 zur Blaupause dafür wurde, wie später Olympische Spiele erfolgreich organisiert wurden.

Zitat

Das IOC nimmt keinen Anstoß an politischen Inszenierungen – im Gegenteil: Mehrfach wurden Olympische Spiele an diktatorische Regime vergeben.

bpb.de: Sie sprechen es an: Nicht nur das Publikum bewertete die Olympischen Spiele in Deutschland 1936 positiv, auch aus IOC-Sicht waren sie vorbildlich organsiert. Wie blickt der Verband heute rückwirkend auf die Nazi-Spiele?

Berno Bahro: Das wird, wie ich glaube, vom IOC nach wie vor sehr unkritisch gesehen. Aber das trifft für alle Olympischen Spiele in Diktaturen zu. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich ein IOC-Vertreter nach politischen Inszenierungen von Spielen anschließend hingestellt und diese öffentlich kritisiert hat. Das IOC nimmt keinen Anstoß an politischen Inszenierungen – im Gegenteil: Mehrfach wurden Olympische Spiele an diktatorische Regime vergeben.

bpb.de: Häufig betonen Sportverbände, ihre Veranstaltungen seien unpolitisch. Doch immer wieder nutzen autokratische Staaten und Diktaturen Olympische Spiele oder etwa Fußballweltmeisterschaften zu ihren Zwecken aus. Warum sind Sport-Großveranstaltungen so beliebt, um sich zu inszenieren?

Berno Bahro: Mit der Ausrichtung von Olympischen Spielen lässt sich – außer für das IOC – kein Geld verdienen, weil sie sehr teuer sind. Das heißt man braucht jemanden, der das notwendige Geld in die Hand nimmt. Dazu sind Diktaturen viel mehr bereit, denn sie wissen, dass sie das aufgrund der gleichgeschalteten Presse viel besser für sich instrumentalisieren können als Demokratien.

bpb.de: Welche Beispiele für Sportswashing sind besonders prägnant?

Berno Bahro: In Peking und Sotschi hat man versucht, die Veranstaltungen als völlig unpolitisch zu inszenieren und dennoch innenpolitisch größtmögliches Kapital daraus geschlagen. Das gilt auch für die Fußball-Weltmeisterschaften wie etwa in Katar. Diverse Regime versuchten solche Sportgroßveranstaltungen für eine positive Darstellung innen- und außenpolitisch zu missbrauchen.

bpb.de: Wie hat sich das Verhältnis von Sport und Propaganda seit 1936 verändert? Existieren heute noch ähnliche Mechanismen?

Berno Bahro: Die Olympischen Spiele 1936 sind wie gesagt bis heute eine Art Blaupause. Die Nationalsozialisten haben eine sehr konkrete Planung aufgestellt, welche Maßnahmen man durchführen kann, um sportlich erfolgreich zu sein und sich gegenüber dem Aus- und Inland sowie den Besuchern als besonders positiv darzustellen und eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Neben Diktaturen versuchten in den vergangenen Jahrzehnten auch Demokratien sich über die Inszenierung von Sportgroßereignissen positiv darzustellen. Die Veranstalter von Sportgroßveranstaltungen arbeiten mit großen Marketingagenturen zusammen, um den Besuchern etwas zu bieten und den Wettbewerben einen Event-Charakter zu geben – das ist erst einmal nicht verwerflich. Kritisch wird es dann, wenn damit politische und ideologische Zielstellungen verbunden werden.

bpb.de: Was können und sollten IOC, FIFA und andere internationale Sportverbände in Bezug auf den Missbrauch von Sportgroßereignissen für politische Zwecke tun? Und wie realistisch ist es, dass sie etwas tun?

Berno Bahro: Mir wäre es am liebsten, wenn der Sport im Vordergrund stehen und Politik außen vor gelassen würde. Da gibt es zwar gewisse Regularien – aber wirklich verhindern lässt sich das nicht. Das zeigte ja gerade das WM-Achtelfinale der USA gegen Belgien.

bpb.de: Vor dem Spiel hat US-Präsident Donald Trump FIFA-Präsident Gianni Infantino gebeten, eine Rote Karte gegen einen US-Spieler „zu prüfen“ – die Sperre wurde anschließend aufgehoben.

Berno Bahro: Genau. Aber auch anderswo nimmt die Politik Einfluss. Demokratien nehmen Geld in die Hand, damit man mehr Medaillen gewinnt – hierzulande etwa über die Sportförderung. Im Kalten Krieg vor den Spielen 1972 in München erhöhte die Bundesrepublik im sogenannten Wettkampf der Systeme ihre Leistungssportförderung, damit man mehr Medaillen gewinnt.

bpb.de: Inwiefern sind die Spiele 1936 Teil deutscher Erinnerungskultur?

Berno Bahro: Wir sind da schon sehr weit. Es gibt etwa mit dem Berliner Olympiastadion ein riesiges Freilichtmuseum, das sehr gut kommentiert ist. Und wenn die Dauerausstellung des Berliner Sportmuseums – hoffentlich 2027 – endlich eröffnet, kommt da ein weiteres Puzzleteil dazu. Es gibt alles in allem große Bemühungen.

bpb.de: Herr Dr. Bahro, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

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Fussnoten

Fußnoten

  1. Berchtesgaden 1992 (Winterspiele), Berlin 2000 (Sommerspiele), Leipzig 2012 (Sommerspiele), München 2018 und 2022 (Winterspiele), Hamburg 2024 (Sommerspiele), Rhein-Ruhr 2032 (Sommerspiele).

  2. So wurde zur Eröffnungsfeier 1936 erstmals der olympische Fackellauf vom griechischen Olympia zum Austragungsort durchgeführt.

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Leni Riefenstahl (1902–2003) war eine deutsche Filmemacherin und Fotografin, die durch ihre NS-Propagandafilme berühmt wurde. Ihr Film „Triumph des Willens“ von 1935 über den NS-Parteitag in Nürnberg wurde zu einem der wirkungsvollsten Propagandafilme der Nationalsozialisten. In ihrem Zweiteiler „Olympia“ (1938) inszenierte sie das Sportereignis im Auftrag des Propagandaministeriums und stellte das Dritte Reich als mythischen Nachfolger der Antike dar.

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