bpb.de: Herr Dr. Bahro, geht es nach dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem DOSB, soll die Bundesrepublik die Olympischen Spiele 2036 austragen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner bezeichnete die Ausrichtung von Olympia 100 Jahre nach den von der NS-Propaganda instrumentalisierten Spielen 1936 zunächst als „historisch problematisch“. Inzwischen kann er sich eine Austragung aber vorstellen. Was denken Sie?
Berno Bahro: Ich halte es für historisch unproblematisch, sich für die Olympischen Spiele 2036 zu bewerben. Egal, ob man letztlich mit Berlin, München oder der Region Köln-Rhein-Ruhr ins Rennen geht: Es ist gut, dass Deutschland den Mut hat, sich wieder zu bewerben. Wir hatten seit den Olympischen Sommerspielen 1972 genug gescheiterte Bewerbungen.
bpb.de: Warum sind Sie dafür? Böten die Spiele Deutschland die Chance, sich als ein demokratisches, weltoffenes Land zu präsentieren?
Berno Bahro: Die Ausrichtung von Olympischen Spielen bietet für ein Land sowie eine Stadt oder Region sehr viel Potenzial, sich positiv darzustellen. Frankreich hat vor zwei Jahren mit Paris gezeigt, wie man das sehr gut machen kann. Wir haben das Potenzial ähnlich tolle Spiele auszurichten.
bpb.de: Bieten Spiele 2036 in Deutschland die Möglichkeit zur weiteren kritischen Aufarbeitung der Berliner Spiele von 1936?
Berno Bahro: Als Sporthistoriker kann ich sagen: Wir haben da schon sehr viel aufgearbeitet. Es gibt natürlich immer einzelne Aspekte wie Einzelpersonen oder Sportstätten, die man sich noch einmal weiter anschauen könnte. Doch generell sind die Spiele von 1936 in Berlin von sporthistorischer Seite aus besonders gut aufgearbeitet.
bpb.de: Bleiben wir in der Vergangenheit: Wie konnte es den Nationalsozialisten 1936 gelingen, Olympia in einem solch großen Ausmaß für ihre Propaganda zu nutzen?
Berno Bahro: Den Nationalsozialisten war bewusst, was für ein Potenzial ein so großes Sportevent hat. Sie wussten, wie sehr man damit das eigene Regime und die eigene Nation inszenieren und sich als stolzes und wirtschaftlich leistungsfähiges Land präsentieren kann. Eine Diktatur ist in der Lage, besonders viele Ressourcen in ein solches Großereignis zu stecken. Nicht nur die Filme von
bpb.de: Die Nationalsozialisten wollten Deutschland durch die Spiele als weltoffen und friedlich inszenieren – doch die Realität war außerhalb der Spielstätten und des Olympischen Dorfs eine andere. Oft ist zu lesen, die Weltöffentlichkeit habe nichts oder kaum etwas davon mitbekommen. Während der Spiele wurde beispielsweise wenige Kilometer entfernt das
Berno Bahro: Man muss da differenzieren. Es ist nicht so, dass die ganze Weltöffentlichkeit nichts bemerkt hat. Es gab natürlich viele Besucher der Spiele aus dem Ausland, die sich von der Inszenierung der Spiele mitreißen ließen und das Sportfest als Gäste euphorisch wahrgenommen haben. Aber es gab auch eine kritische Berichterstattung im Ausland. Im Inland wurde diese jedoch wegen der Gleichschaltung und Zensur nicht wahrgenommen. Hier wurde sehr positiv berichtet. In Frankreich, Großbritannien und den USA wurde hingegen sehr wohl kritisch berichtet und die friedliche und charmante Inszenierung auch hinterfragt.
bpb.de: Ging der Plan des NS-Regimes, mithilfe der Spiele für ein besseres Image im Ausland zu sorgen, also letztlich nicht auf?
Berno Bahro: Es wird oft so dargestellt, dass die Inszenierung von den friedlichen Spielen durch die Propaganda überall so verfangen hat, aber das ist in der Tat nicht so. In Deutschland war die Propaganda aufgrund der Rahmenbedingungen zum Großteil erfolgreich. Im Ausland war es so, dass die Länder, die bereits zuvor dem NS-Regime kritisch gegenüberstanden – darunter beispielsweise die skandinavischen Länder oder die Niederlande –, die Spiele in Berlin sehr kritisch begleiteten. Sehr positiv von den Spielen 1936 berichteten dagegen die Medien in Diktaturen wie Italien, Ungarn oder Japan. Das muss man differenziert betrachten.
bpb.de: Aus den Ländern, in denen kritisch berichtet wurde, reisten allerdings auch viele Sportlerinnen und Sportler und Persönlichkeiten nach Deutschland – trotz massiver Boykottforderungen in ihren Ländern. Anders als die Spiele 1980 in Moskau boykottierte fast kein Land die Spiele in Berlin 1936.
Berno Bahro: Die Spiele wurden bereits 1931 – an ein damals noch demokratisches Deutschland – vergeben. Seit dem Regimewechsel Anfang 1933 wurde über einen Boykott diskutiert. Aufgrund autoritärer und antisemitischer Maßnahmen wie dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 wurde bereits frühzeitig darüber debattiert, ob das Internationale Olympische Komitee, kurz IOC, Berlin die Spiele nicht besser wegnehmen müsse. Das IOC hielt dennoch daran fest. Es hatte wenig Interesse, innenpolitische Prozesse mit der Ausrichtung der Spiele zu vermengen und hatte vor allem ein Interesse daran, dass die Spiele funktionierten, viel Aufmerksamkeit erhielten und insgesamt ein großer Erfolg wurden. Und man muss natürlich sagen, dass dadurch, dass das NS-Regime die Möglichkeit hatte so große Mittel in die Organisation der Spiele zu stecken, Olympia 1936 zur Blaupause dafür wurde, wie später Olympische Spiele erfolgreich organisiert wurden.